güsse,
f. u. n., die überschwemmung. nur hochdeutsch belegtes wort. ahd. cusse
cataclismum, diluvium ahd. gl. 1, 81, 34; cussa
inundatio 1, 282, 39; cussi
adluvionem 1, 511, 40; gusu
flumina Tatian 43, 1;
vgl.urguse
affluentia, superabundantia Notker 1, 91, 20; 484, 7.
wie das nebeneinander von einfachem und doppeltem spiranten lehrt, das auch in mhd. güse Hugo v. Trimberg
renner 2518;
Zürcher bibel (1531)
psalm 32
und in nhd. gusi, güsi Staub-Tobler 2, 477; 478
wiederkehrt und sich aus einem ursprünglichen paradigma *gusi,
*gusjes
erklärt, gehört güsse
als -ja-
und -jō-
stamm zu *geus
in an. giósa '
hervorströmen'
und nicht mit dentalsuffix zu der wurzelvariante *geut
in gieszen,
vgl. Walde-Pokorny 1, 564
gegen Fick 3
4, 136
und Schatz
ahd. gr. § 201.
doppelbildung von -ja-
und -jō-
stämmen ist nicht selten, vgl. die parallelen bei Schatz
ahd. gr. § 375. —
formen ohne umlautsbezeichnung mit vorhandenem wie apokopiertem -e
sind häufig (
durch einflusz von gusz?).
das ahd. endungs-i
ist in den alemannischen formen gusi, güsi
bis heute vertreten, s. Fischer
schwäb. 3, 937; J. v. Watt 2, 147; Staub-Tobler 2, 477; 478.
die zu gisz
entrundeten formen können durch ahd. giozo
torrens, mhd. giesze
beeinfluszt sein, z. t. sind sie mit diesen identisch, s. Fischer 3, 938;
österr. weisth. 2, 251 (16.
jh.); Tschinkel
Gottschee 310.
das neutrum ist nur selten bezeugt, im schwäbischen gehört es namentlich dem norden an, s. Fischer
a. a. o.; auch
ahd. ist das neutrum nördlich, das fem. südlich.
schw. pl. findet sich zweimal: Fischer 3, 937 (1424);
österr. weisth. 2, 251 (16.
jh.).
in der Schweiz begegnet der pl. güsine,
s. Staub-Tobler 2, 478.
bedeutung und gebrauch. 11) güsse
bezeichnet das ergieszen, die überschwemmung, schon seit ältester zeit belegt, s. die ahd. belege oben, seit jeher der vorherrschende gebrauch, vgl. die belege bei Staub-Tobler 2, 478; Fischer
schwäb. 3, 937; Jelinek
mhd. wb. 337: inti nidarsteic regan inti quamun gusu (
venerunt flumina)
Tatian 43, 1; 2; der abganch ist, das die gusse
[] wol das dritail paws verderbet hat daz noch nieman pawen mach
fontes rer. Austr. (1310) 36, 155
Zahn; biz du ûf gesihst, sô hat daz güsse daz hûs undergraben Berth. v. Regensburg 1, 45
Pf.; wan swer ein hûs ûf eine bœse gruntvesten bûwet, daz nimt schiere ein ende, ob ez ein groz wint bestêt oder ein regen, ein güsse 1, 44; daz geschach von der gusse diu kom mit solhen fluzzen daz diu wazzer sich enkuzzen und daz darüber nieman mohte Ottokar
österr. reimchron. 9071; ey wie sälig er da was, der vor der gusse genasz! Heinrich v. Neustadt
Apollonius 9158; wann der Neker usget oder gussen hat (1424) Fischer
schwäb. 3, 937; item desselben sumers was gar grosser schaur, das erschluog das trait gar vast und warff heusser und städel darnider und ward grosz guisz, das sy den leuten an hew, an fuoter grosz schaden tet und dörfer hinfürt (1447)
städtechron. 4, 114;
besonders häufig in chronikalischen berichten als grosz güsz,
vgl. städtechron. 1, 75; 349; 2, 352; 3, 287; 15, 149
u. ö.; auch was das gusz oder wasser (alluvio in latein) deinem acker zugeit, ist dein
clagantwurt (1497) 62
b; nun war das geschrey im dorffe sein, die güss im winter hett voran der Ysser-brucken schaden than Hans Sachs 17, 285
lit. ver.; item, auch sol niemant kain holz slahen vor den güetern, da die guss mocht angeen und das gross wasser
österr. weisth. 5, 525 (16.
jh.); es solt auch kainer den grossen gatter aufthon, dieweil die gisz get, es ist verboten bei funf pfund perner
österr. weisth. 2, 251 (16.
jh.); so wirdt jn die güse der grossen wassern nit berüren
Zürcher bibel (1531) 2, 13,
ps. 32 (
diluvio aquarum multarum, Luther: grosse wasserflut); ... der mülibach so erschreckenlich grosz ward, dasz man nacht lüt uf die blaiche schikt, die linwat ufzeheben, damit si vor der güszi errett wurde J. v. Watt 2, 177
G.; darnach im somer ward der Rin so grosz, dasz er zu Straszburg an der stainstrasz ainen hochen turn underfrasz und umstiesz und allenthalb vil schadens tet mit güsinen 2, 288; da lieff der flusz Tanarus ausz und thet der statt grosze hilff, da warde jn profandt und hilff in der gusz auff dem flusz Tanaro und Pado von den eydtgenossen und bundsverwandten zuogeschickt ... nach der verlauffenen gusz brachen die unsern bey nacht ... in die statt Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 164
a; auch die güsz allenthalb vil dörffer hinrisz
ebda 56; bach, brunn und flusz, ja grosze gusz der armen wein wirdt machen für gott dem herrn, das die feynd wern desselben gar nicht lachen Forster
frische teutsche liedlein 177
ndr.; ... das dy wasser mechtig in augusto grosz, auch im september grosz gusz het. es luff seer ausz, thet grossen schaden
städtechron. 15, 154 (
um 1547); der Neckher vil prucken, schewren und heuser weggefürt Joh. Herolt
chronika 149
Kolb; doch das si die jung pruot wider in das wasser, darausz sie durch die güsz getragen seind, werfen
bair. landtsordnung (1553) 152
a (
gegen das auswerfen von gruben, in denen nach der überschwemmung fische zurückbleiben); wie die Cimbri aus ursach der güsse des meeres verlassen haben die lander, in welchen der Rein in das meer auszgeet Lacius
khunigreich Hungern (1556) b 6
b; das erdterich vor jaren alt, war gantz allda, hett keinen spalt, hernacher es die wasserflüsz zertheylten, und die grosse güsz Spreng
Äneis (1610) 53
a;
in den beiden letzten fällen von der meeresüberschwemmung. von der flusz Enypei wegen, der alle gelegenheit herumb mit seim gusz unwegsam gemacht hette L. Tatius
in Fronsperger
kriegsbuch 3 (1573) 247
a; weil noch das bächl seicht her rindt, da solt man wern und retten, wen kombt ein güsz, so reist es geschwindt das landt ein und die gstätten Theob. Höck
schönes blumenfeld 82
ndr.; [] darüber sich am 18. juny ein grosse mechtige gusse an dem wasser, die Liser genannt, erhoben H. Megiser
annales Carinthiae (1612) 1479; item fürbau und verwörung der gewässer und gissen
österr. weisth. 5, 480 (17.
jh.); item wenn ain güsz der wäszer ist, was dann die Mhuer von schufen, flesden, holz alt oder neu bringet
österr. weisth. 6, 326 (17.
jh.); die weil sich auch oft begibt, dasz die steurer und schärler mit den leeren schiffen am entgegenfahren durch güszl oder wasserpläen ... verhindert werden (1616) Lori
bair. bergrecht 501
b; das ist die gross güsi g'sî
n va
n dere
n d'historene
n erzelle
n tuend Staub-Tobler 2, 477;
vereinzelt von der sündflut als der gröszten, bekanntesten überschwemmung: dô wert diu güss und der regen, unz in got sant sînen segen, vierzic tag und vierzic naht Jansen Enikel
weltchron. 2583; dâ (
auf den baum) hêt diu güss ûf getragen, daz mac ich wol für wâr sagen, ein âs, des was der rab frô 2637; ûz der archen wîlent liez einen raben her Noê, den er hiez den gevangen bringen liebe mêre, ob daz güse verflozzen wêre Hugo v. Trimberg
renner 2518;
auch von der künstlich herbeigeführten überschwemmung: ... die tam, die da sint geslagen für daz wazzer datz Valbach, bî der naht er dise ûf brach unde macht ein gusse grôz, wand daz wazzer mit kreften flôz, da des kunics her lac Ottokar
österr. reimchron. 11308;
schweres hochwasser heiszt wuetgüss: item, wenn ain wuetgüss oder ain gros wasser auskümbt ... so hat kain vischer recht das guet aufzuvahen
österr. weisth. (1450) 7, 926;
vgl.guetgüss
ebda 7, 785; 7, 787.
eine überschwemmung durch vereisung eisgüss: item in wuetgüssen, in eisgüssen und in grossen sturmwinten sol man nicht mer geben an das lant wen den dritten phenning
österr. weisth. (1450) 7, 928;
in der bedeutung '
überschwemmung'
auf tränen übertragen: sîn kumber leider was ze grôz, ein güsse im von den ougen vlôz Wolfram v. Eschenbach
Parzival 93, 6; daz gap zahers gusse ir friunde ougen unde herzen Ottokar
österr. reimchron. 9951;
von hier aus bei den dichtern des 14./15.
jhs. in umschreibenden (
blümelnden)
gen. auf alle arten von concreten und abstracten subst. bezogen: überhebet mich verderbnusse in diser urliuges gusse Ottokar
österr. reimchron. 35341; ze kêren in den val der verdampnusse und der helle gusse 52138; wirf in mit zornes güsze in die uzzern vinsternisse Heinr. v. Neustadt
gottes zukunft 7250; lieht ane vinsternisse, freude ane truren gusse, friede, sicherheit ist da gantz 7765
var.; das rein formale prinzip solcher bildungen kennzeichnet folgende steigerung: er wære âne widerstrît von kummers übergusse verdorben in der vancnusse Ottokar
österr. reimchron. 39708. 22) güsse
meint die wogen, grosze wassermassen in starker bewegung: daz sich von dem wâcgedrenge diu güsse begunde werren, blôdern unde kerren als ein windesprût ûf dem mere
weinschwelg 139
Schröder; hat bein und arme ragen als in diu güsse dar habe getragen Konrad v. Haslau
jüngling 560;
vgl.: (
im sattel sitzen) als ob in dar die güsz hab gefürt Schmeller 1, 951 (
aus cgm. 379); wann da zu ihrem tode
[] die guise von grosse der wind al so hoch wurden und der steurnagel des schiffs verloren was ... und das schiff ward von uibrigen guisen gar zerprochen
dialogi Gregorii (1476) 89; darumb aber, dasz der geist des lebens inmitten des menschen ligt, so ertrinckt er, gleich wie ein mann, den das gusz ubereylet und nit ab stadt fliehen kan Paracelsus
opera (1616) 1, 516
Huser. 33)
regengusz; güsse
platzregen Fischer
schwäb. 3, 938;
jedoch: gišše
sprühregen Tschinkel
Gottschee 310: güsse schadet dem brunnen Spervogel
minnes. frühl. 30, 34; ich hab eins regens und nicht einer güsz begehrt, sie ist von einem engel zu einem groszen teufel worden
Bebel facetiae (1589) 58
b; wie ein gemacher regen mit kleinen tropffen die erde viel besser und fruchtbarer besprenget, als wann eine gähe güsse oder wolckenbruch herabfället Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 52
b; gleich wann in einer güsz unt wann die wolcken regnen zwen wasserlauf in grund einander sich begegnen Hohberg
habsb. Ottobert (1664) N 5
b; het mir zuo freuden auszgesät, ein ander hat mirs abgemät, das macht das wetter unstät, ein kleiner wind der mirs hin wät; do kam ein groszes güsse und fürt mir alles dahin, schafft dasz ich so traurig bin L. Uhland
hoch- u. niederd. volkslieder 128;
in umschreibendem genitiv: grôzer sorgen gusse ir herze begôz Ottokar
österr. reimchron. 6594. 44)
flieszendes wasser, flusz, bach, sturzbach; gusse
torrens voc. teutonicus (1482) Diefenbach
gloss. 589
b: mînes sinnes kraft vert oben hin als über ein güse ein dürrez ris Hugo v. Trimberg
renner 13948; die zeher gelîchent sich der güsse diu vaste ze tal loufet und die steine mit ir füert
deutsche pred. d. 13. u. 14. jhs. 16
Leyser; das schöne frische wasser, bronnen und weyerwerck auff Melantz, und der klein gussen under dem gschloss Tratzberg Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 418; ist für thunlich angesehen worden, die roboten in disem markt Sillian in drei thail abzutheilen, darunter die giss, worunter das cruzifix stehet, und das pächl bei der Scharlingerschen wirtstafern, die abtheilungsmarch sein sollen
österr. weisth. 5, 580 (17.
jh.); über die güsz Cedron, id est ein wasser, das het etwen wasser und etwen nit, und darumb hiesz es ain güsz Schmeller 1, 951; sie stosseten das kind in eine güsse oder ausfluss des Jnns
bei Schöpf
tirol. id. 225 (
beleg v. 1738); güsi
brausender wasserstrom Staub-Tobler 2, 477.
bildlich: man sach die güsse (
blutströme) enouwe gân sam von regen tuot ein bach
Dietrichs flucht 9278; vnnd von der güsz alles wollustes werdenn sy getrenckt (
nach psalm 35, 9
torrente voluptatis tuae) Kaisersberg
granatapfel g 7
d. 55)
compositionsbildungen: güszbett gemauerte stelle, über die sich das wasser des angeschwollenen teiches ergieszt: ist überkomen mit ... (
den) steinmetzen des güszbetts halb am see zu Liebenzelle, als das yetzt schadhaftig ist herfunden worden, dasselb widerumb zu bessern (1485) Mone
anzeiger 6, 253;
gemauertes bett für ausgetretene wasser, für das wasser des mühlbaches: mer soll der stadt paumeister machen lassen und in wesen halten das güspett, das do ist unterhalb des wers zwischen dem newen fleischhaus und der müll, die im wasser steet doselbst, also wenn güsz sein und das wasser uberfelt, das es dann nit als sere spüll, als es sust thet Tucher
baumeisterbuch 201
lit. ver., vgl. 167; 180; 217
u. s. w.; die suw füret in zuo ainem güssbett, durch das das waszer uff die mulin louffet Steinhöwel
Äsop 216
lit. ver.; und führt den wolff nahent darbey zum wasser, das auff ein güspet, auff ein mül schnell zulaufen thet H. Sachs 17, 461
lit. ver.; [] allg. haushalt.-lex. (1749) 1, 1640;