gewaltiger,
m., nomen agentis ,
das ebenso den bedeutungsgehalt von gewaltigen
als den von gewaltig
in die categorie des substantivs überführt. die ersten beispiele reichen in die mittelhochdeutsche periode zurück. vgl. gewaldigêre, gewaldigære, gewaltigære.
mittelhochd. wb. 3, 477
b. (
bei Lexer 1, 974
sind die meisten der neu beigebrachten belege zu streichen, weil sie casus- oder steigerungsformen des adjectivs darbieten.)
für die ältere zeit schon gabelt sich der gebrauch: einerseits weist das substantiv auf gewaltig,
potens, zurück, und zwar in einer engeren abgeleiteten bedeutung, die in der beziehung auf Christus zu tage tritt. in anderen belegen berührt sich das substantiv mit gewaltigen,
vim afferere, erobern, wobei der charakter des nomen agentis kräftig gewahrt bleibt. dieser gegensatz beherrscht noch mehr die spätere entwicklung, in die das substantivierte adjectiv gewaltig
mit der isolierten form des starken nominativ masc. eindringt, vgl. oben sp. 5141.
der wechsel zwischen umgelauteten und nicht umgelauteten formen fällt hier wenig ins gewicht, der umlaut ist spärlich belegt und anfangs auf die erste gruppe beschränkt (geweldiger Muscatplut. geweltiger Dietenberger. Eck. gewältiger
Tiroler landesordnung. Thurneiser. Zincgref),
erst später dringt er vereinzelt auch in die zweite gruppe über. vgl. geweltiger
bei Frisius, gewältiger
bei Simrock. 11)
die anknüpfung an gewaltig =
potens: 1@aa)
die ältesten belege zeigen das substantiv, wie schon angedeutet, nur als beiwort Christi, und hier erweist sich aus dem zusammenhang, dasz die function eines nomen agentis, wenn sie überhaupt zu grunde lag, jedenfalls verblaszt ist: die tûfel alle wunder nam wer dirre wunderêre, der êren konic, wêre. sie riefen 'alle jarâ jâ wer ist der? wer sturmet dâ'? dar und dar er aber stieʒ, in er balde lâʒen hieʒ einen hôhen konic hêr. die tûfel wunderte aber mêr, wer der gewaltigêre, der êren konic, wêre.
erlösung 5032
Bartsch; ein starc gewaltigære. waʒ ob sich unser swære. mit dem selbem endet. er hat mich her gesendet.
urstende 124, 56
Hahn; der gewaldigære, von dem diu starken mære die wîssagen hânt geseit. Reinbot
heil. Georg 49
a Hagen. 1@bb)
ebensowenig macht sich die function eines nomen agentis in einigen belegen aus der älteren neuhochdeutschen periode geltend, die der weitesten und allgemeinsten bedeutung von gewaltig,
potens dienen und die sich nur formell vom adjectivgebrauch unterscheiden, indem sie die form gewaltiger
auch da fortführen, wo der nom. sing. masc. der starken flexion nicht zuständig ist: wir sehen die trahten nâch grôʒen êren, die nie wurden herren kint und weder gebûre noch ritter sint; gewaltigêr ûf hôhen pferden machent in namen hie ûf erden.
renner 1091 (
oder comparativ?); ir fursten herren ritter knecht das ist uff uch gesungen. wan ir doch sit in duser zit geweldiger des rechten und habt dar zuo in uwer hantlude und lant eer und guot,dar umb so duot weder die eer nit fechten. Muskatplüt 69, 57;
vgl. einer ist der höchst schöpffer als gewaltiger aller ding, ein gewaltiger künig. Eggestein
Sirach 1, 7 (
ebenso Koburger,
omnipotens; allmechtig, ein gewaltiger könig. Luther); der selige und allein gewaltiger, der könig aller könige, und herr aller herren. Luther
1. Timoth. 6, 15 (der alain gewaltig.
cod. Tepl.; geweltiger könig aller könig. Dietenberger
und Eck;
beatus et solus potens rex regum). 1@cc)
noch sicherer weisen andere verwendungen auf das substantivierte adjectiv, die die bedeutungsverengerung auf grund der ellipse durchführen. 1@c@aα) gewaltiger,
dynastes vel dynasta. Dasypodius 340; gewaltiger, ein oberoffizier.
milliarcha, gewaltiger über 1000 ritter.
centurio, gewaltiger über 100 ritter. Brack
vocab. 15
b,
nach Frisch 2, 420
b; gewaltiger, gewaltsbott, in einer stadt, oder im kriegsheer. Bayer 290
b; indem Titus mit seinen verwanden, sich an den jungferdieb zu rächen rüstet, und die rotte des gewältigers ihm beizustehen verordnet wird, bemühet sich Sinat Paradee zu bereden, dasz sie seines willens zu werden geruhen wolte. Harsdörffer 6, 101; die, so etwas, das den gewältigern miszfelt, thunt. Thurneiser
von wassern 271. 1@c@bβ) der mann sei von weibs gut gewältiger, besitzer, niesser und bewarer.
landesordnung der grafschaft Tirol von 1603
bei Schöpf 798. 1@c@gγ) als sich die Jesuiten berühmten, dasz sie so viel .. in der Pfaltz bekehrt hetten, antwort (
er), nicht ihr, sondern die provosen, geweltigers und executores. Zincgref 3, 51; überantworteten mich dem gewaltiger, welcher mich seinem befehl gemesz, mit eisernen ketten und banden an händen und füssen, noch ein mehrers zierte. Grimmelshausen
Simplicissimus 55
neudruck; wir gefangene wurden strack zum commandanten geführet, welcher sich sehr über meine jugend verwunderte ... darauff befahl er uns zum gewaltiger zuführen, und erlaubte doch dem cornet auff sein anhalten, uns zugastiren. 250; der gewaltiger. Ziegler
schaupl. 661
b; gewaltiger, oberster feldprofos
alias generalgewaltiger. Stieler 1481; gewaltiger,
in bello etiam est quaesitor, präfectus rerum capitalium, latrunculator. ebenda; gewaltiger, in einer stadt oder kriegsheer,
rerum capitalium praefectus. Aler 934
b.
ähnlich Bayer 290
b; general-profosz, general gewaltiger, rumormeister .. führet das commando über die profosen und stecken-knechte .. und ist sein amt, die strassen rein und sicher zu halten; und die deserteurs, oder die dem landmann wider ordre schaden zufügen, auch so gleich am leben zu straffen. Fasch
kriegs-ingenieur lex. (1735) 355
f.; gewaltiger, generalgewaltiger,
prevôt de l'armée. Rondeau-Buxtorff 254.
ebenso nouveau dictionnaire (
Straszburg 1772) 339
a; gewaltiger,
m. (
in military affairs), obergewaltiger, generalgewaltiger,
provost marshal of an army. it v. scharfrichter. Hilpert 1, 463
a;
bei Schmeller 2
2, 909
sind aus der bairischen infanterieordnung von 1720
beispiele angeführt, die zeigen, dasz die flexion des wortes in der schriftsprache da und dort wieder dem schema des substantivierten adjectivs zustrebt (gewaltiger, uber dem gewaltigen);
ebendort wird auch aus einem russischen armeebefehl von 1839
das eindringen in die russische militärsprache belegt (gewaldiger,
reserwnoi diwisü 6
wó).
zu der bildung generalgewaltiger,
die in allen angeführten wörterbüchern bald als synonym, bald als bestimmter typus des simplex verzeichnet ist, vgl. oben sp. 3777. 22)
das nomen agentis zu gewaltigen,
vim afferre, violare. 2@aa)
die ältesten belege entstammen der rechts- und geschäftsprache: wirdet ein man uberloufen in sime huse oder in sime gemache, wo daz ist von gewaldegeren oder von luten, wer si sint die dâ trîben unrechte gewalt, also lange, biz daz der wirt wunt wirdet, ... der mac eine heimsuchunge wol volbrengen mit rechte.
Freiberger stadtrecht cap. 28, 1
Ermisch (
jüngere handschr. gewaldigen); item all gewaltiger der kirchen und solicher freihait, die der kirchen und sölich gaistlichen personen und durch das götlich und menschlich recht verlihen ist, enpfahen des aplas nit. (
jahrbücher des 15.
jahrh., Nürnberg)
d. städtechron. 10, 183; uff das kein erger zcufall hirus entstunde, dan inhe were unmügklich dem geweldigen hauffen zcusteuren. aber die von Sanct Michel haben von stundt, als mir ihr pfarrer den begrebnisse halben geclaget ... szo viel vleisz vorgewanth, das die gewaldiger abgestanden und dem pfarrer raum gelassen den toden cörper zcu begraben.
der Magdeburger möllenvogt S.
Langhans an den kardinal (1525),
d. städtechron. 27, 207. 2@bb)
auch in der sonstigen litteratur wird es vereinzelt angezogen: Kain mit allen mordêrn, .. Judas mit allen verrâtêrn, Pilatus mit valschen rihtêrn, Nemroth mit allen gewaltigêrn.
renner 24357; abir von den tagin Johannis des toufêres sô lîdet die craft daz rîche der himele, und di gewaldigêre roubin iz. Beheims
evangelienbuch Matth. 11, 12 (di gewaltigen.
cod. Tepl. Eggestein
u. a.; leidet das himelreich gewalt, und die gewalt thun, die reissen es zu sich. Luther); die eebrecher, jungfrawen gewaltiger und ferfeller. Geiler v. Keisersberg
brösaml. 1, 89
a; von dem höllischen gewaltiger unbewältiget verbleiben. Butschky
Patm. 504. 2@cc)
unter den wörterbüchern sind es nur die ältesten, die das substantiv verzeichnen: gewaltiger,
grassator. Maaler 178
b;
violator, geweltiger, schädiger, verderber, gschender. Frisius 1385
b. 33)
fraglich ist ob das nachfolgende beispiel unmittelbar vom verbum aus neu gebildet ist oder auf der nachahmung älteren sprachgebrauchs beruht: der riesenkönig empfand an ihm seinen meister und gewältiger. Simrock 2, 330.