traumbild,
n. ,
gegenüber traum
die visuell bestimmtere, fester umrissene vorstellung; im älteren nhd. nicht gerade häufig: die seele schlefft, wen sie der zeitlichen gutter nit mehr acht den als traumbilde Luther
w. 8, 15
W.; phantasma, imago in somnis obveniens Stieler (1691) 148; Kramer
teutsch-ital. (1702) 2, 1117
c;
auch in der form träumbilder Harsdörffer
frauenzimmergesprächspiele (1641) 7, 31
und traumesbild Fouqué
alts. bildersaal (1818) 2, 493. 11)
im bereich von traum
als schlaftraum: 1@aa)
die mehr oder weniger bildhafte einzelheit aus dem complex der traumvorstellungen: das traumbild verschwand Herder 17, 112
S.; daher häufig im pl.: die traumbilder der verflossenen nacht J. Schreyvogel
ges. schr. 1, 206; Fr. Th. Vischer
ästhetik 2, 333; die lieblichen traumbilder von den korngarben und von dem monde und den eilf sternen Chph. v. Schmid
ges. schr. (1858) 15, 61. 1@bb)
besonders von menschlichen gestalten im traum: was dorten von den eisernen füszen des Nebucadnezars traumbildes gelesen wird Harsdörffer
frauenzimmergesprächspiele 4, 465; o, wär ich, statt mit buntem staub umkleidet, als stummes traumbild vor dich hingetreten Hebbel
w. 6, 319
Werner; nach und nach hatte das traumbild bestimmte züge angenommen Immermann 2, 14
H. 1@cc)
allgemein für schlaftraum, dessen einzelheiten in sich schlieszend: wie jene symbole der monarchieen im traumbilde des propheten Herder
w. 13, 385
S.; das ist ein schöner traum, doch ists ein traumbild eben Geibel 3, 18; hab wachend ich mein traumbild fortgesponnen
M. Schneckenburger
dtsche lieder (1870) 47. 1@dd)
charakteristische eigentümlichkeiten im sinne von traum I B, C
oder D,
also etwa das bildhafte, trügerische oder flüchtige, werden durch die wortumgebung unterstrichen; durch das prädicat: diese schamvergessene ... zitterte doch bei jedem traumbild, das ihre gereizte phantasie ihr am morgen einer durchschwelgten nacht vorspiegelte C. A. Böttiger
kl. schr. (1837) 3, 243
Sillig; kein falsches traumbild hat mich des nachtes heut bethöret Chr. O. v. Schönaich
Heinr. d. vogler (1757) 168; ein traumbild der nacht, das mit der sonne entflohen ist Biernatzki
des letzten matrosen tagebuch 75;
durch das adj. attribut: ein quälend traumbild G. Keller
ges. w. (1889) 9, 28; selige traumbilder H. Beck
verirrung ohne laster (1793) 137; ein vorbedeutendes traumbild J. H. Voss
Odyssee 366
Bernays; tolle, wüste traumbilder Hebbel
tagebücher 3, 162
Werner; dem ersten ihm dämmernden traumbild du Bois-Reymond
grenzen d. naturerkenntnis (1873) 31. 22)
wie traum I F 1
auch im vergleich; von irgendwelcher gegebenheit geistiger oder körperlicher wirklichkeit unter verwendung verschiedener eigentümlichkeiten des traumbildes als tert. comp., die häufig durch die wortumgebung besonders deutlich werden; so des trügerischen, nichtigen: aller discurs von solchem hohen dinge ist nur als ein traumbild Butschky
Pathmos (1677) 538; dasz einem ... alle dinge als blosze phantome oder traumbilder vorkommen Nietzsche
w. (1895) 1, 21;
des verführerischen, lockenden: [] blende mich nicht, willige kraft, wie ein traumbild Platen
w. 1, 195
H.; des flüchtigen, vergänglichen: warlich der mensch wie ein traumbild schwaift Schede
psalmen 151
ndr.; so ist das todtenreich ... eine versammlung kraftloser schatten, ... die den händen des hinterbliebenen ... wie ein traumbild entweichen D. Fr. Strausz
schr. 6, 82;
dazu des wunderbaren, märchenhaft-schönen: die bunte welt geht in aller farbenpracht vor ihr auf, um wie ein traumbild zu verschwinden H. Laube
ges. schr. (1875) 5, 67;
ähnlich, doch ohne das structurelement des flüchtigen: wo die stille burg ... wie ein holdes traumbild prangte H. v. Chézy
erz. u. nov. (1822) 1, 128;
des unbestimmten, verworrenen: ein märchen ist wie ein traumbild, ohne zusammenhang Novalis
schr. 2, 308
M.; denn wie ein traumbild liegt es hinter mir aus früher kindheit dämmerhellen tagen Schiller 14, 42
G.; eigenartig von menschen auf grund einer starren, geistesabwesenden haltung: aber der sasz wie ein traumbild in sich versunken J.
V. v. Scheffel
ges. w. (1907) 2, 123. 33)
in erweitertem sinne (
vgl.traum II A-C)
phantasieproduct. 3@aa)
nichtige vorstellung; oft in ausdrücklichem gegensatz zu wirklichkeit und wahrheit: was dein kühnster traum erdichtet, es erscheint dir sonnenklar, doch — das traumbild ist vernichtet und die wahrheit unnahbar
gr. v. Strachwitz
ged. (1850) 234; manchmal freilich besann er sich ... sah die traumbilder als das an was sie waren, und erklärte sie für eine sehr grosze narrheit
M. Meyr
erz. aus d. Ries (1868) 3, 321;
im übrigen je nach dem gegenstande des vorstellens mit sehr verschiedenem sinn. 3@a@aα)
entsprechend der differenzierung von traum II A 1 a
bis e
α und 2 a;
als selbsttäuschung ähnlich der des schlaftraumes: als ob die ganze katastrophe in Pilsen ein traumbild ... wäre H. Laube
ges. schr. 14, 310;
besonders auf grund einer sinnestäuschung: ists traumbild nur, was ich erblickt! J. Nestroy
ges. w. (1890) 2, 49;
als hirngespinst: es seien dieselbe (
weltreiche) anders nichts als zerstörliche und wandelbare macht- und traumbilder Dannhawer
catechismusmilch 2, 311; eine vorgefaszte meinung, durch hypochondrische traumbilder aufgeregt Göthe 28, 324
W.; als törichte oder unbegründete annahme, vermutung, theorie: möglich, ... dasz das ganze gerüste meiner schlüsse ein bestandloses traumbild gewesen Schiller 4, 52
Göd.; als eine grosze verirrung musz ich es betrachten, wenn Hirt ... sich das traumbild einer Olympias ... schafft
F. G. Welcker
alte denkmäler (1849) 2, 89;
als nicht zu verwirklichendes wunschbild: dasz dies (
völlige uneigennützigkeit) ein traumbild sei
allg. dtsche bibl. 59, 127; ein staatsromantisches traumbild
handwörterbuch der staatswiss. (1898) 6, 384;
als wahn, illusion, auf unzureichender erkenntnis des wirklichen tatbestandes beruhend: welcher übelstand ..., wenn der spieler ... das künstliche traumbild durch die idee der wirklich ihn umgebenden welt zernichtet Schiller 2, 346
Göd.; sie wollte ihren tod von dir und rief das wüste traumbild deiner eifersucht Hebbel
w. 2, 360
Werner; als selbstüberhebliche, subjective vorstellung: beten also auch diese leute nicht den wahren gott, sondern ein bloszes traumbild ihrer vernunfft ... an Chr. Chemnitzius
nothw. bericht (1664) f 2
c. 3@a@bβ)
in anlehnung an traum II A 1 f
die wirklichkeit entwirklichend und als ein erzeugnis der phantasie beurteilend; philosophisch: alter und gestalt und raum und zeit sind ein traumbild nur der wirklichkeit Herder
w. 29, 109
Suphan; [] dasz die materie überhaupt nichts reelles, sondern ein bloszes schein- oder traumbild des geistes sei Schelling
w. (1856) 1, 87;
häufig vom menschen und seiner existenz: eines schatten traumbild ist der mensch E.
M. Arndt
sämmtl. w. (1892) 1, 4; du bist nichts als ein wahnsinniges traumbild Hebbel
w. 8, 54
Werner; sowie vom leben: des erdenlebens schweres traumbild Schiller 11, 61
Göd.; was kann unser leben anders sein als ein leeres, groteskes traumbild Tieck
schr. 7, 228;
ähnlich: so vergehn des lebens herrlichkeiten, so entfleucht das traumbild eitler macht Matthisson
schr. (1825) 1, 51. 3@bb)
bild zukünftiger wirklichkeit: das süsze traumbild eines sehnlich gewünschten, aber nie gehofften glückes war ... wirklich geworden Ph. Moritz
Anton Reiser 115
lit.-denkm.; noch vor einem jahre ... war es das süszeste traumbild seines ehrgeizes, einmal ratsherr zu werden W. H. Riehl
gesch. aus alter zeit 1, 30.
in der bedeutungsdifferenzierung parallel zu traum II B 1 a-c;
als schönes, aber nichtiges wunschbild: es ist vorbei — die starre wirklichkeit verscheucht mein schönes traumbild
Z. Werner
d. söhne d. thales (1803) 1, 294; alles ist hin; mein ... selbstvertrauen ... und das anmuthige traumbild der biographie fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 4, 34;
unter deutlicher zurückdrängung des bedeutungselementes '
nichtig': er mache, o sagen sie es ihm! das traumbild wahr, das kühne traumbild eines neuen staates Schiller 5, 386
G.; das bunte traumbild (
plan einer preuszischen kolonie) war nicht entwichen Nettelbeck
lebensbeschr. 3 (1823), 215;
als anschauung von zukünftigem, ohne die bedeutungen '
lustvoll'
und '
nichtig': aus beiliegenden stanzen werden sie sich ein traumbild von dem aufzuge formiren können, der heute abend statt haben soll Göthe IV 13, 35
W.; als angst- und ahnungsvolle vorausschau: das traumbild unserer erscheinung vor ihren thoren erfüllte ganz Rom mit schrecken Niebuhr
röm. gesch. 3, 240. 3@cc)
gesicht, phantasieproduct. 3@c@aα)
allgemein, vgl. traum II C 1 a-d;
als schöne, phantasievolle vorstellung: die sonne hebt von meinen augenlidern nicht mehr sein schön verklärtes traumbild auf Göthe I 10, 180
W.; Romano schlosz verwirrt die augen, um die lieblichen traumbilder nicht zu verscheuchen Eichendorff
sämtl. w. (1864) 3, 183;
als idee, intuition: über diesen unerschöpflichen gegenstand unseres nachsinnens habe ich so manches traumbild in der seele G. Forster
sämtl. schr. 5, 248; kenntnisse ..., die dieser mann mit seinem traumbilde (
das ptolemäische system) zu verweben gewuszt hat G. C. Lichtenberg
verm. schr. (1800) 6, 49;
als vision, tagtraum schlechthin, ohne einschlusz des bedeutungsbestandteils '
lustvoll': gegend ..., die ... ein traumbild Ägyptens hervorruft Göthe I 49, 158
W.; sogar angst- und ahnungsvoll: ein gedanke nur war es, ein entsetzliches traumbild, das furchtbar zu den frohen tischen trat Novalis
schr. 1, 31
M.; besonders von den visionen des dichters: die traumbilder stehen vor mir und verlangen die ihnen gebührenden verse Heine
br. (1906) 1, 114
Daffis; sinds flüchtige traumbilder, die in der seele mir wogen empor? drei geschlechter seh ich Platen 1, 248
Redlich; schlieszlich von kunstwerken, besonders dichtungen, als ergebnissen der phantasietätigkeit: da er in diese hallen trat, sah er sein eignes bild, ... wie heiszt des traumbilds inschrift Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 7, 264; die ältesten 'traumbilder' (
Heines) (
sind) überspannt E. Elster
Heines sämtl. w. 1, 23
vorrede. 3@c@bβ)
besonders als erinnerungsbild; von verschwommenen eindrücken, erlebnissen: einen ganzen quirl von traumbildern
[] und erinnerungen an die kreuzzüge und die Hohenstaufen L. Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 273; kampanische traumbilder in den denkblättern meines hesperischen reiselebens Matthisson
schr. 5, 106;
nichtsdestoweniger verklärt: (
ich hoffe) dasz in deiner weimarischen dämmerschaft es dir künftig nicht an lebhaften und schönen traumbildern (
von einem aufenthalt in Berlin) fehlen wird Göthe IV 31, 156
W. 44)
zusammensetzungen und ableitungen: