Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
hâr stN.
1.1 von Menschen
1.1.1 meist Kopfhaar, seltener andere Körperbehaarung
1.1.2 grâwe hâre , bildl. für Altsein/-werden oder Trauer
1.1.3 Reißen an den Haaren, Ausreißen oder (Ab)Scheren der Haare als Zeichen von Trauer, Zorn, Strafe o.ä.
1.1.3.1 daz hâr zerren/ roufen
1.1.3.2 Haare entfernen
1.1.3.3 rechtssprachl. (s.a. DRW 4,1353-1357),
1.2 von Tieren
1.3 im Gen.Pl. stellvertretend für eine Spezies (Haar als Erkennungszeichen von Mensch und Tier), solicher hâr
1.4 sprichwörtl.,
1.5 bezogen auf ein einzelnes Haar
2 bezogen auf das einzelne Haar stellvertretend für etw. Kleines, Geringes, Wertloses (s.a. Friedrich, PhrasWB 201ff.)
2.1 ‘im Geringsten’
2.1.1 als/ sam/ umbe ein hâr ‘auch nur das Geringste’
2.1.2 mit Präp., bî/ gegen/ mit einem hâre
2.1.3 in Verbindung mit breit , grôz o.ä.
2.2 in Verbindung mit negativen Ausdrücken zur Verstärkung der Negation, ‘kein bisschen, nicht im Geringsten, überhaupt nicht(s)’
2.2.1 niht ein hâr
2.2.2 niht (als) umbe ein hâr u.ä.
2.3 in verschiedenen verbalen Wendungen
1 ‘Haar’, zumeist bezogen auf die Gesamtheit von Haaren, auch im Sg. 1.1 von Menschen 1.1.1 meist Kopfhaar, seltener andere Körperbehaarung: daz houbit tet er [Gott] sinewel, zôch uber den gebel ein vel, / [...] bedacte iz mit hâre Gen 117; dâ was ir hâr und ir lîch [Körper] / sô gar dem wunsche gelîch Iw 1333; Tr 715; di hâre ûweres houbites sint alle gezalt EvBeh Mt 10,30; hinder die fuze sin stunt sie / vnd mit ir zahern wusch sie die / vnd druckente sie mit ir hare EvStPaul 7050. 7087. – ouch wâren im diu ôren / als einem walttôren / vermieset zewâre / mit spannelangem hâre Iw 442; har der augbrawen dicke, / die hant zornlich geschicke Physiogn 155. – häufig mit Bezeichnungen der Beschaffenheit (Farbe, Form): ir har ist dunne, braune, swartz Physiogn 93; ich sach, deist sicherlîchen wâr, / eins gebûren sun, der truoc ein hâr, / daz was reide unde val; / ob der ahsel hin ze#. tal / mit lenge ez volleclîchen gie Helmbr 10; ez hete der gebûre / ein ragendez hâr ruozvar Iw 433; Tr 4004; Wh 59,9; loterpfaffen mit langem har vnd spíllævt sínt ovz dem frid UrkCorp (WMU) 475AB,3,24. – bezogen auf die Art der Frisur: ir hâr gevlohten Wig 7095; herr, sô wil ich iu verjehen, / daz ich einen hân gesehen, / der treit ungerischez hâr [langes Haar in Zöpfen geflochten] Helbl 1,225; ob ein phafe odir ein geistlich man wirt gesen mit werltlicheme hare unde mit werltlichin cleiderin, den sal man haldin vor einen leien RbGörlitz 102; [die Frauen sollen den Bußgang machen] barhobet vn̄ mit enphlohtem hare vn̄ baruuͦz UrkCorp (WMU) 2130,44; OberBairLdr 56 1.1.2 grâwe hâre, bildl. für Altsein/-werden oder Trauer: man seit al vür wâr / nu manic jâr, / diu wîp hazzen grâwez hâr MF:Veld 13:1,3; dâ sint als jaemerlîchiu jâr, / daz ich mich under den ougen rampf [dass ich unter den Augen runzlig wurde] / und sprach: ‘nu gênt ûz, grâwe hâr.’ MF:Reinm 35:2,7. – grâwe/ wîze hâre gewinnen: ‘owê mir dirre nôt!’ / sprach ein wîp: ‘der sumer wil zergân; / des gewinne ich lîhte noch vor leide ein grâwez hâr. [...]’ Neidh WL 7:1,3; dâ von gewinne ich noch daz hâr, / daz man in wîzer varwe sehen mac MF:Reinm 21: 4,3. – ir spiegelliehten ougen klâr, / sold ich diu mit gewalte an sehen, / sô swüere ich wol daz mir gewüehse niemer grâwez hâr KLD:GvN 8: 3,7 1.1.3 Reißen an den Haaren, Ausreißen oder (Ab)Scheren der Haare als Zeichen von Trauer, Zorn, Strafe o.ä. 1.1.3.1 daz hâr zerren/ roufen: er begund jæmerlîchen klagen / und hêt sich selber nâch erslagen. / daz hâr er ûz dem houbt zart, / daz er dâ von blôz wart EnikWchr 15429; sin hare began er rauffen / vnd grosz trurikeit kauffen Krone 20835; Roth 1774. – sich nëmen ze hâre/ vâhen in daz hâr: mit beiden handen er sich nam / ze hâre und schrei Wildon 1,195; von Berne der vil tumbe / cherte sich weinde umbe / und vie sich selben in daz hâr Dietr 4286. 9888 1.1.3.2 Haare entfernen – daz hâr (ûz dem kopf/ der swarte) brechen: dô er der scham wart gewar, / dô brach er ûz dem kopf daz hâr, / wan er schrei mit grimme / mit vil lûter stimme EnikWchr 904; si uielen zu der erden, / daz har brachen si uon der swarte, / si wuͦften [schrien] alle harte Rol 1734 u.ö.; von jâmer sî vürder brach / ir hâr und diu cleider Iw 1311; Er 5760; Parz 42,15. – daz hâr (abe)schern (zum Abscheren von Haaren als Strafe s. 1.1.3.3): vnde hetten vf sime grabe / ir har geschorn alliz abe / von den grozzen leiden Herb 16869. – als Zeichen von Untergebenheit: ich dir gerâten kan, / [...] wie dû dînes herren gruoz / als ê noch baz erwerben maht. / dû solt dir an dirre naht / dîn hâr heizen snîden abe, / und solt alle dîne habe / von dir legen und dîniu kleit RvEBarl 665; Ruphart mîn kneht / muoz iuwer hâr gelîch den tôren schern Wartb Fl 7,16; ein gebot ich sanfte lîde, / daz man Gätzemanne alumbe snîde / sîn lancreidez valwez hâr Neidh WL 36:5,3. WL 36:4,8; ime was daz edile har / bi den orin aua geschorin Roth 5085 1.1.3.3 rechtssprachl. (s.a. DRW 4,1353-1357), – bezogen auf Schandstrafen, jmdm. daz hâr (abe)schern, ûzroufen: swer einen toten vz grebet. der ez zerehte niht tvͦn sol. [...] man [...] sol im slahen vierzec slege. vnd sol im daz har ob den oren ab schern SchwSp 159a; Karl hiez im sîne hende / vil vaste binden beide. / [...] daz hâr si im ûz rouften, / daz gewant sim abe slouften StrKarl 7175; sleht abir ein gast einin burger, dem sol man hût vn̄ har abe schern zweier vinger breit UrkCorp (WMU) 248AB,47. – in Paarformeln; bezogen auf Körperstrafen: – ze/ bî hût unt ze hâre (gân/ rihten/ slahen): geschicht aber in deme dorfe des tages ein dûbe [Diebstahl] , die minner den drîer schillinge wert is, daz mûz der bûrmeister wol richten des selben tages zu hût und zu hâre SSp (W) 2:13,1; der werltlîche rihter sol im hût unde hâr abe heizen slahen PrBerth 1:267,18; swaz ze hûte unde ze hâre gât [...]; daz sol allez ein burcgrâve rih- ten SpdtL 83,2 u.ö.; StRBrünn 399; UrkCorp (WMU) 606,15; zv troyge ein fride gegeben wart / zv eime halben iare, / bi hute vnde bi hare, / vnde dar / zv bi der wide Herb 2906. – ze hant unt ze hâr: man schol vbir kein weip, die ein lebendes kind treit, nicht hoher richten, den zu hant vnd zu har StRPrag 161; stilt er des tages, iz get im zu hant vnd zu hare ebd. 158 1.2 von Tieren: – ‘Pelz, Fell’ nim ein verkelin [...] vnd bruͤ daz kuͤle vnd zvͤhe im daz har allez abe BvgSp 8; do sint gar schone wize rynder sam eyn sne und habin kurcze har MarcoPolo 8,17; RvEWchr 1724; dannen abe wirfit er [der Hirsch] daz hâr unt diu horn JPhys 13,7; daz pfärdes hâr BdN 240,11. – von wîzem visches hâre [Haut] / was daz vierde ende [des Zeltstoffes] , / mit wilder wîbe hende / geworht UvZLanz 4838. – bezogen auf Gewebtes aus Tierhaaren: Jôhannes was gecleidet mit den hâren der camêle EvBeh Mc 1,6; EvAug 76,19; EvStPaul 2383; man liset von siner wæte, daz er niht gewandes hæte / wan uz olwenten har geflohten AvaJo 13,8; VMos 56,3 1.3 im Gen.Pl. stellvertretend für eine Spezies (Haar als Erkennungszeichen von Mensch und Tier), solicher hâr: da bi sach ich noch mere / wie daz vier tier entsprungen, / groz, michel her vor drungen / uz dem mere sulcher har: / daz erste was sust gevar / sam ein lewinne vreise Daniel 5729 1.4 sprichwörtl., – daz hâr gât ze berge: vor unvlât gie ze berge mîn hâr UvLFrd 336,4; gegen berg sô gie im daz hâr, / unz er kom ze jerusalêm geriten EnikWchr 22586; daz hâr begunde im [...] / ze berge strû- ben unde ragen KvWTroj 27254; KvWPart 1279; Herb 1514. – ‘langes Haar, geringer Verstand’ ein alt gesprochen wort, / daz ir dicke habt gehôrt: / die vrouwen habent langez hâr / und kurz gemüete, daz ist wâr Rädlein 289; si sagent, wir wîp haben kurzen muot / und dâ bî alle langez hâr Winsbeckin 19,2; Renner 309; WolfdD (J) 8:37,1 1.5 bezogen auf ein einzelnes Haar: ein swalwe zÎrlande / von Curnewâle kæme, / ein vrouwen hâr dâ næme / zir bûwe und zir geniste Tr 8604. – bildl. ein hâr spalten: we dir von Zweter Regimar! / du núwest mangen alten vunt: / du speltest als ein milwe ein har / [...]. dir wirt us einem tage ein jar, / ein wilder wolf wirt dir ein hunt Marner (W) 3:3,3; im würden sîn ougen sô klâr / daz er wol ein kleinez hâr / in niuniu kunde gespalten StrDan 4326 2 bezogen auf das einzelne Haar stellvertretend für etw. Kleines, Geringes, Wertloses (s.a. Friedrich, PhrasWB 201ff.) 2.1 ‘im Geringsten’ 2.1.1 als/ sam/ umbe ein hâr ‘auch nur das Geringste’ ninder wandels als ein har / an ir enwas –wan si was gar / reiniu gestalt und gevar / nach der engel geslæhte StrKD 134,54; êre ist alsô lûterlich geverwet und sô rehte clâr, / ob man tiure als umbe ein hâr / valschheite drunder mischet, / daz ir durliuhteclicher schîn sich trüebet KvWLd 32,70; EvStPaul 1544; des meines ouch nicht enblibet / an dem menschen sam ein har HeslApk 3331 2.1.2 mit Präp., bî/ gegen/ mit einem hâre: und heten die marnære gewest bi einem hare, / daz’z von dem schilde were gewesen, alle riche sunder vare / heten si da mite niht erkoufet JTit 2799,1; EnikWchr 4234; ez enkund im niht geschaden / an sînen vreuden alsô / daz er iender unvrô / gegen einem hâre wurde dervon: / wan er was lasters wol gewon Iw 2641; Eracl 884; du torstis baz in daz ovge din / gegrifin mit thiner hant / den du zornetis wider dessen wigant / immer mit eineme hare Roth 1088 2.1.3 in Verbindung mit breit, grôz o.ä.: swer versêret und verwunt / würd eines hâres breit dâ mite, / daz er ein bitter ende lite KvWTroj 38677; allez, daz got ie geschuof [...], gæbe daz got alzemâle mîner sêle [...] und blibe dâ als umbe ein hâr breit, mîner sêle engenüegete niht; ich enwære niht sælic Eckh 3:100,7; seht, si begunden strîten, / zwêne gelîche starke man / der enweder nie gewan / unredelîche zageheit / [...] / alse grôz als umbe ein hâr Greg 2135; UvLFrd 224,20; waz menschen syn ie betrachte, / daz mac man um eyn cleines har / gereyten ken der wisheit clar. / der mensch mac ir nicht kumen by Hiob 10825 2.2 in Verbindung mit negativen Ausdrücken zur Verstärkung der Negation, ‘kein bisschen, nicht im Geringsten, überhaupt nicht(s)’ 2.2.1 niht ein hâr: [der Linde] schadet der winter noch envrumt / an ir schœne niht ein hâr, / sine stê geloubet durch daz jâr Iw 579; Erich uz Denemarkenlant, [...] des tugent wankte niht ein har, / sist iemer staete, triuwe Tannh 6,54; ich zwyfel nit dar an eyn hare Seuse 514,19; UvZLanz 5867; Wh 229,11; alle heilgen und alle creaturen enmoͤhtent mit bluͦtigen trehen ime [dem Menschen] nút ein einig hor breit [ewigen Lebens] me erwerben Tauler 416,32. – niht gegen einem hâre: er was ein alsô vester man, / swie in daz volc untrôste, / daz in daz niht belôste / sîner manlîchen stætekeit / gegen einem hâre breit Er 8145; der künec ze sînem tische saz: / er hiez der boten umbe daz / niht wirs gên einem hâre phlegen Bit 4979 2.2.2 niht (als) umbe ein hâr u.ä.: ritter unde megede klâr / diu retten niht als umbe ein hâr: / sî swigen alle gemeine Virg 534,2; ichn az, entranc noch enslief / und wart nie müede umbe ein hâr KvHeimUrst 1943 u.ö.; dâne hât sich der bote / niht versûmet umb ein hâr Iw 6063; von hiute über hundert jâr / gewancte ichs nimmer umbe ein hâr Er 9521; Eracl 4188; Volmar 279. – hete ich der guoten ie gelogen / sô grôz als umbe ein hâr, / sô lite ich von schulden ungemach MF:Reinm 11: 3,2. 19: 2,7; der wissage gelouc nie / von gote so groz als ein har HeslApk 5251; Bit 2565; dô entwichen in die geste niht umb ein kleinez hâr RosengA 60,1 2.3 in verschiedenen verbalen Wendungen: – etw. jmdm. (ringer) danne/ als ein hâr sîn ‘jmdm. völlig egal sein’ das im da von wart widersait, / das was im ringer danne ain har RvEWh 11979; sîn zorn unde sîn gerich / ist mir als daz bœste hâr / daz ie man von im geschar Wig 10177. – niht ein hâr (geben ûf, umbe etw. ‘(sich) nicht interessieren für etw.’ ern hæte niht gegeben ein hâr, / wær ez gelogen oder wâr Tr 16533; der engebe uf alles daz golt [...] nit ein einig hor Tauler 425,22; er gap umb sîn geverte / niht ein hâr UvZLanz 7103; KvWPart 4360; HvNstAp 14184. – waz im schaden widervare / daz lâze er im sîn als ein hâr Craun 327
MWB 2 1200,30; Bearbeiterin: Herbers