Wossidia
Richtfest n. Richtfest, feierliche Handlung bei Vollendung eines Gebäudes im Rohbau, anknüpfend an das Aufrichten des hölzernen Dachgerüstes (fachsprachl.: das 'Richten' des Hauses), dem ein Trinkgelage folgt, meist verbunden mit Essen (Richtschmaus) und Tanz. 1. Richtkrone und Richtrede: an einem mitten auf dem Firstbalken oder an dessen Giebelende befestigten Galgen wird der mit Grün und farbigen Bändern geschmückte Richtkranz angebracht (
vgl. Bd. 4, 626), der durch zwei darüber befindliche, sich oben kreuzende Bügel als Richtkrone (Kron
1 1 c) ausgebildet ist: den Kranz (1—4 m im Durchmesser) müßt de Timmermann trecht nageln
mit Bœgeln LuLudwigslust@WarlowWarl. Wenn der Kranz oben ist (
vgl. Beleg HaHagenow@VellahnVell bei richtfarig), hält der Zimmerer-, seltener der Maurerpolier in Gegenwart des Bauherrn und seiner Familie vor versammelten Meistern und Gesellen, Lehrlingen und Handlangern die Richtrede, auch Kranzrede genannt; er steht dabei auf der obersten Decke des Hauses unter dem Dachstuhl; vereinzelt auch auf dem Firstbalken, sich am Galgen festhaltend; in kerniger, dingbezogener, hochdeutscher Form spricht er über Zweck und Besonderheiten des Baues, den darauf verwandten Fleiß der Handwerker, lobens- und tadelnswertes Verhalten der Lehrlinge und hebt die Verdienste des Bauherrn besonders hervor; in der überlieferten Brauchtumsform erbittet er schließlich Gottes Segen für dieses Haus, für den Bauherrn und dessen Familie; bisweilen tritt für die Rede ein gereimter herkömmlicher Richtspruch des Zimmermanns ein; nach dem Segensspruch trinkt er die mitgenommene Brammwiensbuddel, aus der er zwischendurch schon auf die Gesundheit des Bauherrn und anderer von ihm lobend Erwähnter getrunken hat, vollends aus oder leert in jüngerer Zeit das ihm von einem Danebenstehenden eingeschenkte und überreichte Glas Wein und schleudert dann das Trinkgefäß rückwärts über seinen Kopf in die Tiefe der Balkenlage, so daß es glückbringend auf dem Fundament zerschellt. In StaStargard@Alt StrelitzAStrel wurde die Richtkrone erst in diesem Augenblick von zwei Handwerkern aufgehängt, die hinter dem jüngsten Lehrling standen, der hier den vom Oberpolier verfaßten Richtspruch anstelle der Polierrede (Richtelräd') vortrug. Die Krone blieb am Bau, bis der Dachdecker kam; als schlechtes Vorzeichen galt es, wenn nach ein oder zwei Tagen dei Richtkron rafweiht orer rafföllt LuLudwigslust@Groß LaaschGLaasch. 2. Hersteller der Krone: a. dee dat Hus bugen let, let den Kranz binnen StaStargard@NeubrandenburgNBrand; vom Gärtner geholt oder, 'wenn kein Geld da war', von den Maurern selbst aus Tannenreisig gebunden AStrel; die zum Richtfest eingeladenen Knechte, welche Lehm und Steine zum Bauplatz gefahren hatten, und deren Mädchen dee möken de Kron (1922) LuLudwigslust@WarlowWarl. Für den größten Teil des Landes gilt: tau 'n Richtelbier würden bloß dee, dee bi 'n Bu arbeit't hadden, inladen SchöSchönberg@GrevesmühlenGrev. b. Kranzjungfern als Verfertiger des Richtkranzes und als Festteilnehmer sind nur im SW zwischen LuLudwigslust@DömitzDöm und Schw belegt; von den 6—8 in gewebten Festkleidern (dazu in SchwSchwerin@CrivitzCriv de utstickt Mütz) erscheinenden Kranzdierns, die das vom Zimmermann angefertigte Gestell upputzt hadden, mußte eine bei der Übergabe in ihrem eigenen Hause das Gebett an den Timmermann sprechen und darauf wieder beim Neubau den Kranz rupbäden; nach dem erstgenannten Gebett wurde der Kranz auf der Diele auf einen Bock gestellt und zuerst von der Sprecherin mit dem ersten Zimmermann, darauf nacheinander von den andern Kranzjungfern mit den andern Zimmerleuten umtanzt (bedanzt); auf dem Zuge zum Neubau wurde der von 2—3 Kranzjungfern auf hohen Stütten getragene Kranz mit Musik henblaast; die in der Rede der Kranzdiern vorkommende Frage nach etwaigen Einwendungen (Beanstandungen) gegen den 'aus reinen Jungfernhänden vollbrachten' Kranz beantwortete der Zimmererpolier mit der Erklärung, er wäre 'friedlich',
d. h. zufrieden mit dieser Krone, band einen Strick daran und stieg, das andere Ende des Strickes in der Hand, auf den Bau hinauf; auf die Schlußworte der Segensrede der Kranzjungfer 'Nun heben Sie ihn in die Höh, ich sage nun ade' zog er den Kranz am Strick empor und befestigte ihn baben in de Spitz; für den Zimmermann, der nun seine Richtrede hielt, hatten die Kranzjungfern eine Buddel Win gekauft und in der Krone festgemacht, taten ihm auch mit einer zweiten von unten Bescheid LuLudwigslust@TewswoosTewsW; Warl. c. als Geschenke für die Zimmerleute werden weiter genannt: am Kranz Kuchen und seidene Halstücher für 3—6 Zimmerleute LuLudwigslust@WarlowWarl; ein Geldstück, das der Hausbesitzer in den Timpen des in der Mitte der Richtkrone von den Kranzjungfern befestigten roten Taschentuchs knüpfte Sta Stargard@WoldegkWold; stellenweise, so in RoRostock@DoberanDob, wurden auch die Maurer mit bunt Schalldäuk bedacht.
d. Besen auf dem Neubau (
vgl. Bessen,
Bd. 1, 795): nach Beendigung der Förmlichkeiten um den Richtkranz sorgte gewohnheitsgemäß der Bauherr für einen frischen Trunk (
Brammwin un Bier WaWaren@JabelJab) entsprechend der scherzhaften Warnung: wenn richt't ward un dat ward nich begaten, denn brennt 't bald af Wa; hierbei und ebenso, wenn die ganze Festmahlzeit nebst Tanz bei gutem Wetter ins Freie im Bereich der Baustelle verlegt war, wurde das erste Glas gegen den Neubau ausgegossen, dem Segen des neuen Hauses geopfert WaWaren@JabelJab; will der Bauherr aber 'nichts ausgeben', so wird statt der Richtkrone ein alter Besen auf das Dachgerüst gesteckt, der den Segen vom Hause wegnimmt, besonders aber den Bauherrn öffentlich bloßstellt (all' Lüd' süllen dat sehn StaStargard@Alt StrelitzAStrel); meist werden zur Verdeutlichung noch ein bis zwei leere Bierflaschen mit der Öffnung nach unten am Besen aufgehängt Ro; in StaStargard@Alt StrelitzAStrel wurde er 'mit Heringsskeletten ausgeschmückt'. 3. Trinkgelage, Essen und Tanz in einem Hause oder im Wirtshaussaal; je nach Größe und Bedeutung des Neubaues und der wirtschaftlichen Lage des Bauherrn sind alle Stufen der Bewirtung vom bloßen Trinkgelage über bescheidenere (Imbiß) oder reichliche Beköstigung bis zum üppigeren Festessen vertreten: die Bauherren stifteten für jeden Teilnehmer zwei Bockwürste, Freibier konnten die Handwerker in beliebiger Menge genießen, für die Lehrlinge war das Getränk vorsorglich auf zwei Bier und einen Schnaps begrenzt StaStargard@Alt StrelitzAStrel; nach dem Richtfest am Vormittage gab es im Hause ein Middagäten, jeder bröchte Schinken mit LuLudwigslust@WarlowWarl; überhaupt war es in kleineren Verhältnissen üblich, daß die Gäste bei sonst freier Bewirtung Butter, Eier und dgl. beisteuerten; in HaHagenow@LübtheenLübth, wo Pannkauken das zünftige Richtfest-Essen war, mußten die dafür als Köchinnen Eingeladenen (dat wir ne Ihr) das Backfett dazu mitbringen; größerer Aufwand: to äten gew 't bi 't Richtfest 'n ganzen Dag LuLudwigslust@WarlowWarl. Bei den Ehrentänzen danzten de Kranzjumfern mit den Timmermann, den Polier, tauierst los ebda; die Mitwirkung der 'Amtsmusikanten' gerade bei diesem Tanz (Beleg
s. Kranzjumfer,
Bd. 4, 627) wie beim 'Richten der Gebäude und Kranz-Aufsetzen' erwähnt schon die Tax-Ord. von 1821 Sa. Land.-Ges. 5, 404; in die dann folgenden Tänze wurde in LuLudwigslust@GrittelGritt zur Steigerung der Ausgelassenheit auch der Kellendanz (
s. d.,
Bd. 4, 217 und bei
Hochtit,
Bd. 3, 733) einbezogen; de ganze Nacht würd' danzt LuLudwigslust@TewswoosTewsW. — Syn.: Kranzhochtit 2, Richtelbier, -klaats, -köst.