übermut,
m. ,
superbia, ein westgerm. wort. ahd. ubarmuot
m. u. n., daneben ein fem. ubarmuati;
ebenso mhd. übermuot
m. und übermüete, übermuot
f.; as. obarmôdi
f.; mnd. overmôt
m. u. f.; mnl. overmoet
m. u. f., nnl. overmoed
m. u. f.; ags. ofermôd
n. die fem. bildung übermüete,
die in mhd. zeit neben der masc. form in überwiegendem gebrauche war (
s. mhd. wb. 2, 264
und Lexer
handwb. 2, 1647),
stirbt nhd. im 16.
jahrh. ab. die neuere schriftsprache kennt nur das masc.; pl.-setzung selten, vereinzelte belege (
z. b. aus Heine)
bringt Sanders 2, 358
b.
bedeutung: wie andere compp. von mut (
z. b. demut, hochmut)
bewahrte ü.
die alte bedeutung des simpl. geistige bewegung, lebhafte empfindung, gesamtzustand des fühlens u. begehrens. ü.
ist demnach die über das durchschnittliche oder erwartete oder sittlich erlaubte masz hinausgehende seelische stimmung. 11)
aus kraft- oder glücksgefühl entspringende lebhafte stimmung, woraus sich weiter die bedeutung '
stolz, hochmut'
entwickeln kann. mhd.: ûfgêndiu jugent und volleʒ guot, diu zwei diu vüerent übermuot
Tristan 265; din unsin ist din obermut, daʒ du dich selben dunkes gut und dich den luten wises und vor der werlde prises und liebes dir die diete, daʒ sie dir ere biete Hesler
apokalypse 4397
Helm; dar umbe, kind mins, gib uf den verborgen übermuot diner liplichen edli Suso
deutsche schr. 363
Bihlmeyer; den (
ersten engel) hete got so schone gescafen daʒ er betrogen wart von deme groʒen übermuote, daʒ er verstoʒen wart vom himele in daʒ abgründe
Lucidarius 3, 33
Heidlauf. nhd. meist in ungünstigem sinne, besonders im frühnhd.: pracht, hochmut, stoltze, übermut, hochfart Frisius
dict. 546
a s. v. fastus; hochmut, hochtragenheit, hochfart und stoltze, übermut
ebenda 1314
b s. v. sublatio animi; hochmut
arrogantia superbia, alias übermut Stieler 1299; er sprach: »ich mein, myn her sey blind, das er (
der bischof) mich nit entphahen thuot, oder kumpt es ausz übermuot?«
pfarrer v. Kalenberg 718
neudr.; do fiel das weib in übermuot, als ein hoffertigs rippli thuot Murner
die mülle v. Schw. 318; weil du denn wider mich tobest, und dein ubermut fur meine ohren erauff komen ist, so wil ich dir einen rinck an deine nasen legen
2 kön. 19, 28; wie lang soll sich ... auffblasen des feinds übermuth Weckherlin 1, 328; ... weil mich der wahn verkehrt, schätzt ich aus ubermuth nicht eine meiner werth Gryphius
trauersp. 273
Palm; der ander strick desz satans, mit deme er die hoffertigen fahet, ist die arrogantia oder ubermuth Albertinus
Lucifers königreich 37, 27; er speiszt aus übermuth aus güldenem gerethe
Reinicke Fuchs (1650) 364; wobei ich ... in meinem übermuth wirth, wirthin und gesinde kaum über die achsel ansah Göthe I 25
1, 133
Weim.; in hartem unglück suche dir gleichmuth und im glück den mäszigfrohen, von übermuth entfernten sinn stets zu erhalten Herder 26, 247; o beschieden auch mir (
dem Telemach) ... stärke die götter, dasz ich den übermut der ... freier bestrafte Vosz
Odyssee 3, 206
Bernays; wer half mir wider der Titanen übermuth? Göthe I 2, 77
Weim.; auf diesem finstern zeitgrund malet sich ein unternehmen kühnen übermuths und ein verwegener charakter ab Schiller 12, 8; blick nieder, hohe königin des himmels, und halte deine hand auf dieses herz, dasz es der übermuth nicht schwellend hebe 14, 26; (
röm. Cäsaren,) die im übermuth ihres herzens göttliche ehre begehrten von ihren unterthanen Schleiermacher
sämtl. werke II 4, 114; ein groszes gelingen der menschen und ihr übermuth sind, wie es scheint, für immer unzertrennliche wandnachbaren Dahlmann
gesch. d. frz. revolution 4.
im sprichwort: von dieser welt lauff pflegt er (
Keisersberg) zu sagen: fried macht reichthumb, reichthumb macht übermuth, übermuth bringt krieg, krieg bringt armuth, armuth macht demuth, demuth macht wieder frieden Zinkgreff
apophthegmata (1628) 227; gut macht mut, mut macht übermut, übermut thut nimer gut Luther 28, 642
Weim. auch nd.: good maakt moth, moth maakt avermoth, avermoth deit selten good Kern
u. Willms
Ostfriesl. (1869) 128.
variiert: gut, sagt man, macht muth; und überflüssiges gut macht wahrlich übermuth Kretschmann
sämtl. werke 5, 165.
ferner: gut macht übermut, armut macht demut Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 23
a.
auch in vertretung für hochmuth
im sprichw.: übermuth kömmt vor dem falle Breitinger
critische dichtkunst (1740) 1, 254;
vgl. hiezu Vries
woordenboek 10, 1902. den ü. dämpfen Herder 25, 645; züchtigen E.
M. Arndt
schr. f. u. a. s. l. Deutschen 1, 244; demüthigen Schwabe
belustigungen 1, 436; brechen Gottsched
deutsche schaubühne 2, 61. 22)
in d. neueren sprache häufig des ungünstigen, ethisch werthenden nebensinnes entkleidet für fröhlichkeit, ausgelassenheit, verwegenheit: fühlt auch erst ein zartes blut einige verlegenheit, bald erwacht verwegenheit, liebenswürd'ger übermuth Göthe I 4, 264
Weim.; jovialität und leichtsinniger übermuth geht durch sein (
Simsons) ganzes leben Herder 12, 170; (
Philine) trieb voll übermuth allerhand ungezogenheiten Göthe I, 21, 212
Weim.; wenns (
das blut) oben hinaus will vor freude oder vor übermut Hebel
werke 2, 207, 31
Behaghel; ihre (
Maria Moltkes) lebhafte heiterkeit, die sich oft zu kecker fröhlichkeit und bis zum übermuth steigern konnte Moltke
ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 154; auf den halbgeöffneten lippen lag der köstliche übermuth der jugend Storm
werke (1899) 1, 51.
mit den attributen: dreist Solger
Erwin 1, 119; lustig E. Th. A. Hoffmann 1, 185
Grisebach; froh Lenau
sämtl. werke 26; heiter Pückler
briefwechsel u. tageb. 1, 160; schäumend Fouqué
zauberring 3, 147; wild Holtei
erzähl. schr. 2, 10; trotzig Mommsen
röm. gesch. 2, 237; unbändig Ebner-Eschenbach
ges. schr. 1, 138; ausschweifend Justi
Winckelmann 2, 1, 333; knabenhaft Steffens
was ich erlebte 1, 75; jugendlich Grabbe 4, 358
Blumenthal. in bildlichem gebrauche auch von pflanzen: der flieder blühte ... in seinem ganzen übermute Auerbach
schr. 5, 203. 33)
aus 1
verengt: üppigkeit, verschwendung (
veraltet): die priesterschafft die helt sich recht, in hochvart nymer prangen mit irem guot, kain übermuot hört man sy ietzunt treiben Hätzlerin
liederbuch 109; wie da ainer, genant Andolosia, wär, so kostlich, und trib so grossen übermuott, und doch kain geborner man wäre
Fortunatus (1509) 144
neudr.; also ist auch ein solch hochtragend, vielmügig, prächtig weib ein rechter abgrund, strudel und unergründlicher wirbel, so durch unnützen pracht und aufplähenden übermut grose güter ... verschlucket Fischart
ehzuchtbüchlin 250, 16; wer pracht und übermuht in speis und kleidung treibet Grob
dichter. versuchgabe (1678) 96. 44)
die aus solcher gemütsstimmung geübte gewaltthat (
veraltet),
bzw. neckerei. 4@aa)
gewalt, unrecht: umme ... overmudes unde dootslages willen
quelle bei Schiller-Lübben 3, 271; van der sulven vlote moste de rad van Magdeborch greven Albrechte 300 gulden to tollen geven, dar dem rade grot overmot an schach
städtechron. 7, 368; diser grosser übermut (
mit dem hut zu Altdorf) truckt die landtlüt noch wirsch dann der buw des schlosses Tschudi
chron. Helvet. 1, 235; zwen burger von Loden ... klagtend sich grosses übermuts und gwalts, so die von Meyland mit inen tribend 1, 75; der edelmann, welchs vatter von diesen münchen viel beleydigung und übermuth erlitten Kirchhof
wendunmuth 1, 96. 4@bb)
toller streich, scherz: tregt es sich zuo, dasz sie vil übermuots und gespayes auff dem wege treiben
M. Lindener
katzipori 159; mit ihm kann man nur witz und übermuth treiben Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 132; in den lebhaften jugendlichen augen glänzte so eben ein neuer übermuth Stifter
sämtl. werke 1, 90. 55)
persönlich: der übermüthige: fort mit dem kleinen Übermuth (
dem zaunkönig), der sich gott gleich gebärden thut Arndt
werke 5, 228; fräulein Übermuth ..., wer sind sie denn, dasz sie sich unterstehen können, meinen Hans auszuschlagen? Bauernfeld
ges. schr. 1, 72; er ist ein tunichtgut und, was schlimmer ist, ein übermut und ein hochfahrender schlingel Fontane I, 6, 26.