sträuszen,
strauszen,
vb. ,
sträuben, (
sich)
aufrichten, sich (
gegen jemanden)
erheben. mhd. striuzen (Lexer 2, 1245);
zur etymologie und verwandtschaft s. oben unter 2strausz,
sp. 1005.
das wort tritt mhd. vereinzelt auf, bleibt jedoch auf den oberdeutschen, bes. den alemannischen raum beschränkt und verliert sich nach dem 16.
jh. fast gänzlich aus der schriftsprache. in den alem. maa. dagegen hält sich das wort bis in die neueste zeit, vgl. schweiz. id. 11, 2377; Follmann
dt.-lothr. 508
b; Martin-Lienhart
els. 2, 636
a; Fischer
schwäb. 5, 1836.
bereits mhd. schwankt der stammvokal zwischen -ü-
und -iu-,
denen nhd. -au-
und -äu- (-eu-)
entsprechen, so dasz als grundform einerseits ein -jan-
vb., andrerseits ein -on-
oder -ēn-
vb. vermutet werden kann (
vgl. schweiz. id. 11, 2382),
ohne dasz jedoch eine bedeutungsdifferenz erkennbar wäre, vgl. die ähnlichen verhältnisse bei sträuben (
ob. sp. 943). Keisersberg, Boner, Fischart
u. a. gebrauchen beide formen gleichbedeutend nebeneinander. die wenigen nicht-obd. belege neigen zur umlautlosen form (
livl. reimchronik, Luther, Steinbach, Zschokke),
was möglicherweise auf den einflusz des substantivs strausz
zurückzuführen ist. bedeutung und gebrauch. ausgangspunkt der bedeutung wird das sträuben, spreizen, aufrichten des tierkleides, bes. der federn, haare u. dgl. sein, ebenso das sich erheben bzw. aufrichten der tiere im zorn (1).
zwar ist dieser konkrete gebrauch erst wesentlich später zu belegen, als die bedeutung '
sich (
gegen jemanden)
erheben, sich sträuben' (2),
jedoch wird eine solche abfolge durch die entsprechende und besser bezeugte entwicklung von sträuben (
sp. 943)
wahrscheinlich gemacht, vgl. dazu die auffassung des wortes in den hist. wbb.: horrere sich streüssen wie die zornigen thier Frisius
dict. (1556) 634
a; Aler
dict. (1727) 2, 1853
a;
cornua tollere in aliquem sich gegen eim streüssen, jm einen widerstand zethuon Frisius
dict. 1313
b; Maaler
teutsch spraach (1691) 392
c; sich strauszen
cristas erigere, obniti, reniti, erigi in aliquem Aler
dict. 2, 1848
b. 11) '
straubig machen'
meist vom tierkleid; federn, haare, borsten, stacheln aufrichten, sträuben, transitiv und reflexiv: bey dem schnabel (
des hähers) streüssend sich etliche schwartze fäderen hinder sich vnder die augen Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 13
b; die haar der genannten haut (
des meerkalbs) söllend ein wunderbarlichen anmut haben gegen dem meer, namlich in welchem ort oder end sölche haut oder gürtel von sölcher haut getragen, söllend die haar zur zeyt desz vngewitters, ungestüme vnnd bewegnusz desz meers oder sunst so es anflieszt sich aufrichten, streüssen Forer
Gesners fischb. (1563) 103
a; doch soll sie es (
das haar) auch nit verwirrt und ungesträlet haben, oder von schupen des haupts, über sich streussend Chr. Bruno
de instit. christ. (1566) 20
b; so wie ein gockelhan mit aufgereckter krone sein schaugerüst besteigt, und auf dem waichen trohne die flügel munter straüszt, den stolzen hals erhebt Drollinger
ged. (1743) 104: luag wia dam hana d'fädara schi strüsza
guck wie die federn dieses hahns sich sträuben Bühler
Davos 1, 147.
oft bei drohender gefahr und daher teilweise verbunden mit der bedeutung des sich-auflehnens, sichwidersetzens (
s. u. 2);
iubae gallinaceorum die streüszle oder halszfäderen an hanen, die sy im zorn streussend Frisius
dict. (1556) 739
a; ein igel läszt sich nicht anrühren, er strusset sein bürsten Keisersberg
bei Campe 4, 699
a; vnd so einer jm (
dem hahn) oder seiner hennen nahet, streüszt er seine fäderen Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 103
b; sölche spitz sind gantz scharpff vnd fest, welche sy (
die stichlinge) in der forcht aufrichtend oder strüssend sich vor gefaar zebewaren Forer
Gesners fischb. (1563) 160
a; wann der parsz angegriffen wird, so streusset er sich und sticht mit seinen stachlichten borsten
fischbüchl. (
ca. 1660) 64.
übertragen auf bewegtes wasser: die Limmat, welche her entspringt vom Märchberg, der Vri vmringt, ... die wolt sich erstlich etwas straussen, erzeygt sich wild mit rauschen, praussen (1577) Fischart
glückhaft schiff 9
ndr. bildlich: so soll kein wunder sein, wann die gescheiden vnd kriegsuerständigen hirschen vmb Rheggio die Gallos, das ist die hanen, so jhre kammen gestreuszt, vberwunden haben. (
er) gab hiemit zuuerstehn, das die Frantzosen mehr durch kriegslist dann gewalt ausz Apulia vnnd Calabria vertrieben weren Wurstisen
Paulj Ämilij hist. (1572) 2, 98.
in diesem konkreten sinne '(
sich)
aufstellen, aufrichten'
reich bezeugt in schweizerdt. ma. und literatur, vgl. dazu die reichhaltige belegsammlung des schweiz. id. 11, 2377
ff. 22)
sich erheben, hervortun; aus allgemeiner zurückhaltung heraustreten; eine aufrechte haltung behaupten. 2@aa)
sich anmaszend erheben; hochfahrend sein, sich grosz tun, prahlen: swelch man wirt âne muot ze rich, wil er ze sêre striuzen sich ûf sîne rîchheit, sô wirt er ze hêre Walther v.
d. Vogelweide 81, 24; waist nit, wan sich der frosch will sträussen gen dem ochsen, mus er zerreissen? (1577) Fischart
glückh. schiff 46
ndr.; wie heut manch adelstoltzer thut, der nicht meynt, das er sei vom adel, er sträusz sich dann wie eyn geyszwadel
ders., w. 1, 272
Hauffen; alsdan werden sie das fenster zuthun, wan der adler (
hier als symbol des glücks) von ihn wird weg sein geflogen, der so schöne federn trug, darmite sie sich streuseten (16.
jh.) Simon Hüttel
chron. d. st. Trautenau 120
Schles. —
sich herausfordernd gebärden: ja soll man ainem schänder schweigen vnd jn der schand nicht vberzeugen? nain: sonder man soll solchen plaudrern den pläuel vm den kopf wol schlaudern, vnd jnen mit dem kolben lausen, damit sie sich so häftig strausen: ja den schändern sol man jr schänden selbs in jr aignen busen wenden (1577) Fischart
glückh. schiff 38
ndr.; vnd jr Suiter, die hieaussen euch wöllet also dapfer straussen, was könnet jr für seltzam wunder?
ders., s. dicht. 1, 68
Kurz. im sprichwort: sich mit etwas straussen (
sich damit breit machen) wie sieben eier in einem krättlein Wander
sprichw.-lex. 4, 898; du straussest dich ... mit deiner unschuld wie sieben eier in einem krättlein Zschokke
ausgew. schr. (1824) 28, 70.
noch in alem. maa.: strussen '
sich spreizen, stolzieren, den kopf hoch tragen, sich in die brust werfen'
schweiz. id. 11, 2380.
verbunden mit dem gedanken an das aufgerichtete federkleid der vögel (
s. o. 1): Babi strüszte sich fast wie ein huhn, das sich seinem feinde gegenüber breit machen möchte J. Gotthelf
in: schweiz. id. a. a. o.; ich sträuszte mich in dem neuen gewande und mit der silbernen sackuhr wie ein güggel
ebda. wohl auch hierher (
und kaum als ableitung, höchstens als sekundäre anlehnung an strus '
struthio'
aufzufassen): strusse
n stolz vorübergehen Martin-Lienhart
elsäss. 2, 636
a. 2@bb)
sich (
übermütig oder abwehrend)
erheben. —
besonders im religiösen bereich, sich (
übermütig)
auflehnen gegen gott, die glaubenslehre oder deren vertreter: der alleine in siner hant erde vnde himel lant gewalteclich besluzit, gein dem sich menger struzit im selben ze grozim vnheile Hugo v. Langenstein
Martina 173, 24
Keller; (
ähnlich, bei bildlicher aufnahme der verbindung seinen kamm sträuszen [
vgl. o. 1]: der mensche sinen camp gen sinen herren striuzit vnd sich dem ebin hiuzit, der in geschuof vz miste
ebda 120, 73); die leütt streüssend sich wider gaistlichait Keisersberg
pred. teutsch (1508) 102
d; so bald der her der sünden kumpt mit seiner anfechtung, so strüssen wir vnsz wider got vnd hangen dem forigen herren an Pauli
schimpf u. ernst 258
Öst.; ich (
gott) hab süne hochgemacht und hab sie erneret, aber sie haben sich wider mich gestreiszt Hätzer
prophet Maleachi (1526) B 1
a; streusze dich nicht, sonder förcht gott, wann er dir winckt, er treibt kein spot (
nach: scit conniuere deus, ergo deum reuerere)
loci communes proverbiales (1572) 167.
allgemeiner, (
sich)
gegen jemanden (
etwas)
stellen oder vorgehen: sie (
die mönche) fatzten und plagten ine (
den abt) ires gefallens, und da er nit gleich der schnur nach, wie es iren gelegenhait, handlete, so trawten sie im und streusten sich
Zimm. chron. 22, 538
Barack; (
ein tugendhafter mensch) strauszet sich wider niemans, den er echter von ambtes wegen noch dem vrteil seiner rechten vernunfft nit billichen widerstan sol Keisersberg
seelenparadisz (1510) 98
c; er meynt, wenn sye jn selbs horten, als er vnd die diener jn gehört hatten vnd gefangen worent worden, also würden ouch villicht sye gefangen von seinen worten vnd würden abston von irem vnwillen, nyd vnd hassz, den sye gegen jm hatten entpfangen, vnnd wurdent dannenthyn sich nymme wider jn strüsszen
ders., postill (1522) 2, 110
b; dess hat sich niemands gestrüsst, sind all dess zufriden gsin (
qu. v. 1529)
bei Fischer
schwäb. 5, 1836; (
gegen die deutsche ausgabe der Terenzschen schriften) werden sich onzweiffel auch etliche vngelerte verwänte theologi streüssen Boltz
Terenz (1539) A 3
a; die sich gegen profoszen vnnd seine diener muhtwillig straussen vnd nicht gehorsam Kirchhof
milit. discipl. (1602) 66.
sich sträuben in tätiger auflehnung (
auch in bewaffnetem aufstand),
sich empören: in dem lande ubir al irhûb sich ein michel schal. Lettowen und Rûzen begunden sich ûf strûzen
livländ. reimchron. 286
Meyer; von Darbete bischof Herman bie den zîten began zeisen mit den Rûzen. die wolden sich ûf strûzen kegen dem cristentûme als ê
ebda 2072: es wolt aber dem Johanni Auiens sein mutter zu lang leben, die beider lender regiment inhatt, darumb strauszt er sich wider sie S. Münster
cosmogr. (1550) 152; dasz man sich wider die Römer streuszt vnd für die traute freyheit streit vnn kein frembds römisch joch nicht leid Fischart
s. dicht. 3, 347
Kurz; als wann niemandt jemals wider den keyser sich gestreusset hette, als etliche der euangelischen fürsten Nigrinus
papist. inquis. (1582) 300. —
sich sträuben, aufbegehren, sich zur wehr setzen: ich wollte daz sich kunst mit unkunst solte bîzen als der wolf und ir daz rehte danne beholf wære, swâ sie sich striuzet
meisterlieder d. Kolmarer hs. 482
Bartsch; (
er) war übel zufriden, iedoch muszt ers ain gute sach sein lassen, dorft sich nit darwider streiszen
Zimm. chron. 23, 352
Bar.; den schmertzen aber verzert die zeit, ob er schon vast hefftig vnd widerspennig ist, vnd gegen aller artzney sich streüszt Mich. Herr
sittl. zuchtbücher (1536) 226
a; also zeucht ein wilds schwein die strick oder seil ye herter zu, ye meer es sich darinn walgert vnd streüszt
ebda 169
a; was anderen thieren schaden thut, das sollen sie (
die hähne) nicht fliehen, sonder sich dapffer dargegen streussen, vnd von den hennen abtreiben
ders., d. feldbau (1551) 176
b; du must dich aber auch mit gantzem ernst wider des bawren son streüssen, wann er dich dann understat zu überrafflen, will ich im warlich sein balg dermasz einmal erzausen, er sol sein tag an mich gedencken Wickram
w. 2, 24
lit. ver.; da nun Pelopidas wol merckt, dasz der feinde heerspitze noch nicht in die flucht gebracht, sondern sich noch gegen den seinen sträuszten, da war er desz nicht wenig bekümmert Xylander
Plutarch (1580) 110
a; ist es seins fugs, so isset er (
der magen) ein kranckheit sauber hinweg, wo nit, so streust er sich Paracelsus
opera (1616) 1, 538
Huser; darumb so bedencket, mit was gewalt die natur sich wider den todt streiszt, das sie zu hilff nimpt himmel vnd erden und all jr krefft vnd tugent
ebda 43;
noch heute in der schweiz. ma.: strüszsæ
mit dem tode kämpfen Clausz
ma. v. Uri 166.
nur vereinzelt unpersönlich, '
etwas erhebt sich': wa sich vneinigkeit strauszt, da wird zu eng das hausz Fischart
Garg. 88
ndr.; Simrock
dt. sprichw. 578. 2@cc) (
heftig)
gegen jmdn. oder etwas vorgehen, meist als handlung des affekts; jmdn. hart anfahren: (
er) strausset ... hart mit der magd Riccius
Terenz (1586) 413.
zornig auffahren (
vgl. sich vor zorn streüssen Frisius
dict. [1556] 699
a s. v. inhorrere): die zwen sich gegen ihm streussten und sprachen: 'warum wiltu es nicht thun? warlich, du musts thun; oder wir wöllen dir dein haut beren oder vileicht gar zu todt schlagen' Montanus
schwankb. 365
Bolte. in der schweiz. ma. noch in neuester zeit belegt: schi heina lang gaträtzt, abar dua hed ar schi rächt g'strüszt
sie haben ihn lange geärgert, da aber ist er zornig aufgefahren Bühler
Davos 1, 147.
gegeneinander angehen, sich gegeneinander auflehnen, sich streiten, balgen, miteinander kämpfen (
wohl in unmittelbarer anlehnung an 2strausz 2): die aber jn dermasz vertriben, haben sich auch demnach selbs gegeneinander gestrauszt vnd jr vorig gezenck zuernewern Boner
Herodot (1535) 13
a; nu sehen wir das, ob sie (
die frauen Jakobs) wol sich gestrausszt haben, haben sie daneben dennoch iren Jacob nicht verlorenn Luther 9, 554
W.; här, här, ich musz mich mit jm streüssen! H. R. Manuel
d. weinspiel 2802
ndr.; ich strausze
altercor Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 737.
mundartlich im alem. raum: strûsza
streiten, wortwechsel führen Tobler
Appenzell (1837) 416
b; sträuszen
mit groszem wortaufwand keifen und zanken Stalder 2, 407;
schweiz. id. 11, 2381; strüssen
streiten, kämpfen Martin-Lienhart
elsäss. 2, 636
a; strussen
sich balgen Follmann
dt.-lothr. 508
b.