grabstätte,
f. ,
neben und mehr und mehr anstelle von grabstatt (
s. d.).
zur formgeschichte von statt
und stätte
vgl. teil 10, 2, 1,
sp. 953
ff., 1006
ff. im älternhd. variiert die lautgestalt des wortes stark, z. t. infolge doppelter vokalquantität des grundwortes: grabstätt, -stet, -stäte, -städte, -stette (
s. u.).
die im 18.
jh. noch vorherschende vokallange form grabstäte
gelegentlich noch im 19.
jh.: grabstäten Holtei
erz. schr. (1861) 15, 22,
s. dazu auch s. v. stätte 1 b
ende. der für das simplex stätte (
s. d. 1 c)
erst seit Möser
nachgewiesene schw. pl. findet sich bei grabstätte
bereits mehrfach in der zweiten hälfte des 17.
und der ersten des 18.
jhs.: grabstätten (
n. pl.) J. Prätorius
Turci-cida (1664) V 1
a; (
acc. pl.) Carpzov
trost- u. leichenspr. (1698) 581; (
n. pl.) Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 2 (1711) 80
u. ö.; bei den im gleichen zeitraum erscheinenden st. pluralformen (
s. z. b. unten 2 e)
ist grundsätzlich nicht zu entscheiden, ob sie hierher oder zu grabstatt
zu stellen sind. im 18.
u. 19.
jh. häufig grabesstätte,
auch in ungebundener rede, vereinzelt auch grabestäte Stoppe
Parnasz (1735) 172;
die jüngere form gräberstätte
s. unten 3. grabstätte,
neben älterem grabstatt
erst seit der wende vom 16.
zum 17.
jh. bezeugt, gewinnt bereits im 17.
jh. und dann in steigendem masze die vorherrschaft über das ältere wort und wird auch durch jüngeres grabstelle (
s. d.)
kaum zurückgedrängt. 11)
mit deutlicher ortsvorstellung und in diesem sinne einfaches grab ausdrücklich als '
grabstelle'
charakterisierend. 1@aa)
im engsten sinne der für eine (
künftige)
bestattung vorgesehene, zugewiesene oder ausgesuchte platz: allhie bey der noch ehrlichen begräbnisz desz verzweifflenden
d. Fausti, fraget sichs, ob man den verzweifflern und selbstmördern eine ehrliche grabstätt auf dem kirchhof, neben andern ehrlichen leuten solle vergönnen und mittheilen Widmann
Fausts leben 627
Keller; ich ... hiehergekommen bin, eine grabstette für meine meerkatze auszusuchen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 781; und welche grabstätte wird meinen leichnam empfangen? Schiller 6, 248
G.; ich (
Nero) war unlängst im labyrinth, um mir zu überlegen, wie ich meine grabstätte ausbauen soll Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 240;
vgl. 87.
hierher: man redet nicht also, wenn man nicht seinen posten als seine grabstätte betrachtet Abbt
verm. w. (1768) 2, 24
anm. 1@bb)
der durch ein grab eingenommene platz, die stelle, an der ein toter begraben ist, die stätte eines grabes: dero (
tartarischer könige oder kaiser) grabstätten sind in köstlichen capellen J. Prätorius
Turci-cida (1664) V 1
a; die einwohner erklärten uns, dasz sie auf diesem berge ihre todten begrüben und dasz die pfähle zur bezeichnung der grabstätten dienten J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 305;
vgl. 4, 262; ihre grabstätten besetzen sie mit pyramidal aufgebauten denkmalen Ritter
erdk. (1822)
teil 1, 241; wie andere die grabesstätte mit blumen bepflanzen, so haben sie diese kräftigen geistigen blumen am grabe zwar, aber ohne umzäunung gesetzt Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 119; so ist denn trotz oft wiederholter bemühungen die grabstätte Mozarts nicht mit sicherheit ermittelt worden Jahn
Mozart (1856) 4, 688. 1@cc)
von b
her in einem grab B 1 a
entsprechenden bildlichen gebrauch für raum und ort, wo jemand den tod gefunden hat: was dem besem entrint, das find seine grabstet am galgen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Yy 1
a; rechnet man nun noch die unglückseligen dazu, denen beide Indien haufenweise ihre grabstäte wurden Herder 13, 286
S.; seine gedichte konnten in der damals noch viel deutscheren Lombardei, die ihm zur grabstätte wurde, gunst und beifall finden Jac. Grimm
kl. schr. (1864) 3, 9; ein furchtbarer kampf brach aus, von dem es wahr sein mag, dasz die grabstätten der gefallenen zugleich die ruinen ihrer wohnungen waren Ranke
s. w. 14 (1875) 11; man hat nachricht in vielen grabschrifften der alten Römer und andern denkzeichen, so sie auf ihre grabstätten lassen setzen, dasz ihrer viel die unsterblichkeit der seelen gegläubet Scriver
seelenschatz (1737) 1, 17
a. 22)
die ortsvorstellung kann ganz zurücktreten, doch behält das wort meistens auch dann, dem einfachen grab
gegenüber, bestimmtere merkmale. 2@aa)
so gern für prähistorische, antike oder primitive grabanlagen, hier z. t. vielleicht noch im hinblick auf ihren räumlichen umfang: heut hab ich die nymphe Egeria besucht, dann die rennbahn des Caracalla, die zerstörten grabstätten längs der Via Appia und das grab der Metella Göthe I 30, 213
W.; wohl an funfzig orten, und fast in allen nordamerikanischen geöffneten grabstätten fand man gröszere und kleinere stücke von glimmer ..., die höchstwahrscheinlich nur können zu spiegeln gedient haben W. v. Humboldt
ges. schr. 6, 49
akad.; grabstätten der sogenannten steinepoche Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 9. 2@bb)
in auszeichnendem sinne für ein vornehmes grab, ein künstlerisches grabmonument oder grabgebäude, eine familiengruft u. ä.: der ihrigen ausbündige thaten, und denkwürdigen tugendhandlungen immerwährend vorzustellen, künstlich-ausgehauene grabstette, kostbare gebeue, wolkenrührende pyramiden, wiederschallende gewelbe, und andere schöne denkmahle aufbauen und setzen Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 2, 30; es seynd sechs und zwantzig grabstätten von schwarzem marmel in diesem panteon Abr. a
s. Clara
etwas f. alle (1699) 2, 80; wie oft wanderten wir durch den feierlichen kreis der dunklen fichten, die die grabstätte der familie Humboldt umrahmen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 229. 2@cc)
ebenfalls auszeichnend von den gräbern bedeutender persönlichkeiten, zumal solchen, zu denen gewallfahrtet wird: siehestu nicht, dass in dieser stadt viel grabstätte sind, und unter allen ist nicht eine so berühmt als des Maarufs seine
persian. baumgarten 56
in: Olearius
verm. reisebeschr. (1696); abends oberbaudirector Coudray; Wielands grabstätte besprochen (1821) Göthe III 8, 23
W.; vgl. 38; so wie die Israeliten ... das gelobte land, wo Abrahams grabstätte war, wieder gewannen K. O. Müller
die Dorier (1824) 1, 46; und (
der engel) fuhr, als sie, mit hocherhobnen händen, sprachlos die grabesstätte (
Christi) leer erschaut, in seiner hehren milde also fort H. v. Kleist
w. 4, 16
E. Schmidt; seit die Angeln und Sachsen in England christen geworden waren, kamen alljährlich fromme pilger nach Rom zu den grabstätten der apostel G. Freytag
ges. w. 17 (1887) 177. 2@dd)
statt des einfachen grab
in gehobener und poetischer sprache: doch die tugend unsers beygesetzten mitbruders zwinget mich diese bey gott angenehme grabstätte mit folgendem sinnbilde zu bezeichnen Chr. Weise
polit. redner (1677) 443; sey ihm ein schwanenbette, nachtvolle grabesstätte, und deck ihn kühlend zu Schubart
s. ged. (1825) 1, 296; warum konnte ich seinen (
des sterbenden pflegevaters) seegen nicht selbst hören? warum benetzen meine thränen seine heilige grabstätte nicht? Sophie v. Laroche
frl. v. Sternheim 93
lit.-denkm.; wie die geliebte frau im tiefen schmerz sich über die grabstätte neigte Clara Viebig
d. schlaf. heer (1904) 2, 511. 2@ee)
daneben gelegentlich aber auch unspezifisch für bloszes grab,
vgl. die grabstătte
le tombeau Schwan
nouv. dict. (1783) 1, 781
a: zum dritten ein grabstätte, mit einer grossen flaschen, das wolleben bildend Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 242; wie denn auch ohne disz dergleichen irrwische gar gemein um die grabstätte gefunden würden Lohenstein
Arminius (1689) 1, 181
b;
vgl. 2, 599
a; warumb ist dieser sobald heimb gangen? tröst ihn gott, er hat alle tag gefruhstuckt, vnd das hat ihme zum todt geholffen. in summa fast allenthalben sepulchra concupiscentiae, gräber oder grabstätte der begirigkeit Abr. a
s. Clara
Judas 4 (1695) 108.
in vergleichend übertragenem zusammenhang: (
er) meint es gut ... er will meinen frieden ... aber dieser friede ist der friede einer grabesstätte, und diese ruhe die ruhe der todten (1805) Creuzer in:
d. liebe d. Günderode (1912) 179
Preisendanz. 33)
soviel wie gräberfeld, friedhof, begräbnisplatz, vgl. grabstette
cimiterio, luogo da sepelire M. Kramer
t.-ital. 1 (1700) 553
b: daher (
aus dem glauben an die auferstehung) auch von alters die christen ... jre begrebnis ... genennet nicht grabstete oder todtenhöfe, sondern coemeteria, dormitoria, schlaffheuser Luther 22, 403
W. (
wenn nicht zu grabstatt,
s. d. 4); endlich werden sie (
die gefallenen) in die öffentliche grabstäte ... beigesezt Heilmann
gesch. d. pelepon. krieges (1760) 211; wir werden alle ... auf ihre (
der gefallenen) grabstätte gehen und zu ihrer ruhe beten Stifter
s. w. 11 (1932) 53.
in dieser bedeutung auch in der form gräberstätte: jedenfalls wird uns dieses frauenzimmer zu der gräberstätte führen (
zu dem '
leichenacker'
der keltischen gräberfelder bei Halstatt) W. Raabe
s. w. I 6, 280
Klemm; aber wie erstaunte er, ... als er (
durch die pforte) hindurchtretend einen groszen kirchhof, eine weite alte gräberstätte vor sich sah mit unzähligen grabhügeln, kreuzen, denksteinen
V. v. Strausz
lebensführungen (1888) 2, 105. 44)
bildlicher gebrauch des wortes entspricht im allgemeinen dem bei grab
gegebenen. 4@aa)
umschreibend für eine stätte des untergangs, 1 b
gegenüber auf sachlich-gegenständliches bezogen, vgl. grab B 1 a: zusammengestürzt bist du reich, zertrümmert deine triumphbogen, zerfallen deine palläste, mit sträuchen verwachsen und düster, und über deiner öden grabstätte dämmert nebel im sinkenden sonnenglanz Göthe I 38, 377
W. im zusammenhang eines ausgeführten bildes: die leichensteine auf den grabstätten der ... griechischen kunst ... erklärten uns diese gelehrten R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 3, 213; es war, als führen wir in einen begräbniszport hinein. Venezia ist todt ... unsere gondel hielt vor dem alten palazzo Giustiniani ... das war also die erste grabstätte Laube
ges. schr. (1875) 8, 344. 4@bb)
auf konkretes oder abstraktes bezogen, das als im grabe liegend vorgestellt wird, vgl. grab B 2: die karten oftmals des beutels sarg und grabstette ist Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 4, 350; mein ernster vorsatz ist der tod, ... die grabstät aller pein vnd noht
Königsberger dichterkreis 173
ndr.; mannigfaltige producte der tropenwelt, in ihren grabstätten verborgen, offenbart die kalte zone dem forschenden geognosten: coniferen, aufgerichtete stämme von palmenholz, baumartige farnkräuter A. v. Humboldt
kosmos (1845) 1, 27. 4@cc)
in freiem bildgebrauch soviel wie '
stätte des todes, der vergänglichkeit'
oder '
ort der trauer': wenn mein unmuth mir die schöne erde zu einer grabesstäte machte Zimmermann
einsamkeit (1784) 4, 218; er (
der winter) macht die welt zur grabesstätte Körner
w. 2, 16
Hempel.