gottesacker,
m. ,
vereinzelt gottakker Abr. a
s. Clara
neue pred. 124
lit. ver., friedhof; kirchenland. seit 1369
in Wien nachweisbar als goczachker
qu. z. gesch. d. stadt Wien III 1, 25
b u. ö.; seit dem 15.
jh. auch in anderen obd. und in böhm. quellen: goczacker (1415)
chron. d. st. Eger 197
Gradl; gotzacker (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 2, 184;
Zimmer. chron. 24, 66
Barack; gotsacker (
Augsburg 15.
jh.)
städtechron. 5, 90;
cœmiterium ein kirchhof oder gottsacker Frisius
dict. (1556) 238
a;
s. v. sepultura ebda 1201
b;
im md. seltener, vorwiegend ostmd.: gotesacker
s. v. acheldemac (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 11
c; gottsacker (
schles. 1496)
bei Röhricht
pilgerreisen 327; (
Leipzig 1547)
bei Liliencron
hist. volkslieder 4, 403;
mnl. wohl nur lexikalisch: godsacker Kilian
etym. teut. ling. (1599) 1, 154
b.
das wort, das in den randbezirken seines alten verbreitungsgebietes im rückgang begriffen scheint, steht heute noch in weiten teilen Süddeutschlands und Thüringens, s. Schmeller-Fr.
bair. 1, 959; Castelli
ma. in Österr. 145; Jakob
Wien 71; Stauf v.
d. March
nordmähr. maa. 46; Fischer
schwäb. 3, 766; Martin-Lienhart
elsäss. 1, 25
b; Hertel
Thür. 108;
als wenig gebräuchlich belegt bei Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 433
a;
rhein. wb. 2, 1326.
in gewählter sprache wird gottesacker
in seinem süddt. verbreitungsgebiet, literarisch auch auszerhalb dieses gebietes, oft dem fast immer daneben gebräuchlichen friedhof
und kirchhof
vorgezogen; in teilen Thüringens herrscht es allein, vgl. Kretschmer
wortgeographie (1918) 277
u. 609. —
im 17.
jh. (
erster beleg 1605)
findet sich das wort als gods aker
gelegentlich in engl. reiseberichten über deutsche städte (
Leipzig),
im 19.
jh. begegnet es im engl. wieder als god's acre,
vgl. Walz in:
festschr. f. Kittredge (1913) 217.
dem dt. gottesacker
vergleichbar ist die ital. bildung camposanto,
zuerst in einem ital. voc. des 16.
jhs., s. Kretschmer
a. a. o. 11)
friedhof. 1@aa)
in rein sachlicher beziehung. zunächst der auszerhalb eines wohnbezirks angelegte friedhof im gegensatz zu dem an der kirche in der stadt oder in dem dorf gelegenen kirchhof;
wohl von dem gleichen ansatzpunkt wie die bedeutung 2
her als ein zum besitz der kirche gehörendes gelände, ein als begräbnisstätte geweihtes feldstück: (
verkauf eines hauses) sitam ante portam Karinthianorum in der chumphluchen hinderm goczacker prope domum Stephani mawrer (1379)
qu. z. gesch. d. st. Wien III 1, 195
b; anno domini 1415 kauft ein rat 4 gärten und machten ain gotzacker daraus (
Augsburg 16.
jh.)
städtechron. 23, 66; der general Tilly soll des morgens vor der schlacht in des todtengräbers behausung, am gottesacker bey Leipzig ... kriegsrath gehalten haben Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 214; zu Wien vor dem Schottentor auf dem schönen gottesacker ist ein grosser grabstein Abr. a
s. Clara
w. 1, 148
Strigl. vgl. godsacker
locus extra ciuitatem procul a templis et dominibus, vbi mortui sepeliuntur Kilian
etym. teut. ling. (1599) 154
b; this place (
auszerhalb von Leipzig) is called gotts aker, that is, that aker or field of god (1646)
bei Walz in:
festschr. f. Kittredge (1913) 221.
dann überhaupt [] jeder friedhof, ohne rücksicht auf seine lage innerhalb oder auszerhalb einer ortschaft, wenn auch in dieser allgemeinen anwendung von der noch lange daneben bestehenden engeren nicht immer sicher zu scheiden: es lieg einer auf dem gemeynen gottsacker, inn vnd vor der statt Mathesius
ausgew. w. 1, 30
L.; er solte nur in das beinhausz auf dem gottesacker gehen, da würde er etliche todten-köpfe sehen Chr. Weise
drey klügsten leute (1675) 83; ich ging nun den gottesacker von Pisa zu besehen Göthe I 43, 33
W.; als er zu hause angekommen war, schritt er über den kleinen gottesacker des dorfes in die stille kirche W. Raabe
s. w. I 3, 55
Klemm; der sie (
die kirche) umgebende, von niedriger feldsteinmauer eingefriedete gottesacker Ina Seidel
Lennacker (1938) 89. 1@bb)
sekundär verbinden sich mit der zusammensetzung besondere vorstellungen, die die heiligkeit des ortes betreffen, besonders anknüpfend an den christlichen auferstehungsglauben im anschlusz an 1. Kor. 15, 36
ff.;
vgl. auch Joh. 12, 24: daher auch von alters die christen ... die weise gehabt, das sie jre begrebnis ehrlich gehalten, vnd beinander gehabt ..., vnd die selbe genennet, nicht grab stete oder todtenhöfe, sondern cœmeteria, dormitoria, schlaffheuser, ... vnd wir Deudschen von alters solche begrebnis nennen gottesacker, nach der weise, wie S. Paulus 1. Corinth. XV. redet, es wird geseet ein natürlicher leib
etc. Luther
ausleg. d. ep. u. ev. v. ostern bis auff d. adv. (1544) ff 6
a (Luther
scheint das wort sonst in der anwendung 1
nicht zu gebrauchen); S. Prudentius heisset den gottes acker des herrn Christi sequester vnd zehender, von welchen er ... aller christen beinlein, steublin, vnd grenlein wider fodern will Mathesius
Sarepta (1571) 224
a; gots-aker,
cœmiterium. quasi ager dei, quia corpora defunctorum fidelium comparantur semini Wachter
gloss. germ. (1737) 603; auf dem kirchhofe, der, als ein richtiger christlicher gottesacker, jedem christen ... etwas durchaus heiliges sein müsse Fontane
ges. w. (1905) I 6, 382; das wort gottesacker klingt tröstlich, ich glaube, es ist den bauernbegriffen entnommen, es schlieszt die hoffnung auf auferstehung in sich. der acker gottes, saat und ernte sind damit umschlossen H. Thoma im
winter d. lebens (1925) 141.
ironisierend: (
dasz studenten als '
musensöhne'
bezeichnet werden) ist nur so eine hergebrachte redensart ..., so wie man ja auch den kirchhof, gottesacker, und die advokaten, diener der gerechtigkeit zu nennen pflegt Tieck
schr. (1828) 5, 340. 1@cc)
in festen wendungen und redensarten. 1@c@aα) auf dem gottesacker liegen, ruhen; auf den gottesacker bringen, tragen
und ähnliche, noch heute gebräuchliche wendungen: auff den newen gottesacker darinn ist er gelegen (
Nürnberg 16. jh.)
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied (1903) 1, 138
b; nun liegt er drauszen auf dem gottesacker. er war ein guter mann O. Ludwig
ges. schr. 2, 60
Schm.-St.; ietz ruow auf dem gottsacker! (17.
jh.)
Schweizer volkslieder 2, 127
Tobler; da er wurd auffn gotszacker bracht, sah man viel hundert weynen (1548) Wackernagel
dt. kirchenlied 3, 942; wenn wir die verstorbnen hier auf den gottes-acker bringen Schmolck
sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 727; wie man in (
einen toten) nun hinausz uf den gotzacker tragen wellen, hat sein muetter ... gesehen, das sich was an im noch ain wenig geregt
Zimmer. chron. 24, 66
Barack; er wäre nicht einmahl wehrt, dasz er auf den gottes-acker begraben würde Chr. Weise
erznarren 155
ndr. 1@c@bβ)
in sprichwörtlichem zusammenhang: wo vndt wan krieg ist, wirt der brottakher dirr vndt der gottakher faist Abr. a
s. Clara
neue pred. 124
lit. ver.; der pastor baut den acker gottes, und der arzt den gottesacker Lichtenberg
verm. schr. (1800) 2, 369; ein junger arzt, ein neuer gottesacker Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 57
a;
[] gottesacker hat kreuze, aber keine leiden
bei Wander
dt. sprichw.-lex. 2, 109. 1@dd)
in übertragenem und uneigentlichem gebrauch, demjenigen von grab (
s. d. II
u. III)
vergleichbar. von dem ort, an dem jemand den tod, etwas den untergang findet: die amerikanische colonien sind der gottsacker der französischen nation
allg. dt. bibl. 8, 2 (1769) 92; dieses ort wolle er vertheidigen, bis es sein gottesacker werde
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 265; wir stehen auf dem boden der philosophischen geschichte, auf dem allgemeinen gottesacker der denker und ihrer systeme J. Engel
schr. (1801) 2, 300; darum suche die zeit nicht auf dem gottesacker vergangener jahrhunderte die schädel und die mumien, um von neuem sich anzubauen Görres
ges. schr. (1854) 1, 165.
ähnlich von vergangenem oder, in wertender sicht, zum untergang bestimmtem: jede stelle hienieden sei ja 6000 jahre alt und reliquie — alles sei gottesacker und ruine auf der erde — besonders die erde selber Jean Paul
s. w. I 9, 104
akad.; sie haben einen gottesacker von putz auf dem leib, aber nicht 'nen deut in der tasche Grabbe
w. 4, 28
Bl. in redensarten, die den tod zum gegenstand haben: wie geschwinde kan ein arzt seine seufzende kranken auf den gottesacker bringen
Leipziger avanturieur (1756) 1, 226; gedachte frau war in ihren alter mit einen langwierigen husten beladen, also dasz sie immer klsterte, vnd wie man sagt, nach dem gottsacker bellete Chr. Lehmann
histor. schauplatz (1699) 823; den gottesacker anhusten '
dem tod nahe sein'
bei Fischer
schwäb. 3, 766.
dazu mundartliche bildungen wie gottesackerbelle
für einen heftigen, gefährlichen husten; -dachs
für den totengräber; -männchen
für einen dürftig, elend aussehenden menschen bei Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 433;
ferner bei Fischer
a. a. o.: -pfeifer,
soviel wie -belle; -wasser
für den schnaps; ähnlich -blumen
für graue haare (
aber auch in eigentlicher bedeutung: Meisl
theatr. quodlibet [1820] 4, 136). 1@ee)
in besonderer anwendung in der studentensprache zur bezeichnung eines steigerungsgrades in der bierfehde: weitere stürze, die von durstigen leuten oft gebraucht wurden, waren 'pabst', zwei gläser, 'christenheit oder amtmann' vier, 'gottesacker' acht gläser (1835)
Felix Schnabels universitätsjahre 74
Bierbaum; vgl. Kluge
studentenspr. 93
a. 22)
kirchenland, dem kompositionstyp gott I D 4
entsprechend. selten und wohl nur dort auftretend, wo gottesacker
in der bedeutung '
friedhof'
nicht üblich ist: die gottesäcker werden zwar nicht unbillig von den untertahnen bestellet, doch musz darum der von Thümen keinen abgang an seinen diensten leiden (1649)
entscheid. d. Cölln. konsist. 217
Burkhard v. Bonin; die (
niederländischen) siedler übernahmen die verpflichtung (
ländereien für kirchliche zwecke für immer frei zu deichen), wie es oft heiszt, 'zur ehre gottes' oder 'um gottes willen' ... die länder werden als 'kirchenländer', 'gottesäcker', 'kerkvroonen' bezeichnet J. v. Gierke
gesch. d. dt. deichrechts (1901) 2, 152. 33)
ein fruchtbares, von gott gesegnetes, begünstigtes stück erde; vgl. gottesgarten 1.
vereinzelt bei Luther: (
Sodoma)
fertilissima fuit terra, ein gotzacker (
var. wie eyn gottis garten) (1523) Luther 14, 44
W.