gewerbig (
bei Schweizer schriftstellern gewirbig),
abgeleitetes adjectiv, das der neueren sprache nur noch im schweizerischen schriftgebrauch angehört. die älteren belege weisen zwei richtungen der entwicklung auf: mit dem verbum werben, gewerben
hat das adjectiv das festhalten an der sinnlichen grundbedeutung der bewegung
gemein, doch verengt sich die hierauf beruhende bedeutung rührig, thätig,
gern in der richtung auf gewinn, erwerb.
diesz ist namentlich der gang der schweizerischen entwicklung. von anfang an jedoch steht neben dieser kennzeichnung einer eigenschaft die mehr appellativische verwendung, die sich eng an gewerbe = commercium
anlehnt, gewerbig
ist hier = gewerbtreibend.
dieser zweig der entwicklung ist ganz abgestorben. 11)
die auf der sinnlichen grundvorstellung beruhenden bedeutungen beweglich, rüstig, anstellig, thätig. fleiszig: si tet als die gewirbigen binlein, die das süsz honig aus den manigfeltigen blumen eintragend. Johannes Meier
vorr. zu Elsbet Stagels leben d. schwestern zu Tösz. Vetter s. 4; sag, was hat die stat vür ein handel? er sprach: 'es ist ein groser wandel, ein namhaft und ein genge stras der Tewtschen, so an unterlas da webern mit gewerbiger hant durch das gepürg in das Welschlant und in andre lant hin und wider. H. Sachs (
lobspruch d. stadt Salzburg) 22, 484
Götze; so habe ich doch allein allhie für den gemeinen soldaten, auch gemeine handtgewärbige, jedoch auszerlesen unnd wol erfahrne künstlein anzeigen unnd lehren wöllen. Raimund Minderer
medicina militaris (1620) 144 (handgewerbige
in späteren ausgaben); wenn sie ganz klein sind, so kräzt sie die mutter nimmt sie der vater, so wie sie aber ab deren armen kommen, so entfremden sie sich auch mehr oder weniger den herzen, es sei dann ein b'sungerbar hübsches und g'wirbiges kind, das sich fest zu ketten weisz an dem einen oder dem andern herzen. Gotthelf
geld und geist oder die versöhnung (1852) 401; er ist gewerbig, wenn man ihm mit holzschlägel auf den grind gibt.
Schweizer sprichwort bei Wander 1, 1652; e gwerbige mensch (
sich viel umthuend). Schmeller 2
2, 982. 22)
bedeutungsverengerung in der richtung auf gewinn, erwerb. 2@aa)
nur aus älteren wörterbüchern belegt ist die auch unter gewerbhaftig (
s. d.)
verzeichnete passive bedeutung: res quaestuosa, fast nuzlich und gwünsam, gewärbig. Cholinus-Frisius 722
b;
ebenso Maaler 178
b. 2@bb)
dagegen reiht sich ungezwungen hier an: und kam her gen Augspurg ... zu einem kramer, genant Ulrich Schön, was auf dasselbe mal ain reicher gewerbiger kramer. B. Zink (
d. städtechron. 5) 126; dann daselbst allweg und noch verstendig, gwerbig, kunstreich volck, guter sitten gewonet, die kein grobheit gebrauchen. Trithemius
chronica d. Franken 66
b; nein, fragst du nach verdienst, so sieh den Porcius, er ists, bei dem man sich zum manne modeln musz; steif, ehrbar, ordentlich, in seinem thun bedächtlich, gewirbig, zum gewinn war nie ein weg verächtlich, er ist aus versicht (!) keusch, bricht sich und andern ab, und lässet ohne sich ja keine leich ins grab. Haller (
der mann nach der welt)
schweiz. ged. 125 (
vgl. dazu Schönaich
neolog. wb. 258, 30
Köster); bald aber fanden sie im weben feiner leinwand gröszern gewin; bald ward diesz und handel mit köstlichem linnen die vornehmste ihrer gewerbigen thätigkeit. Zschokke
klass. stellen der Schweiz 149; unter diesen umständen wird eine jede oberkeit ihren grössten gewinn und vortheil von der beschützung der freiheiten finden, durch welche das hausglück stiller, gewerbiger und arbeitsamer einwohner gesichert und geäuffnet wird. Pestalozzi
schriften 12, 157; ja, du hast eine gewerbige gescheite frau, da gescheiteste von meinen kindern. schade, dasz die nicht ein mann geworden ist, die hat einen unternehmenden geist. Auerbach
edelweisz 249. 33)
der appellativische gebrauch; die anlehnung an gewerbe = commercium. 3@aa)
attributive verbindungen. 3@a@aα) unser vater ist genant Burkhart Zingg und was auf dasselb mal ain gewerbig man und arbeit auf der Steirmark und het er und guet und was beseszen zu Memingen. B. Zink (
deutsche städtechron. 5) 122; item welcher in Mals sein haus hat und päurliche rechte thuet ... dem ist vergunt, dasz er zwei rinder ... halten ... doch ob einer ein gwerbiger mann wäre, der ein rosz hätte, der soll ein rind weniger halten.
weisth. v. Mals (
österr. weisth. 4, 29); vor dem lewenthor (
bei Ulm) war auch ein herrlich vorstatt, die reichet bisz zum spital für Götzingerthor hinausz, da sassen vil gewerbig burger und kaufleute innen, auch die besten handwercker und herbergen. S. Franck
Germania 396
b. 3@a@bβ) der rOemisch knig Sigmund liesz angentz alle sine reisigen in der statt gassen verhten, die burger von Costentz in gweer und harnisch gerst, usz bevelch des knigs, damit wechslern, koufflten und anderm gewirbigem volck, dero usz aller christenheit vil da warend, kein schad geschehe. Tschudi
Schweiz. chron. (
z. jahre 1415) 2, 7
b Iselin; welcher aber in stetten, flecken ... und fürnemlichen an gewerbigen orten, als an gassen oder plätzen, ein wohn oder behausung bawt, dem sol kein dachgefell oder träff auff die gemeind ohne kendel und rinnen zuo gelassen noch gestattet werden. Fronsperger
bauordn. 31
a; eine andere wohlthat welche die grafschaft Mark ihm verdankte, war die verwandlung der accise oder verbrauchsteuer in eine für ein offenes gewerbiges land passendere abgabe mittelst fixation. Pertz
aus Steins leben 1, 45; ich spreche von Yverdon, oder Iferten, nächst Lausanne und Vevey, das gewerbigste und ansehnlichste städtchen des Waatlandes. Zschokke
klass. stellen der Schweiz 278; die alten gewerbigen reichsstädte .. schwangen sich nie ganz wieder zu dem vorigen wohlstande empor. Becker
weltgeschichte (1830) 9, 162. 3@bb)
die substantivierung: allen und iglichen geistlichs und weltlichs stands, ... darz kauflten, schiffluten, verechtern, gewerbigen, flossern ... gnad und alles gt.
patent des pfalzgrafen Philipp von 1493,
ztschr. gesch. Oberrh. 9, 427; wir haben usz furstlichem gemt uns, unsern landlten und unsern, auch gemeinem gewerbhandel z gde und erlichterng vil beswernis den selbigen gewerbigen und súnderlich, die wine keúfen und verkefen uff den Rine, unsern kramern zu Winheim ... ernuowert.
ebenda.