graszen,
vb. ,
fast ausschlieszlich mhd. (grâzen,
mit gesicherter vokallänge);
frühnhd. und modern mundartlich nur vereinzelt bezeugt. seit dem 16.
jh. in der bedeutung 2
weitgehend von dem neu aufkommenden lautähnlichen, aber unverwandten grassieren (
s. d.)
vertreten, möglicherweise verdrängt. eine herleitung wird dadurch erschwert, dasz die mhd. belege für die bedeutung meist nur soviel erkennen lassen, dasz das wort eine affektäuszerung bezeichnet, von den wbb. als '
leidenschaftliche erregung durch laute oder gebärden ausdrücken, sich übermütig und anmaszlich gebärden u. ä.'
umschrieben. die recht differenzierten mhd. belege lassen sich zwei bedeutungskomplexen ('
schreien, weinen'
und '
zornig sein, wüten, sich wild gebärden')
zuordnen, denen sich auch die dürftigen frühnhd. und mundartlichen spuren des wortes einfügen. dementsprechend bieten sich für die etymologische herleitung zwei möglichkeiten an. man könnte das schwache vb. graszen
an das got., an., as. als reduplizierend bezeugte germ. *grētan
anknüpfen, für das durch das kausativum ahd. gruozen
eine ursprünglich allgemeinere bedeutung '
schreien, tönen'
zu erschlieszen ist. es wäre dann übertritt in die schwache klasse anzunehmen oder aber mhd. grâzen
als intensivum in einem ursprünglichen sinne von '
heftig schreien, heftig weinen'
aufzufassen. andererseits liesze sich graszen
in einer ursprünglichen bedeutung '
wüten, zornig sein, wild sein'
mit mhd. graz '
wütend, zornig, wild'
zur germ. wz. *grēt-, grat-
stellen. es könnte dann zu grasz,
adj. (
s. d.)
im ablaut stehen. möglicherweise aber fallen in mhd. grâzen
die verben beiderlei herkunft zusammen. —
über die im folgenden gegebenen mhd. nachweise hinaus s. weitere in mhd. wb. 1, 568
b; Lexer 1, 1075. 11)
von einer grundbedeutung '
schreien, weinen'
her. 1@aa)
von pferden soviel wie '
schnauben'
oder '
wiehern': ir ros begunden grazzen (:lazzen) Herbort v. Fritzlar
liet von Troye 14740
Fr.; vgl. Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 59, 17
L. vereinzelt mit der frz. ableitungssilbe -ieren: grâzieren unde scherren din ros man hôrte lûte Konrad v. Würzburg
turnier v. Nantes 754
E. Schröder. 1@bb) '
weinen, klagen'.
hierher?: und sprichest (
du, Jesus, am kreuz) in der massen: 'trost sey den umbsteenden hie!' die red het hertes graszen
kl. mhd. erz. 2,
s. 178
Euling; vgl. schweizer. grāsse
n weinerlich tun, um etwas zu erzwingen schweiz. id. 2, 799.
in ähnlicher bedeutung rhein. grässen
rhein. wb. 2, 1363.
ein schweizer. grazen '
mit heiserer kehle singen oder sprechen, gellend schreien oder weinen'
schweiz. id. 2, 835
dagegen ist wohl wie mhd. grezzen '
schreien, krähen'
jh. Titurel 4939, 1
Hahn; Hadamar v. Laber
d. minne falkner 127, 2
Schmeller lautmalende bildung gleich krassen '
wie ein rabe schreien',
s. t. 5,
sp. 2069
oder krähen. 22)
von einer grundbedeutung '
zornig sein, wüten, sich wild gebärden'
her. 2@aa)
allgemein in diesem sinne: idoch in der selben not daz wib noch tobete sere ... der (
der frau innewohnende) tuvel wart do grazen, do in Syrus nicht uzwarf
passional 409, 74
K.; vgl. 264, 96; der lîcham gots gebenedît, ... wart jêmirlîch durch iren nît behant, besulwit, angespît. sumelîche in vrâzen, etslîche durch ir grâzen in wurfin mit unwerde nidir ûf dî erde Nicolaus v. Jeroschin
kronike v. Pruzinlant 23 543
Strehlke; so noch älternhd.: so du wenest eynen christlichen ernst haben, so hestu eynen grassenden hunt (
in dir) Keisersberg
bilgerschaft (1512) 141
c;
modern mundartlich anklingend: grasen
unzufrieden, unwirsch sein, knurren, brummen, nörgeln. he grast wie ne rösege (
rasender) hongk (
hund)
rhein. wb. 2, 1362. 2@bb) '
kämpfen, streiten': dâ was manc sunder grâzen (: gelâzen) (
in einer schlacht) Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 402, 17
L.; wir leben friuntlich, ich und er, ze himel âne grâzen Heinzelein v. Konstanz 128, 61
Pfeiffer. 2@cc) '
gegen jmd. mit worten oder handlungen wüten, hart verfahren': (
beim tode eines bischofs) ey nu wirt sere grazen der wolf uf dine schefelin
passional 610, 10
K.; daz si den gelovben Cristes niht wolde lazin, schelten smehis grazin muoze div maget liden Hugo v. Langenstein
Martina 109, 12
Keller 2@dd) '
wild nach etwas verlangen, gieren': wan er (
der fürst) grazet nach eren hie, rehte als ein vederspil nach [den] vogel'en in den lüften der Meiszner
in: minnesinger 3, 108
a v. d. Hagen. 2@ee) '
sich wild gebärden, sich aufbäumen',
von pferden: do Wildehelm daz ersach daz der knge schar uf brach gein sinem knge ze eren, daz ros begund er leren grazzen und springen Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 6265
Regel.