gewerben,
verb. ,
verstärktes werben,
s. d. vgl. Graff 4, 1231 (kehweraban), 1234 (gahwarbjan);
mhd. wb. 3, 726
a (gewerben) Lexer 1, 985;
nachtr. 208.
die althochdeutsche periode läszt zwischen starkem und schwachem verbum unterscheiden, wobei dem ersteren intransitiver, dem zweiten transitiver gebrauch zukommt. schon für die mittelhochdeutsche zeit geben die formen der überlieferten belege keinen anhalt mehr für diese unterscheidung, und auch der bezeugte transitive gebrauch läszt sich als secundäre weiterbildung vom intransitiven ableiten. 11)
die grundbedeutung kommt am reinsten in einem späten (
mitteldeutschen)
belege zum ausdruck: den vlegel hoeb er van der erden; er doucht im ze lîchte, do liess er im gewarben; onder de haiden warf er in dar, 2 Turke blîben dort derobe.
fragment bei Roth
denkm. 87, 3.
zu der vorstellung der bewegung
verallgemeinert liegt die sinnliche bedeutung wenigstens dem gebrauch der althochdeutschen übersetzer zu grunde, die gewerben
für converti, reverti
einsetzen. auf derselben grundlage beruht auch die mittelhochdeutsche verwendung, die das streben nach einem ziel kennzeichnet. in all diesen fällen ist der gebrauch intransitiv. 1@aa)
althochdeutsches gewerben = converti, reverti:
dedit legem per Moysen ut uel per ipsam reuerteretur ad amorem dei et operationem iustitie. gab dhuo got moysi euua dhazs ir dhoh in dheru chihuurfi zi gotes minniu endi zi rehtnissa uuerchun. Isidor 29, 15
Hench s. 30;
quia pius est deus expectat nos cottidiœ conuerti in melius. peitoot vnsih tagalihhin kehuueraban in pezzira. Keros
bened.-regel 7
Hattemer 1, 52
b,
ähnlich auch 1, 38. 1@bb)
die weiterentwicklung in der mittelhochd. dichtung. 1@b@aα) nâch dir gewarb ich offenbæres nie: diu zuht was ie in mîner huote.
meister Heinrich Teschler,
Bartsch 92, 14. 1@b@bβ) der nie gewarp nâch schanden ein wîl zuo sînen handen sol nu dise âventiure hân der werde erkande Gâwâ
n. Wolfram v. Eschenbach
Parzival 338, 1; daʒ ich so lasterlichen hie verderben muoʒ, und ich doch nie gewarb nâch keinem laster. Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 5359 (
var. neben warb); do riefent si (
die gropierer) vil sêre 'ay êre uber êre, wie dirre tugende rîcher man gewerben wol nâch êren kan!' Rudolf v. Ems
Willehalm 7460
Junk, ebenso K. v. Würzburg
Partonop. 9824
u. a. 22)
die hauptverwendung der mittelhochdeutschen dichtung beruht auf einer gebrauchsform, in der die vorstellung der bewegung
zum begriffe der thätigkeit
verblaszt. 2@aa)
dazu leiten solche wendungen über, die das ziel der bewegung oder die eigenart der thätigkeit in einem besonderen satz oder in adverbialen formen zum ausdruck bringen. dadurch wird dem verbum selbst der vorstellungsgehalt entzogen. 2@a@aα) der kunich Hêlius Adrîânus, dô gewarf (gewarp) er alsus: er begunde di stat ze lieben, harte wol zieren.
kaiserchron. 7221
Schröder, ebenso 6009; dô gewerf er leider ubele. 6839. 5386; dô gâhte vaste ûʒem bade der herzoge Orilus. Jeschûte und er gewurben sus. diu senfte süeʒe wol getân gieng ouch ûʒ ir bade sân an sîn bette: dâ wart trûrens rât. Wolfram v. Eschenbach
Parz. 273, 14,
ähnl. Partonop. 6009; und klagende sprach er (
Kurvenal) wider sich: 'got hêrre, wie gewirbe ich? i' ne wart alsus besorget nie'. Gottfried v. Straszburg
Tristan 2358
Bechstein, ebenso 11965. 2480; swie sie gewurben in der vrist, swaʒ man gesprach oder getreib, Lucia von in stete bleib.
pass. 29, 68
Köpke, ebenso Freidank 176, 2. 2@a@bβ) als ich iu von in beiden wærlîche mac bescheiden, wie er gefuor und sî gewarp (
vgl. die variante gevert
für gewerbe
oben sp. 5492). Gottfried v. Straszburg
Tristan 1815; (
Heintz Slecht) ... het ein eid ze den heilgen gesworn, dz er hinnanhin wider den burgermeister, die rät, wider die burger noch wider gemein statt Zúrich noch wider nieman der zuo inen gehört, niemer getuon noch gewerben sol mit geistlichen noch mit weltlichen gerichten noch ane gericht noch mit deheinen andern sachen.
Züricher stadtbücher 1, 312. 2@a@gγ) dô Friderich ûʒ Ôsterrîch alsô gewarp, dêr an der sêle genas und im der lîp erstarp, dô fuort er mîner krenechen trit in derde. Walther 19, 29; der junge degen zier alsô ritterlich gewarb daʒ dâ von sinen handen starb under in der frst. Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 4777
Regel; mîn vorhte ist grôʒ in manege wîs wie ich alsô gewerbe daʒ niht an uns verderbe mîn lîp und iuwer êre. Konrad v. Würzburg
Engelhard 3345
Haupt, ebenso Partonop. 14594. 14367; diu vil hêre wil mich lân nâch ir gruoʒe sterben ... in kan niht gewerben daʒ ir wol stênden ougen klâr iht wellen ruochen mî
n. Gottfried v. Neifen 4, 21
Haupt. 2@a@dδ) waz ist hie dîn gewerben bî deme der nû wil sterben?
das alte passional 332, 49
Hahn; der gleiche reim in Pfeiffers marienlegenden 71. 2@bb)
hieran knüpft ungezwungen secundär entwickelter transitiver gebrauch an: 2@b@aα) dat ich im baʒ entseggen kan denne er es umbe mich gewerben kunde. H. v. Veldeke (
nach B. C.),
vgl. minnes. frühl. 257; herre, warumm hât ir mich besant? ... mget ir mit mir ihts gewerben, daʒ lâʒ ich niht verderben. Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 8937; mer kunden si't noch gewerven, dat si uch mochten entsetzen ind enterven, si soulden 't node laissen.
die weberschlacht 501,
s. deutsche städtechron. 12 (
Köln) 257. 2@b@bβ) nu bitet Sîfridenfüern die botschaft: der kan si wol gewerbenmit ellenhafter kraft.
Nibelungen 498, 2
Lachmann; sô einer eine botschaft hovelîchen gewerben kan oder eine schüʒʒel tragen kan ... sô sprechent etelîche liute: 'wech! welch ein wolgezogen kneht daʒ ist'. Berthold v. Regensburg (7
von den engeln) 1, 96
Pfeiffer; nu ist der reise zît mir schîn sô kurz daʒ ich halben tac niht für dis stunt gebeiten mac: dâ von sô hân ich sorgen pfliht, wan ich mac gewerben niht sô kurzlîch ein reise.
Reinfrid v. Braunschweig 7868
Bartsch; ouch sol ir enkeiner bi sinem eide alle die wile, so si in buosse von unser stat Zúrich sint, enkein ding niemer gewerben weder an herren noch an stetten noch an nieman anders, da von dise buosse muge ab gan dekeines weges.
Züricher stadtbücher (
verbannung v. 12
ratsmitgliedern 1336) 1, 104; swer der danne ist der der sache werber gewesen ist, der si einer oder me, wann er si selbe niht gewerben mohte.
Augsburger stadtrecht 11.
art. 1
Meyer. 33)
der neuhochdeutsche gebrauch geht andere bahnen. ein niederdeutscher beleg knüpft allein an die eben besprochene verwendung an. die übrigen belege nehmen die engere richtung auf erwerben
und scheinen von der parallele gewerbe = negotium, commercium
beeinfluszt. 3@aa) dat he en selven mit sinen ghebede nicht helpen en kan unde he sick mit sinen ghebede teghen gode nicht geschicken noch ghewerven en kan. Veghe 214
Jostes. 3@bb)
bei der engeren richtung auf den erwerb sind es namentlich auch participialformen, die diesen bedeutungswandel stützen, vgl. werbender man, werbendeʒ gût
mhd. wb. 3, 724
b. Lexer 1, 770.
auch in anderen verbalformen ist der gebrauch intransitiv (
doch vgl. das beispiel aus Auerbach). 3@b@aα)
participialformen: die gewerbenden un handwerchlüt.
Freiburger statuten (1520)
s. 92,
vgl. oben sp. 5512; damit der gmain gewerbent und durchraissend mann desto statlicher handlen und wandlen, auch reiten, faren und zu fuess geen kann, ist ... fürgenommen ... das iemant ... in die lantstrassen oder dorfgassen ... mist oder tunget darin machen ... sol.
weisthum v. Silz (
österr. weisth. 3, 41); so sind schon itzt wieder, und zwar von allen politischen parteien wenn schon in abweichendem maasse, neue plane zu weiterer ausdehnung des einflusses der gewerbenden klassen im gange. Mohl
staatsrecht (1860) 1, 37; es könne ... unmöglich eine trefflichere einrichtung geben, als diejenige, welche die bauern und die kleineren auf dem lande wohnenden und gewerbenden menschen unter eine solche ... schirmherrschaft und obhut stellte. Arndt
erinn. aus d. äuszeren leben 294. 3@b@bβ)
sonstige verbalformen: im handell und gewerben mit blossem gelt. Luther
gr. sermon v. d. wucher (6, 54
Weimar); wen ich hundert gulden hab, und damit gewerben soll, mag mir hundertherlei far begegen, das ich nichts gewinne.
s. 53; sie fühlte ihre beste kraft brach liegen ... in dem kleinen hausstand ... sie wollte etwas gewerben. Auerbach
edelweisz 234; er g'wirbet und g'wärbet (
Solothurn). Schild 97, 440.
vgl. gewerbig.