übersteigen,
v. II.
in untrennbarer verbindung: mhd. überstîgen;
ahd. ubarstîgan;
ags. oferstîgan. I@AA.
mit persönl. subj. u. acc.-ergänzung. I@A@11) etwas ü.
darüber hinaus steigen, in vertikaler, seltener horizontaler richtung, sinnlich und bildlich seit ahd. zeit, s. Graff 6, 622
mit belegen aus glossen, Otfried
und Notker
für transcendere, transgredi, transire;
mhd. wb. 2, 2, 631; Lexer
handwb. 2, 1662. I@A@1@aa) die stufen einer leiter, einen berg, eine mauer ü. I@A@1@a@aα) ein kind so die leiter ufstigt ..., kein staffel überstigt, beid füsz syen dann vor byeinander daruff gewesen Riederer
spiegel d. waren rhetoric (1493) h 6
a; die berg übersteygen und überhinkommen Frisius
dict. 1382
b; wir hatten bereits die Alpen überstigen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 758; er überstiege die nach Italien führende enge pässe Hahn
einl. z. d. teutschen staats- .. historie (1721) 1, 24; nachdem wir mit einiger anstrengung einen etwas steilen gebirgskamm überstiegen hatten Göthe 25
1, 110
W.; die mauern ü.,
superare Steinbach 2, 702; des klostergartens mauern waren leicht auf hoher leiter sproszen überstiegen Schiller 14, 74
G. I@A@1@a@bβ)
insbesonders vom feinde gesagt: ein ... getümmel, als ob der feind bereits die mauern überstiegen hätte Ziegler
asiat. Banise (1689) 698; da dan der
gen.-major Kagge ... die sache so wol ... geführet, das er das hornwerck überstiegen, den feind darausgeschlagen Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 108.
woraus sich weiter im 16.
u. 17.
jahrh. die bedeutung '
stürmend erobern',
sodann überhaupt besiegen, auch mit acc. der person entwickelte, eine bedeutung, die sich mit der aus 1
c, 2, 3 (
s. u.)
entwickelten, schon mhd. bezeugten verwendung des verbs für superare berührt: (
es) haben die Christen die newerbawte vorstatt ... überstigen, geplündert Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 47
b; als nun der marckt überstigen und eingenommen worden Megiser
ann. Carinth. (1612) 1233; (
Constantinopel,) eine vom feind überstiegene grosze stadt Birken
ostländ. lorbeerhain (1657) 154; da er (
Pyrrhus) zu Argo den könig Antigonus mit sturms gewalt übersteigen wolte D. Federmann
sechs triumph (1578) 338.
bildlich: der tod thät übersteigen ... alle pasteyen Abr. a S. Clara
mercks Wien (1680) 132. I@A@1@a@gγ)
anthropomorph auch bei unpersönl. subj.: die strasze übersteigt die bergrücken Niebuhr
röm. gesch. 2, 499; der mond kam ... später ..., weil er erst den hohen wald zu übersteigen hatte Laube
ges. schr. 2, 250; die sonne überstieg die Spitzliberge Zahn
Indergand 249; nebelmassen ... versuchten den kamm zu übersteigen Laistner
nebelsagen 5. I@A@1@bb) einen bach, flusz
u. s. w. übersteigen,
überschreiten: ihn (
den tiefen flusz) ohne brücke zu übersteigen war unmöglich Meiszner
skizzen 1, 44.
in weiterer verwendung auch für überschiffen: ich bin den ocean der Britten überstiegen Gottsched
sterb. Cato 856. I@A@1@cc)
in bildlichem verstande für überwinden, s. mhd. wb. a. a. o.; Lexer
a. a. o. ferner: so der mentsche des bomes este alle überstiget mit stäten tugenden und ez an den obrosten ast kumet, so güsset unser herre ... süskait in sin sele
S. Georgener prediger 268; wer uff den obersten grad des berges kumen will, der muosz vor die drey bühel übersteigen Keisersberg
pred. (1508) 3
a.
das bild 'den berg ü.'
bleibt bis in die gegenwart durchaus geläufig, vgl. hab ich ... erst ein wirkliches stück meines buchs fertig, so ist der hauptberg überstiegen Novalis 3, 323:
ebenso eine grenze, schranke, stufe, ein hindernis ü.,
darüber hinaus kommen: wo er dieselbig (
absolution) überkäme ..., wurde er alle schwäre überstigen, das böst überwunden haben Joh. Stumpf
kaiser Heinrich IV. historia (1556) 75
b; ich gestehe, ... ich habe diese mühe überstiegen Liscow
samml. sat. u. ernsth. sachen (1739) 133; gefahren, die er zu übersteigen hatte Haller
Alfred (1773) 220. doch musz der mensch die (
alten gewohnheiten) übersteygen und sein christliche freyheyt zeygen Hans Sachs 1, 385
K.; ein Newton übersteigt das ziel erschaffner geister Haller
ged. 46
Hirzel; weilt nicht auf der niedern stufe, die ich längst schon überstieg! Göthe 3, 347
W.; ein schwer zu übersteigendes hindernis Mommsen
röm. gesch. 1, 277; G. Freytag 14, 276; (
die theologie) ist für mich eine ... überstiegene bildungsstufe L. Feuerbach
an den vater 1, 243.
zeitlich gewendet: er liesz Philippum, der doch seine kindsjahr
noch nicht überstiegen, krönen Wurstisen
Pauli Ämilii ... hist. (1572) 1, 170. I@A@22) jem. ü.,
höher steigen, fliegen als dieser, bereits mhd., s. Lexer
a. a. o. vgl. noch: was kan erwecken gröszer lust, als wenn man löw und drachen tödtet ... die gemszen übersteigt? Lohenstein
Arminius 2, 1424
b.
der jägerausdruck ist wohl der ausgangspunkt für einen groszen theil des gebrauchskreises in bildlichem und abgezogenem sinne, in dem das verb synonym mit superare, bzw. antecellere verwendet ist, wobei die in -steigen
liegende vorstellung der bewegung z. th. so verblaszt, dasz es einem '
höher, stärker, besser sein'
gleichkommen kann, vgl. übersteigen, weyter steygen
superare Frisius 1272
b;
übertreffen Kramer (1702) 2, 948
b; Dentzler (1716) 2, 298
a; Spanutius (1720) 428;
percellere Diefenbach
gloss. 424
c;
antecellere Stieler 2136; fürträffenlicher sein,
antevenire alios Maaler 446
c; sy thäten als vil als er aller guoten wercke, und er sy doch on masz überstyg und übergieng Tauler
serm. (1508) 119
b; in kurtzen jaren (
ist die) teutsche nation ... dermassen mit gelerten geziret ..., das sie alle andere nationen übersteiget Sleidanus
reden 80
Böhmer; ich ... glaube, dieszmahl ... den noch unerreichten Shakespeare überstiegen zu haben Ayrenhoff (1814) 3, 147; weil mein erlöser hat die engel überstiegen: so kan (wo ich nur wil) auch ich sie überfliegen Silesius
wandersmann 43
ndr. determiniert: do schicket er sich also, das er alle mitgenossen ... mit fürtreffung der tapfferkeit ... überstige G. Alt
buch der chron. 85
a; dadurch (
durch die dichtkunst) sie (
die Spanier) auch andere übersteigen können Morhof
unterr. (1682) 1, 212; in dieser kunst (
im tanzen) konnten mich meine herren kollegen nicht übersteigen Hafner
ges. schr. (1812) 1, 66; man sagt, es stehe jedem wohl, wenn man sich ernsthafft zeiget und durch ein wohlgeputzte tracht den pöbel übersteiget Sporck
streitged. 75
Kopp; es könne dich kein held an groszmuth übersteigen König
ged. (1745) 19.
auch mit abstr. obj.: darumb begert er die geschichten Herculis zu übersteigen Boner
Justinus (1532) 46
a. I@A@33) jem.
oder etwas ü.,
besteigen, z. b. obscön für coire: wie wol ich scheid, soll dich keiner übersteigen
volks- u. gesellsch. lieder 180, 33
Kopp. I@A@44)
in abgezogenem sinne für opprimere: Lexer
a. a. o.; Dentzler
a. a. o.; es steht aus der massen wol, wo keiner den andern uberforteilet oder übersteiget C. Huberinus
hauszucht (1553) 2 9
b; L. Zoleckhofer
vilvaltige beschr. (1564) 296; dasz er sich vom weib zu ungerechten sachen ... persuadieren, verführen, übersteigen und bereden hat lassen H. B. Grasz
köstl. kleinoter (1608) 9; ei das ich an in gewine sig und das ich si nun überstig!
Neidh. Fuchs 1125
Bobertag; (
Lucifer zu den teufeln:) laszt uns pleiben bei altem sitt, laszt vil mehr boszheyt uns erzeygen, je mehr man uns wil übersteigen Fischart
w. 1, 233
H. anthropomorph bei sachsubj.: lasz mich, wenn mich die zweifel übersteigen, nicht meinen nacken unter zweifel beugen Seume
ged. (1804) 93. I@BB.
bei sachsubj., bzw. abstr. subjecte mit acc. ergänzung ebenfalls schon seit ahd. zeit, in der bedeutung transcendere, superare. I@B@11)
die bewegungsvorstellung bleibt deutlich bewuszt in wendungen wie der flusz übersteigt das ufer
u. ä.: so lange der strohm in seinen ufern geht, ist er lieblich, aber wenn er sie übersteigt, wird er fürchterlich Chr.
F. Weisze
lustsp. 3, 43.
im bildlichen gebrauche: ... der neid musz schweigen und lassen sein gerücht mit ehren übersteigen der miszgunst rauhen berg Rist
Parnasz 264; doch so die meine versz ... den gipfel deiner ehr nit übersteigen können, ... Opitz
teutsche poem. 100
ndr.; (
der eifer) ist würdig, dasz dein ruhm die wolken übersteigt
schaubühne 1, 53
Gottsched; einige (
blumen) übersteigen gleichsam das ziel, das ihnen die natur gesteckt hat, andre bleiben dahinter zurück Göthe II 3, 46
W. I@B@22)
in abgezogenem gebrauche: über etwas hinausgehen, stärker, besser, mehr sein, übertreffen. ahd.: thaʒ ser. thaʒ thar ruarit mih, theist leidon allen ungilih, iʒ ubarstigit noti allo uuidarmuati Otfried V, 7, 25.
mhd.: dô huob er ûf unde tranc einen trunc, der die andern übersteic
weinschwelg 169
Schröder. nhd. in breiter verwendung. I@B@2@aa) welchs (
d. gesicht) alle andre sinne ... in scharpffheit übersteiget Braun
beschr. u. contrafactur (1572) 1, B 2
a; trauben, die mit der farbe den kostbarsten purpur überstiegen
discourse der mahlern 2, 4; ach, ist noch wohl ein schmerz, der meinen übersteigt?
schaubühne 5, 459
Gottsched; ein titel musz sie erst vertraulich machen, dasz eure kunst viel künste übersteigt Göthe 14, 95
W. I@B@2@bb) also überstiege ihr zorn die liebe, dasz sie ihm ... anders als sonst begegnete A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 113; ein werk eines genies, das die kräfte eines ... mittelmäszigen kopfes übersteigt Ramler
einl. in d. sch. wiss. (1758) 1, 22; das übersteigt meine geduld
theater d. Deutschen (1768
ff.) 5, 437; meine kräfte Bode
Thom. Jones (1786/8) 5, 147; reichthum, der seine erwartungen überstieg Nicolai
Seb. Nothanker 3, 90; eine fruchtbarkeit, die alle unsre begriffe übersteigt Göthe IV, 8, 249
W.; meine nachahmungssucht übersteigt allen glauben
jahrb. d. Grillparzergesellsch. 3, 120. I@B@2@cc) es kan kein gewerb bestehen, wenn die unkost die narung übersteigt Apherdianus
meth. disc. (1601) 222; wenn die einnahme die ausgabe übersteiget, wird es ... überschusz genennet Hertwig
bergbuch (1734) 398
a; hiernach würde das ganze (
manuscript) den ersten band an bogenzahl nicht sonderlich übersteigen Göthe IV 23, 39
W.; sie haben ... ausgaben gemacht, welche ihre mittel ... übersteigen G. Freytag
ges. w. 4, 221; ich hoffe, dasz unser verlust 300 mann nicht weit übersteigen wird Moltke
ges. schr. u. denkw. 6, 408; (
eine) gage, welche seine früheren einkünfte um das dreiszigfache überstieg Holtei
erzähl. schr. 19, 262. I@B@2@dd) ein wasserstand, der 25 fusz den gewöhnlichen übersteigt Moltke
a. a. o. 1, 167; eine temperatur, welche die wärme der sie umgebenden luft weit übersteigt Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. 1, 163; (
ein) klima .., das die hitze des bluts nicht übersteiget Herder 13, 267. I@CC.
reflexiv: sich übersteigen,
zu hoch steigen, zu weit gehen, excedere, in bildlichem verstande. I@C@11)
mit persönl. subj.: er (
Lohenstein) ist ein falscher freund, der zwar sich übersteigt, doch unsern todtfeind witz zuletzt im ende zeigt Warnecke
poet. versuch (1704) 417; wenn man sich in auslegungen fremden thuns zu sehr überstiege, verliere man ... die wahrheit wie die all zu hoch fliegenden falcken die reiger aus dem gesichte Lohenstein
Arminius 2, 1008
a; sie übersteigen sich in gedanken und ausdrücken
vernünftige tadlerinnen 1, 14; jetzt wollte er (
der sänger) es ... zu schön machen, überstieg sich über seine kräfte und warf ... um J. Schopenhauer
reise (1818) 2, 204.
bei Kant
für transcendent werden: einen begriff ..., den, ohne sich selbst zu übersteigen, man kaum für sich allein deutlich machen kann 6 (1838), 32
Hart.;
vgl. auch 4, 97. I@C@22)
mit sachsubj.: a) seine worte übersteigen sich gleichsam von satz zu satz Herder 31, 254; sich selbst übersteigende gedancken Lohenstein
a. a. o. 1, 304
a. b)
als musik. term. für stimmenkreuzung (
s. Riemann
musiklex.7, 1455): was können nicht für fehler entstehen, wenn die stimmen einander übersteigen! Bach
art das clavier zu spielen 2, 2. I@DD.
part. übersteigend
als adj., was überschwänglich: die übersteigent (Luther überschwengliche) gnad gots 2
Cor. 9, 14
erste deutsche bibel; der mann, bey dem ich unterhaltung finden soll, ... musz ... so grosz uud übersteigend seyn, dasz alle ... männer sagen müssen: er ist der gröszte
F. M. Klinger
theater 2, 154; alle seine worte waren übersteigend Lohenstein
Armin. 2, 822
a; was vor ... übersteigende sachen haben uns nicht die mannspersonen ... zu lesen gegeben!
vernünftige tadlerinnen 1, 416; (
eine) übersteigende schreibart Gottsched
versuch (1751) 282; übersteigende vorstellungen Hamann
schr. 8, 5
R.; dimensionen Lessing 9, 85
M. bei Kant
für transcendent, z. b. 3 (1838), 290
Hart. heute obsolet. I@EE.
part. überstiegen
als adj. in gleicher bedeutung: dem doctor Faust ward sein stoltz und hochmuth gar überstiegen
hist. v. doct. Joh. Faust 171
Milchsack; unrein mystische überstiegene dinge S. G. Lange
hist. v. d. geh. Siegfried (1747) 223; von den neuesten überstiegenen poeten Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. 3, 455; ins überstiegene hineingeraten (
beim versemachen) Joh. Scherr
Schiller 1, 148.
heute meist verstiegen.
als term. der wappenkunde heiszt ein schildeshaupt überstiegen,
wenn sich darüber noch ein schmaler gerader (
wagrechter)
streif von anderer tinctur befindet, s. Querfurth 163. IIII.
in trennbarer verbindung für hinübersteigen, bzw. in die höhe steigen, überflieszen. II@11)
hinübersteigen: und wo der zaun am nidrigsten ist, da steigt man über zu aller frist B. Waldis
Esopus 1, 18
Kurz; wer ihnen das bevolen habe, das sie als diebe übersteigen und ihnen das seine nemen? Pape
bettel- u. garteteuffel (1586) Y 3
a; er wollte ... an den spalieren übersteigen Göthe 22, 222
W; Immermann 16, 62; von den ochsen auf die eseln ü. Steinbach 2, 702; in der feinde schiffe
ebenda; einige von ihnen (
waren) in das schiff übergestiegen Olearius
insul Formosa (1696) 62
b. II@22) eine flüssigkeit, ein bach
u. s. w. steigt über: ein jeglicher befürchtet, es würde die flut übersteigen H. Roth
catechismuspred. (1573) 1, 199
a; damit das wasser ... nicht ursach
hab überzusteigen Ercker
beschr. aller min. ertzt (1580) 65
a; sihe zu, dasz du ein ... grosz ... gefesse dazu habest, dasz es nicht übersteigen möge Rochlitz
artzneib. 109; die rohte übergestiegene materia aber thue herausz Basilius Valentinus
chymische schr. (1677) 1, 404; erst kam deine liebeswuth übergeflossen, wie vom geschmolznen schnee ein bächlein übersteigt Göthe 14, 166
W. —