siechtag(e),
m. krankheit. eigentlich zusammensetzung mit dem alten schwachformigen dago (
wie lebtag, wehtag,
ahd. ant-, endi-, fîra-, nachot-, suono-, tulditago),
also '
dauer, zeit der krankheit',
aber schon frühe zu einer bloszen abstraktbildung geworden. zuerst bei Williram
bezeugt: daʒ ir mînemo sponso kundet mînen sîechetagon, der mir ane liget vone sîner minno. 85, 6,
vgl. Graff 5, 361;
mhd. siechtage
und siechtac Lexer
handwb. 2, 910,
mnd. sekedage Schiller-Lübben 4, 175
b f. (
häufiger sukedage 461
a):
languor .. siechtage, suchte, zuucke dage. Dief.
gl. 317
b;
morbus .. siechtag, siechde. 367
c;
egritudo ... langwor siechtag
nov. gl. 146
a.
im nhd. ist siechtag
besonders in der ältern zeit ungemein häufig, später wird es selten (
wol im zusammenhange mit der unsicherheit der flexion, s. besonders 1,
h),
ohne indessen ganz auszusterben. mundartlich selten bezeugt, österr. der siechtagen Höfer 3, 274,
nd. sükedage '
ein sieches leben, kränklicher zustand'
brem. wb. 6, 298. 11)
die entwicklung der form im nhd. gestaltet sich folgendermaszen. 1@aa)
die ursprüngliche flexion überwiegt, wie mhd. und mnd., so auch im ältern nhd. bedeutend: bekerung des siechtagen,
crisis. voc. v. 1429
bei Schm. 2, 214; die dâ sterbent von des herzen siehtagen. Megenberg 27, 5; ein heiliger appet sprach zu sinen siechen iunger: sun trure nicht umb dinen siechtagen, eʒ ist die groste gnade geistlicher lute, ob sie got loben in ir sichtagen.
veterb. 24, 4. 6
Palm; ain spill von ainem siechtagen, den hies man den tanaweschel, der was uberall in tewschen landen.
fastn. sp. 1346; men vertribet ein siechtagen mit wider wertiger artzenige. Dief.-Wülcker 854; Claudius .. starb eines rehten siehtagen.
d. städtechr. 8, 29, 12; eszich und sure spise ist für den sichtagen guot. 117, 23; der löw da er mangel hat, nam er sich an eins siechtagen. Keisersberg
hellisch löw a 4
b; wer sein siechtagen dem artzt verbirgt .., betrügt sich selber.
narrensch. 76 (
nach 85,
richtig 78)
a; es was uf ein mal einer von einem siechtagen von sinnen
[] kummen. Pauli
schimpf u. ernst s. 36
Österley (
c. 36;
andere ausg.: einer kam von sinnen siechtagens halben. 70
b); fraget, .. ob er kein verborgen siechtagen an jm wisse. S. Franck
chron. 473
b; sy seind gar langes lebens, .. und schier on allen siechtagen.
weltb. 235
a; also muoszt die guot alt muoter von jrem angenummenen siechtagen aufston. Wickram
rollwagenb. 77, 19; als der ritter ein geschwinden scharpfen siechtagen an ime selbs empfande.
Zimm. chron.2 1, 31, 4
Barack; waver ir gemahl ir böse wort geben .., sölle sie uf den boden niderfallen, scharren und ein siechtagen simulieren. 3, 611, 30; den jungen kindern desz tages vielmal ein löffel voll zu mal zu trincken geben, vertreibt den siechtagen. Tabernaemont.
kräuterb. 684 K (
vgl. ferner unter 2); der (
minnepfeil) sie dô warf in einen grôʒen siechtagen. Heinr. v. Neustadt
Apollon. 1945; so tuot er den siechtagen erst meren.
des teufels netz 9969; hertzog Casymier der freundt dein, thut .... clagen ehr sey kranck von siechtagen. Soltau
hist. volksl. s. 442 (
vom j. 1583). 1@bb)
der nom. lautet mhd. mnd. auf -e
aus: do sties in ein starker sichtage
an. d. städtechr. 8, 39, 26; do kam in ouch der sichtage an der da heiszet etica. 56, 33; so ginge ime der siechtage abe. 361, 15; etwenne beschicht das langer siechtage ains mans husfrouwen also entschöpfet, daʒ irs tods ee dann irs leben wer zebegeren. Niclas v. Wyle
transl. 124, 6
Keller. über das 15.
jahrh. ist dieser ausgang nicht nachzuweisen, dafür tritt entweder die kürzung siechtag
ein, s. unten e, oder die form der cas. obl. siechtagen
dringt auch in den nom. ein: antrax usz siner gantzen naturen ist ein scharffer schedelicher siechtagen.
qu. (
vom j. 1500)
bei Scherz-Oberlin 1498; ein fraw hat ein man, der ist ir lieb, sie meint leib und seel mit im zu behalten, da scheidet sie kein bresten noch siechtagen von im. Keisersberg
brösaml. 2, 37
b; und sein siechtagen nam zuo. Pauli 94
Österley (
c. 129); das er gleich zu Menz sich legt und ine ain schwerer siechtagen anstiess.
Zimm. chron.2 3, 118, 19
Barack. so auch bei Höfer 3, 274
angesetzt. 1@cc)
der gen. zeigt zuweilen den ausgang -ens: er sterb wie er wöll, siechtagens halb, gehlingen, oder bewart. Keisersberg
trostsp. Aa 4
b; als des siechtagens und des niderfallens kain ort sein wolt.
Zimm. chron.2 3, 611, 35
Barack. 1@dd)
natürlich kann siechtage
auch im plural gebraucht werden: daʒ got die welt möht niderslahen in aim augenblick ân aller siechtagen hilf. Megenberg 112, 7; wenn da koment nüw siechtagen, so muosz man ouch darfür haben nüw arznien.
Stretlinger chron. 46, 25; von den (
drei) sichtagen ist gar vil lutes dot in den landen. und von den sichdagen sol nieman erschrecken: wer do erschricket, der ist dot zuohant.
d. städtechr. 8, 117, 22
f.; mit den selben segen vertreip men ouch meniger hande gebresten unde siechtagen. 272, 7; wan zorn bringt vil siechtagen. Keisersberg
narrensch. 81 (74)
b; zuo Köln ein mal im quodlibet, ward ufgeben zuo determinieren und ercleren eim doctor in der artznei von den siechtagen der menschen. der selbig erklert, das da weren in einem menschen .ii. tausent. ccxxiiii. sychtagen.
emeis (1517) 25
a; wenn lange sichtagen wollen lange ertzney haben.
kuchenmeist. d 4; thet er arzet kleider an und gieng in den spital und besahe allerhandt geschwere und siechtagen. S. Brant
bei Steinhöwel 137
b; do er nach vilen siechtagen wider in freuden lebte. Kirchhof
wendunm. 1, 591
Österley (1, 2, 124); wie denn solches unwidersprechlich anzeigung gibt, das der mensch zur unsterbligkeit im anfang geschaffen, weil mancher so vil kranckheit, siechtagen, schmertzen, unnd plagen auszstehen kan. Mathesius
Sar. 202
a; daʒs nâch ir ger die tiuvel mehten verjagen unt büeʒen alle siechtagen. Walther v. Rheinau 131, 24; seg an, was hat aber das mögen ertragen, dasz du für alle strafen, siechtagen und plagen hast die lüt gebet und sundere segen gelert? Manuel 127
Bächtold (
ablaszbr. 434).
s. ferner h. 1@ee)
in anlehnung an das gewöhnliche tag
nimmt siechtage
später oft starke flexion an. doch läszt der nom. siechtag
dies nicht deutlich erkennen, da er auch aus -tage
gekürzt sein kann, umsomehr als ohnehin viele sprachquellen starke und schwache [] flexion unterschiedslos neben und durch einander gebrauchen. in jedem falle ist er im nhd. (
seit dem 16.
jahrh.)
die alleinherrschende form: siechtag (der)
morbus Maaler 373
c;
maladie Hulsius 298
a;
giorno di malatia, it. malatia lunga, cronica e dolorosa. Kramer
dict. 2, 805
c;
aegrotatio Dentzler 2, 264
a; und weret der siechtag an ym ein gantz jar.
d. städtechr. 3, 280, 19; mich hat begriffen ein siechtag.
Terent. (1499) 132
a; ich fürcht übel, das der siechtag Philomene meer beschwert werd. 153
a; gleich als er hin wolt, da stiesz jn ein siechtag an, und ward kranck.
buch d. liebe 284
a. 1@ff)
deutlich tritt dagegen in den andern casus die starke flexion zu tage. 1@f@aα)
im gen.: fürhtestû aber mêr anderr mensche beswærde, denne dînes siehtages, daʒ muostû ouch lîden.
d. mystiker 1, 328, 15; nu begonder gnesn sines sichtages.
veterb. 48, 32
Palm. 1@f@bβ)
im dat.: dannen must er scheiden vor siechtage.
deutsche städtechroniken 8, 37, 2; wer dem siechtag losen wil, dem mag sîn werden wol ze vil. Boner 47, 147; he was dulgicht unde lam, van sûkedâge sô mat.
van deme holte des hill. cruzes 463. 1@f@gγ)
im acc.: wider solchen prästen und siechtag ist keyne artznei besser, dann das man den ochssen weder wasser noch ander ding lasse trincken. Sebiz
feldb. 127; eîn krancker, der so bgert artzny, sol sinen siechtag zeigen fry.
trag. Joh. Cc 2. 1@f@dδ)
im plur.: weret dat Tidericus van lemesse weghene, sukedaghe edder unmacht weghene nicht denen en konde.
d. städtechr. 6, 253, 18; pfawen mist ist eyne treffliche artznei, wider allerley siechtage der augen. Sebiz
feldb. 116; bis etwan grosze schreyende siechtage im volk die leute wieder auf die natur der dinge und auf die ersten bedürfnisse des menschen zurückführen. Pestalozzi 12, 437; wer hüt lat (
zur ader läszt), der wirt aller siechtag
an. des teufels netz 10191; kranckheyt usz sünden dick entspringt, die synd vil grosser siechtag bringt. Brant
narrenschiff 38, 56. 1@gg)
daneben bildet sich im nhd. ein andrer weg, die auffallende schwache flexion zu beseitigen und durch eine mundgerechtere form zu ersetzen. man behandelt nämlich siechtage
als plural, wozu sowol die endung wie die bedeutung veranlassen konnte, der unterschied von d und f, δ liegt darin, dasz siechtage
hier nicht mehr eine mehrheit von krankheiten, sondern eine einzelne krankheit meint. in dem häufigen dativ ist bei schwacher bildung ohnehin kein unterschied zwischen sing. und plur., vgl.: dar so vinde gy suntheit, sin gy kranck edder in sukedagen.
d. städtechron. 16, 525, 18; daʒ dû mit siechtagen strebest, die wîle dû ûf erden lebest.
pass. 207, 75
Köpke. 1@hh)
diese gebrauchsweise ist lexikalisch zuerst bei Kramer
dict. 2, 805
c gebucht (
neben dem starken sing., s. e): stäte siechtage haben,
stare ammalato di continouo; stete siech-tage haben,
valetudinarium esse. Frisch 2, 274
b.
ebenso Adelung
und Campe.
seit etwa 1700
scheint demnach diese verwendung die herrschende zu sein. in der litt. ist sie schon viel früher (
seit dem 12.
jahrh.?)
bezeugt; doch sind die folgenden belege nicht ganz eindeutig, da vielleicht auch der schwache dat. sing. vorliegen könnte (
mit abschwächung des auslautenden m
zu n
beim art. u. s. w.): nit lang darnach ward sein stieffmuter auch kranck, eben in den siechtagen da der vatter an siech was gewesen. Pauli
schimpf u. ernst s. 222
Österley (
c. 339); von diu sô hat dich got getân gesunt von dînen siechtagen.
Trierer Silv. 494.
in folgender stelle ist wol eher wirklicher plur. anzunehmen: du kanst hir vil guttes tuhn, so lange du noch gesund; wann du aber krank bist, weis ich nicht, was du alsdann vermagst. ihrer wenig bessern sich nach den sichtagen. Butschky
hochd. kanzl. s. 750. 22) siechtag(e)
steht in der ältern sprache in der allgemeinen bedeutung '
krankheit',
auch von acuten krankheiten; erst in neuerer zeit hat es sich zu der bedeutung eines chronischen, meist allgemeineren leidens verengt, s. Kramer
unter 1,
e, wie siech, siechen
u. s. w. überhaupt, vielleicht auch in zusammenhang mit der ausbildung der pluralischen verwendung (
die ebenfalls Kramer
zuerst verzeichnet, s. 1,
h).
übertragene gebrauchsweise (
von liebesleid u. ähnl.)
findet sich vereinzelt im mhd. —
bemerkenswert sind noch besonders die verbindungen mit adjectiven zur bezeichnung bestimmter krankheiten. [] 2@aa) der fallende siechtag(e),
fallsucht, epilepsie: epilepsia der fallent siechtag. Dief.
gloss. 204
b; fallend siechtag,
epilepsia, morbus comitialis. Dasypodius; den fallenden siechtag haben, mit dem hinfallenden siechtag behaftet seyn. Schm. 2, 214,
vgl. Höfer 3, 274; Machemet hette den vallenden siechtagen.
d. städtechron. 9, 533, 22; mit dem fallenden siechtag behaft. Hutten 5, 171
Münch; jegliche kranckheit hat jren besondern apotecker und doctor. S. Johann unnd S. Valentin heyln von wegen namens den fallenden siechtagen. Fischart
bienenkorb 184
a (
vgl. b); da sie sich ein wenig erholte, gleich denen so den fallenden siechtagen haben.
buch der liebe 208
a; der vallend und frölich siechtag werd dir ouch! Manuel 262
Bächtold (
Elsti Tragdenkn. 111).
dafür auch: da lieffen die bauren zuo unnd meinten, der sigrist hette den hinfallenden siechtagen. Wickram
rollwagenbüchlein 175, 27
Kurz; wie man sagt, ist er des hinfallenden siechtagen davon genesen.
Zimm. chron.2 2, 494, 38
Barack. 2@bb)
dieselbe krankheit heiszt auch sanct Val(en)tins siechtage,
vgl. Fischart
unter a und: S. Ulrich het under andern gaben die gnad, dasz er allen den, die S. Valentin oder den fallenden siechtag hetten, zu hilff keme, und gesund mache.
handschriftliche quelle bei Frommann 6, 4.
weitere belege: also gat es denen die sant Veltins siechtagen hond: wen sie den siechtagen leiden, so entpfinden sie nit, waz man inen anthuot. Keisersberg
emeis 38
a; von der kranckheit die man nennt sant Veltins siechtag. also verstanden nuhn weiter, das der natürlich lauff der menschen, der durch die elementa unnd astra gegeben wirt, ein kranckheit macht, die den menschen niderwirfft, führt jhn in ein krampff, der jhm sein glieder hend und füsz streckt unnd biegt, die augen unnd den mund unnd dergleichen. Paracelsus
opp. (
Straszb. 1616) 1, 93 A; im teutsch hatt es (
die fallende krankheit) auch ein sonder nammen, heist sanct Valtins siechtag. 542 C. 2@cc) der grüne siechtagen,
engl. the green sickness,
bleichsucht, cachexia. Höfer 3, 274: ist denen ein edle artzney, die mit dem grünen siechtagen behafft ... seyn. Tabernaemont. 14 B; wegwartwurtzel ... dienet wider den grünen siechtag,
cachexiam. 471 F; der wegwartenwein ... vertreibet die geelsucht und den grünen siechtag. 474 H K. (
beachte den wechsel zwischen siechtagen
als dativ, auch 43 F,
und dem häufigeren siechtag
als acc., ferner 301
F. 475
F. 483 B. 485 G,
als dativ 483 A.) 2@dd) der rote siechtage,
ruhr: dissenterea .. der rot siechtag Dief.
gloss. 185
c;
emerroyda der rotte siechtag.
nov. gl. 149
a. 2@ee) der schweinende siechtage
schwindsucht: ethica .. oder swinend siechtag. Dief.
gloss. 211
b; swinender siechtag
vel attich, swinde, swinen siechtage.
ethicus wer den serwenden siechtagen hat.
nov. gl. 157
b; die den schweynenden siechtag habend,
atrophi. Maaler 373
c. 2@ff) der kalte siechtag,
kaltes fieber Höfer 3, 274; er (
der habicht) hat auch underweilen den kalten siechtagen. Mynsinger 35; isset er vische und trincket darczu wasser, so befelt yn der kalt sichtag.
kuchenmeist. a 6. 2@gg) der reichen (leute) siechtag,
podagra: es fügt sich uff ein zeit das der edelman kranck ward, und het der reichen lüt siechtagen, wie wol vil armer menschen den selbigen siechtagen auch haben das podagra. Pauli
schimpf und ernst s. 41
Österley (
cap. 44); der lytt ouch das er lAeg zuo bett und er der richen siechtag hett. Brant
narrenschiff 67, 70. 2@hh)
anderes mehr vereinzelt: einem armen knecht, der den ungenanten siechtagen het.
quelle von 1425
bei Lexer
handwb. 2, 910; hastig siechtag. Sebiz
feldb. 90
am rande (
im text: die geschwind kranckheyt, die man sonst den acutum nennet); wer mit dem schweren sieg-tag beladen, und solche schwachheit empfindet, der solle alsobald einen löffel-voll dieses öls einnehmen. Hohberg 3, 1, 183
b. 2@ii)
sonst dient siechtag
auch mit einem krankheitsadjectiv zur umschreibung des stammworts, der aussätzigen siechtag
aussatz: das in got sluog mit der ussetzigen siechtagen.
d. städtechron. 8, 276, 7. —
ähnlich: disz aqua vite ist auch guot für alle melancolische siechtagen in dem haupt von dürren und schwermütigkeit. Braunschweig
kunst der destill. (1500) 68
c. 2@kk)
sprichwörtlich scherzhaft: monophagi, er sihet nit gern mit den zenen dantzen. er mummelt ausz der faust. er hat den mumphenden siechtagen. Franck
sprichw. 2, 10
b.