gichtigen,
vb. ,
geständig machen, zum geständnis zwingen; intrans. bestätigen. mhd. gihtigen,
daneben jichtigen, jechtigen.
wohl ableitung zu 1gichtig,
doch ist auch mit directer entstehung aus dem vb. gichten
zu rechnen, s. unten 3
und Wilmanns
gram. 2, 112
ff.; vgl. auch Staub-Tobler 2, 111.
mundartlich giechtigen Stalder 442.
vornehmlich obd., aber auch md. 11)
die ältesten belege finden sich in der ritterlichen dichtung mit (dem) kampfe gichtigen
durch kampf zum geständnis bringen, auf kampfesweg schuld oder unschuld zu beweisen zwingen: ich bin ain edeler Francke. ich gichtige dich mit dem champhe, ich sende dich zu der helle, der guote sent Dionisii dich hiute velle
Ruolandes liet 302
W. Grimm; der chunich hiez si ir undankes gihtigen mit kampfe
kaiserchronik 14652
Schröder. 22)
seit dem frühen 14.
jh. in der rechtssprache bezeugt, in der es z. t. mit 1gichten
parallel geht. '
zur aussage veranlassen, verhören': unde der richter sal den boten bevelen, daz si den wunten gichtigen und manen dazu, daz he di wunten rechte lege an die stat, dannen iz im geschen ist, unde anders nirgen (
v. j. 1305)
das Freiberger stadtrecht 191, 21
Ermisch. vor allem '
einen übeltäter verhören und zum geständnis bringen ohne oder mit gerichtlicher gewaltanwendung':
noch Parmeneis er do sandt, den hies er gichtigen und fragen, das er muest die warhait sagen (
et perscrutatus est eum) Seifrit
Alexander 2851
Gereke; item ist den geschwornen seit langem gestattet, gefangene zu 'yechtigen' oder 'gichtigen',
d. i., bevor sie solche auf Luzern senden, über ihr verbrechen, jedoch nur schlechthin und gar nicht peinlich anzufragen, da dann ein solches examen zugleich in die stadt geschickt wird J. X. Schnider v. Wartensee
gesch. d. Entlibucher (1781) 2, 188; also ... wart der Waldman hervürgefrt und gejichtyget und wurdend im vill sachen und artykel vürgehalten, denen er nüt bekantlich und schuldyg sin wold. demnach hatt man in uffgehenkt unbarmherzenklich gefolteret (
um 1501/2)
dokum. z. gesch. d. bürgermeisters Hans Waldmann 2, 2, 441; als er auf disen artikel gegichtigt ist, hat er bekennt (
v. j. 1515)
bei Schmeller-Fr. 1, 869.
deutlich als '
peinlich befragen', '
unter anwendung der tortur zur aussage zwingen',
daher auch '
foltern'
in der verbindung gichtigen lassen: und ausz den selben (
der station der feinde) eynen lebendig zuo jm brechten, den liesz er gichtigen, dasz er jm all geheym der feind sagen muoszt (
tortus ille omnia ... arcana confessus est)
Julii Frontini v. d. guten räthen (1532) 5
a; liesz er ihn gichtigen und da bekannt er, dasz er den bübischen fürsaz gehabt, den junker ums leben zu bringen Bider (Mylius)
drei hüpsche märlein (1777) 407,
ebenso bei adverbiellen oder präpositionalen zusätzen wie: betler, hausierer, gartknecht ... sovil verdachts verhanden, vencklich einziehen mit trow oder im fall glaublicher indicien, strencklich gichtigen lasset
quelle a. d. j. 1565
bei Westenrieder
beitr. z. vaterländ. hist. (1806) 8, 297; die zwen, so gefangen, söllen nach notturft gegichtigt werden, bis der grund und die warheit von inen kompt (1536)
bei Staub-Tobler 2, 112;
bei angabe des folterinstruments: N. N. soll mit dem seil gegichtiget werden wegen grossen argwohns (
v. j. 1529)
bei Staub-Tobler 2, 112; item wenn ain raut ain schädlichen man mit föltrit im turm gichtigen wil
württemberg. gesch.-quellen 18, 207, 2.
in der verbindung mit synonymen oder erläuternden verben wie: quaestioni accipere servos eines eigenleut zegichtigen oder zefolteren und peynlich zefragen, annemmen Frisius (1556) 1099
b; da hat man einen in der gefangenschaft gehabt und gejichtiget oder, wie man spricht, gefoltert (1580)
bei Staub-Tobler 2, 112;
vgl. noch 'gichtigen
in der alten sprache hiesz es foltern' Bider (Mylius)
drei hüpsche ... märlein (1777) 407.
als veraltet bei Frisch
teutsch-lat. (1741) 1, 347
b,
ebenso nach Krünitz 18 (1773) 381; '
einen übelthäter bekennen machen, foltern'
id. Rauracum v. Basel (1760)
in der Alemannia 15, 202. 33)
intransitiv '
bezeugen, bestätigen',
ähnlich wie 1gichten 1
und 3: wurde ein vorwundet dode edder ein dot kind gefunden, men let lofwerdigen (
glaubwürdigen) lüden gichtigen, efte de dode van den wunden kande gestorven sein (
v. j. 1530)
quellen z. Pommer. gesch. 3, 136 (
das rügische landrecht).