Wossidia
Kinnelbier -nd-, Pl. Kinnelbier
n.,
f. Kindtauffest, -schmaus 1. Sachliches: Kinnelbier wurde schon im 15. und 16. Jahrh., bes. auf dem Lande, vielfach derart ausgiebig gefeiert, daß seitdem zahlreiche einschränkende Verordnungen sowie gänzliche Verbote erlassen wurden; in den Städten ging es unterschiedlich her; in der ältesten Rostocker
Bursprake aus dem 15. Jahrh. heißt es: 'umme brutlecht, kyndelbeer ..., dat holde man na older wanheit' Beitr. Rost. 4, 2, 51; für die neuere Zeit
vgl. Bri. 2, 95, wonach Pastor und Küster Appeltuurt un Malahaga (Malagawein) vorgesetzt erhielten; in Wi hat man 1373 verordnet, 'auf denen Kindelbieren keine Männer mit zu tractiren', 1385, daß 'nicht mehr als 20 Frauen auf einem Kindelbier sich finden lassen ... sollen' D. Schrö
d. Wism. 125; in der Bürgersprache von 1430: 'in dem kyndelbere nemo debet propinare (zutrinken, schenken) claretum neque vinum exessive' Tech. Bürg. 321; Weiteres ebda 140 ff.; die 1514 in den übrigen Städten erfolgte Umfrage ergab, daß in Gü, Pa, Schw Kinnelbierfeiern ebensowenig üblich waren wie in Sta, MaMalchin@TeterowTet, PaParchim@PlauPlau, SchwSchwerin@GadebuschGad; in Wa und RoRostock@RibnitzRibn auch nicht allgem.; in manchen Orten wurde Kinnelbier am Tage des ersten Kirchgangs der Wöchnerin gefeiert; so in Lu Ludwigslust@GrabowGrab; GüGüstrow@SchwaanSchwaan; MaMalchin@GnoienGnoi; WaWaren@RöbelRöb; Sta Stargard@FriedlandFriedl; Wes; ausgiebiger feierte man bes. gern an kleinen Orten mit einer aus drei bis vier Gerichten bestehenden Mahlzeit, einer Tonne Bier und möglichst vielen Gästen; so in RoRostock@TessinTess; GüGüstrow@SchwaanSchwaan; SchwSchwerin@CrivitzCriv; Witt; SchöSchönberg@GrevesmühlenGrev; HaHagenow@BoizenburgBoiz; LuLudwigslust@DömitzDöm; Grab; Pa Parchim@GoldbergGoldb; MaMalchin@GnoienGnoi; StaStargard@WesenbergWes Jb. 57, 171 ff.; die Polizeiord. von 1516 bestimmte demgegenüber kurz und bündig: 'die kindelbeer schollen henvar in steden und dorpen ... afgedhaen syn' 292; über die Wirkung dieses Verbots wird 1517 bemerkt: 'Hertzog Heinrich von Mecklenburg ... hat den Bauren geboten, auff ihren Kindelbieren über 12 Paar bey Poen 60 Marck Lübsch nicht zu bitten, weil vorhin Kindelbier und Hochzeit gleich viel gekostet und beides 8 Tage gewehret hatte. Dies Mandat ist die Bauren sehr schwer ankommen, daß sie vermeinet, es hätte in viel Jahren kein strenger Fürst regieret' Westph. Monumenta inedita 4, 456; in der Tat ließen sich die Bauern die Freude an ihren altüberkommenen Kinnelbierfeiern nicht nehmen, so daß laufend neue einschränkende Verordnungen ergingen;
vgl. (1572) Bär. Gr.-Ges. 1, 269 ff.; (1578) Ges. 4, 2, 14; (1650) 1, 2, 307; (1693) 4, 2, 16 ff.; (1709) 3, 1, 39; (1710) 4, 2, 18 ff.; (1750) 3, 2, 24; (1756) 3, 1, 53; außerordentlich beliebt war dat Kinnelbeir im Fürstentum Ratzeburg; dort klagt 1581 der Pastor von Schö Schönberg@SelmsdorfSelmsd: 'bey dem Kindelbier wartet man des Schlemmens zu zweyen Tagen'; ebenso 1599: 'in den Hochzeiten und Kindelbieren werde großer Überfluß getrieben', worauf verordnet wurde, man solle nur die Gevattern und Nachbarn zu Gaste bitten bei sechs Mark Strafe; 1620 wurde die Zahl der Gevattern auf drei, die der andern Geladenen auf sechs beschränkt Horn Selmsd. 1, 337
f.; 1787 'werden die Kindelbier auf dem Lande ... bey zehn Thaler verbothen' 343; alles vergebens, denn noch im 19. Jahrh. feierte zwei Tage lang das halbe Dorf mit, als eine der Hauptpersonen der Küster, und man aß und trank nicht anders als bei der Köst, der Hochzeitsfeier; von einem tüchtigen Esser heißt es daher noch heute: dei kann fräten as dei Köster upt Kinnelbeir;
vgl. Ratz. Bilder 1, 76 und das Läuschen
De Köster up de Kindelbier Reut. 1, 41. 2. sprachliche Belege: 'tom kindelber' (Ro 1583) Dietr.
V. Lohe 53; 'wedder KOeste noch Kindelbeer' Laur. Schg. 4, 252; up de Kindelbeer (Ro 1746) Kohf. Hg. 33, 1; tau 'ne lust'ge Kindelbier ... laden Reut. 6, 260; giwwst du hier Kindelbier odder hest du hier 'n Krog inricht't Lehm. Ith. 7; Kindelbir, -nn- Mi 41
a; im Volksreim: Lüd' un Kinner, kaamt all' her, Hier is Köst un Kinnelbeer Wo. Sa.; im Leberreim: Wer dit Johr frig't, möt anner Johr Kinnelbier daun ebda; im Neckreim: Trin, Tran Hett Kinnelbier dan
V. 4, 413; im Wiegenlied: Denn uns' grot Hahn Hett Kinnelbier dan 3, S. 287; im Verwunderungslied: Hüt is Hochtit un Kinnelbier, Hüt is duwwelt Freude 2, 1550; Dor brugen se Bier af, De Buern dee söpen, as wenn dor Hochtit un Kinnelbier wir 1666, 4; in anderen Tierreimen: Kukuk gifft Kinnelbier 1668 i; Kiwitt ... 1792; in Rdaa. und Sprww.: verdarw mi nich dei Kinnelbier sagen Frauen, wenn sie gedrückt werden HaHagenow@RedefinRed; dor (wo man aufs neue ein Kind erwartet) breckt bald wedder Kinnelbier ut RoRostock@TessinTess; so selbst vom Vieh: dor is Kinnelbier in Sicht SchöSchönberg@SchlagsdorfSchlagsd; zu jem., der über das Alter eines Pferdes eine Behauptung aufstellt: du büst jo up sin Kinnelbier ok nich wääst Wa; von einem Bauern, der viel Weizen angebaut hat: dei will woll Kinnelbier daun MaMalchin@BrudersdorfBrud; Ausruf, wenn jem. etwas Außerordentliches vorhat: helpt holden! de Buer wil Kindelbeer dohn Mantz. Ruh. 6, 75; von jem., der beim Kegelspiel acht um den König umwirft, heißt es: dee fiert bald Kinnelbier Schw; übertr. Kinnelbier hollen mit dem vollen Wagen umwerfen SchöSchönberg@DemernDem; dei (der schlechte Kerl) hett mit 'n Düwel Kinnelbier hollen Nd. Kbl. 15, 46
b; dor (wo ein Kind vor der Eheschließung geboren wird) föllt ok woll Hochtit un Kinnelbier up eenen Dag StaStargard@FriedlandFriedl; hei (der zurückgezogen Lebende) geiht nich tau Köst un Kinnelbier SchöSchönberg@DemernDem; sprw.: Köst, Kinnelbier un drög' Faurer hett man nich alle Dag' Ratz. Mitt. 5, 28; in Vergleichen: hei hett 't so hild as dei Mus up ne Kindelbier Schill. Kr. 3, 8
b; vergnäugt as dei Mus upt Kinnelbier RoRostock@RibnitzRibn; läben as dei Mus uppe Kinnelbier HaHagenow@RedefinRed; WaWaren@EldenburgEld. 3. Volksglaube und -brauch: war das Kleid einer Frau durch einen Zufall hinten aufgekrempt, so sagte man ihr:
nu kümmst tau Kinnelbier RoRostock@RethwischRethw; das erste Kinnelbier müssen die Eltern der jungen Mutter ausrüsten LuLudwigslust@LaupinLaup; über güüst Kinnelbier
s. güüst (
Bd. 3, 331). FN.: Kinnelbiersdik, -graben. — Mnd. kindelbêr
n. — Br. Wb. 2, 773; Dä. 226
b; Kü. 2, 111; Me. 3, 116.