überreichen,
v. ,
mhd. überreichen Lexer
handwb. 2, 1650;
mnd. overreken Schiller-Lübben 3, 273. AA.
untrennbare verbindung. A@11)
auslangend etwas überdecken, überspannen: künig Lotharius mit den seinen inen nacheilendt, erschlug sie erbärmlicher weisz nider, niemandt verschonende, sonder alles, so die lenge seines schwertes überreicht, erstach und schlug er S. Franck
Germ. chron. 334
b; ein kleines zimmer ... welches zwei männer mit ausgestreckten armen überreichen konnten Justi
Winckelmann 2, 1, 176; man nimmt einen langen bindfaden, der ein grosz stück desz wassers überreichen kann
das edle fischbüchlein 31.
in weiterer verwendung: die läger mit geschütz überreichen (=
im schuszbereich haben und dadurch beherrschen) Fronsperger
kriegsb. 1, H 4
a. A@22)
über etwas hinausreichen, schon im 12.
jahrh., s. Lexer
handwb. a. a. o. A@2@aa)
in eigentlicher bedeutung: an höhe, länge, breite jem. oder etwas ü.,
z. b.: er ü. euch mit dem kopf,
er ist kopfs gröszer als ihr Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 2066; die streusz ... überreichen mit ihrer höhe einen reuter Heyden
Plinius (1565) 399; der hohe berg Olympus, der ... die wolcken und lüfft überreichen sol Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 7
a; wer ist der lang und starcke mann dort in der Griechen läger gut, so andre überraichen thut? Spreng
Ilias (1610) 34
a; wen du an dein herz schlieszest, der betet, deine arme aber überreichen ihn, sie reichen in den himmel und holen den segen herab Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz 404; kommt die lava an einen gegenstand, der sie am voranschreiten hinderte, so steigt sie an demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat C. Friedrich
vierzig jahre 2, 171. A@2@bb)
in bildlicher u. übertragener verwendung: über etwas hinausreichen, darüber hinausgelangen, zeitlich oder abstract; es übertreffen: anteire, antecellere Stieler 1589; unser werck können nicht helffen zur seligkeit: denn legt man sie in die quer, so sind sie zu schmal, legt man sie in die leng, so sind sie zu kurtz, und überreichen weder die höhe noch die tieffe unser sünd Petri
d. Teutschen weiszheit (1604—05) 2, Vv 4
b; (
er) meint, syn witz gott überreych Th. Murner
narrenbeschwörung 161,
v. 57
neudr.; das ungeheure ... überreicht unsre fassungskraft Göthe I 24, 181
Weim.; jem. in,
auch an etwas ü.,
z. b. einen in einer kunst weit überreichen Kramer
teutsch-ital. dict. (1702) 2, 307
b; so sorge, wie du mich an treu wollst überreichen David Schirmer
poet. rosengepüsche (1650) 140.
temporal für überleben (
ungewöhnlich): sie (
Klytämnestra u. Ägisth) wissen, dasz auch ihre stunde kommt, die sie nicht überreichen werden Zelter
an Göthe 4, 283. A@33)
übergeben, überliefern; nach Adelung 4, 767
mit der nebenbedeutung des feierlichen, zeremoniellen. in dieser bedeutung erst vom 15.
jahrh. an litterarisch belegt, in den wbb. seit dem 17.
jahrh. regelmäszig gebucht, in der neueren schriftsprache ganz allgemein, aber fast immer in eigentlicher, nicht übertragener bedeutung gebraucht. vereinzelte fälle abgeleiteten gebrauchs s. u.; in den südl. maa. nicht üblich (
part. überreicht
der Lutherbibel erklärt das Basler neue testam. [1523]
mit überantwortet, gegeben,
s. Kluge von Luther bis Lessing 89). A@3@aa)
überantworten Sattler (1617) 346;
rendere, dare Kramer
teutsch-ital. dict. (1702)
a. a. o.; so ein schichtmeister oder zechenvorsteher sein rechnung ... gethan und überreicht hat (
a. 1515)
bei Lori
bergrecht 172; sage ym zu, über zwen odder drey tage dieselbige (
waare) zu überreychen Luther 15, 307
Weim.; (
es) werden scepter und reichsapfel von zwei abgesandten Karl dem groszen überreicht Drescher
in Steinhöwel de claris mulieribus 304; den schlüssel des kastells ü. Ranke 40/41, 406; einen ehrendegen Dahlmann
gesch. d. franz. revolution (1845) 77; man soll den regenten und der obrigkeit die supplicationes und brieff nicht mit zitternden händen überreichen Lehmann
florilegium politicum (1662) 3, 250; ein gesuch um anstellung ü.
jahrb. der Grillparzergesellsch. 2, 6; geschenke Göthe I 41
I, 174
Weim.; glückwünsche B. Mayr
päckchen satiren 35; ein glas wasser G. Freytag
ges. werke 5, 196; einen brief Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 163; ich komme langsam, dir ein werk zu bringen, und zaudre noch es dir zu überreichen Göthe I 10, 120
Weim. verengt für widmen: dero gegenwärtiges büchlein in gnädigen schirm zu überreichen Zinkgreff
apophthegmata (1628) 93; nimm, weiser Friederich, mit holden augen an, was dir ain treuer knecht zum opfer überreichet Weichmann
poesie der Niedersachsen 2, 13.
bildlich und in abgezogener verwendung selten: A@3@a@aα) ich überreiche dir dieses mein getreues teutsches hertz J. Rist
d. friedejauchzende Teutschland (1653) 43; dieweil des höchsten hand dir so ein liebreich kind ... zur gattin überreicht Günther
ged. 468; ich soll das vertrauen, welches eine sterbende mutter in mich gesetzt, anwenden, um ihr kind dem elende zu überreichen? Gottl. Stephanie
d. jüng.
lustsp. 339, 12. A@3@a@bβ)
vermitteln, verleihen: (
durch die herzader wird) der frucht in muotterleib der athem und leblich geyst mitgetheylt und überreycht W. H. Ryff
anatomi (1541) J 4
b; sie sprach, herr diesen söhnen mein, die gnad doch überreiche, das sie marschalck und cantzler sein Ringwaldt
evangelia b 6
b. BB.
in trennbarer verbindung: B@11)
etwas über etwas hinweg, z. b. über den tisch reichen Adelung
a. a. o. B@22)
in bedeutung A 3
vereinzelt: wy wir ... slossir stethe ..., den genanthin unsern libin ohemen von Sachsin vortzeychnt und ubirgereycht und vor funftczigk tawsint guthe ungerische goldin ... gegebin haben (
a. 1472)
lehnsurkunden u. besitzurk. Schlesiens 1, 214; welche summa er uns an barem guten groben gelde wol zu dancke bezalet, ... und übergereicht hat A. Machholdth
formular (1560) 74
c.