stücklein,
n. ,
dem. von stück,
in der schriftsprache seit dem 18.
jh. allmählich durch stückchen
verdrängt. ahd. stukkilîn,
mhd. stückelî
n. als lehnwort (e)stoklè, stoeklè '
selbstgegossenes bleistückchen als einsatz bei kinderspielen'
in den maa. der französischen Schweiz Tappolet 170.
moderne mundartliche abarten der deminutivbildung lassen sich gelegentlich auch aus älterer sprache nachweisen: wann als der brieff ... zerrissen wirdt zu vil stucklachen (
in multa frusticula)
himml. offenb. d. hl. Birgitte (1502) c 1
b,
eigentl. collectivsuffix, vgl. Wrede
dtsche dial.-geogr. 1, 120
ff. 11)
fragment, bruchstück: de ratmanne van der Ryghe, de wille wi antasten unde tho stuckelynen thohouwen (
Lübeck 1298)
städtechron. 26, 311; nam darmit das papir und zerraisz das in manigfaltig stückli
N. v. Wyle
translat. 34
Keller; bildlich: seh einen so lang ich entwickeln und wenden die hüllen hin und her, zerfällt die erwartung zu kleinen stückeln Grillparzer (1892) 3, 153
Sauer. blasser, '
teil'
u. ä.: als sy zeletzt offentlich zu sich zogen das almusen (
für den kirchenbau), blyben die tempel bawfallig, muszten sie (
die stiftherren) vom zehenden ain stucklin lassen fur die tempel Eberlin v. Günzburg 1, 179
ndr.; hie ist ym text ein stücklin auszen gelassen Luther 19, 369;
fester, '
buchabschnitt': daz ist daz aht stückel und daz letzt des puochs K. v. Megenberg
buch d. natur 482
Pfeiffer. '
ingredienz': nimb ... faul felbenholtz ... und ein halben vierling blech, diese zwey stücklein gestoszen Reutter v. Speir
kriegsordnung 118. 22) stücklein
eine gewisse menge von etwas. stücklein brot: brenge mir ouch in der hant ein stuckil brotis
Daniel 2515
Hübner; dieweil dann ein stücklein brots zu einem gott ausz krafft und vergünstigung der pfaffen werden kan Fischart
binenkorb (1588) 149
a;
etwas geringfügiges: minimo vel nummo praedia addixit er hats umb ein spott und nüt hingäben, umb ein stückle brot verkaufft Frisius 29
b; '
leiblicher unterhalt': mich belangend will ich verhoffentlich mein stücklein brodes wol gewinnen Harsdörfer
secretarius 1, 150.
im 17.
jh. öfters zusammengezogen und wohl als compositum empfunden: gebt heller und pfennig, gebt stücklebrodts Schupp
schriften 748; ich ... hatte nichts als ein hartes stückelbrod übrig Cl. Ang. de Martelli
relatio captivo-redempti (1689) 45; dasz jene sich mit frischem wasser und einigen etwo überkommenen stücklbrod erquicken (
konnten) 55; solche arbeitsame tropffen (
bergknappen) dergestalt ihr stückelbrod in dem bergwerck gewinnen Abr. a
s. Clara
etw. f. alle 1, 282. stücklein land, weg
u. s. f.: doch ... gab er ir in baiden rychen guote, stücklin von land, lüt, merkt und stett Stainhöwel
de clar. mul. 263
lit. ver.; wie das stücklein landes von 3 meylen an das ... bischthum gekomen Hennenberger
preusz. landtaffel 132; ein stücklein felds
una particella di campo Kramer 2 (1702) 1020
c; ob er nicht ein stücklein weges mitfahren dürfte Fr. L. Jahn 1, 444;
elliptisch, '
strecke': gehe ein stückel mit mir Bäuerle
kom. theater 1, 73; ein stücklein gelds sammlen, gewinnen
ammassare, procacciarsi un pò di danari Kramer 2 (1702) 1020
c;
eine redensart ist: er steht da wiar a stückl holz
versteinert, blöde Hügel
Wiener dial. 160;
mit abstr.: selbst in der bauernsprache der umgebung soll noch ein stücklein reichsgeschichte umgehen W. H. Riehl
naturgesch. des volkes 4, 149. 33)
selten direct als maszeinheit: stuckle flachs = 24
händevoll = 48
haitel s. Fischer
schwäb. 5, 1900. — stückli
ein weinfasz von mehreren saumen Klein
prov.-wb. 2, 178; stücklein
groszes fasz Spreng
bei Seiler
Basler ma. 283 — stückli
ein abgegrenztes quantum madheu Bühler
Davos 1, 133. 44) stücklein
ein einzelnes exemplar: (
die karawanen) führen auch etliche kleine stücklein feldgeschützs mit auff rädern Kirchhof
wendunmuth 2, 100
lit. ver.; (
der schusz) ist geschehen aus einem stücklein veldgeschütz (
um 1560)
quellen z. alten gesch. d. fürstent. Bayreuth 2, 83;
später verselbständigt sich die elliptische vereinfachung dieser verbindung, s. u. 5. stücklein geld '
geldstück': (
er glaubte,) wenn er nur von seinem raub einige stücklein geld auf den ablasz wandte, ... auf einmal seinen ganzen sündenpfuhl gereinigt zu haben
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 5, 51;
vieh: es stükli fe Hunziker
Aargau 263.
von menschen; ironisch-verächtlich: das ist as rächts stückli mensch Bühler
Davos 1, 133;
elliptisch: de is a biszl a stückl
ein hübsches frauenzimmer Hügel
Wiener dial. 160.
anders, '
eine art': die herren naturalisten ... halten sich selbst für kein kleines. ihre seele wenigstens ist ihnen ein stücklein lieber gott Hippel
lebensläufe 3, 77. 55) '
geschütz': darauff ist er ... mit ... 6 kleinen stücklen für die statt Clausenburg geruckt Stumpf
Schweizerchron. 46
a; bald mit dem tage lieszen i.
f. g. 8 trommeter mit einer kesseltrommel auf den schloszthurm steigen, auch drei kleine stücklein naufziehen H. v. Schweinichen
denkwürd. 260
Österley; es sint etliche stickhlen und toplhäggen loszbrent worden (1626) Hintner
beitr. z. dtsch. wb. 44. gegossenes stücklein: derhalben so pflegt man gegossen stücklin zu machen, ... die schießen kuglen ungefehrlich zweyer feust groß oder größer Fronsperger
kriegsbuch 1, 72
b. 66) stücklein (reben)
weinacker: ich Hanns Bri ... dem erbern
N. ... nutzung gewer und gewalt eins uffrechten ewigen kouffs ein stücklin reben, genant 'zur Wasserschapffen' Riederer
spiegel d. wahren rhetorik (1493) 128
b. 77)
in der älteren sprache der medicin und anatomie. '
flocke, faser im harn': hât daz harn langiu stuckel als daz hâr, sô ist der mensch über allen den lîp siech
zwei dtsche arzneibücher aus d. 12.
u. 13.
jh. 130
Pfeiffer; ist daz harn zâch unde sint diu stuckel dâ inne
ebda. — spannaderige stücklein (
schwellkörper, corpora cavernosa) (1677)
bei Hyrtl
kunstworte der anatomie 87. krampffaderiges stücklein,
auch krampffaderiger beysteher,
in der anatomie des 17.
und der ersten hälfte des 18.
jh.s der '
nebenhoden' Hyrtl
a. a. o. 19;
vgl.: schneid (
dem jungen stier) die hödlin also ausz, das man das ende oder das stückle daran lase Sebiz
feldbau 124. anliegend drüsig stücklein
prostata (17.
jh.) Hyrtl 100. 88)
erzeugnis künstlerischen schaffens. '
stich': ich hab maister Hugo gen Prüssel für sein klein profidosteinlein ein gestochnen passion und etlich andre stucklein (
gegeben) Dürer
tagebuch 76
Leitschuh; '
gemälde': zwey holländische stücklein mit vielen figuren. von einem unbekannten meister
büchersaal d. schön. wiss. u. fr. künste 10, 92; '
relief': alabasterten stucklein vom propheten Jona in vergülten rähmlein (1631) Diefenbach-Wülcker 869.
literarisch, volkstümlicher vierzeiler, schnaderhüpfel: Schmeller, der in seinen 'mundarten Bayerns' ... eine ziemliche anzahl solcher 'stückeln' mittheilt. dieses ist nach seiner meinung der richtige name Steub
wanderungen 155.
in der musik, lied: und singen ein stücklein oder zwey Römolt
laster der hoffart (1564) b 8
a; die ... etliche stücklein figural singen Pape
bettel- u. garteteuffel i 8
a; (
das echo) verwandelt ein zweistimmiges stücklein in ein vierstimmiges Francisci
lufftkreis (1680) 484.
auch '
instrumentalstück': besser kanstu auf der pfeiffen deiner braut ein stücklein greiffen A. Gryphius
gedichte 547
Palm; der David hat mit der harpffen gespielt, etliche gute und liebliche stückel aufgemachet Abr. a
s. Clara
etw. f. alle 2, 463; virtuosen, die in seinen salons für geld und gutes essen ihr stücklein aufspielten W. H. Riehl
dtsche arbeit 205. stücklein '
tanz' Birlinger
wb. z. volkstüml. 87. 99)
in relativem, abstractem gebrauch, '
ding', '
sache': aber das ist mir ein new stücklin, das die leyen unter einer gestalt beyde essen und trincken Luther 26, 604
W.; hierausz mag man drey stücklein lehren H. Sachs 8, 531
lit. ver.; und Christus hat gelert, alle hailge gschrifft sey verfaszt in zwey stücklen, der liebe gots, das ist glaub, und liebe des nechsten Eberlin v. Günzburg 2, 181
ndr.; wann wir die beide exempel Nicodemi und Josephs von Arimathia ... wol erwegen, so hab ich ein wenig zuvor gesagt, das sie drei stückel in sich haben, das erste sei strafmäszig, das ander leidlich, das dritte rümlich W. Musculus
papist. wetterhan (1585) 97. 1010) '
recept, mittel': nach dem, so cura canonica nicht helffen will, so folget thesaurus pauperum hernach, item solche stücklein mehr: item brauche das, also sagt er, es habe offt geholffen Paracelsus
opera 1, 76
Huser; von etlichen sondern guten stücklin, wie man allerhand obs soll einlegen und das gantze jar uber halten Sebiz
feldbau 381; ein schöns stücklein, krebs zu fahen
fischbüchlein 164. 1111) '
anekdote', '
schwank': habe ich dises büchlein, wiewol als ein unverstendiger und unwürdiger, sollicher lieblichen stücklin zu schreyben, in truck geben laszen Montanus
schwankbücher 4
lit. ver.; auch in den klostermauern gabs böse zungen und überlieferte stücklein, die von einem zum andern die runde machten Scheffel 1, 169. 1212) '
handlung, tat',
insbes. '
übeltat, streich': das seyn juddische stucklein und tucklein Luther 6, 5
W.; heim darfft er nit mehr kummen von wegen guter stücklein, so er in seines vatters hausz gebraucht hat Wickram 2, 44
lit. ver.; sauffen, huren, spilen und finantzen ... leut bescheiszen ... wer dise stückle mit einem besondern geschick und kunst üben kan Ambach
von tantzen (1543) a 3
b; die practick, partiden und stückel werden gut geheiszen, aber wann einer auffrecht und redlich handlet, der musz ein ignorant, stocknarr und gelächter seyn Albertinus
Lucifers königreich 177
dtsche nat.-lit.; ferner prügelte mich der vater nicht selten, wenn ... er sonst ein loses stücklein von mir erfuhr U. Bräker 1, 31; Franz Wilhelm von Prack, der im siebzehnten jahrhundert lebte, ist damals durch seine verwegenen stücklein berühmt geworden L. Steub
drei sommer in Tirol 2, 377. '
narrenstreich, schalksstück': ein stücklein vom Eulenspiegel Lindenborn
Diogenes 2, 582; die Hirschauer, Weilheimer stücklein Schmeller-Fr. 2, 731. '
kunststück': das erste stückel, das er mich lehrte, war, büchsenpulver zuzurichten Grimmelshausen 4, 634
Keller; oft '
zauberkunststück', '
taschenspielerei': nach dem, da gab ich mich allein auff die schwartz kunst und zauberey ... dergleichen stücklein trieb ich vil H. Sachs 17, 130
G.; betriegerische griff und stücklein J. Dyke
nosce te ipsum (1638) 41. 1313)
verblaszt, ein stücklein '
etwas', kein stücklein '
nichts'
: Agricola: frage Spalatinum, der wirdts woll wissen.
Spalatinus: ich möcht wol ein stucklein darvon wissen, aber Agricola waisz mehr drumb dan ich Vogelgesang
heimlich gespräch 5
ndr.; (
gott spricht) zubrechen musz fleysch, marck und beyn, wo meyn wortt sol wol gedeyen, meins munds schwerdt schlecht frisch dareyn, keyn stücklin lest es bleyben, was do ubet Adams scheyn J. Agricola
bei Wackernagel
kirchenlied 3, 53; so wenig als gott allein an einem orte wohnet, ... so wenig hat gott sich auch nur in einem stücklein beweget J. Böhme (1620) 4, 60.