überwallen,
v. II.
überflieszen, zu wallen I (
s. u. th. 13,
sp. 1269). I@AA.
in trennb. verbindung, die schon mhd. überwiegt (
s. mhd. wb. 3, 470
a; Lexer
handwb. 2, 1678),
intrans. I@A@11) überwallen, gar voll seyn, allenthalben überlauffen Frisius 1044
a s. v. praescateo; Wiederhold (1669) 352
a; Dentzler (1716) 2, 298
b. I@A@1@aa)
vom strömenden wasser gesagt: secht, wie die wolckenbrüch herfallen und die wassergüss überwallen Hans Sachs 11, 419
K.; viel sach ich der quellenden prunnen mit frischem wasser überwallen 4, 166; der grosze ocean ..., der ... alle strömungen in sich aufnimmt, nie aber überwallet sondern alles umfasset B. v. Arnim
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 182
F. R. Hermann
an Tieck 1, 349
Holtei. I@A@1@bb)
von den strömenden thränen, bzw. vom auge gesagt, s. mhd. wb. a. a. o., ferner Ottokar
steir. chr. 83 728; Roon
denkw. (1892) 1, 181; vil ougen uberwielen mit zäher haisz und clar U. Füetrer
Seifried 90
P. vom blute: Lexer
a. a. o. und Neidhardt Fuchs 3573
B. I@A@1@cc)
vom kochenden wasser: ebulire Niger Abbas 1827;
übersieden Kramer (1702) 2, 1242
a; der topf wallet über
ebenda; ho ho! schüret nun das feuer gut, lasst den hafen überwallen von fett G. Keller
ges. w. 6, 93.
sodann eine speise ü.,
aufkochen lassen,
s. Kramer
a. a. o. I@A@1@dd)
in weiterer verwendung vom licht u. ä. gesagt: wohin soll ich dann (
am jüngsten tag) mich schmiegen, wenn das licht hoch überwallt? Cl. Brentano 3, 91;
vom üppigen wachsen der pflanzen: die kappen soll man beständig darauf behalten, bisz dasz die schosz überwallen
schles. wirthschaftsb. (1712) 231.
entsprechend dem lat. abundare: was (
von weizenkörnern) in guten grund gefallen, lasse fruchtend überwallen Cl. Brentano 4, 154;
vgl. auch Uhland
ged. 1, 402.
hierher die verwendung des part. für abundans: schaut doch, wie sinnig sie geht ... auf dem gekrümmeten pfade des überwallenden rockens J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 235; Bodmer
wagt sogar die wendung überwallende hügel
Noah (1752) 7; 40,
worüber Schönaich
ästhetik in einer nusz (1754) 229
spottet, der aber das verbum miszverständlich als trans. faszt. I@A@1@ee)
von starken gefühlserregungen, in der neueren sprache allgemein (
vgl.aufwallen): in ihrer ... rede scheint die innere gluth eines stark bewegten gemüthes überzuwallen J. Schreyvogel
ges. schr. (1829) 2, 2, 301; sein zorn wallt über Nestroy
ges. w. 6, 93; Immermann 2, 70
Boxb.; das herz wallt über: kein herz so roh, das nicht bei seinem falle auf einen augenblick von mitleid überwalle Wieland
w. 23, 21 (
Oberon 7, 27); J. D. Falk
satiren (1800) 2, 175; von edlem stolze
M. Beer
s. w. (1835) 590; vor entzücken Tieck
schr. 5, 207; eine ... seele, die niemal in leidenschaften überwallt Schiller 1, 171
G.; in der liebe taumel Hölderlin 1, 101
L. besonders im part. überwallend; von überwallendem bekümmernüss und hertzeleid Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 84; vor überwallendem grimme Bürger 234
a B.; in überwallenden gefühlen Iffland
theatr. w. (1827/8) 4, 62; voll überwallenden, heroischen lebens Hölderlin 2, 144
L.; voll tiefer ü. rührung Fouqué
alts. bildersaal 4, 44; W. H. Riehl
culturgesch. nov. 103; Laube
ges. schr. 15, 357; warum fühl ich alsdann im überwallenden herzen neue gedanken Klopstock
Messias 4, 791; mein überwallend herz vor gott ergieszen Schiller 13, 287
G.; mit überwallendem herzen J. H. Voss
Odyssee 306
B.; Tieck
schr. 20, 281. I@A@22)
hinüberströmen: kaum zog Aurorens hand die feuchte schattenhülle vom horizont hinweg, als ihres (=
Dido) busens fülle ins gleichgestimmte herz der schwester überwallt Schiller 6, 385
G.; 1, 318. I@BB.
in untrennb. verbindung: I@B@11)
intrans. in bedeutung A 1;
mhd. von strömenden thränen und von blutender wunde gesagt, wie in trennb. verbindung. nhd. ist der intrans. gebrauch der untrennb. verbindung selten, z. b. in bedeutung A 1 e: es überwallt dein herz, wenn deine lippe preist A. v. Klein
Athenor (1807) 139. I@B@22)
trans. etwas ü.,
es in strömender bewegung überdecken. I@B@2@aa) die flut überwallte die giebel der häuser Hilpert 2, 648
c; steinblöcke werden von den wellen umtanzt, umwühlt und auch überwallt Rosegger
Alpensommer (1908) 2;
sünderglöckel 293.
von thränen: sie wirft sich auf die ... leiche, die ihrer zähren strömung überwallt Gries
Ariosts ras. Roland (1804 ff.) 3, 31; I@B@2@bb)
von lichterscheinungen, nebel, wolke u. ä.: ein strahlenhimmel ... überwallet ihn Jean Paul 3, 44; H. v. Chézy
erzähl. u. nov. (1822) 1, 90; kein marmorbild glänzt mehr, vom opferduft der weihrauchwolke festlich überwallt Matthisson
schr. 1, 168; Immermann 13, 91; (
es) war schon der koog von tiefer dämmerung überwallt Storm
w. (1899) 7, 225; mit nebeln überwallt Fr. v. Heyden
d. wort der frau15 124. I@B@2@cc)
in weiterer verwendung, wobei der begriff der bewegung etwas zurücktritt: die freie stirn von blonder locken fluth verschwendrisch überwallt Deinhardstein
ges. dram. w. 4, 110; die brust ... vom langen bart überwallt Viebig
d. schlaf. heer (1904) 1, 130; Freiligrath
ges. dicht. (1870) 2, 122; W. H. Riehl
gesch. v. Eisele u. Beisele (1848) 92.
ungewöhnlich: betrug und tand überwallet das arme geschöpf von der wiege an Pestalozzi
s. schr. 11, 88; das mit krieg überwallte land E. G. Happel
hist. mod. Europae 367
a.
wallend überschweben: über überwallt er (
der thronhimmel), wolkenkränze bildend, unsrer königin haupt Göthe 15
1, 206
W. (
Faust 9172). I@B@2@dd)
von blutwallungen, gefühlserregungen (
meist mit dem nebensinn des plötzlichen, heftigen): schwindel und hitze überwallten mich Kürnberger
nov. (1862) 3, 47; den brigadier überwallte der zorn Gutzkow
ges. w. 4, 414; P. Heyse
dramat. dicht. 29, 30; ein plötzlich weh Mörike
w. 1, 33; G. Keller 3, 89; da überwallen mich wieder die gedanken an dich, so warm und schmerzlich süsz Lenau
an S. Löwenthal 154
F. I@B@33)
über etwas hinaus wallen, strömen: aus den schranken schwellen alle sennen, seine ufer überwallt das blut Schiller 1, 210
G. I@B@44)
als forstwirthsch. term. von der narbenbildung bei bäumen, s. Ratzeburg
waldverderbnisz (1866) 1, 43;
els. reflex. sich überwallen,
vernarben, s. Martin-Lienhart 2, 811.
mit umlaut: das der järling ... wachs und bald die schnittwunden überwell (
obducat) Österreicher
Columella 1, 218.
s. u. überwallung. I@CC.
subst. inf.: das aufsteigen und überwallen der flüssigen lava A. v. Humboldt
kosmos 4, 296; zärtliches überwallen der liebe Gutzkow
zauberer v. Rom 9, 231; leidenschaftliches Scherer
lit. gesch. 551. IIII.
vorüberziehen, zu wallen II (
s. u. th. 13,
sp. 1287): wenn man bei der ruhigen betrachtung der zeit ... dies so vor sich überwallen läszt, ... E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. D. 1, 348. —