strohhalm,
m. ,
einzelner halm des reifen, meist des ausgedroschenen getreides; frühe lexikalische belege: culmus strohalm Brack
voc. rer. (1489) f 8
a;
festuca ein strowhalm, aglen Cholinus-Frisius
dict. (1541) 368
a.
in nordwestdt. maa. mit (t)s
in der kompositionsfuge: strüetshalm Rovenhagen
Aachen 143; strôhalm, strôshalm Woeste
westf. 259
a; strühshälm Hönig
Köln 177
b; ströashalm
Elberf. ma. 158; štrȳúə. shalm Leihener
Cronenberg 118.
diminutivbildungen: strohelmichen Luther 34, 2, 489
W.; strohhälmchen Schiller 2, 377
G.; strohelmeleyn Luther
a. a. o.; strohhälmlein Prätorius
winterflucht (1678) 229; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1015
a. 11)
im eigentlichen sinne: auff iedes aug setz ein laszkopff dein nasen vol
strohälmer stopff Hans Sachs 17, 323
lit. ver.; die (
Ceres) bat ein bawr, das sie wolt lassen das korn wachssen der gstalt vnd massen, das die strohalmen vnd die äher möchten wachssen fein schlecht daher Burkard Waldis
Esopus 1, 216
Kurz; gleich wie die wachsende korn eeren, wenn sie der wind hernidder schlegt, vnd die strohalm widder auffregt Rollenhagen
froschmeuseler (1595) Yy 2
a; wie der bawr allein seet, bedarff nit sorgen oder wissen, wie er den strohalm machen wOelle Paracelsus
opera 1, 770 A
Huser; letzlich nahm ich einen strohhalm und kützelte sie damit in den linken nasenloche Chr. Reuter
Schelmuffsky 8
ndr.; er behauptete, geschlafen zu haben, strohhalme hingen ihm
auch noch an Cl. Viebig
d. schlaf. heer (1904) 1, 151.
als trinkröhrchen verwendet (
vgl. 3 e): ich sauff durch kein strohalm noch federkengel, es sey dann most ausz dem fasz Fischart
Garg. 150
ndr.; wenn einer also daraus trinken wolte, so müste er durch einen strohhalm, den er unter den deckel in den krug stecken könte, trincken J. G. Schmidt
rockenphilos. (1706) 1, 22. 22)
in älterer sprache als rechtssymbol, bes. bei der übertragung von grund und boden, vgl. stroh 1
oben, halm,
teil 4, 2,
sp. 239,
und hdwb. d. dt. abergl. 3, 1358: mit strohhalm übergeben
bei Grimm
rechtsalterth. 41, 173;
s. auch ebda 2, 146.
als rechtssymbol auch im gerichtsverfahren: ob aber ainer gerichtmessig wer, so mag in das landgericht dreimal erfordern mit wahrer tat begriffen und mit dreien strohalbm zu binden in den obern furt in den Groszbach, da stösst man ihn hinüber mitten auf dem pach; fellt er herwider über, so ist er müssig von der herschaft
weisth. 3, 684
Grimm; vgl. dazu rechtsalterth. 4 2, 126.
hierher auch die wendung einen strohhalm entzweireiszen '
eine verbindung, verpflichtung lösen' (
vgl. engl. to break a straw [
obs.]
to quarrel Murray 9, 1, 1090
c;
frz. rompre la paille
rompre un accord Wartburg
frz. etym. wb. 7, 493
a): wer meint, dasz er verpflichtet sey, der reisz ein strohalm nit entzwey, vorab dem er gern wohnet bey Kirchhof
wendunmuth 2, 256
lit. ver.; 33)
in sinnbildlichem und übertragenem gebrauch, in vergleichen, in redensarten und sprichwörtern; die vorstellung des konkreten halmes ist meist noch deutlich, doch treten auch hierbei schon bestimmte gesichtspunkte in der verwendung hervor. zur bedeutung des strohhalms
im aberglauben s. schweiz. id. 2, 1202;
vgl. auch: da liegt ein strohhalm auf der erde: besuch kommt — es klopft W. Raabe
s. w. I 2, 173. 3@aa)
anknüpfend an die geringe breite des halms: das es war sei, so lond es messen mit einer schnuor, vnd wa es felt vmb ein strohalm so wil ich vnrecht hon (1515)
Eulenspiegel 43
ndr.; (
d. jungfr. Maria) ist zu hoch, ist derhalb weyt mer, wenn sie sich demütiget eines strohalms breyt, denn so ich mich tausent meyl lang demütiget Luther 52, 685
W.; einen, der in einem laster kaum eins strohalms tieff steckt Wickram
w. 3, 139
lit. ver.; dasz sich im schmeltzofen ... ein jede schicht eines strohalms dick anlegt Ercker
beschr. aller min. ertzt (1580) 118
a; ein strohhalm breit ist kein maas
allg. dt. bibl. (1765) 8, 2, 106; und hunderttausend meereswellen stürzen sich zwischen herzen, die nicht durch die breite von einem strohhalm sollten sein geschieden Immermann
w. 16, 341
Hempel. hierzu die zss. strohhalmbreit,
adj. L. v. Buch
ges. schr. (1867) 1, 280; strohhalmbreite,
f. Renn
adel im untergang (1947) 178; strohhalmdick,
adj. Muspratt
chemie (1891) 3, 1923; strohhalmsdick,
adj. Oken
naturgesch. (1839) 3, 85. 3@bb)
leichtigkeit, geringe haltbarkeit und widerstandsfähigkeit führen zu manchen vergleichen, bildlichen wendungen und redensarten; ausgehend vom geringen gewicht: ich bin ein armes mad und wurm, ein strohalm, den ein kleiner sturm gar leichtlich hin kan treiben
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied (1903) 3, 444; werden wir nicht umgetrieben wie der kreisel von den buben? wie der strohhalm vom wirbelwinde? Raupach
dram. w. kom. gattg. (1829) 1, 10.
überleitend zum folgenden: wie leichte strohhalme habe der bach die höchsten bäume fortgerissen Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 2, 148.
anknüpfend an geringe stärke und haltbarkeit: obgleich der reichtum ein gewaltiger herr ist, ... so kann es doch geschehen, dasz auch seine kraft und herrlichkeit schwach wie ein strohhalm zerbricht W. Raabe
s. w. I 5, 550; sie wollen eine brücke von strohhalmen in den himmel bauen O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 2, 193.
für eine unbrauchbare waffe: als wir die trei horn in der wüsten versuchten an dem gott der christen, an dem die trei anläuff vnd stösz mit den trei hörnern scharff vnd bösz eben so wenig han verfangen, als der da strohalm braucht für stangen Fischart
w. 1, 242
Hauffen. vgl. auch: als wenn ich mit eym strohalm widder den blitz stritte Luther 11, 269
W. in der redewendung jm. an einen strohhalm binden '
leicht regieren, einfangen': wann er das blmlin hatt entpfangen. so ist der narr so gantz gefangen, das sy in an ein strohalm bindt Murner
narrenbeschwörung 36
Sp.; der cantzler weisz wol geuch zu finden, die sich mit stro halm lassen binden
ders., geuchmatt 55
Uhl. ähnlich: faul hund legt man an einen strohalm S. Franck
sprichw. (1541) 2, 21
a. 3@cc)
oft mit der vorstellung des nichtigen, wertlosen verbunden: so verlasse sich nun niemand auf weltliche macht, reichthum, veste, wehr und waffen, es musz alles zum schatten, zu wasser, zu strohhälmen werden, wenn die gnade und der schirm gottes uns nicht überschattet und schützet Scriver
seelenschatz (1737) 1, 467
b;
mehr im sinne eines kleinen, unbedeutenden gegenstandes: was aber gott einsetzet und gebeut, mus ... eitel kOestlich ding sein, wenn es auch dem ansehen nach geringer denn ein strohalm were Luther 30, 1, 213
W.; wahrhaft gross seyn, heiszt nicht ohne groszen gegenstand sich regen; doch einen strohhalm selber grosz verfechten, wenn ehre auf dem spiel
Shakespeare 3 (1798) 294.
redensartlich: es ist ... unbegreiflich, wie (
er) ein so abominables ohr für den hexameter haben könne, dasz er seine kunstrichter ... niemals versteht, und beständig über den nämlichen strohhalm stolpert Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 95
lit.-denkm.; der Deutsche ist schwerfällig und träumerisch, will schnarchen, wo er wachen sollte, weiss oft nicht über einen strohhalm wegzukommen, wann er eben über einen balken hingesprungen ist Arndt
schr (1845) 4, 286. kein strohhalm
u. dgl. '
nicht das geringste': so hat auch sanct Petrus und Paulus zu Rom nicht einen fusstappen breit eigens noch strohalm gehabt Luther 51, 238
W.; ich möchte nicht gern einen strohalm in meiner hütten haben, der einem anderen zugehöret Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 2 (1711) 94; dennoch hat er unter meinem dache mir keinen strohhalm weggenommen Jacobi
s. w. (1807) 4, 77.
in der redewendung einen strohhalm aufheben
verbinden sich die vorstellungen der wertlosigkeit und der geringfügigkeit: denn es ist ja alles gesetz gottes gut vnd recht, wenn er auch gleich hiesse nur mist tragen oder strohalm auffheben Luther
dt. bibel 8, 25
W.; szo ist das werck gütt wann es auch szo gering were alsz eyn strohalmen auffhebenn
ders., w. 9, 231
W.; ein solcher mensch ..., welcher sich auch keinen strohalm umsonst aufheben lässet Zendorius
teutsche winternächte (1682) 554. 3@dd) strohhalm
als vermeintliche rettung für den ertrinkenden; gleichnishaft für eine geringe oder trügerische hoffnung: die gantz welt ... hat einen strohalm erwischet, der würt sie wol erhalten, so sie über meer ins gelobt land schwimmen sol, das sie nit ertrincken möge S. Franck
sprichw. (1541) 1, 93
a; wenn man versinken will, hascht man begierig auch nach dem strohhalm, der doch niemanden retten kann J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 36; es war ... im hohen grade schwierig unter den vielen strohhalmen, an die man etwa sich anklammern konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am längsten über wasser halten würde Mommsen
röm. gesch. 3 (1866) 417; die die entfernteren ursachen sind, ... dass man sich an jeden strohhalm halten muss, um in der fluth der politischen und staatlichen apathie nicht umzukommen Gervinus in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 78.
ohne deutliche beziehung auf einen ertrinkenden: es ist seine einzige hoffnung! jede andre, an die er sich halten wollte, wäre strohhalm Klopstock
s. w. (1823) 9, 255; die lage war so kritisch, dasz das verzweifelnde gefühl nach jedem strohhalme griff Immermann
w. 18, 202
Hempel; dein vater ... klammerte ... sich an den strohhalm einer erinnerung L. v. François
Reckenburgerin (1871) 2, 234. 3@ee)
bildlich in anlehnung an die verwendung als trinkröhrchen (
s. o. 1): der schmied hätte gern den triumph mit dem strohhalm ausgetrunken O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 23. 44)
als tiername: bulla terebellum der strohhalm, seehalm;
pfeilschnecken Nemnich
wb. d. naturg. (1796) 581; Campe 4 (1810) 717.