surrogat,
n. ,
ersatz, ersatzmittel, vom spätlat. surrogatum;
im engl. surrogate
seit dem 16.
jh. bezeugt. die wbb. belegen das wort vom ende des 18.
jh. an: '
etwas verwechseltes' Kinderling
reinigk. (1795) 336; '
der ersatz, etwas stellvertretendes' Campe
wb. z. erkl. (1801) 632
b.
das fremdwort scheint als kraftwort des sturms und drangs aufgekommen zu sein: wohl dem menschen, der ... nicht um die zeit zu tödten duselt und schlummert oder karten und würfel zu surrogaten seiner wirkungskraft braucht Musäus
physiogn. reisen (1778) 1, 20.
im 19.
jh. in eigentlicher wie übertragener bedeutung sehr beliebt; vgl. surrogieren. 11)
als reine sachfeststellung. 1@aa)
eigentlich. bezeichnung eines ersatzmittels für einen anderen gegenstand, dessen übliche verwendung aus bestimmtem grunde augenblicklich oder für längere dauer nicht möglich ist: der Franzose ... fordert durchaus für jede fremde frucht ein surrogat, das auf seinem eignen grund und boden gewachsen sei Göthe 7, 236
W.; das ist nun freilich die wundersame gewalt des geldes, das jetzt als surrogat für alles fehlende andere einstehen musz Görres
ges. br. (1858
ff.) 3, 129; eine zeit, die man die epoche der surrogate nennen könnte, wo jede sache durch eine andere vorgestellt ward
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823
ff.) 3, 241; auch ein surrogat für die Chinarinde hatte er erfunden Kerner
bilderb. (1849) 349; als surrogat des zitronensaftes kann man ... kristallisirte zitronensäure anwenden Davidis
kochbuch18 (1873) 37; als surrogat des wassers gilt für durststillend ... die bedeckung des bauches mit erde Ratzel
völkerkde (1885) 2, 56; die weiche substanz im innern der blätter und stiele ist ein surrogat für kork
ebda 2, 537; den soldaten bei der fahne
[] das eheliche leben oder doch ein surrogat desselben zu gestatten Mommsen
röm. gesch. 5 (1894) 592;
nicht selten in gewagter verbindung und sachvorstellung: aber so geht es einmahl mit allen den erfindungen, welche surrogate der ständeversammlungen seyn sollen Dahlmann
an W. Grimm, briefw. 1, 55
Ippel; bringet mir ein surrogat, dasz ein kusz mir scheine, seis ein frisches rosenblatt, seis ein glas mit weine Rückert
ges. poet. w. (1867
ff.) 5, 301 ('das surrogat').
das surrogat erfährt dabei ursprünglich keinerlei negative bewertung: da ich mir aber hiezu keine hoffnung machen darf, so sende als ein surrogat von meiner seite diese wenigen bogen Göthe IV 28, 87
W.; löffel oder irgendein surrogat des löffels muszten zur hand sein, um dieses schwarzsauer genieszen zu können C. A. Böttiger
kl. schr. (1837
f.) 3, 233; sie hätten dort leicht ein surrogat für kalte bäder gefunden Gervinus
an Dahlmann, briefw. 2, 325
Ippel; darüber hinaus ist sogar eine positive bewertung durch lobende eigenschaftswörter durchaus möglich: das werk, das deswegen sehr schätzbar ist, weil die kupfer erfreuliche surrogate der originale sind Göthe IV 28, 30
W.; schätzenswerthe surrogate für jene bemühungen
ders. 25, 88; sauerkraut giebt ... für den winter ein sehr schätzbares surrogat für andere in dieser jahrszeit mangelnde gemüse
alman. f. leckermäuler (1804) 74.
auf dem wege zu übertragenem gebrauch ebenfalls in reiner sachfeststellung ohne bewertendes urteil: gedruckte worte sind das surrogat der gesprochenen Bauernfeld
ges. schr. 4, 37; eben darum blieb die bestellung der leibzucht am eigen oder lehen ein nothwendiges institut für die ritterschaft, während der bürgerstand in den rechten des überlebenden gatten ein viel bequemeres surrogat für jene finden konnte Eichhorn
dtsche staats- u. rechtsgesch.3 (1821) 2, 615,
oder lobend: solche documente ihres daseyns sind mir, wo nicht eben so lieb als ein portrait, doch gewisz als ein wünschenswerthes supplement oder surrogat desselben Göthe IV 23, 6
W. 1@bb)
übertragen. seit der zweiten hälfte des 18.
jh. neben der eigentlichen verwendung ebenso gern von geistigen dingen und seelischen vorstellungen gebraucht, zunächst gleichfalls zu bloszer sachfeststellung: anstatt dasz wir jetzt ... desto eifriger das surrogat der absoluten wahrheit in der vervielfältigung der correlationen suchen müssen Forster
s. schr. (1843) 4, 275; als surrogat derselben verdient in dieser rücksicht selbst das hangen an mittelmäszigen autoritäten alle achtung Savigny
beruf unserer zeit (1814) 114; so war die kunstblüthe Italiens im 16. jh. eine art von surrogat für die reformation Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846
ff.) 2, 407; die religion als surrogat für die philosophie Lange
gesch. d. materialism. (1866) 213. 22)
als ausdruck der minderwertigkeit und geringschätzung. durch ton und ausdruck läszt der verfasser zunächst in übertragener verwendung oft erkennen, wie er von seinem standpunkt aus das surrogat nicht als vollwertigen ersatz, sondern als minderwertig gegenüber dem ersetzten beurteilt und innerlich ablehnt: weil nun jeder mensch wohl fühlt, dasz er das paradies verloren hat und sich daher irgendein surrogat erschaffen möchte Cl. Brentano
ges. schr. (1852
ff.) 5, 8; mancher glaubt ein surrogat zu haben für das ihm abgehende geschichtliche leben Schleiermacher
s. w. (1834
ff.) I 12, 204; Plutus söhne die, mit der feder in der hand — ihr surrogat für den verstand —
alman. f. leckermäuler (1804) 177; allein die eigentlichen religionen dulden keine surrogate G. Keller
ges. w. 6, 367;
ironisch: industrie bestes surrogat der religion und gegenmittel gegen alle leidenschaften Novalis
schr. 3, 199
Minor. deutlich wird solch abwertende beurteilung in dem zusatz von nur: so habe ich doch aufs deutlichste begreifen lernen, dasz die sprache nur ein surrogat ist Göthe IV 26, 290
W.; der humor ist eins der elemente des genies, aber sobald er vorwaltet, nur ein surrogat desselben
ders. 48, 186; alle diese bücher
[] ... sind ... am ende nur surrogate einer gewünschten höheren und gesteigerten unterhaltung
ders. IV 42, 210; man spiele einem, der von der innern sprache der orchestermusik nichts versteht, eine partitur auf dem klavier vor, so ist das immer nur ein surrogat O. Ludwig
ges. schr. 5, 500
Er. Schm.; noch ausdrücklicher durch ein wertminderndes eigenschaftswort: schreiben ist ein miszbrauch der sprache, stille für sich lesen ein trauriges surrogat der rede Göthe 27, 373
W.; wie sollte er fühlen, welches kümmerliche surrogat er an der stelle eines bedeutenden wortes gelten läszt
ebda 41, 1, 117; der pantheismus ist ein elendes surrogat der religion Adam Müller
verm. schr. (1812) 1, 353.
von daher erfährt der begriff auch im eigentlichen verstande eine starke werteinbusze: mit welchen surrogaten (
skelett und fell des eingegangenen seelöwen) publikum bon gré mal gré vorlieb nehmen muszte Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 217; schmiegsame maulkörbe für schreihalsige volksvertreter (
hoffe ich) zu erfinden, wobei ich natürlich das elende surrogat der vorzubindenden pairs-diplome ... überging Gaudy
s. w. (1844) 8, 167.
wegen dieses raschen wertverfalls wird das wort in der zweiten hälfte des 19.
jh. in steigendem masze durch ersatz
verdrängt, so dasz es in der ersten hälfte des 20.
jh. zunächst in übertragener, dann in eigentlicher verwendung abstirbt.