Wossidia
Stillenfridag m. Karfreitag 1. Verlauf des Tages, Bräuche; die Benennung Stillenfridag für diesen Feiertag betont seinen, sich aus der kirchlichen Bedeutung ergebenden, besonderen Charakter; während
Ostern, Pingsten und Wihnachten Feste sind, an denen Fröhlichkeit herrscht, wird dieser Tag still begangen; die Arbeit muß ruhen; von frühen Verstößen gegen dies Gebot wird berichtet: 'des Charfreytags wegen hatte man vorhero (vor 1563) ... öfters deliberiret, wie man doch selbigen ganz, wie einen Sontag feyren möchte, welches man aber nicht hatte erhalten können, indem die Handwerksleute immer bey ihrer Arbeit geblieben. Da hat man aber in eben diesem Jahr im Ministerio sich vereiniget, ... so wohl die Obrigkeit als Bürger von allen Kanzeln ... zu ermahnen, daß sie diesen Tag doch möchten mit Hintansetzung aller sonst täglichen und ordentlichen Geschäfte und Arbeit heilig halten ... Welches denn auch so viel gewürket ... Daher solcher Tag noch bis dato ganz gefeyret wird' D. Schrö
d. Kirchenhist. 2, 400; Arbeitsruhe nur an diesem Tag wird bezeugt: bloß an Stillenfridag stünn de Glashütt still (1929) Ro; daher die Rda. dee (der kein Vermögen hat) nimmt Johanni un Antoni (
d. h. an den Zinszahlterminen) gaut soväl in as de Kopmann Stillenfridag WaWaren@KraaseKraase. Auch im häuslichen Leben ging es still zu: Wo. in Mecklenburg Heimatbuch 203; ick wir 'n wilden Rüter (
vgl. Rüter 3,
Bd. 5, 1110) as Kind, œwer Stillenfridag wir ick so still un sachten as tau denken is LuLudwigslust@EldenaEld; Frauen durften keine Näharbeit verrichten,
vgl. unt. 2 a; Kartenspiele waren verboten Mecklenburg Heimatbuch 203; doch wird vereinzelt von Ballspielen berichtet SchöSchönberg@SchlagsdorfSchlagsd; Stillenfridag würd' Ballsœg' späält StaStargard@LeussowLeuss; dies war eigentlich ein Osterbrauch,
vgl. Ostern 2 (
Bd. 5, 225). Stillenfridag sollte selbst das Vieh an der Ruhe teilhaben: 'ein Bauer in Wendischhagen (MaMalchin@WendischhagenWend) litt nicht, daß am Karfreitag seine Pferde aus dem Stalle kamen' Mecklenburg Heimatbuch 203. Der Trauer des Tages entsprach die alte Sitte im Bereich der Rehnaer Tracht, daß die Bauernfrauen beim Kirchgang Trauertracht 'in der Form, wie sie für die tiefste Trauer vorgeschrieben war', anlegten ebda; Stillenfridag weinten dei Frugens in dei Kirch, wenn dei Klocken klüngen WiWismar@NeuklosterNKlost; nach altem Seemannsbrauch flaggten die im Hafen liegenden Schiffe Stillenfridag halbmast: Wo. Seem. 2, 35. Das alte kirchliche Gebot zu fasten wurde noch in unterschiedlicher Strenge eingehalten: Stillenfridag würd' kein Fleisch äten, denn müßten wi Kinner Fisch halen von 'n Fischer in Seedörp (MaMalchin@SeedorfSeed) WaWaren@LuplowLup; Stillenfridag würd' kein Fleisch äten, bäten Brot un dor Water tau Wi@ Martensdorf; Stillenfridag dörften wi keen Füer anmaken in de Kirchtit StaStargard@StrasenStras. 2. Niederschlag abergläubischer Vorstellungen in Bericht und Sage a. jem., der trotz Verbots Stillenfridag arbeitet, soll schwere Strafe treffen: wenn eine Frau näht, kriggt se 'n Ümlop (Eitergeschwulst) uppe Finger StaStargard@StarsowStars; ein beim Nähen verwundeter Finger heilt das ganze Jahr nicht PaParchim@BurowBur; wenn man Stillenfridag neigt, sall 'n dat jung' Veih dei Ogen utstäken GüGüstrow@WattmannshagenWattm; wer up 'n Stillenfridag neiht, denn' ward de Koh hinken RoRostock@DändorfDänd; dem schlägt ein Blitz Nadel und Zeug aus der Hand Niend; ein Fru hett Stillenfridag spunnen, dei is tau Stein worden PaParchim@GarwitzGarw; ...,
dei sitt in dei Sünn Wi Wismar@FriedrichshofFriedr; wenn man stopft, verstopft man die Hühner, daß sie keine Eier legen Wa Waren@SchwarzSchwarz; een Fru hett ne Kluck sett't, dee (Küken)
sünd all' blind wäst StaStargard@NeubrandenburgNBrand; wer Schuhe geputzt hat, 'wird von Ottern und Nattern gebissen' Bartsch 2, 258; Flußfischer hebben bloß Poggen un Äwditzen fungen HaHagenow@ZührZühr; Stillenfridag hett ein Mann 'n Duurnbusch afhaugt, dei sitt in 'n Maand WiWismar@FriedrichshofFriedr; ... hett ... Bessen bunnen, ... LuLudwigslust@KarenzKar; über die Sage vom ewigen Aalblüser
s. Bd. 1, 5; vom Fleegen Hollanner
Bd. 3, 762; zu Kartenspielern gesellt sich der Teufel Mecklenburg Heimatbuch 203; Strafen bei lautem, ausgelassenem Wesen: Stillenfridag sünd Lüd' tau Holt gahn mit ne Handharmonika, dor is dei Drak kamen un hett sei tau Hus bröcht WiWismar@Groß TessinGTess; die sagenhafte Stadt Ramm ist untergegangen, weil dort Stillenfridag Bullenstöten gefeiert worden war LuLudwigslust@LaupinLaup. Wer das Fastengebot bricht, dem kommen Maden in das Fleisch, wat hei inslacht't hett Polz; ..., denn' sall dat Ungeziefer so dull pisacken GüGüstrow@DolgenDolg; Bartsch 2, 259. Selbst Tiere müssen Strafe erleiden: nach der Sage hett dei Swœlk Stillenfridag nich raugen wullt, dorvon hett sei stiw Bein un möt sick in dei Luft ernähren MaMalchin@LuplowLupl. b. die Natur selbst soll am Trauern teilnehmen: de
Nacht up Stillenfridag, nachts Klock twölf, ward alles Water to Blot SchwSchwerin@Klein WelzinKWelz; Stillenfridag geiht de Sünn nich ornlich up ..., dat is ümmer dämmerig un häbenschattig Mecklenburg Heimatbuch 203; HaHagenow@Probst JesarPJes; wenn man Stillenfridag 'n Höwt Veh slacht't, dat starwt nich, dat möt so vermaddeln StaStargard@Alt StrelitzAStrel; die große Kirchenglocke gibt vor dem Läuten einen ächzenden Ton HaHagenow@RedefinRed. c. dem Karfreitag werden besondere, magische Kräfte zugeschrieben; sie machen in der Still'fridagnacht vorgenommene Zauberhandlungen unwirksam Mecklenburg Heimatbuch 203; wer Stillenfridag ünner de Prädigt geburen is, kann wat (Gespenster)
seihn RoRostock@LichtenhagenLicht; Kinner sœlen nich drei Stillenfridag' an dei Bost liggen (nicht während eines Zeitraums, der drei Karfreitage umfaßt, gestillt werden), sonst können sie Geister sehen Wi Wismar@RobertsdorfRob; sonst bekommen sie den bösen Blick
(bös' Ogen) Bartsch 2, 54. Man kann sich die magischen Kräfte zunutze machen: Kinder, die man an diesem Tag das erste Mal mit in die Kirche nimmt, werden klug 259; wenn man sick Stillenfridagnacht wascht, sall 'n wat seihn kœnen Schö Schönberg@Hohen SchönbergHSchönb; mit einem Stillenfridag gelegten Ei in der Tasche kann man Hexen erkennen WiWismar@Alt BukowABuk; wer in der Karfreitagnacht nach einer an einen Baum genagelten Oblate schießt, wird ein Freischütz StaStargard@WulkenzinWulk; an diesem Tage kann man sich Hilfsmittel zu Abwehr- und Heilzauber beschaffen: ein in der Karfreitagnacht geschnittener Kreuzdornstab hält Gespenster fern Bartsch 2, 258; an diesem Tag vor Sonnenaufgang gebrochene Erlenzweige, zu Kränzen geflochten, schützen vor Feuersgefahr 356; ... geschnittene Wünschelruten heilen alle Krankheiten und helfen beim Auffinden von Schätzen 258; ein Stillenfridag geschnittenes Stück vom Spillbom soll gegen Blutung helfen Wi; Stillenfridag möt man Bifaut afströpen, den Pferden ins Futter gestreut, schützt er sie vor Seuche WaWaren@SchwarzSchwarz; Abwehr- und Heilzauber durch magische Handlungen: Stillenfridag dat Hoor düchtig utkämmen, œwer to Wihnachten un de annern Festdag' sick nich kämmen, hilft gegen
Koppwehdag' StaStargard@Alt StrelitzAStrel; alle Nägel œwer Krüz, erst die rechten Fingernägel, dann die linken Zehennägel usw., sniden und das Abgeschnittene unterm Obstbaum eingraben hilft gegen Zahnweh Wi; Stillenfridag möt man dei Kauh ne widen Wäd' üm 'n Hals tüdern, denn gahn dei Lüs' dot Ha Hagenow@LankLank; ... dei Immenbräd' reinmaken un den Dust vör dei Flucht utstreuen, denn fleigen
kein Swarms weg GüGüstrow@BraunsbergBraunsb.
d. am Karfreitag und in der folgenden Nacht, der swart Nacht (
vgl. Nacht 5,
Bd. 5, 7), z. T. auch noch in der Osternacht, sollen sich viele Gespenster zeigen: de Nachten von Stillenfridag bet Ostern sünd de swarten Nachten, denn wankt alles (Gespenster), Ostermorgen möt jeder wedder up sinen Platz sin WaWaren@JabelJab; Stillenfridag jag't de Helljäger HaHagenow@BoizenburgBoiz; ... erscheint in der Kirche zu RoRostock@DoberanDob der Mönkenkönig,
s. Altoordeck (
Bd. 1, 269); ... zeigt sich die weiße Dame beim Schloßberg StaStargard@WeisdinWeisd; ... kümmt ne Dam mit ne gollen Dracht ut den lütten See SchöSchönberg@GutowGut; ... sall ne Fru sitten un waschen in dei Heid' bi Müggenburg RoRostock@MarkgrafenheideMarkgr; gespenstische Tiere: Stillenfridag is de Hingst rutkamen ut 'n Walkendörper (MaMalchin@WalkendorfWalk) See RoRostock@TessinTess; ... hebben weck fischt in Warnmünn' (RoRostock@WarnemündeWarn), dor is 'n swart Pierd in de Wad' wäst Kühl; ... sall up de Düwelskul in Rostock 'n Swan to seihn sin; ... erscheint eine goldene Wiege in SchwCambs; RoRostock@IvendorfIv; ... sehen Holzdiebe in der Rostocker Heide gespenstische Lichter Völksh; ... hört man Kirchenglocken in der Kühlung Kröp; im Faulen See Schw; im Schwarzen See GüGüstrow@SchlemminSchlemm. e. das Wetter des Karfreitags soll für die Ernte des Jahres Vorbedeutung haben: regnet es, 'so geht die dritte Pflanze vom Acker' (RoRostock@RibnitzRibn) Bartsch 2, 259; wenn 't Stillenfridag rägent, dorœwer kann 'n Kind in de Weig' roren SchöSchönberg@CordshagenCordsh; aber es gibt auch die entgegengesetzte Meinung: rägent dat Stillenfridag, gifft 't 'n gauden Aust Pa. — Mnd. stillevrîdach, flekt. an deme stillenvrîdage. — Kü. 3, 280; Me. 4, 852.