städtchen,
n.,
demin. zu stadt,
f., vgl. auch unten städtlein.
zumeist ohne jenen mehr spöttischen beisinn von kleinstadt
theil 5
sp. 1131.
in rein niederd. form: he (
markgraf Friedrich von Brandenburg) wan ok de Lokenitz
[] und dat stedeken to dem Ban und lach bi 6 weken in dem lande unbekummert.
d. städtechron. 7, 412, 2;
im älteren niederl. entsprechend: Oldenborgh, een stedeken tusschen Brugge en Oostende. Joan van de Sande
de waeckende leeuw der Nederlanden (1651) 96;
heute stadje. Mieg 313
a, steedje 314
b.
niederrhein.: in älterer sprache steitgen, steitgin: Karlle reit da van danne mit menchem stoltzen manne zo eynem steytgen zo, dat heysche Legymedo.
Karlmeinet 335, 25; der keyser bleiff in dem steytgin mit alle den luden sin. 45.
daneben steetgen: Moran (
Meran) is ein klein fijn steetgen, licht in eime schoinen dalle. Harf
pilgerf. 8, 6.
vgl.: ein stättgen mit einer mawer das hülffe gibt,
oppidum. Corvinus 449
b; sondern ich bringe sie (
die geisz) aus dem stätegen unten im thal, welches ich eben gegen dem herrn nicht nennen darff.
Simplicissimus 2, 36, 11
Kurz; anstatt mir wieder so kalt zu antworten wie ich gefragt habe, würde man ... [mich] den atheist
κατ' ἐξοχὴν im städtgen heiszen. Lichtenberg
aphorismen 1, 131, 21
Leitzmann. heute gewöhnliche schreibung: städtchen,
entspr. mhd. stetichîn
in einer Orlamünder urkunde von 1344
bei Lexer
mhd. wb. 2, 1185;
noch stedichin,
oppidum. Diefenbach 397
b;
dann: städtchen,
città ò terra murata si mà picciola; borgo, castello. Kramer
dict. 2 (1702) 902
b, städtchen,
oppidulum. Steinbach 2, 655; denn unsere volkslieder (
im gegensatz zu den älteren rechten volksliedern) sind oft voll von einer mythologie, die niemand im städtchen kennt, als der narr, der das volkslied gemacht hat. Lichtenberg
verm. schr. 1, 303; sie (
die räuber) hielten kriegsrat, glaubten die gegend um das städtchen Zofingen am sichersten, indem man dort am wenigsten sie suche. Gotthelf
Kurt v. Koppigen 34; der gröszte theil (
der zuschauer und schauspieler) wogte wie eine völkerwanderung nach dem städtchen. Keller 1, 374; die freunde traten an das fenster und schauten von der höhe ... auf das städtchen im thale und auf die baumreihe dahinter. Freytag 6, 65; im übrigen lebte das städtchen geschichtslos fort und der stadtschreiber betheuerte, man wisse hier nichts von der alten zeit und kümmere sich gar nicht darum. 149; das städtchen liegt im thalgrund, und die höhen ringsum sind ödes heideland. Riehl
nov. 1, 14; noch lange war und blieb im freien alles für mich gegenwart, und erst nach und nach wurde drinnen im städtchen alles zukunft, sorgenvolle, angstvolle, nebelige zukunft. Raabe
zum wilden mann 25; die heil'gen drei könige aus Morgenland, sie frugen in jedem städtchen: wo geht der weg nach Bethlehem ihr lieben buben und mädchen? Heine 1, 112
Elster; auf den bergen die burgen, im thale die Saale, die mädchen im städtchen, einst alles wie heut'!
studentenlied von L. Dreves.
hierher auch das sprichwort: andere städtchen, andere mädchen. Simrock 9801
a,
häufig so oder ähnlich in volks- und studentenweisen wiedererscheinend: andre städtchen kommen freilich, andre mädchen zu gesicht. ach wohl sind es andre mädchen, doch die eine ist es nicht.
studentenlied von Ulr. v. Schlippenbach (
nun leb wohl du kleine gasse); andre städtchen, andre mädchen, ich da mitten drin so stumm, andre mädchen, andre städtchen, o wie gerne kehrt ich um.
ebenda. als kennzeichnung des für den wandernden burschen bestehenden wechsels aller verhältnisse. mit weiterem zusatze: die landschaft sah durchweg aus wie andere deutsche landschaften, der ort durchweg wie andere arme städtchen. Freytag 6, 42. dem zierlichsten und reinsten städtchen von der welt, das mit himmelblauseidenem himmel unterlegt ist, mit silbernen wellen garnirt und mit blühenden feldern von hiazynthen und tausendschönchen gestickt. Bettine 214. in ein freundlich städtchen tret' ich ein, in den straszen liegt roter abendschein. Mörike
ged. 136.
[] zum unterschied und im gegensatz von stadt: in der mitte von zwei herzoglichen hof-residenzen, ... liegt, gleichweit von beiden, ein städtchen zwischen den städten, das ursach nicht hat, neidisch auf eine zu sein. Rückert (1882) 12, 343; denn wenn irgend was hohes, bedeutendes nimmt von der einen stadt zur andern den weg, musz es das städtchen hindurch. und wenn irgend was schönes und festliches soll in der einen oder der andern gescheh'n, hört es das städtchen denn auch und kann geh'n zu der stadt.
ebenda; doch eigentümlich im städtchen sind vorzüge daheim, welche nicht geh'n zu der stadt. preisen will ich hier nicht die behaglichkeit oder die stille oder die freiere luft, oder den freieren sinn; sondern die fluren umher, die fruchtbaren, die es umgeben, sind der eigenste schatz, den es besitzt und benutzt. 344;
auch sonst neben stadt: wenn er (
der tambourmajor) mit trommelwirbelschall einzog in städten und städtchen. Heine 1, 305
Elster. übertragen auf die darin lebende bevölkerung: das ganze städtchen, ihr gnaden, kommt angezogen im sonntagsschmuck, und mit klingendem spiel, und hält unten vor dem schlosz. Schiller 6, 293 (
menschenfeind 5); so gewann das städtchen doch wieder das ansehen einer einzigen familie. Keller 374; (
der zur theologie neigende) wandle die wege des heils, vom hofmeister beginnend, durch dorfliche predigerämter, bis superintendent irgend ein städtchen ihn grüszt. Rückert (1882) 12, 343.
dazu gebildet städtchenleute, plur. einwohner eines städtchens, harmloser als das deshalb nicht ganz synonyme kleinstädter,
theil 5
sp. 1131: dr. Sievers kann sich gar nicht zufrieden geben über das gebahren der sonst gewisz ganz ruhigen städtchenleute, während ich mich freue, dasz es überhaupt noch menschen giebt, die der begeisterung fähig sind. Hoffmann von Fallersleben
leben 3, 382.