sonderbar,
adj. ,
mhd. sunderbære
mhd. wb. 2, 2, 741
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 1306,
auch schon im ahd. zu belegen (Graff 6, 50). Schm. 2, 308;
mnd. sunderbar Schiller - Lübben 4, 470
b; sunderbar,
specialis, praecipuus. Maaler 396
b; eintzig, sonderbar, einig. Henisch 839, 67; sonderbar,
specialis, diversus. Stieler 2052;
vgl. Weigand
4 2, 736;
über ein anderes sunderbar
der alten sprache (sunder bar)
vgl. Grimm
gr. 3, 158.
mhd. wb. 1, 87
b. Lexer
mhd. handwb. 1, 126. 11)
gebrauch des adjectivums: 1@aa)
ab-, ausgesondert, einzeln, für einen einzelnen fall verwirklicht, wirkend, zutreffend u. ä.: sunderbar, sunderlich, eigen, das anderen nit gemein ist, sunder eim allein zuo gehOerig; sunderbar gsatz, das sunderbar leut antrifft,
privilegium; ein eigen unnd sunderbar wAesen, leut die für sich selbs lAebend, und keine Aempter habend. Maaler 396
b; ich habe sondere, sonderbare geschäfte hier zu verrichten; ich hab was sonderbares mit ihm zu reden. Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 837
a; in einem sonderbaren breve, dem vorigen unschädlick.
quelle im brem. wb. nachtr. 354; so wider die sonderparn gesetz und statut kauft, verkauft, gehandelt ... haben.
d. städtechron. 11, 799, 24; deren ieder ainen sonderbaren schlissel zu der gemainen buchsen haben.
tir. weisth. 2, 173, 14; welcher ain guet oder sonderbares stuck darvon verseczt.
salzb. taid. 7, 32; so sihe dasz du allezeit eine allgemeine purgation vor der sonderbahren lassest vorher gehen. Uffenbach
neues roszbuch (1603) 2, 69; man hat auch solchen vermeinten göttern auff heidnische weisz sonderbare kirchen gebaut. Schaller
theol. handwb. (1604) 101; dasz auch selbst die selbständigkeit und wesen gottes der seelen mit sonderbahrem titel selbständig zugegen sey. A. Silesius
cher. wandersmann 8
neudruck; beschawet die zugerichte zimmer, die heimliche cantzley, die offentliche audientzstuben, die sonderbare kammern. Meyfart
himml. Jerusalem (1630) 1, 283; neüer himlischer lieder sonderbahres buch.
titel eines 1651
erschienenen buchs von J. Rist; hernach hatte jeglicher seine sonderbare arbeit zu verrichten.
Simpl. 1, 20, 31
Kurz; thue jede kugel in ein sonderbares papier. Hohberg
adl. landleben 2, 180
b; (
das) ist in einem sonderbaren capitel aufgezeichet. 380
a; ein hauptsächliches oder allgemeines, und dann auch ein sonderbares. 3, 1, 76
b; es schenket sich aber eine jegliche person in der gottheit denen, so die tauffe empfangen, auf eine sonderbare art, die erste schenket sich ihnen, als ein vater, ... die andere, nemlich Jesus Christus, als ihr heyland, ... die dritte als ihr heiligmacher. Sperling
Nicodemus quaerens 2 (1719), 31; es ist zu bewundern, dasz die beobachter des himmels durch die beschaffenheit dieser am himmel kenntlich unterschiedenen zone nicht längst bewogen worden, sonderbare bestimmungen in der lage der fixsterne daraus abzunehmen. Kant 8, 251; ihr völcker gegen ost, süd, west und nord gelegen, mit sonderbarer sprach. Weckherlin 307 (1648).
seltener von personen, einzeln: dasz schier ein jedes hausz und sunderbare persone, jre eigene und besundere götter anbeteten. Thurneisser
von probierung der harnen (1576),
vorrede 1; sonderbaren privatpersonen und gemeinen leuten. Zincgref
apophthegm. (1639) 39;
besonder, zum bestimmten zweck abgesondert: welche allzeit als sonderpare beschützer dieselben pei einem erbarn rath vertreten.
d. städtechron. 11, 800, 6.
in besonderer wendung: (
der name '
jünger'
bedeutet im neuen testament) 1) insgemein alle, die sich zu Christo ... bekanten, ... 2) in sonderheit die Christo so nachfolgten, dasz sie stets um ihn waren, ... davon sonderlich die 70 jünger genennet werden Luc. 10, 1. 3) am sonderbarsten (
im engsten sinne) die 12 apostel Matth. 10, 1. Starke
synopsis, neues test. 2, 30 (1735). 1@bb)
abgesondert durch qualität, sich auszeichnend vor andern, gesteigert im verhältnis zu andern, sowol in gutem wie im schlechten sinne, oft aber geradezu in der bedeutung von '
vorzüglich': sunderbare und trAeffenliche gegenhilff oder artzney. Maaler 396
b; die ansehnliche (vortreffliche) und mit sonderbaren gaben für andern gezierte leute. Comenius
sprachenth. übers. von Docemius 880; der fürst ist ihm mit sonderbarer gnade beygetahn. Stieler 305; er hat keine sonderliche, sonderbare liebe zu ihr. Kramer
deutsch - ital. dict. (1702) 2, 837
a; ein sonderbarer kopf,
singulare ingenium. Steinbach 2, 604; ein sonderbares lob,
laus egregia. ebenda; damit tuont ir uns eine sunderbar früntschaft.
d. städtechron. 9, 1045, 34; darauf die paumaister und ambtleit, als denen er hiemit aufgelögt, sonderbare achtung darauf geben.
tir. weisth. 1, 31, 23; der meineydige mensch, welcher das fewer, so von dieser sonderbahren schönheit in seinem hertzen angesteckt worden, auszzuleschen nicht vermochte. Opitz
Argenis 2, 391 (1644); aus sonderbahrer gnade. Micrälius
altes Pomm. 1, 37; (
man) bringet sie (
würmer) dem könige zu einer sonderbahren ergetzung.
pers. rosenth. 1, 42,
anm. b; antwortete ihr mit einer sonderbahren annehmlichkeit.
baumg. 3, 10; zu einem sonderbaren zeichen seiner gunst und höfflichkeit. 4, 5; an welchen er eine sonderbare freude hatte. Sperling
Nicodemus quaerens 2 (1719), 680; ihn einer sonderbaren bosheit beschuldigen. Liscow 277 (1739); sonderbare ehrerbietung. 210; wir haben es noch als eine sonderbare gnade anzusehen. 405; so lange sich Lucas noch eben durch keine sonderbare thaten hervorthun können. Lessing 2, 516; der schöne versteckte plan, der auch die kleinste ode des Pindars und Horatz zu einem so sonderbaren ganzen macht. 6, 139; die vortrefflichkeit der werkzeuge und die vollkommenheit der sternenwissenschaft machen uns gegründete hoffnung zu entdeckung so sonderbarer merkwürdigkeiten. Kant 8, 256; mit der vernünftigen neubegierde eines reisenden, der allenthalben das merkwürdige, das sonderbare und schöne aufsucht. 9, 95; versichern sie ihn aller ergebenheit die ich seiner sonderbaren gefälligkeit schuldig bin. Göthe
briefe 2, 8
Weim. ausg.; er traff auff jhn mit frewd und sonderbarer lust. Dietrich v.
d. Werdrr
Ariost 17, 83, 3; meine bitte hat einen sonderbaren ernsten sinn. Schiller
dom Karlos 2, 3.
alterthümelnd: der ich mit sonderbarem respekte verharre. J. Paul
Titan 4, 25; (
wir) rechnen es uns zu sonderbarer ehre dazu geladen zu sein. Tieck 13, 85.
auf personen bezogen: ich bin biszhero ein sonderbarer patron der vaganten gewesen. Schuppius 60; Vannius, ein sonderbarer freund der Römer. Micrälius
altes Pomm. 1, 80. 1@cc)
die unter a und b belegte anwendung des wortes ist veraltet; seit dem vorigen jahrh. erst tritt mit bestimmtheit die bedeutung des adj. hervor, die jetzt allein geltung hat: abgesondert von dem gewöhnlichen, normalen und dadurch befremden erregend, die verschlimmerung des sinns kann bis zu deutlicher verurtheilung gehen: das ist eine sonderbare art, langjährige dienste zu vergelten; ich finde ihr benehmen höchst sonderbar
u. ä.; aus der begriffsumschreibung, die Adelung
giebt, geht deutlich hervor, dasz er die überwiegende richtung zum befremden hin noch nicht so deutlich empfand wie wir; im übrigen vgl. die bedeutungsentwicklung von eigenthümlich. '
dieses wort deutet blosz das besondere, das auszeichnende, ungewöhnliche an, und lässet es zuvor unentschieden, ob das ungewöhnliche vortrefflich oder seltsam ist, neiget sich aber doch mehr dem letztern.' Adelung; himmlische vorsicht ... deine wege sind sonderbar. Schiller
Fiesko 3, 4; es wird ein sonderbares frühjahr geben. ich sehe nicht wie das alles auseinander gehen wird was wir angesponnen haben. Göthe
briefe 2, 53
Weim. ausg.; so etwas neus und sonderbares hätte ich gerne längst versucht.
werke 6, 295 (
ausgabe l. h); sonderbarer schwärmer! Schiller
don Karlos 3, 10; sonderbar und seltsam. 4, 22; sonderbar jedoch will es mich dünken. Göthe 9, 329; mag er selber doch empfangen seinen sonderbaren gast. Grillparzer 3, 31; mit alle dem dünkt's mich doch sonderbar. 6, 77; Weckherlin
verbindet sunderbar
mit wunderbar: o menschen, o ich selbs, die wir was wunderbar und sunderbar mit wunder, ruhm und wohn zu mercken stehts begehren.
ged. 74 (1648). 22)
der gebrauch des adv. ist in der ausgebildeten nhd. schriftsprache beschränkt auf eine anwendung, die dem unter 1,
c behandelten gebrauch des adj. entspricht: Eduard fühlte sich sonderbar überrascht. Göthe 17, 22; dieser so sonderbarfürchterlich gestalteten einsamkeit.
V. Weber
sagen 3 (1792), 499; ein sonderbares volk und sonderbar bewaffnet. Grillparzer 5, 23.
in älterer sprache dagegen folgt das adv. den bedeutungen 1,
a und b. sunderbar, an einem sunderen ort. Maaler 396
b;
vgl. voc. von 1618
bei Schm. 2, 308; nach ir alter si sâʒensundirbar âʒen.
genes. 95, 2
Diemer. für sich, einzeln: dô kêrte ie der man mit urloup von dan unde kêrte sunderbar. Ottokar
reimchron. 41463.
für sich abweichend: saamenkörner, die wir aus einem blinden siebe unter die völker verstreut, so sonderbar keimen, so verschiedenartig blühen ... sahen. Herder 5, 586
Suphan; sonderbar,
eximie, insigniter, praecipue, singulariter Frisch 2, 266
b; sich sonderbar freuen, einen sonderbar lieben; sonderbar keusch. Steinbach 2, 604. Adelung
hat richtig beobachtet, dasz sich in dieser anwendung das adv. besonders im oberd. gut hält. b'sunderbar,
adv., vorzüglich, besonders. Hunziker 266;
vgl. Schm. 2, 308; sunderbar ir ende offenbart ir unser herr funf tag vor, ee daʒ si starb.
deutsche chron. 2, 1, 357, 31; wann sie der gotzheuser und kirchen gantz nicht geschont haben; und sunderbar im anfangk, do verbranten die von der Kadoltzburg und die von Roszstal daʒ wirdig gotzhaus zu Puchswabach.
d. städtechron. 2, 336, 24; sonderbar aber sich von kögln und andern spillen zu enthalten.
tir. weisth. 2, 362, 31; welchem vatter hetten dise schröckhen- und beängstigungsvolle wortt nit in die ärgiste schwermühtigkeit senckhen sollen? sonderbahr da meine gemahlin die königin damahlsz eben geseegnetes leibes gienge.
der prinz v. Arcadien (
Baierns mundarten 1, 203); dasz wir seine barmhertzige vorsorge in allen stücken gantz sonderbar verspüren konten.
Felsenb. 1, 418; sonderbar dienen am Lechrain hiezu die teufelsküchen. Leoprechting
aus dem Lechrain 17.