glatzig,
glatzicht,
adj. ,
calvus. mhd. glatzeht,
so gelegentlich noch im 16.
jh.: Heyden
Plinius (1565) 401; Stumpf
einer löbl. eydgnoschaft chronick (1548) 2, 391
a; glatzächt Heuszlin
Gesners vogelb. (1552) 22;
mit suffixvokal -o-
im alem. glatzocht Wittenweiler
ring 5292
Wieszner. in jüngerer seitenform glatzicht seit dem 16.
jh., literarisch bis ins späte 17.
jh., lexikalisch bis Aler
dict. (1727) 1, 949
b,
als glätzicht
noch bei Steinbach (1734) 1, 598.
in den erweiterten formen glatzachtig, glatzächtig, glatzechtig
nur lexikalisch von Frisius (1556) 177
a, 1033
a bis Stieler (1691) 663.
auf obd. boden begegnet im 15.
und 16.
jh. als gebräuchlichste form ein aus glatzeht
verkürztes glatzet, literarisch noch bei Abr. a
s. Clara
Judas d. ertzschelm (1686) 1, 129
und vereinzelt mundartlich noch lebendig Schöpf
Tirol 193; Fischer
schwäb. (mit beleg aus schwäb. Tirol) 3, 677.
im älteren alem. und bair. formen mit vokalvarianten: glatzat (1421) Diefenbach
n. gl. 68
b;
fastnachtsp. 858
Keller, vgl. Lexer
kärnt. 115; glaczot (
aus einem cgm. v. 1419) Schmeller-Fr.
bair. 1, 978; Steinhöwel
Äsop 153
lit. ver. vgl. noch glatzt Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 180
a.
ein vereinzeltes glasset
bei Eyering
s. unter glatze
sp. 7764.
die heute allein übliche form glatzig zuerst bei Brack
vocab. rerum (1494) 7
d,
in späterer bezeugung als die aus glatzeht
entwickelten und die zu glatzend (
s. d.)
gehörigen formen, hinter denen es noch das ganze 16.
jh. hindurch merklich zurücktritt. seit dem 17.
jh. beginnt es, anscheinend vom md. boden aus, die übrigen formen im gesamten hd. sprachbereich zu verdrängen. vereinzelt glätzig Dasypodius (1537) 342
b;
F. G. v. Perlensee
lob d. geldsucht (1709) 662. 11)
vom kopf, kahlköpfig, kahl. wie bei glatze
in totalem und partiellem sinne; in jüngerer sprache hinter synonymen begriffen wie kahlköpfig, glatzköpfig
zurücktretend: alopiciosus ein glaczeter oder kal Diefenbach
n. gl. 17;
glabellus glatzeht oder cal
gemma gemmarum (
Hagenau 1510) l 5;
calvaster glatzig, kaal,
calvus kaal, glatzig Frisius (1556) 177
a.
auch sonst häufig neben kahl: er sprach vor, er wer von Micone und die selben synd all kal und glatzet
Terenz deutsch (1499) 156
a; brupfftens umb den kopff uberal, das die hetz (
elster) wurd glatzet und kahl Hans Sachs 9, 410
K.; calvare glatzig machen (1495) Diefenbach
gl. 91
c; du hast mich kahl und glatzet gemacht Äg. Albertinus
Lucifers königreich 95
R. v. Liliencron; die alten haben ihren knechten den kopff glatzt geschoren Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 180
a; die hitzige hirn haben, welche leichtlich glatzet werden Wirsung
arzneib. (1584) 52.
in älterer sprache nicht selten zur bezeichnung eines kahlen kopfteils genauer bestimmt: recalvus hinden glaczet Diefenbach 468
b; gelegenheit hat vornen haar, sonst hinden ist sie glatzig gar Petri
weiszheit (1604) 2, F f 1
a;
namentlich vom vorderkopf: praecalvus vornen kaal oder glatzAechtig Frisius (1556) 1033
a; kam ein alter mann, welcher ein rothlecht haar hatte, so ihm auf die achsel herab gienge, vornen aber glatzet war Christoph Lehmann
exilium melanch. (1643) 346.
im 15.
und 16.
jh. geläufig glatzige stirn
für '
kahler vorderkopf'
: glabella schaidel, ein glaczet gestirn (15.
jh. obd.) Diefenbach
n. gl. 193
b (
s. auch scheitel 1 a
teil 8, 2478
f.); das alter in eim wesen stat in zittern glyder, stym und hirn, eyn trieffend nasz und glatzeht stirn Seb. Brant
narrensch. 28
Zarncke; das uns sein glatzete stirn leucht Hans Sachs 12, 377
K.-G. als charakterisierendes körperliches merkmal: unser fund ist nit guot, wann der dieb was glaczot. wenn man dann den haarigen sähe Steinhöwel
Äsop 153
lit. ver.; Caroli des glatzechten Stumpf
e. löbl. eydgnoschafft chron. (1548) 2, 391
a; bei den ältesten Griechen erscheinen sie (
die satyrn, silene) mit langgespitzten ohren, glazig, stumpfnasig J. H. Voss
Virgils ländl. ged. (1797) 2, 296; er war klein und glatzig, brillengläser funkelten vor seinen freudehellen augen H. Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 253.
gelegentlich bei tieren: die streuss haben von natur glatzechte kopff Heyden
Plinius (1565) 401; Heuszlin
Gesners vogelbuch (1557) 22; der gute gockel wird glatzet oder blind Reiser
sagen d. Allgäus (1895) 2, 626.
als zeichen des alters: ersicht er (
der narr) graf Wilhelm Wernhern beraupt und glatzet, ains grosen alters in ainer langen schauben neben der königlichen majestat ufwarten
zimmer. chron. 3, 573; was gemeint der alt glatzet fischer darmit, dass er so dapfer neben im dahar tritt (
Petrus im gefolge Christi)
N. Manuel 105
Bächtold; weil in den sechzigern zuerst, meinen wir, der schon glazige Teïer Anakreon eines spiegels gedenkt J. H. Voss
antisymb. (1824) 1, 273.
häufig in spottender oder derber rede: gang uf her, glatzehter man (
rufen die spottenden knaben dem Elisa zu)
fortsetzer des Rudolf von Ems
weltchron. 35842; was gat uns denn Christus an und Petrus mit dem glatzeten grind
N. Manuel 80
Bächtold; um so weniger stehts mir an, ... deinen glatzigen ... Thersiten zur musterung zu stehen Bürger 158
Bohtz. 22)
gelegentlich auf andere körperteile erweitert: ainer mit ainem kalen bauch o. glaczeten bauch Diefenbach
gl. 25
c.
bartlos, s. auch glatzkinn: im har und part ausrauffen, also daz er an der vart mit enander glaczocht ward Wittenweiler
ring 5292
Wieszner; glatzichte wangen
depiles genae Aler
dict. (1727) 1, 949
b.
obscön: ich wolt dir leihen meinen glatzeten knaben (
penis)
fastnachtsp. 732
Keller; ebda 858.
singulär auch im sinne von entblöszt: (
bei der beschneidung streift man das häutlein) hinder sich ... das sein schwenzlin vornen glatzend und emblöszt bleib Seb. Franck
weltbuch (1534) 153.