Stabaus m.: 1. Frühlingsfest zu Lätare (dritter Sonntag vor Ostern), das mit Umzug gefeiert wird,
Stabaus, Stawaus (ˈšdāb̩aus, ˈšdāw̩aus) [mancherorts östl. Pf nördl. Lu'haf Frankth bis Nierstein in Rheinhessen]; südl. dieses Gebietes gilt die Bezeichnung
Sommertag; zu den einzelnen Brauchtumselementen und für weiterführende Literatur
s. Sommertag;
vgl. ausstauben. Volksbr.: An Lätare wird ein Strohmann verbrannt, das nennt man St. [FR-Battbg Kl'karlb N'lein Saush NW-Haßl Neustdt BZ-Sarnst]. In FR-Grünstdt gehen die Kinder vor die Häuser und singen:
Stab aus! Stab aus! Dem Winter gehn die Aage aus! Ho! Ho! Ho! Der Sommer, der is do! [FR-Grünstdt (Carl Pfalz im Jahr 82)]. »Trotz der großen wirtschaftlichen Not wollte man den Kindern am Sonntag die Freude des Sommertagszuges nicht vorenthalten. Nach Beendigung des Zuges wurde auf dem freien Platz der sog. Haufröste (sic!) der Winter verbrannt, worauf der 1. Bürgermeister eine Ansprache hielt und allen, die mitgeholfen, dankte. ... Am Schluß der Feier erhielten die Kinder Brezeln« [LU-Muttstdt (PfPr. 10. 3. 1932)]. »Nachdem die Schuljugend das nötige Stroh und Holz gesammelt hatte, banden die Älteren ihren Strohmann, der dann in der üblichen Weise unter Stabausrufen und Gesang zur Richtstätte transportiert und hier nach alter Überlieferung und Absingen vaterländischer Lieder verbrannt wurde« [FR-N'lein (PfPr. 10. 3. 1932), Battbg Hettldh Kl'karlb N'lein Saush NW-Haßl Neustdt BZ-Sarnst]. VR.:
Stawaus, Stawaus! / 'm Winter gehn die Aage aus, / Summerkraut, Winterkraut, / hupst de Fuchs ins Hinkelhaus, / sauft all die Eier aus. / Ri, ra, ro, / de Summerdaag is do! [FR-Ebertsh (Carl Pfalz im Jahr 97)].
Stab aus, Stab aus! 'm Winder geh'n die Aage aus. Veilche in de Blume gibt's en gude Summer. Summerkraut, Winderkraut, steigt de Fuchs in's Hinkelshaus, holt drei Eier raus; mer ens, der ens un 'm anner aach ens [NW-Deidh (Wilde 168)].
Stab aus! Stab aus! Stech im Winter die Aache aus! [Bergz (Kamm 104)].
Stab aus! Stab aus! / 'm Winter geh'n die Aege aus! / Die Blodde wie die Blinne, / De Quack, denne wolle merr schinne. / Ri, ra, ro! Heut' über's Johr / Do simmer werre do! [Sickinger Höhe (Wilde 72)].
Steinmaus, Steinmaus, / Im Winter gehn die Härcher aus. / Feierrote Blume, De Sunne-Brezel-Gille-Wei / Morge muß gut Wetter sei! [Theo Geiger in: PfRh. 15. 2. 1935 S. 86/87 und weitere Var. aus der SPf].
Stabaus, Stabaus, im Winder fallen die Aage aus. Fallen se im Summer, do gibts schene Blumme. Brezelwei, Kichelwei, schenk mer hinnerm Owe ei. Mei Mudder hot e schwarzi Kuh un aber kenn weiße Melkküwel dezu [LU-Ruchh]. Var.: ...
mei Vadder hot e weiße Kuh un gibt schwarze Milch dezu [LU-Ruchh]; ...
höre Schlüssel klinge wenn ebes bringe. Was dann, was dann? Beerewei, rore Wei. Riraro, de Summerdag is do [LU-Ruchh]; Var.
s. First 1. — 2. Brauchtum zum Abschluß der Kartoffelernte. VR.:
Staab aus, Staab aus, Rebveltens (oder anderer Hausname)
han die Grumbeere aus [Müller Gerhardsbrunn 236]. — 3. 'der mit farbigen Bändern, Brezel, Apfel
u. a. geschmückte Stab, den die Kinder beim Sommertagszug tragen',
vgl. Abb. 87, 88,
Stabaus [KL-H'spey FR-Beindh NW-Geinsh LA-Dammh Essing BZ-W'rohrb],
Staweiß [KB-Jakobsw],
Stämaus [LA-Siebdg],
Steemaus [BZ-Albw]; Syn.
s. Sommertagsstock. Das Wort St. für den Stecken selbst ist nur noch bei ganz alten Leuten üblich, die jüngeren sagen Stabausstekken [LA-Essing um 1930]. — 4. übertr. 'wer gerne ausreißt, herumstrolcht, sich gerne aus dem Staub macht'. In der Wend.:
Meer hänn en St.!, von einem Hund, der sich gerne herumtreibt [LU-Alsh]. Häufig schon
adv. verstanden:
stabaus gehe 'flüchten, sich aus dem Staub machen', vom Menschen, von einem durchgehenden Pferd [NW-Geinsh].
Er is stawaus (Stabaus) 'Er ist geflüchtet, durchgebrannt, eilig losgerannt', fast immer aus Furcht vor Strafe [LU-Altr NW-Geinsh].
Jetz schdaabaus unn nix wie hääm [Kunnrädel 26].
De Morchenreich isch uff sein Gaul un los, un die ganz Briderschaft hinnenoch staabaus [Feierowend 31/1966]. — 5. 'betrunken sein'. In der Wend.:
Er hat e Stawes (Stabaus) [LU-Opp, FR-Beindh LU-Edigh]; Syn.
s. betrinken. Vielleicht Anspielung auf staubig 2 a sein 'betrunken sein'. — In der älteren und neueren volkskundlichen Literatur wird das Wort
Stabaus zurückgeführt auf
mhd. stouben, stöuben 'Staub erregen, aufwirbeln, aufscheuchend verjagen' (
Lexer II 1215/16). Dem entspricht die übliche Lautung des Wortes Staub, stauben. —
Els. II 568 Staubus; Hess.-Nass. III 736 Staubaus; Schwäb. V 1665; Schweiz. I 557; Becker Vk. 304; Stoll 47 ff., 182 ff.; Schandein Bav. IV,2 357 ff.; O. Bertram Der Sommertag in der Saarpfalz. In: Hessische Blätter für Volkskunde 37/1939 62-136; B. Benner/I. Ranly/B. Sachs in: H. Schwedt (Hrsg.), Brauchforschung regional. Stuttgart 1989, S. 35 ff.; H. und E. Schwedt Bräuche zwischen Saar und Sieg. Zum Wandel der Festkultur in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Mainz 1989, S. 125 ff.; Festbräuche 93 ff.