gottgeweiht,
adj. ,
vereinzelt (
in der substantivierung) gottesgeweiht H. P. Sturz
schr. (1779) 1, 210.
als kompositum seit der wende vom 17.
zum 18.
jh. und als weitaus geläufigste bildung neben den z. t. früher bezeugten, aber weit weniger entwickelten synonymen gottgeheiligt, gottgewidmet, gottverlobt (
s. überall dort).
in getrennter schreibung vereinzelt erheblich früher: ein sölche reine, lauttre, heilige, got gewichte, kusche iunckfraw (
von Maria) P. Stephan Fridolin
dt. pred. 73, 10
Schmidt, s. dazu auch unter 2. 11)
hinter den meisten gebrauchsweisen steht die vorstellung '
für gott geweiht, geheiligt',
in der gott ziel, eine menschliche instanz subjekt der handlung ist. 1@aa)
in kirchlichem und kultischem bereich von dem, was für gott oder die götter geheiligt, bestimmt und ausgesondert ist, neben und anstelle von einfachem geweiht (
s. d. II 2 b,
sp. 5444
ff. und s. v. weihen I A 2,
sp. 668
ff.). 1@a@aα)
von personen des geistlichen standes in christlicher redeweise. gern substantiviert und prägnant, so wohl schon im ersten beleg, in dem das wort übertragen gemeint ist und christlichen wortgebrauch auf auszerchristliche verhältnisse ausdehnt: nach meiner meynung ist ein offenbahrer bösewicht und nachtläuffer besser als ein taugenicht, der eines gottgeweiheten kleid an hat (
d. h. sich fromm stellt)
pers. baumgarten 67
in: Olearius
reisebeschr. (1696); der ehrwürdige gottesgeweihte (
der priester) sinkt zum menschengefälligen schwäzer herab Sturz
schr. (1779) 1, 210; du, eine gottgeweihte, willst es wagen, ein herz von fremder liebe brennend, dem zu zeigen, dem gott zu zeigen, dem du dich verlobt? Wieland
w. 6, 41
Hempel; Chézy
erz. u. nov. (1822) 1, 139.
in der übertragung auf analoge verhältnisse der bibel: die entsagungen ..., die er als nasiräer oder gottgeweihter zu beobachten hatte K. Fr. Becker
weltgesch. (1801) 3, 358;
rel. i. gesch. u. gegenw. 24, 416.
hierher wohl auch, und nicht zu 2,
in alttestamentlichem rahmen als bezeichnung des priesterlich geweihten königs, vgl. s. v. weihen I A 2 b
δ,
sp. 669: du gottgeweihter, nicht den königen, gebühret wein. den fürsten starker trunk nicht (
von Salomo) Herder 8, 545
S.; 639.
attributiv, vgl. in noch getrennter schreibung: die geistliche und gott geweihete persohnen Abr. a
s. Clara in:
teil 4, 1, 3,
sp. 5444; die christlichen liebeswerke, welche ich von so vielen gottgeweihten jungfrauen (
nonnen) ... hatte ausüben sehen Brentano
ges. schr. (1852) 4, 358;
vgl. 1, 137; 270; in Polen, wo 'hunderte von gelehrten, rechtgläubigen, gottgeweihten männern aus dem orden beschäftigt sind ... die katholische frömmigkeit zu pflanzen' Ranke
s. w. (1867) 38, 260. 1@a@bβ)
in dinglicher anwendung auf sakrale orte und gegenstände des christlichen kultus: der kirchendiebstahl wird ... begangen ... so jemand was gottgeheiligt- oder geweihtes an geweihten orten ... entfremdet
constit. crim. Theresiana (1769) 261; und (
wie) kirchenschänderische hand mit branntwein füllt bis oben an den kelch, so faszte Christi blut! wie man gewänder, gottgeweiht, sah wehn um kriegerschultern breit A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 136; wir hatten gehofft, eher in das grab steigen zu dürfen, als ein unglück zu erleben, wie ein solches über unser gottgeweihtes haus (
ein nonnenkloster) hereingebrochen ist P. Rosegger
schr. (1895) I 12, 375. 1@a@gγ)
häufig in einer α wie β genau entsprechenden anwendung auf auszerchristliche, besonders antike religionen, s. dazu weihen I B,
sp. 675
ff.: jedermann war geneigt, den gottgeweihten (
den priester Chrysas) zu ehren Bodmer
in: allg. dt. bibl. (1765) 37, 132; ein höchst liebenswürdiges freundschaftsverhältnis zwischen Apamis und Theano, einer durch das gelübde ihrer sterbenden mutter gottgeweihten jungfrau Göthe I 42, 2, 97
W.; Grillparzer
s. w. 7, 36
Sauer; an der Weser silberfluthen stund ein gottgeweihter hayn Schönaich
Hermann (1751) 80; eher können sie (
durchbohrte votivdreiecke) ... als marken gottgeweihten viehs gedeutet werden E. Gerhard
akad. abhandl. (1866) 2, 533; sie, die grosze, gottgeweihte (
eiche) Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 346.
anders nuanciert, von einem, der sich den göttern opfert: dasz er (
Regulus) als opfer für das vaterland den untergöttern sich mit groszmuth weihte ... und ihm, dem gottgeweihten, folge dann ein klageruf von allen bürgern nach H. Jos. Collin
Regulus (1802) 70. 1@bb)
im subjektiven bereich persönlicher frömmigkeit, christlichen lebens und handelns; im ersten drittel des 18.
jhs. in erbaulicher sprache aufkommend. 1@b@aα)
neben seele, herz, sinn, leben
u. ä., in der reflexiven vorstellung '
was sich gott geweiht, geheiligt hat'
gründend und zur bedeutung '
gottergeben, fromm'
hinüberführend: so bricht in tiefe seufzer aus die sehnsucht gottgeweihter seelen (1723) Zinzendorf
geistl. ged. (1845) 39; Neukirch
anfangsgründe (1724) 718; ein gott-geweyhtes hertz tracht immer himmelwärts Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 100; ein himmlisch-reines feuer von gottgeweihter inbrunst treibt mich, dasz ich die cither zu heilgen liedern schlage Herder 18, 9
S.; die seeligkeit, die hier schon aus einem gottgeweihten leben flieszt Miller
pred. f. landvolk (1776) 3, 21; jenes ideal des gottgeweihten lebens, das Christus und seine apostel durch lehre und eigenes beispiel verkündigt und empfohlen haben Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 126.
als prädikat frommer künstler wohl unter der voraussetzung von β: den Gabirol, diesen treuen gottgeweihten minnesänger, diese fromme nachtigall, deren rose gott gewesen H. Heine
s. w. 1, 463
E.; Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 241. 1@b@bβ)
seltener in sachlicher beziehung, von dem, was gott gewidmet, dargebracht ist, der bedeutung '
fromm'
in dem objektiveren sinne von '
geheiligt, heilig'
nahe: stets redet ein Calvin der sanftmuth nur das wort; verdammt, wenn Rom ihn drückt, den gottgeweihten mord Schwabe
belust. (1741) 6, 488; sei es denn vornehmlich dieser punkt unseres heiligen glaubens, worauf wir in dieser gottgeweihten stunde unsere ganze aufmerksamkeit richten Bomhard
pred. (1866) 2, 983; zwei künstler schmückten es (
ein chorgewölbe) mit gottgeweihter kunst Gaudy
s. w. (1844) 20, 31. 22)
in einer reihe vorwiegend okkasioneller anwendungen tritt die vorstellung '
von gott geweiht, geheiligt'
hinzu oder als einzige hervor, in der gott subjekt der handlung ist und eine zielbestimmung fehlt, vgl. s. v. weihen I A 1.
gelegentlich mag dabei diese vorstellung mit der 1
zugrundeliegenden verschmelzen; so in der anwendung auf Maria, bei der die synonyme reihung mit religiösen eigenschaftsbegriffen (
s. dazu auch ob. den beleg aus P. Stephan Fridolin)
zugleich nach 1 b
α weist: da Maria mit ihrem ersten sohne vom himmel so auszerordentlich und wunderbar gesegnet war: die fromme, dankbare, gottgeweihte Herder 7, 485
S. auch sonst scheint doppelbeziehung möglich: und wie steh ich beschämt, dasz das gottgeweihete volk von dem richtigen pfad abweicht (
Israel) selbst Bodmer
Noah (1752) 354; und hier bring ich für deine locken das gottgeweihte diadem (
zur krönung)! Grabbe
w. 2, 333
Bl. andere fälle, besonders in jüngerer sprache, weisen noch deutlicher in die richtung '
von gott geweiht, geheiligt, erwählt, gesegnet': und jegliche well' im vorübergleiten singt hallelujah dem gottgeweihten (
Christus) J. Frey
ges. dicht. (1899) 258; nur wenige verstehen, was dem für ehren bleiben, der liegt, und überwunden hat, dem ewigen, dem gottgeweihten menschen, der auferstehen soll! Klopstock
oden 1, 100
M.-P. besonders: wir bringen wieder die kultur, von wo sie hergedrungen, zurück zur gottgeweihten flur (
Griechenland), wo sie von selbst entsprungen Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 261; indesz der schlechte zehrt am theuren mark des gottgeweihten landes (
Italien), das verdirbt Immermann
w. 16, 235
Hempel. —