nerv,
nerve,
m. und f. im 16.
jahrh. aus dem franz. (le nerf,
lat. nervus)
aufgenommen; am frühesten erscheint das wort (
nach Weigand 2, 212)
bei M. Herr im
übersetzten Columella (1538)
als der nerff; der nerv Aler 1462
a.
die übrigen älteren wbb. setzen es nur als femin. an (
aus dem starken masc. plur. die nerve?): die nerve Kramer
teutsch-ital. wb. (1678) 807
b; die nerf
teutsch-franz. wb. (1683) 230
b. Erberg 534
a; die nerve Rädlein 671
b. Frisch
teutsch-franz. wb. 259
b. Ludwig 1321. Steinbach 2, 118. Hederich 1690. Nemnich 3, 409;
plur. die nerven Maaler 305
a. Roth
dict. (1571) L 2
b. Denzler 211
b; die nerfen Stieler (
im compositum nerfenpflaster) 500;
nd. nerf, nerve Kramer 2, 153.
vergl. gramm. 3, 560.
Ahd. und mhd. wird das lat. nervus
durch âdara, âder, senewe
oder die composita senâder, bantâder
übersetzt und dem entsprechend verstand man nhd. unter nerven
bis ins 18.
jahrh. vorzugsweise die muskeln, die sehnen, welche bedeutung noch heute nachklingt, wenn wir von gespannten
und abgespannten, schlaffen nerven
reden. im heutigen wissenschaftlichen sinne versteht man unter nerven
die von dem gehirn oder von dem rückenmark ausgehenden markhaltigen oder auch marklosen faserbündel, die baumförmig (
und unter sich wieder netzförmig verbunden)
durch den ganzen körper sich verbreiten als leiter der empfindung und bewegung, ein begriff, der schon dem 16.
jahrh. nicht fremd war, wie th. 4
1, 1630
gezeigt worden ist. 11) nerv
im älteren, dem lat. nervus
entsprechenden sinne. 1@aa)
band, sehne, muskel und die spannkraft derselben (
wofür einige belege schon unter geäder 4
gegeben sind): nerven oder aderen, daran die hoden hangen,
cremasteres. Maaler 305
a; hierunter (
unter nerven) verstanden die alten nicht blosz die nerven sondern auch die flächsen, ligamente
etc. Nemnich 2, 721; die krösplen .. aller nerven. Ruef
trostb. (1569) 14
b; Aiax Archelochum verletzet zwischen der schulter und dem haupt, dasz er gleich wurd des liechts beraubt, dann er die nerven ihm abstach. Spreng
Il. (1625) 324
b; denn die eingeschrumpften nerven nicht so leicht wieder gängig zu machen als zu verderben sein. Pinter
pferdschatz (1688) 413; die nerven halten die glieder zusammen. Frisch 2, 15
b; die nerve,
die spannader. Stalder 2, 235; die nerve ihres arms, womit sie einen wurfspiesz .. schleudern konnten, muszte an der mutter brust gespannt sein. Möser 4, 15; es sind drei biegungen an jedem bein (
des vogels) zu finden, die sich mit einer nerv .. verbinden. Brockes 4, 55; die nerven, welche diese brunst zu sehr .. ausgespannt. 9, 221; sie können sich durch springen und durch schwenken oft etwas in der brust verrenken .. denn unsre nerven sind nicht fest. Gellert 1, 271;
übertragen und bildlich: dasz die bestraffung desz bösen und die belohnung desz guten desz gemeinen wesens hertzadern und nerven weren. Schuppius 557; die nachgelassene nerve gemieteter truppen. J. Tobler
Thomson (1765) 5, 35; durch einziehung derselben (
güter) konnte der kaiser ihm (
Wallenstein) den nerven seiner macht zerschneiden. Schiller 8, 143; da spanne ich des fleiszes nerve. 11, 58; dagegen andre sagen: was ich schreibe, das sei ohne nerv (
kraft). Herder
litt. 11, 54 (
sine nervis. Horat. sat. 2, 1, 2); der eigentliche nerve (
beweiskraft) des beweises. Kant 7, 349; an die hausbibel gefesselt, ward er (
Voss) mit der alterthümlichen sprache vertraut, aus der er gern die alten nerve entlehnte, die unsere sprache ... verloren hatte. Gervinus 5
5, 64.
unter dem nerv der wolle
versteht man die stärke, kraft, haltbarkeit der wolle. Meyer
convers.-lex. 16, 103
a. 1@bb)
etwas aus einer sehne bereitetes, die bogensehne, die saite: nerven, saiten Roth
dict. L 2
b; dann zog er die kerbe zugleich und die nerve des rindes, dasz die senne der brust annaht' und das eisen dem bogen. Voss
Il. 4, 122; oder ich nehm dir deine laute, zerreisze ihre nerven und hasse dich. Klopstock 1, 110;
wieder bildlich: jene seeligen tage, wo .. bei musik und tanz jede nerve in uns (
wie eine saite) wiederhallte. Knigge
umg. 2, 6; kanntest jeden zug in meinem wesen, spähtest, wie die reinste nerve klingt. Göthe 3, 87
H. 22) nerv
als leiter der empfindung und bewegung, als träger des geistes- und seelenlebens, wobei noch oft die ältere vorstellung (
sehne)
zur grundlage dient. Schiller 1, 80
ff. 2@aa)
in bezug auf die körperliche bewegung und empfindung; manchmal schon in b übergreifend: nerven heiszen die ganz zarten fäden, welche aus der markigten substanz des groszen und kleinen gehirns, des verlängerten markes und des rückenmarkes entspringen, sich hierauf in immer kleinere fäden vertheilen, und sich also in alle theile des körpers verbreiten. sie sind vornämlich zur empfindung und bewegung bestimmt. Nemnich 2, 721; die nerven (
sind) leer und trocken, die luft will in der brust, das blut in adern stocken. Günther 701; vor dessen (
des lichtes) schnellem schein die nerven des gesichts empfindlich sein. Brockes 3, 369; die nerven, die sich überall verbreiten, verfügen sich zur zunge, zum gehöre
u. s. w. 499; der druck, .. der im gehirn schnell durch die nerven gangen. 523; allein im weichen mark der zarten lebenssehnen wohnt ein geheimer reiz .. .. er schlieszt die regen nerven vor frost und salze zu. Haller
vom urspr. des übels 2, 173; wolgerüche, welche die nerven ermüden. Sturz 1, 105 (
vom j. 1768); ich will mit begieriger hand glied von glied, ader von ader, nerve von nerve lösen. Lessing 2, 31; so wird eine nerve des gefühls getödtet. Herder
krit. wälder 1, 56; kein nerve liegt ausgespannt da, dasz er bis zu einem punkt der vereinigung vibrire; bei einigen thieren kommen nicht einmal die nerven beider augen und bei keinem geschöpf die nerven aller sinne so zusammen, dasz ein sichtbarer punkt sie vereine.
ideen 1, 259; in den kleineren thieren ... findet sich auch ein kleineres gehirn und weniger nerven. 168; (
gottes hauch,) der durch mark und nerven geht. Lavater
nachgel. schriften 3, 318; indem er so ... die stockung in jeder ader, in jeder nerve hindert. Engel 4, 77; sie fühlte sich an allen nerven lahm. Wieland
Klelia u. Sinib. 4, 110; junger herrn erschlaffte nerven.
d. j. Göthe 1, 28; (
beim tanze) scheint jede nerve sich lebendiger zu heben. 144; so werfen die knaben mit steinen darnach, und das fällt ihr auf die nerven.
werke 16, 124; wie schnell die nerve in ihren alten zustand sich herstellt. 43, 156; die bewegungen der nerven (
s. nervenbewegung) ... sind ja so harmonisch. Schiller 1, 174; man hat die nerven als einen kanal betrachtet, der ein äuszerst feines, flüchtiges und wirksames fluidum führet (
vergl. nervensaft), das an geschwindigkeit und feinheit äther und elektrische materie übertreffen soll. 145; nun lehrt uns die pathologie, dasz kein nerve jemals allein leide. 174; durch die nerven bohren höllenschmerzen. 189; das ist der nerv, wo ich gichter spüre. 5, 1, 119; meine nerven fangen an zu reiszen. 44; quälte noch die abgestumpften nerfen zum erstorbnen schwung der wollust auf. 1, 191; wenn kampf dir durch die nerve glüht. H. v. Kleist 5, 10
H.; wenn meinem blicke dann sich aufgeschlossen der nerven stamm mit seinen zweigen, sprossen. Lenau (1880) 2, 6; folglich musz das bild im auge, ohr
etc. ... vorn an der spitze des nervens empfunden werden. J. Paul
Hesp. 4, 9; dieser gröszte und gröbste nerve (
das gehirn). 10. 2@bb)
der nerv
als empfindungsorgan des geistes, der seele; doch manchmal sich berührend mit a: die nerven und die stärke des männlichen gemüths. Hagedorn 1, 14; du flöszest geist den nerven ein. Bürger (1778) 76; die lebensgeister und nerven. Gellert 7, 26; vergnügungen .. die in jeder nerve gefühlt werden. E. v. Kleist 2, 167; die eindrücke und empfindungen der nerven ... zu dem unbekannten göttlichen eins, das wir gedanke nennen, zu vereinen. Herder
id. 1, 167; da seht ihr nun, was das unterscheiden nutzt! es spannt alle nerven ab. ich fühle mich ja gar nicht mehr, wie ich war. Lessing 11, 467; der seine schlaffen nerven durch etwas ganz neues, ganz besonders wieder gespannt und gereitzet wissen will. 7, 146; noch zittert ihr der schreck durch jede nerve. 2, 194; diesz staunen, welches durch jegliche nerve zittert. Stolberg 1, 12, 39; das hohngelächter der feinde und neider erschüttert jede nerve. Knigge
umg. 2, 57; sie (
die musik) spannt jede nerve, schlägt dem herzen wunden. Gotter 1, 247; ob ihm vor angst gleich jede nerve bebt. 193; in jeder nerve reiz, in jedem puls verlangen. 321; noch fühl ich todeskampf in jeder nerve beben. 2, 35; und ängstlich spannt er alle nerven an und bleibt am staub.
d. j. Göthe 1, 14; wenn dann männlicher die gewaltige nerve der begierden und leiden in deinem pinsel lebt. 2, 214; welche neuen, unbekannten gefühle und hoffnungen schwellen unsere seele, wenn ihre stürmende leidenschaft sich jedem unserer nerven mittheilt.
werke 10, 148; die zärtliche nerve (
der frauen). Schiller 3, 502; wenn die nerven seines geistes durch die gewohnheit einer wollüstigen leidsamkeit nicht eingeschläfert worden wären. Wieland 2, 171; die nerven der seele, wie ihres gehülfen, nutzen sich ab.
suppl. 2, 332; die neue seele macht schon jede nerve beben.
Idris 5, 27; seht nur, wie diese nerven sich verzweigen, durch die die ewge seele fühlt und denkt. Lenau 2, 5;
übertragen: wer zog den nerv im weltgehirne? Platen (1847) 2, 10. 33)
etwas nervenähnliches: die nerven
eines blattes, blattrippen, deren anordnung man die nervatur (
nervatio)
nennt. Nemnich 2, 721;
die nerven
eines tuches, die walkrippen d. h. die falschen beim walken entstandenen falten eines tuches. Jacobsson 4, 580
a.