sprieszen,
verb. ,
mhd. sprieʒen,
ahd. nicht belegt, als *sprioʒan
anzusetzen, starker flexion: ich sprosz Stieler 2098. Steinbach 2, 643; ich sprösze Stieler 2098;
part. gesproszen
ebenda. Steinbach 2, 643;
imp. spriesz.
in älterer sprache findet sich im präs. eine nebenform ich spreusze, du spreuszest Stieler 2098, spreuszst Steinbach 2, 643; er spreuszet Stieler
a. a. o., spreuszt Steinbach
a. a. o. von Adelung
als oberd. noch belegt; vgl.: die beste zeit habern zu säen ist, wenn das birkene laub heraus spreust und die ecker fein rauchen. Coler
hausb. (1640) 183.
selten in schwacher flexion: über die hügel der toten hat sich moos gesponnen und gestrüpp, vögel und wind haben samenkorn hingetragen und busch und bäume sind lustig aufgesprieszt. Scheffel
Ekkeh. 222; üppige pflanzen mit groszen blättern sprieszten auf. 230;
vgl. auch die stelle Rückert 11, 322
unter 1,
c. hauptsächlich nur der unter 2,
b aufgewiesenen verwendung eigenthümlich. Adelung
bemerkt noch, sprieszen,
verb. gehöre gegenüber sprossen
hauptsächlich der poetischen sprache an. innerhalb des westgerman. gehört wol hierher mittelniederd. spreten,
part. gesproten Schiller-Lübben 4, 354
a;
ags. spreótan Bosworth-Toller 905
b.
vgl. noch altn. spretta,
springen und sprossen. aus dem präsensstamm unseres wortes ist mittelst jan-
suffixes wol gebildet ahd. spriuʒan,
vielleicht auch erst durch vermittlung eines nomens wie mhd. spriuʒ, spriuʒe (
s. oben spreize,
f.),
mhd. spriuʒen,
nhd. spreizen (
s. oben).
den laut des prät. zeigt die ableitung sprossen,
verb. zu vergleichen ist noch unten spritzen,
verb., eine factitivbildung zu unserm worte. 11)
intrans. spriessen,
germinare Schottel 1419,
germinare, surculari, frondescere Stieler 2098,
germinare, progerminare, pullulare Kramer
dict. 2 (1702), 889
a. Frisch 2, 309
a,
germinare, fruticari, oriri, nasci, pronasci Wachter 1571. im walde sprieszt und grünt es fast jungfräulich lustbeklommen. Heine 1, 204
Elster. 1@aa)
im eigentlichen sinne von blumen, laub und gräsern: gott musz die wurzel sein aus dem ein baum soll sprieszen der nicht durch macht der zeit ... wird umbgerissen. Opitz
Grotius' wahrheit 299; wenn die knospen springen und junges grün aus der erde sprieszt, dann schaue empor zur frühlingssonne und lausche, ob du den sang der wilden schwäne hörst. Freytag 8, 111; er weisz wohl, was es zu bedeuten hat, dasz das mistelreis nicht auf der erde sprieszt, sondern hoch oben aus dem baumstamme. 17, 209; die frühlingssonne beschien den estrich (
des gartensaales) und durch die offenen flügelthüren drang der duft der sprieszenden blätter und knospen. Storm 1, 46; mein bestes nachtigallenkor soll ihr (
der Flora) erwachen laut begrüszen, und blumen immer neu hervor aus jedem ihrer tritte sprieszen. Wieland 9, 179; blumen sehet ruhig sprieszen. Göthe 41, 27; er ist hingegangen, wo kein schnee mehr ist, wo mit mays die felder prangen, der von selber sprieszt. Schiller 11, 235; am zaune sprieszt, durchwärmt von frühlingsglut, das junge gras. Schmidt v. Werneuchen
alm. für 1802
s. 23; will ruhen hier an baches rand, wo duftige blümlein sprieszen. Uhland
ged. 57; du, reizender als Ceres tochter, Kora, die jeden lenz als neue blume sprieszt. Rückert
ged. (1841) 307; wenn das korn anfängt zu spriessen, fängt der kappes an zu schliessen.
nassauische bauernregel nach handschriftl. mittheilung von Weigand; kling kinaus bis an das haus, wo die blumen sprieszen, wenn du eine rose schaust, sag, ich lasz sie grüszen. Heine 1, 206
Elster; und wie sie (
die nachtigall) sang, sprosz überall grüngras, viole, apfelblüt. 207.
substantivisch gewandt: hier, näher dem herzen der groszen mutter, wo unter dem sprieszen und wachsen schon vernehmlicher ihre pulse klopfen, hier musz ich es aussprechen, das zauberwort. Immermann 2, 2, 78
Koch; sonst wüszt' ich niemand just zu grüszen, vielleicht die schlimme Lorelei und deiner reben freudig sprieszen. Keller 9, 163.
zu dem übertragenen gebrauch unter 1,
c führt die folgende bildliche verwendung: dasz die natur auf allen stufen des lebens blumen sprieszen heiszt, die der zufriedne pilger pflücket. Gotter 1, 460; und alle blumen sind ein heller neid, weil rosen nur auf ihrer wange sprieszen. Rückert
ged. (1841) 307; im grünen, im grünen, im grünen, wo uns're wiegen sprossen, wir selber aufgeschossen. Hoffmann v. Fallersleben
ged.9 306,
der erst aus einem samen sprieszen müssende baum, aus dem dann künftig eine wiege gefertigt wird, spielt in erlösungssagen eine grosze rolle. 1@bb)
an einen ursprünglich weiteren gebrauch des wortes (
vgl. oben unter spriesze,
f. 1,
mhd. waʒʒerss prieʒ, spiegelsprieʒ)
erinnert noch: komm in der freundschaft himmelsglanz und helle, empfinde dich in treuer guten mitte, da spriesze dir des lebens heit're quelle. Göthe 22, 92;
vgl.: sin ros al von swiʒʒe floʒ, daʒ blut im durch dhe siten sproʒ.
Braunschw. reimchron. 3311; primeln, tulpen und narzissen, sterne, kelche hundertfarbig sah ich durch einander sprieszen. Keller 9, 85,
von jenem traumhaften geflimmer, das bei nächtlichem sternenglanz vor dem menschlichen auge spielt. 1@cc)
übertragen; von dem entstehen einer folgeerscheinung: (
an den schlaf:) o lasz auch meine augen sich jetzt schlieszen, des süszen bild mir aus dem herzen sprieszen. Tieck 1, 304; blutige versühnung sprieszet aus der heil'gen wunden mahl! Brentano 3, 90; zerstöre nicht dein eignes jugendleben, aus dem die liebe, tief gewurzelt, sprieszt! Platen 167
b; und wenn dann Clelia, die traute, ans fenster tritt mit holdem grüszen, so will in mir die hoffnung sprieszen. Uhland
ged. 298; de ware ruwe de spretet ute der leue godes.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 345
a;
auch ohne örtliche angabe: die lieblichkeit der nachtgespräche sprieszte, — bis dasz der morgen nieste. Rückert 11, 322; wie dir blick und kusz auch sprieszen, willst du dich nach mord hinsehnen. Tieck 1, 369.
mit erneuter bildlichkeit: auf ihren (
der gattin meines sohnes) pfaden soll die freude sprieszen, und jede blume die das leben schmückt! Schiller 14, 67 (
braut v. Mess. 2, 5); verräther wachsen hier zu land wie unkraut — je mehr man sie vertilgt, je ärger sprieszen sie aus dem boden. Grabbe 2, 339; sie (
die freiheit) hat gar eine reiche saat verborgen in der erde schosz; sie forscht, ob die und jene that nicht schon in grüne halme sprosz. Keller 9, 60.
auch von verwandtschaft, abkunft u. s. w.: syne voerfadern weren gesprotten van den Brunswickeschen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 348
b; uth dessem ersten state van arbeide syn gesproten noch dre state.
vorrede zu Reinke de vos 4
Prien; de drydde stad, de uth deme state der arbeyder is ghesproten, ... dat synt de vorsten unde heren der welt. 5. 22)
transitiv. 2@aa)
hinüberleitet eine aus 1,
a erweiterte gebrauchsweise: durch das offene fenster weht der primelduft aus dem garten, und drauszen unter dem sprieszenden syringenbaume steht plötzlich meine muse. Storm 3, 133; das frühste spiel des sommers ist der ball in der dorfstrasze oder dem sprieszenden anger. Freytag 18, 48; er ruft herab: es werde! und segen schwellt die erde, der fruchtbaum und der acker sprieszt. Voss 4, 68 (
tischlied).
dann auch mit object als deutliches '
sprieszen machen': seine rechte verwandelt den saft des schilfes in zucker, hebet den dattelkern sprieszend zur palme empor. Herder 1, 1, 196, 2
Kürschner; aber ambrosia sprosz der Simois jenen (
den götterrossen) zur weide. Voss
Ilias 5, 777; hier aber den gipfelgeschmückten, ... ströme herniedergieszenden, baumwuchs zum himmel sprieszenden, ... den könig der berge seh' ich ragen. Rückert 12, 50; (
dort, Neapel,) wo die blumen mich umwirrten, die dein lenz zum himmel sprieszt.
ged. (1841) 298. 2@bb)
auch bildlich: und seine städte sprieszen volk, wie kraut die erde drängt aus ihrem schoos hervor. Herder 8, 538
Suphan. 2@cc) sprieszen
in der sprache der bauhandwerker ein baufälliges haus stützen; wol aus sprüssen,
fulcire, ältere form von spreizen,
verb. an sprieszen,
germinare angeglichen. vgl. spryssen,
fulcire Dief. 250
b und oben spreizen,
verb., auch die bemerkungen unter spriesze 3.
dasz diese angleichung nicht auf gewerbliche sprache beschränkt ist, zeigt der folgende beleg: er (
der groszprahler) sprisst sich, er bläht sich, er schnarret und schnarchet mit der red, bläszt rund, misset die wort nach der ehlen aus, in seinem gang gleichte er offt mehr einem Spanier als Teutschen.
Simpl. 1, 406
Keller, wo deutlich sich spreizen
gemeint ist. eine erinnerung an spreizen,
verb. ist auch die diesem gebrauche ausschlieszlich eigene schwache flexion: ich spriesze, er sprieszete, sprieszte; gesprieszet, gesprieszt. Weigand
4 2, 780; das haus musz gesprieszt werden.