göttlichkeit,
f. ahd. unbezeugt und durch gotkundî, gotlîchîn, gotelîchî, got(e)heit
vertreten. aus dem mhd., in der form gotlîcheit,
nur in zwei zeugnissen verschiedener bedeutung nachweisbar (
s. u. 1 a; 6);
in der form gotlichkeit
seit dem 15.
jh., vgl. Diefenbach
gl. 171
a; 178
a,
doch als göttlicheit
noch bei Keisersberg
granatapfel (1510) A 4
b neben gottligkeit
schausp. engl. comöd. 113
Cr.; im 17.
jh. meist in der schreibung göttligkeit,
vereinzelt auch noch götligkeit Zesen
rosenmând (1651) 164.
die bezeugung des wortes bleibt bis zum ende des 16.
jhs. sporadisch, Luther scheint es nicht zu kennen. erst das 17.
jh. läszt auf gängigen literarischen gebrauch schlieszen, doch verzeichnen die wörterbücher vom 16.
bis noch in die mitte des 18.
jhs. das wort nicht, mit der einzigen ausnahme Stieler
s (
stammb. [1691] 686),
während Frisch (1741) 362
a es nur als veraltet bucht und noch Adelung
wb. 2 (1811) 763
es nur in eingeschränkter bedeutung (
s. u. 3)
gelten läszt. das ältere wort gottheit,
das in steigendem masze die für göttlichkeit
ungewöhnliche (
s. u. 6)
personale bedeutung bevorzugt, wird im sinne des qualitätsbegriffs mehr und mehr von göttlichkeit
abgelöst, besonders in der anwendung auf den menschen und menschliches (
s. u. 4).
an einer wichtigen stelle seines gebrauchs (
s. u. 3)
kann göttlichkeit
mit gottheit
nicht ausgetauscht werden. 11)
als substanz- und qualitätsbegriff auf den christlichen gott angewandt, '
die göttliche natur und art': wie wol das ist, das gott alle ding sicht mitt den augen seiner göttlichait Keisersberg
granatapfel (1510) A 4
b; so widerspricht die urheberschaft der sünde und des übels seiner (
gottes) göttlichkeit Schopenhauer
w. 4, 82
Gr. vorwiegend auf Christus bezogen, aber nicht so sehr, wie bei gottheit (
s. d. A 2),
als dogmatischer terminus innerhalb einer strengen scheidung der beiden naturen: dî heilige gotlicheit Kristi
dt. myst. 1, 80, 3
Pf.; er zeucht nun herrlich bey euch ein, und bringt euch neuen glantz und schein: und bringet euch mit göttligkeit die menschliche natur bekleidt A. Silesius
hl. seelenlust 102
ndr.; von der göttlichkeit unsers herrn und aller seiner worte und veranstaltungen Lavater
pred. üb. d. brief an Philemon 1 (1785) 287; das grosze beispiel schildern überwältigend die evangelien in der Jesusgestalt — und zwar nicht in ihrer göttlichkeit, sondern gerade in ihrer menschlichkeit
N. Hartmann
ethik (
21935) 373. 22)
in entsprechender anwendung auf auszerchristliche gottheiten: denn ich (
der dichter) seh, vor tausenden erkoren, meiner göttin ganze göttlichkeit Hölderlin
s. w. 1, 143
Hell.; und mit aller pracht der sprache gelingt dem dichter nicht, uns die göttlichkeit eines wesens glaubhaft zu machen, das so grosz spricht, aber so grausam und zweideutig handelt wie dieser Zeus Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 92; ein gott gewinnt erst dann seine vollkommene persönliche göttlichkeit, wenn eine gemeinde ihn verehrt Wilamowitz-Möllendorff
glaube d. Hellenen (1931) 1, 8.
auf ein kultisches gebäude bezogen: sein altertuhm und göttligkeit verkürzt uns leichtlich weg und zeit (
von einem tempel der göttin Venus) Stieler
geharnschte Venus 57
ndr. 33)
soviel wie '
göttlicher ursprung, gottgemäszer charakter',
von der christlichen religion und ihren offenbarungswerten; von da her gelegentlich auch entsprechenden auszerchristlichen religiösen erscheinungen zugeordnet. dieser besonders in der zweiten hälfte des 18.
jhs. innerhalb apologetischer erörterungen sehr verbreitete gebrauch findet bei dem sonst weithin synonymen gottheit
keine entsprechung. 3@aa)
von der bibel im ganzen oder von einzelnen biblischen schriften: weil er überlaut gesteht, dasz er die göttlichkeit der mosaischen bücher erkennet
anmuth. gelehrsamk. (1751) 2, 45
Gottsched; der mangel jener lehren in den schriften des alten testaments beweiset wider ihre göttlichkeit nichts Lessing 13, 420
L.-M.; ich weisz nicht, ob man die göttlichkeit der bibel einem beweisen kann der sie nicht fühlt Göthe I 37, 160
W. von hier aus: die morgenröthe (
d. h. das buch Jacob Böhmes) ... ist von wunderbarer tiefe und göttlichkeit und auch ganz verständlich br. Grimm
briefw. (1881) 87. 3@bb)
von der christlichen religion und bestimmten christlichen werten: versuch eines vernunftmäszigen beweises von der göttlichkeit der religion Jesu aus der niedrigkeit ihres stifters Lessing 7, 3
L.-M.; was hat die ... göttlichkeit der christlichen religion mit den ... lastern ihrer bekenner zu thun? Wieland
Lucian (1788) 3, 102; der heldenmuth, mit dem viele bekenner der neuen lehre für diese lehre starben, bewies ihre göttlichkeit in den augen der menge Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 15; gesetzt, ich würde noch einmal lieben können, unsere kirche verböte mir das. wie sollte ich da nicht an ihrer göttlichkeit zweifeln! Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 4, 138; mein glaube an die vermeintliche göttlichkeit der weltordnung (
war) arg erschüttert worden Spielhagen
s. w. (1877) 2, 53. 3@cc)
analog im bereich nichtchristlicher religionen oder der religion überhaupt: jener beweis der Türken von der göttlichkeit des korans Herder 5, 145
S.; zeigen viele religionen wunderglauben, so ist das wunder nicht ein beweis für die kräftigkeit und göttlichkeit der religion Lagarde
dt. schr. (1886) 86. 3@dd)
auf nicht eigentlich religiöse werte bezogen, die aber ihrem ursprung oder charakter nach auf gott zurückgeführt werden: dass sie unserer sprache für allen andern solch eine ahrt, ja götligkeit eingepflantzet Zesen
rosenmând (1651) 164;
vgl. Schottel haubtspr. (1663) 20.
der anwendung 4 b
γ nahe: sie (
die wissenschaft in England) ward unter Jacob 1. eine spitzfündige rednerin und half die göttlichkeit der königsmacht ... vertheidigen Herder 9, 399
S. 44)
als prädikat des menschen, menschlicher eigenschaften und kräfte und diesseitig-innerweltlicher werte. 4@aa)
in christlich religiösem gebrauch. im anschlusz an göttlich A 1 a
ε vom menschen als teilhaber an göttlicher art und göttlichem wesen: voll stiller ehrfurcht ahnd' er die göttlichkeit, die menschen einwohnt J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 13; unter den vagabunden, die ab und zu in der dunkelheit an uns vorüberglitten, war niemand, der Christus suchte oder in dem abgrund seines herzens nach seiner eigenen göttlichkeit grub Sieburg
unsere schönsten jahre (1950) 380.
daneben im sinne von '
frömmigkeit, heiligkeit, andacht',
entsprechend göttlich A 5,
vgl. glossierungen wie deuotio gotlichkeit (15.
jh.) Diefenbach
gl. 178
b;
teosebia godelicheyt
in: zs. f. dt. alt. 17, 587.
in ähnlicher bedeutung auch jünger, aber wohl weniger in unmittelbarer fortsetzung dieser linie als in der entsprechung zu göttlich C 1 a: doch solche sele hat den seligen regiert, von deren hoher kraft die stummen canzeln zeugen. wie herrlich pflegte sich ihr wesen zu eräugen! mit was für sittlichkeit war sie nicht ausgeziert!
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 202
Weichmann; drei männer sah ich herlich mir erscheinen, sie trugen hohe göttlichkeit im blicke Tieck
schr. (1828) 1, 196. 4@bb)
als '
gottähnlichkeit, vortrefflichkeit'
in stark auszeichnendem sinne, besonders den anwendungen von göttlich C
angepaszt, wenn auch nicht so differenziert; eine religiöse beziehung irgendwelcher art kann dabei noch mitgegeben sein. 4@b@aα)
wie göttlich C 1 b
auf die höheren kräfte des menschen bezogen, hier vorwiegend noch religiös empfunden: vnd das die irdisch plödigkait nicht nem dem gmüt sein götlichkait vnd das wol ain recht standhaft herz könn rhuig bestehn inn allem schmerz Fischart
w. 3, 55
Hauffen; Cicero ... schleust eine göttlichkeit des menschlichen verstandes hieraus Schottel
haubtspr. (1663) 57; wenn der menschliche geist in etwas den funken seiner göttlichkeit spürt, so ists in gedanken, womit er himmel und erde umfasset, die sterne wägt, den sonnenstrahl spaltet, sich in die geheimnisse der tiefe wagt Herder 9, 351
S. als prädikat des genies: das genie ist ein solcher funke von göttlichkeit, dasz selbst auf falschem wege, in übelm geschmacke, es nur von kräften des genies, und nicht von regeln anderswohin gelockt werden will Herder 5, 606
S.; vgl. Bürger
s. w. 31
a Bohtz. 4@b@bβ)
hohen lebenswerten und idealen zugeordnet, vgl. göttlich C 1 c: der unschuld göttlichkeit in menschheit eingehüllt
theater d. Deutschen (1768) 13, 25; wer je hat die göttlichkeit der leidenschaft empfunden, der ist auch göttlich durch sie geworden Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 1, 229; ist es die göttlichkeit so süszer bande (
die zaghaftigkeit hervorruft), da stets die liebe, wie vor gott, sich neiget mit heilger furcht vor ihrem gegenstande? Platen
w. 1, 171
Hempel. 4@b@gγ)
in unmittelbarer anlehnung an antiken sprachgebrauch. selten wie göttlich C 2 a: welches die weisen zu Athen für ein sonderlich geheimnüsz, und für eine göttligkeit am Plato gehalten haben: dasz er in seinem geburts-tage gestorben sey Lohenstein
lobschrifft (1680) J 4
b.
häufiger als prädikat weltlicher fürsten, zu göttlich C 2 b: das gestirne deiner stirne, deine göttligkeit und pracht gehet nicht in mein gehirne (
auf eine fürstliche person) Morhof
teutsche ged. (1682) 1, 23; preist unsrer zeiten glantz und glücke, verehrt Augustus göttlichkeit Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 21; denn solche göttlichkeit (
divinity) schirmt einen könig: verrath, der nur erblickt, was er gewollt, steht ab von seinem willen
Shakespeare 3 (1798) 302 (
Hamlet IV, 5);
vgl. 9 (1810) 10 (
Richard III. I, 1).
in negativ wertendem zusammenhang: in dem kalten wonneleeren herzen nagt der ekel seiner (
des fürsten) göttlichkeit Sturz
schr. (1779) 2, 345. 4@b@dδ)
mit beziehung auf die kunst und den künstler, wie göttlich C 3: in purpur soll man euren ruhm nur hüllen, in ein gedicht voll geist und göttlichkeit S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 347; er haszt die begeisterung, mit der ich zuweilen von den heroen des alterthums oder der göttlichkeit eines künstlers spreche Tieck
schr. (1828) 6, 25; (
die oper '
Iphigenie'
von Gluck) ist musik aus den lebendigsten quellen der natur geschöpft in ihrer reinsten göttlichkeit, ewig schön und entzückend Heinse
s. w. 5, 348
Sch. 4@b@eε) göttlich C 4
entsprechend in der liebessprache, vornehmlich in barockem gebrauch, vgl. dazu Stieler
stammb. (1691) 686.
prägnant für '
schönheit': je mehr ich ihn anschaue, je mehr verwunderung finde ich an seiner (
eines schöngewachsenen dieners) gottligkeit
schausp. engl. comöd. 113
Cr.; verlasz die weichen federdekken, die so viel göttligkeit verstekken (
aufforderung an die geliebte) Stieler
geharnschte Venus 109
ndr.; Opitz
teutsche poem. 79
ndr. in einer sonst ungewöhnlichen vereinzelung pluralisch: ihre göttlichkeiten sint dieses, ja eines bässern opfers wol würdig Birken
Margenis (1679) 107. 55)
in absolutem gebrauch, etwa dem gebrauch des substantivischen neutrums von göttlich
entsprechend; s. göttlich D 3.
in allgemeiner umschreibung des religiösen gottesbegriffs: wohin sie immer sehn, hoch nidrig, nah und weit, da ist ein uberweisz und bild der göttlichkeit Opitz
opera (1690) 3, 281; (
das gold) sinnbild des lichtes, der sonne, der göttlichkeit Pinder
kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 168.
als reiner gattungsbegriff: die schlange setzt die göttlichkeit darin, zu wissen was gut und böse ist Hegel
w. (1832) 6, 56. eine göttlichkeit '
etwas göttliches': Plato hätte sie (
die herrschaft) für eine göttligkeit ... gehalten Lohenstein
Arminius (1689) 1, 316
a.
vereinzelt im plural: wieviel seliger noch die hellen aussichten (
des gläubigen christen) in künftige endlose äonen, deren jede sich näher um die gottheit drehet, jede von neuen offenbarungen verklärt. jede eine enthüllung neuer göttlichkeiten Wieland
ges. schr. I 2, 347
akad. neben synonymen begriffen: im lobgesang Adams auf seine männin — alles mehr, als ein mensch dichten konnte: wahrheit, göttlichkeit, ursprung Herder 7, 116
S.; was wahre göttlichkeit und erhabenheit ist, das halten doch die meisten nur für die spuren kindischer ungeschicklichkeit Solger
Erwin (1815) 1, 106. 66)
in ausgesprochenem unterschied zu gottheit
ist für göttlichkeit
ein gebrauch als bezeichnung eines persönlichen wesens nur in spuren nachzuweisen. auf gott oder die trinitarisch gemeinte gottheit (
s. gottheit B 1 a
u. c)
scheint der spätere der beiden einzigen mhd. belege des wortes zu zielen: was die gotlicheit ye gedacht
mhd. minnereden 2, 130
Thiele. andere zeugnisse stellen sich ungefähr zu gottheit C 2,
in der sprache des barock: weil ich mich eusserst bemühe ... deine göttlichkeit (
der Fortuna) anzubeten und deine fuszstapffen zu küssen Schottel
friedenssieg 25
ndr.; vgl. Simon Dach 559
lit. ver.; wer diese (
die treue) brechen wolt, erzürnt hiermit auffs neu die annoch über uns erhizte göttligkeit (
die göttin Diana), stürzt unser armes land in neues hertzeleid Abschatz
poet. übers. u. ged. (1704) 1, 32.
in kollektiver umschreibung die ganze göttlichkeit '
alle götter': der wolgestirnte himmel erschallte durch und durch vom frölichen getümmel der gantzen göttligkeit Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 46.
in einer art personifizierung für die göttliche schicksalsgewalt: der mensch ist ein irdisches wesen und begreift nicht die fügung der göttlichkeit H. Heine
s. w. 3, 335
E.