umstehen,
vb. 11)
trennbar. 1@aa)
umher-, herumstehen; umbstehen, umbhero stehen
estre entour ... Hulsius-Ravellus (1616) 367
a: thaz folc, thaz thar umbistentit (
circumstat)
Tatian 135, 25
Siev.; tho Sost, dar ville lude umbstunden, ward Jacob vor ein deiff gescholden Gerhard Haverland
Soester Daniel 187
Schmitz; in jüngerer zeit nur mundartlich: das gewisse umstehn überall ... ist die blütezeit der liebe Nestroy
ges. w. (1890) 5, 100; umstehn
umher-, herumstehn Jakob
Wien. 202
b; ummesto
müszig herumstehn Seiler
Basel 297
a; Hunziker
Aargau 276. 1@bb)
umkommen, zu grunde gehn, verderben; von menschen wie '
sterben': weilen schon fünff wochen (
her ist), dasz kein mensch bey uns umkommen oder umgestanden ist Abele v. Lilienberg
unordnung (1655) 2, 331; der (
kleine Ferdinand) musz vorsichtiger angegriffen werden, dasz er nicht umsteht, und die familie kömmt um die succession Holtei
erzähl. schr. 13, 98; an jeds häd schan's guet und sein heirachtguet gern, do dar olde, der knopf, will von umstehn nix hern Stelzhamer
ausgew. dichtungen 1, 267
Rosegger; ich tu ohnehin bald umstehn, so lang behalt mich P. Rosegger
wildlinge (1905) 35;
häufiger vom vieh, '
eingehn, verenden': (
der schmied stach der sau einen glühenden eisenzahn) in ihren bauch, dasz die sau bald hernach verreckte oder umstunde Abele v. Lilienberg
unordnung (1655) 2, 51; welchen ain vieh umbstehet oder verdürbet, der soll es alsobalden wenigist halb mans tief fleiszig vergraben (17.
jh.)
österr. weist. 6, 436; seine umbgestandene kuh ausschinden Christstein
weltmann (1675) 94; sind sie alle (
hüner, die von den trebern gefressen hatten) umgestanden Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 433; den Türken (
sind) bei Grahovo beinahe 1000 pferde umgestanden
neue Zürcher zeitung 27.
febr. 1853,
nr. 58; jetzt liegt die 'Liesl' krank und, wenn sie gar umsteht ... Anzengruber
ges. w. (1890) 3, 50;
vereinzelt von gewächsen: indeme noch kalten zeiten sind, bis in den majum und junium, da dann manche dergleichen triebe umstehen und der baum von dem gezwungenen treiben matt wird Volkamer
Nürnberger Hesperides (1708) 17;
vom baum wie '
zu grund gehen'
aus einer hs. des 18.
jhs. Fischer
schwäb. 6, 108;
vom umschlagen, verderben des weins; umstehen (ein wein im fasse)
voltarsi M. Kramer 2 (1702) 942
c: ob
auch die wein gern bei nasser zeit im augusto umbstehen, wölle Feselius selber in acht nemen, der sitzet bei einem guten trunck Kepler
opera omnia 1, 618; der most ... versäuerte nicht, ist nicht umgestanden Scherr
Blücher 1, 103;
uneigentlich, '
miszlingen, scheitern': hinten rum, nach staht der heirat net um (
man soll sich ein brot hinten am laib abschneiden, sonst wird der bräutigam untreu) Fischer
schwäb. 6, 108. 1@cc)
sich in eine andre, die entgegengesetzte richtung stellen, sich umdrehen, umkehren: nun steet umb und lat uns eben schawen, wer die sin, die dort mit dem plawen himel gand
Neidhart fuchs 3672
Bobertag; stehe nur umb und sih mich nicht an
engl. komödianten 245
Tittmann; könig: wo ichs nicht sehen sol, wil ich wol meine augen davon kehren. könig gehet umbstehen
engl. comedien (1624) p 8
b; stunn am!
mach kehrt! Schmidt-Petersen
nordfries. 4
b;
so viel wie '
auf die seite gehen',
vom bauer, der dem vieh neu unterstreuen will: na hant ers kalbei anfa: 'wiar, steh um!' K. Stieler
gedichte 1, 23
Reclam; uneigentlich, von jem. umstehn: wo auch ein knecht umbstunde ... von ein meister, dabij er ist oder were, ane redelich orsachen, demselben knecht sal kein meister zu arbeiden geben in derselben zijt, er habe sich dan vorhin mit dem meister vertragen (1473)
Frankfurter zunfturkunden 2, 5. 1@dd) jemandem, einer sache umstehn
ihm weichen, platz machen: weyl die stöcke grob und wol eingewurtzelt waren, die niemand wiechen oder umbstunden, so schmeugt er sich Mathesius
ausgew. w. 2, 108; so begegnet ihm auch ein frembder grewlicher mann, der gehet im strack entgegen, wil ihme nicht weichen noch umbstehen C. Suevus
spiegel (1588) 106
b;
meist uneigentlich, wie '
nachgeben': (
Christus, der eine gute sache hat, will) nicht weichen oder seinen feinden was nachgeben oder einraumen, so wil Belial auch nicht unrecht getan haben oder jemand umbstehn Mathesius
Luther (1600) 141
a; alle sophisten und scotisten muszten der heiligen schrifft, darauff sich doctor Luther steuret, umbstehen und in mit der propheten und aposteln lehr aufkommen lassen
ebda 9
a; es ist keine schande, wann die personen im hauszstande einander weichen, umbstehen und nachgeben W. Bütner
epitome historiarum (1596) 194
b;
jemandem den vorrang einräumen: dem ste i a net um Schmeller-Fr. 1, 78;
anders, dem wort umstehn
sich davon abwenden, davon lassen: en erlige ma stet sein wortn net um
er hält sein versprechen ebda. auffallend: wenn i ihm nit gleich bei heller und pfennig das geld unter die nasen halt, steht er (
der mir sein gut zu verkaufen versprach) mir in der nächsten minuten das wort wieder um Schönherr
glaube und heimat (1911) 14. 1@ee)
alleinstehende verwendungen; vermutlich im sinne von '
festliegen'
o. ä.: (
wir empfingen) 316 ... guldein dukaten, der wir 67 mark geben haben Ezelein von W. an der losung unser vest ze Puochenstein, da unser phandte ze Pozen an den juden umbstunden (1386)
bei Sinnacher
Brixen und Säben 5, 523. umstaan lären
sich in die welt schicken, sich in ihr bewegen lernen Stürenburg
ostfries. 296
b. ba me med ümmeget, dat em ock ümstet
arbeit macht schmutzig Woeste-Nörr.
westfäl. 280
a. 22)
untrennbar. 2@aa)
um —
herum stehn; circumstare umbsten Diefenbach 122
b;
corona cingere aliquem einen umbston oder umbgeben Frisius (1556) 335
b;
s. auch die belege unter 3: daz bette si umbestuonden mit jâmerigem muote
Milstätter genesis und exodus 106, 35
Diemer; er sprach: 'sehet, wâ er dort sitzet ûf einer banc!' von rittern ein grôz gedranc het in umbestanden Heinrich v.
d. Türlin
mantel 527
Warnatsch; es worent ouch böse Juden, die Jhesum umbstundent Tauler
predigten 62
Vetter; die sie (
die diener die prälaten) umbston und umbgeben als ein kron Keisersberg
passion (1512) 71
a; sie sein gleich den thieren, die die keiben umbston Pauli
schimpf und ernst 68
Österley; da haben sie erst recht seinen todten leib mit gewehrter hand und mit dem gewunnen raub umbstanden, als ob er noch bei leben ... were, haben also seinen todten leib mit dem gewonnen gut und waffen auff der walstat umblegt Xylander
Plutarch (1580) 110
a; weder musen noch grazien die wiege des Romeias ... umstanden hatten Scheffel
ges. w. (1907) 1, 116; (
er sah die) ihn umstehenden personen grosz an Holtei
erzähl. schr. 3, 174;
bei nicht lebendigem in weiterem sinn von '
umgeben, sich um etwas herum befinden': sieben eiserne töpfe umstanden ... diese gluthen Immermann 3, 9
Boxb.; (
welche berge) sonnenhell, schweigend und hütend das tal umstehen Stifter 3, 275
S.; (
den von) alten weidenbäumen umstandenen tümpel Holtei
erzähl. schr. 2, 123; viele der stolzen felshäupter, die in weitem umkreise mich umstanden Barth
Kalkalpen 41; deren (
der kirche) pfeiler und chorstühle ihn schattenhaft umstanden Fontane
ges. w. I 1, 9; die steile, leichtbewegte stirn war von wirrem haare umstanden Kolbenheyer
Paracelsus (1922) 2, 276;
so besonders bei abstractem: legen von uns all bürd und die sünd, die uns umbstet (
circumstans)
erste deutsche bibel 2, 272; daz mich die miszthat meiner fersenen umbstadt (
circumdabit; umbgibt Luther)
Züricher bibel (1531) 1, 27
b. 2@bb)
feindlich umringen, umzingeln: si umbestunden si mit spiezen, mit scozzen unt mit geren
Rolandslied 230, 20
Gr.; wenn schon alle völcker mich umbständind (
circuierunt)
Züricher bibel (1531) 2, 47
a; damit hiesz er die ketten herfürtragen und seine diener die geschickten umbstehn und umbgeben Carbach
Livius (1551) 321
b; '
belagern': während sie vergeblich diese felsenburg umstanden Mommsen
röm. geschichte4 3, 30. 2@cc)
unsinnlich, '
etwas leugnen, in abrede stellen',
im 16.
und 17.
jh. gebräuchlich; auffallen getrennte formen (
doch vgl. 1 d): die losesten münch bey uns sein euch (
den Lutherischen) die besten kirchendiener. alle ire dörffer geben zeugknusz, die stätt stehens auch nit umb Nas
antipap. eins und hundert (1567) 1, 104
b; dan ich kan desz versprechens mein nicht umbstehn noch in abred seyn Spreng
Ilias (1610) 242
a;
deutlich transitiv: weil er die entdeckte wahrheit zu umbstehen ... als ihm für unanständig ... hielt Lohenstein
Arminius (1689) 2, 808
b;
besonders in der fügung nicht umstehen, dasz: dasz aber ehgemelte verteutschung falsch und unteutsch sey, wird kein aufrechter Teutscher umstehen oder leugnen können W. Scherffer
geist- und weltliche gedichte (1652) 1, 664; ich ... umstehe aber nicht, dasz ... Logau
sinngedichte 444
Eitner; wi nun nicht ümzustehn, das wir ... verwand Butschky
hochdeutsche kanzelley (1659) 59; sonst wird nicht umgestanden, das die vorstellung zuweilen erlaubt sey
ders. Pathmos (1677) 881; er könte zwar nicht umbstehen, dasz die klugheit ... viel wichtige gründe an die hand gebe, solche heyrath zu rathen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 637
a. 33)
das part. präs. umstehend kann sich zu immer selbständigerer verwendung vom verbum lösen und dann auch eigene bedeutung annehmen. 3@aa) (
im kreis)
herumstehend, von lebewesen, als adjectiv: als sie sach den grimmen jüngling syn schwert uszziehen und alles umbstandes volk umb sie wainet Stainhöwel
de claris mulieribus 115
lit. ver.; (
die elephanten) faszten zuoletzt von dem wein in ihre rüssel und besprentzten damit die umbstande zuoseher fein sittigklich Heyden
Plinius (1565) 90; der fürst den bawren ... zwischen den umbstehenden adelleuten stehen sahe Kirchhof
militaris disciplina (1602) 220; die umstehende damen ihr gelächter über ihn hatten A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 971; wenn sich Jesus zu einer solchen (
danksagung) ... herbeiläszt, so geschieht es lediglich aus anbequemung an das umstehende volk D. Fr. Strauss
ges. w. 4, 197;
oft substantivisch: do in hett gesechen ein andre diern, sy begunde zesagen den umbstenden
erste deutsche bibel 1, 182; als der ellend lame sterben solt, sprach er zuo den umbstenden A. v. Eyb
spiegel der sitten (1511) k 5
b; Faustus hub an so geitzig zu essen, dasz alle umbstehende sein lachen musten
volksbuch vom dr. Faustus 84
Braune; das (
rosz) ... seinen herrn ... den augen der umstehenden (
beim turnier) annehmlich macht Butschky
Pathmos (1677) 327; mich hatte ... das gelächter der umstehenden ein wenig irregeleitet Göthe 43, 57
W. 3@bb)
sonst in weiterem sinne, '
rings um einen mittelpunkt herum befindlich, etwas umgebend': (
welche sonne) die irdischen ... dämpff ubersich zeucht ... biss inn die mittele region des luffts, da sie von wegen der umbstehenden kälte zusammen getrungen werden in ein wasser Sebiz
feldbau (1579) 399; dass die umbstehende warme lufft nicht gebehre das donnerwetter Prätorius
saturnalia (1663) 23; erwähnte überschrifft schickt sich auch absonderlich auff die am rand umbstehende zahlen Harsdörfer
frauenzimmergesprächsp. (1641) 2, 2; (
er) machte zeichen in die umstehenden bäume und schlich sich wieder ins schlosz Hauff
s. w. (1890) 4, 78; diese mühle stand noch ... 1633 und ging immer mit gegenwind unter den andern umstehenden natürlich getriebenen mühlen brüder Grimm
deutsche sagen (1891) 1, 105; die (
fischerleute) das umstehende rohr schnitten Fontane
ges. w. I 5, 204;
übertragen, wie '
anhaftend': Christiani sentiunt, ut ad Ebraeos (
Hebr. 12, 1
circumstans nos peccatum), quod habent ein umbstehende sünd Luther 20, 458
W. 3@cc)
im sinne von '
folgend, auf der folgenden seite befindlich': auf umstehendem blatte schicke ich dir die beträchtlicheren druckfehler Lessing 18, 314
M.-L.; auf der umstehenden seite, umstehend empfangen sie die rechnung Krünitz
öconom. encycl. 194, 521; die umstehende tabelle G. Hansen
bevölkerungsstufen (1889) 145.
umgekehrt, '
im vorhergehenden erwähnt': umstehende briefe an Humboldt, Runge, Uslar abgeschickt Göthe III 3, 163
W. 3@dd)
wie '
umschweifig'
: circuitione uti vil umbstender reden brauchen, umbschweiffen, lang umb den bry gon Frisius (1556) 224
b.