grundsuppe,
f. ,
mhd. einmal als gruntsophe
belegt, im 16.
jh. stark verbreitet, namentlich von Luther
als kraftwort viel variiert (
s. u. 3),
bis ins 19.
jh. literatursprachlich veraltet es späterhin; mundartlich z. th. gehalten vgl. Schambach 70
a; Bauer-Collitz 41
b, Woeste-Nörr. 86
b;
vgl. mnl. grontsop,
n., ags. grundsopa,
m. Bosworth-Toller
suppl. 489
a,
überall in der bedeutung '
bodensatz'
; formelhafte verbindung hefe und
gr. (
s. u. 3 e). 11)
eigentlich: '
bodensatz, der auf dem grunde einer flüssigkeit abgelagerte niederschlag'
; vgl. grundsupp
fœx fundi, crassamen, sedimen Henisch 1769;
so der (
hefige) '
rest im weinfasz, neige': (
Servatius) ... gemerte
die lützeln trophen. da wuochsen die gruntsophen, ie baz und baz si erspruzzen
s. Servatien leben, s. 254
Wilhelm; mit besonderer betonung des ungenieszbaren, unbrauchbaren bei Henisch 1769: grundsuppen, neigent, verrochener und verdorbener wein
vappa; entsprechend bei andern flüssigkeiten vom bodensatz oder den rückständen: van der seycken (
urin) dat gloem of grontsop
sedimen v.
d. Schueren
Teuthon. 232
b Clignett; setzt sich
das grob zu boden, alsdann seyhe das oberst gemach herab, daz ist zu brauchen, so das dicke nichts soll und nur ein grundsupp ist Wirsung
artzneybuch (1568) 12
a; die grundsuppen der salben
magma B. Faber
thes. (1587) 474
b; die gar zu schöne
gr. (
des kaffees) soll sich meine frau aufheben Troschel
reise (1784) 162; grundzoppe '
die dickeren teile der suppe' Schambach 70
a; in der nicht ungegründeten meinung, die kraft der gülle zu erhöhen, liesz ich die
gr. dabei fleiszig aufrühren Schwerz
ackerbau 72;
vom schlamme des wassers: under welchem (
wasser) eine dicke
gr., der schlam ... geblieben ist Comenius
ianua (1644) 6
b; im moraste und
gr. der seen Prätorius
winterflucht (1678) a 4
b vorr.; musz man sich sothaner morastigen wasser bedienen, so ists rathsam, dasz man sie ... sich also setzen lasse und hernach gemächlich von der
gr. und gesetzten schleim abschöpfe v. Fleming
soldat 326; grundzoppe '
das schlammige wasser auf dem grunde eines brunnens' Schambach 70
a;
anders '
das beim bewässern zurückgebliebene wasser, nachwasser': wan ain gemainer man wässert, so gehert das nachwasser oder die grundsuphen in den nachsten wal
österr. weisth. 5, 56 (
v. j. 1462);
auch die mehr festen rückstände heiszen gr.: die
gr., welche im tuche liegen bleibet, wird den arbeitern ... zur speise und zum trancke gegeben O. Dapper
America (1673) 435
b; kannen und gläser (
sind) mit einer schwartzen grundsuppen beflecket Hohberg
georg. cur. 1, 51; seigebeutel, welche nichts als die
gr. oder das abgenutzte gewürtz behalten Mattheson
capellmeister (1739) 28
vorr.; vgl. (er wendet den sack völlig um, es fallen noch einige bücher und viel häckerling heraus) da kommt erst die
gr.! Göthe 17, 56
W. 22)
das '
wasser im untersten schiffsraum' (
vgl. grundbrühe): die stinckende grundsuppen im schiffe
nautea, aqua sentinae B. Faber
thes. (1587) 539
b; wir hattind unsern platz unden im schiff ... und der bitter bös geschmak von der grundsuppen hat uns im haupt übel beleidiget J. Maaler
nach Staub-Tobler 7, 1237 (
von 1593); so wenig als ein schiff gesund und reinlich seyn könte, wenn beydes nicht von der stinckenden
gr. gesaubert würde Lohenstein
Arminius 2, 965
b; auch an einer garstigen
gr. fehlte es dem hofschiffe nicht D. Fr. Strausz
ges. w. 7, 226; dasz im erdkreis das wasser ... wie die
gr. in den schiffsraum empordringe J. H. Vosz
krit. blätter 2, 136. 33)
namentlich im älteren nhd. ist aus gr. 1
ein reicher bildlicher gebrauch entfaltet, der bis in jüngere sprache nachwirkt; meist nach einer seite hin specialisiert; 3@aa)
qualitativ im sinne einer unteren minderwertigen schicht: darausz abzunemen, welch ein abscheuliche grundsupp in demselben (
herzen) müsse verborgen ligen Dannhauer
catechismusmilch 2, 404; unfriede ist die
gr. deines hertzens H. Müller
erquickst. (1667) 560; (
sie) machen platz der aufgewühlten
gr. des menschlichen herzens, der thierischen begehrlichkeit Jer. Gotthelf
ges. schr. 3, 180; blosz um den anstand unsers geschmacks durch die
gr. unserer eigenen kritik zu betrüben Hamann
schr. 2, 515
R.; die
gr. der sogenannten cultur in ihrer hassenswürdigsten abscheulichkeit
Göthes gespräche 1, 186
v. B.; die
gr. rühren
heiszt daher '
das schlimmste thun, an die ärgste stelle kommen': der teufel will die
gr. rüren und den boden gar ausstoszen, got wölle yhm weren Luther 18, 358
W.; wer dise grundsuppen hat gerürt und in den binstock gestochen Seb. Franck
chron. zeytb. (1531) 297
b;
vgl.das ist eben der fleck, wo die
gr. umgerührt wird (
der hauptschade liegt) Auerbach
ges. schr. (1863
f.) 18, 74;
neutral '
die innerste gesinnung': da kommt die
gr. raus Fischer
schwäb. 3, 880;
vielfach wie lat. fœx plebis in anwendung auf die niederste, schlechteste klasse der menschlichen gesellschaft (
vgl. hefe
th. 4, 2, 765): die
gr. des volkes, der gemeine pöbel Butschky
Pathmos (1677) 458; ihr schaum und
gr. des menschlichen geschlechts! Stranitzky
ollapatr. 103
Wien. ndr.; dieser edlere theil (
der nation) musz erleuchtet seyn, wenn die
gr. nicht so roh ... seyn soll Moses Mendelssohn
ges. schr. 5, 351; dem mit der
gr. von menschen überschwemmten Rom Herder
w. 8, 386
S.; sich mit der
gr. des pöbels einlassen Müller v. Itzehoe
Siegfr. v. Lindenberg 1, 207; je weiter man aber in der bildung fortschreitet, um so mehr entfernt man sich auch von der lieben
gr. der menschheit Hebbel
br. 4, 75
W.; von hier aus variiert: die
gr. der litteratur, die nachbeter und uneinsichtigen Grillparzer
s. w. 16, 124
Sauer; nicht nur feuilletonisten und zeitungskorrespondenten, nein auch romanschreiber, dichter, kurz die ganze
gr. groszstädtischer verhältnisse G. Keller
br. u. tageb. 2, 385
Bächtold; unsre sinne sind die
gr. unsrer innern republik Schiller 3, 104
G.; selten neutraler: das schicksal faszt die dinge gröszer und weiter, es denkt nicht an unsre kleinen begehren, sondern wühlt überall die
gr. des volksthums auf Varnhagen v. Ense
tageb. 5, 34. 3@bb)
im vordergrund steht die mehr quantitativ bestimmte vorstellung '
neige; letzter, schlechter rest': die
gr. bleibet den gottlosen (
glosse zu psalm 75, 9) Luther
bei Diez 2, 180
a; der gottlosz hauf in irem sausz müssen die grundsup saufen ausz Burkard Waldis
psalter (1553) 129
a;
vgl. die
gr. saufen müssen Kramer
teutsch-ital. 2, 1041; diese betrübte neige ..., schimlichte
gr. ... vom jüdenthum Luther 53, 501
W.; eine form, welche ihren geist überlebt hat, ... (
ist) die
gr. menschlicher erkenntnisz Fr. Schlegel
pros. jugendschriften 2, 73;
vereinzelt auch neutral '
das, was zurückbleibt': das kaum die hefen und grundsup vom volck selig werde Luther
bei Diez 2, 180
a; dasz sie sich für dem groszen haufen nichts entsetzen dürffen, es weren nurt die
gr. und der nachrest von denen, die sie ... one alle mühe abgeschlagen Schütz
hist. rer. pruss. (1592) 78
b;
in zeitlicher hinsicht mit negativem accent gr. der welt
u. ä.: in der letzten
gr. der welt Luther 36, 482
W.; bericht von der
gr. der welt, wie man sich in diese letzte, allerärgste, greulichste zeit zu schicken Ambrosius Taurer (1589)
titel; epicureer und spötter, derer diese letzte grundesup der welt voll ist Daniel Schaller
theol. herolt (1604) 23; als wäre nunmehr in der letzten
gr. dieser welt erst ein stern aufgegangen Chr. Weise
polit. näscher (1679) 83; so leben wir doch in der
gr. der letzten welt Harsdörfer
t. secretarius 2, 91; bis es sich ... in der
gr. der tage ... sein naturrecht erfände Herder
w. 6, 312
S.; anders mit dem beisinn der letzten, höchsten steigerung (
s. u.c),
vgl. etwa redensartlich es kommt am dicksten: dasz diser stern darumb eben die letzte grundsuppen ausgüssen und die welt damit eingehen werde J. Kepler
opera 8, 1, 317; (
Trinculo:) ich will mich hier einwickeln, bis die
gr. des gewitters vorüber ist
Shakespeare 3, 65; die batterien spieen einander die
gr. ins gesicht Jer. Gotthelf
bei Staub-Tobler 7, 1237; wenn er (
der papst) gleich die
gr. und gantze helle seiner ungnad ... uber uns ausschuttet Luther 32, 339
W.; die
gr. alles unrechts (
ist) ... über den erdboden gleichsam auszgeschüttet Schottel
friedenssieg 71
ndr.; die
gr. der sünde war noch nicht über ihn ausgeschüttet Zinzendorf
Londoner pred. (1756) 1, 338. 3@cc)
von der vorstellung ausgehend, dasz gr. sich aus der ablagerung aller dicken, übeln bestandtheile bildet, gilt gr. als das product, der inbegriff aller schlechten dinge: der bapst ..., der fast alle ketzerey zu sich yn ein grundsuppen samlet Luther 7, 441
W., vgl. 10, 1, 1, 236; das bapsthumb, welches eine
gr. ist, darinnen alle andere ketzereien zusammen gerunnen und in eins geflossen Cyr. Spangenberg
wider d. böse sieben (1562) l 3
b; in diese letzte welt (
ist) alle sünde ... als in eine
gr. zusammen geflossen J. Prätorius
catastrophe muh. (1663) 82; es werde diese unsere muttersprach ... zu einer endlichen grundsuppen, darein aller andern sprachen unart ... zusammen flieszet Schill
ehrenkranz (1644) 123; die
gr., in der alle niedertracht der gegenwart zusammenbrodelt Auerbach
schr. 11, 200;
häufig mit dem genitiv des zu steigernden abstractums verknüpft: ein
gr. ... aller greuel und ketzerey Luther 23, 723
W.; bisz endtlich gar die gsellschaft lebt in grundsup aller boszheyt schwebt Hans Sachs 3, 447
K.; in summa, bey in ist zu finden ein grundsup aller laster fast Fischart
s. Dominici leben 4045
Kurz; das grosze bubenstück und grundsupp aller schanden G. Treuer
dtsch. Dädalus (1675) 1, 216; bei ... dem Zeisigbauer sei aber die
gr. des übels zusammengeflossen W. Raabe
unsers herrgotts kanzlei4 377;
absolut: das ist die grundtsuppe und die helle selbs Luther 30, 2, 288
W.; die Sarracen, die erstlich disen greuel und grundsup einnamen Seb. Franck
weltbuch (1534) 98
a; ein grundsupp und recht Sodoma und erbpardel findstu allda (
zu Rom) Kirchhof
wendunmuth 2, 114
Österley; mit persönlichem subject: (
Luther ist) nach der bäpst urtheil ein ertzketzer und grundtsupp aller ketzerey Seb. Franck
chron. (1585) 3, 422; die grundtsuppe des wuochers, der dieberey und rauberey sein unser herren und fürsten
flugschr., kampf der schwärmer gegen Luther 25
ndr.; er ist neidig, geitzig ..., ja ein rechte grundsup aller ubertrettung und laster worden J. Gretter
erklerung (1566) 306; die
gr. des wuchers ... sind unsere groszen Heine
s. w. 5, 156
E. 3@dd)
in abstrahierender anlehnung an grund IV B 2
im sinne '
ursprungsstätte, brutstätte',
vgl.ursprung und urhab alles unraats, grundsupp
seminarium Frisius 1196
b; der recht
ursprung alles lasters, die grundsupp und hauptsächer
ders. dict. (1541) 139
b; Thomas von Aquin, der born und
gr. aller ketzerey, yrthum und vertilgung des evangelii (wie seyne bucher beweysen) Luther 15, 184
W.; denn ich zuvor aus andern büchern hab, was ich gewuszt hab, und den heubtbrun oder
gr. nicht also gesehen 39, 13
W.; man sehe nur zum ursprung und grundtsupp der Frantzosen Seb. Franck
paradoxa (1558) 191
b; müsziggang, eine grundsupp aller versuchungen J. Wirz
spiegel (1560)
bei Staub-Tobler 7, 1237; dasz mich die menschen selbst die wurtzel alles übels, das ist ein ursprung, cloac und
gr. nennen alles desjenigen Grimmelshausen 2, 845
Keller; die almosen (
können) eine
gr., eine grundursach aller lasteren sein A. Klingler
summ. bericht (1693)
bei Staub-Tobler
a. a. o. 3@ee)
typische verbindung hefe und
gr.: die hefen und
gr. vom volck Luther
bei Diez 2, 180
a; und die hefen und
gr. wird dir gespart A. Pape
garteteufel (1586) d 8
b; in der hefen und grundsuppen der versammleten aberglauben Grimmelshausen 4, 265
Kurz; das gemeine volck in einem staate, welches gleichsam die hefen und
gr. ist Chr. v. Ryssel
v. d. seelenfrieden (1685) 321. —