gewaffen,
gewäffen,
n. neueres lehnwort aus dem mittelalterlichen deutschen sprachschatze. die umgelautete form wurde von Görres
wieder in die litteratur eingeführt, der unumgelauteten bedienen sich Immermann
und Scheffel. 11)
vorleben in der älteren sprache. 1@aa)
formen: althochdeutsch gewâfini Graff 1, 787;
altsächsisch giwâpni (
Heliand 5764
Cottonianus);
mhd. gewæfen, gewafen, gewefen, geweffen
mhd. wb. 3, 457
a. Lexer 1, 970;
niederdeutsch gewâpen. 1@a@aα) kiwafani
Reichenauer glossen zur bibel, Steinmeyer-Sievers 1, 552
b; giwafane
Tegernseer handschrift des 10.
auf 11.
jahrh. Salzburger handschrift (10.
jahrh.)
der bibelglossen, ebenda 1, 647
a; giwafini
St. Emmeramer gloss. (11./12.
jahrh.) giwaffane
Monseer glossen (12.
jahrh.)
ebenda. 1@a@bβ)
für die mittelhochdeutsche periode ist gewefen, gewæfen
die normalform: gewêfine
im Annoliede, gewefen
im Nibelungenliede (220, 1. 456, 2
in A.), gewæfen
ebendort (357, 4);
bei Wirnt v. Gravenberg, U. v. Zatzikhoven, Thomasin, Gottfried v. Strassburg, Konrad v. Würzburg, Stricker,
Eckenlied, Schwabenspiegel, stadtbuch von Augsburg, u. a. die Vorauer handschrift der bücher Mosis bietet gewafen
und gewæfen
nebeneinander (143, 9
Diemer und 43, 2); gewefene pfaffe Lamprecht,
Eibacher und Heidelberger handschrift der Eneide (4682
variante zu wâpen); gewâpen (
varianten wapen, wafene)
in der Eneide (5844, 5825, 5875, 6293
Behaghel); gewêffene
Vorauer sündenklage 768
Waag; gewæffen
vereinzelt bei U. v. Zatzikhoven; gewaffene
Kolmare stadtrecht, vorlutherische bibel; gewaffen
speculum ecclesiae; gewäff
s. oben. 1@bb)
bedeutung und gebrauch. im vordergrunde steht die bedeutung eines sammelwortes, die von früh an auch in der form des plurals zum ausdruck kommt, während die jüngeren belege viel eher dem singular zuneigen. die individualisierende tendenz ist hier fast ganz verkümmert, ansätze dazu liegen in possessivbestimmungen vor, die den besitzer angeben und die dem gesammtbegriffe gewisse schranken ziehen. hieran knüpft die vereinzelte verwendung von gewæfen
in der bedeutung von wappen. 1@b@aα)
das sammelwort ohne nähere bestimmungen. 1@b@a@11))
im singular. armatura kiwafani
Reichenauer glossen zum hohen lied 4, 4 (allerlei waffen der stucken. Luther), Steinmeyer-Sievers 1, 552
b;
armatura giwafane
althochd. glossen zu Hesekiel 26, 9 (wird .. deine thürne mit seinen waffen umbreissen. Luther),
ebd. 1, 647
a. 1@b@a@1@aa)) der frouwen unmuozewas niht ze klein. inre siben wochenbereiten si diu kleit. dô was ouch gewæfenden guoten recken bereit.
Nibetungen 357, 4
Lachmann; so man durch gerihtes not vert, so mac man wol gewæfen füren. der rihter mac wol allen den gebieten, die den fride gesworen habent, ze varen swar ez not ist in sinem gerihte, und allen den, die ze iren iaren komen sint, und die swert gefüeren mugen.
Schwabenspiegel cap. 207, 3
Gengler; e daz der man fur den herren kome, so sol er allez gewæfen von im tuon. und alle die mit im sint. also sol oh der herre tuon. der man sol von im tuon sporn und mezzer. huot und huben. hantschuohe und kappen. gugeln. und aller hande wafen.
Schwabenspiegel, lehenrecht 114
Laszberg. 1@b@a@1@bb)) Moses der gute. daz geslehte er sunderote. ez hiez (brieven) daz ir gesinde. und dem Ischrahelischin kindin. wie vil der wære. die ze gewæfene frum wæren. wichaftes liutes. vil flizzuch waren si des.
bücher Mosis 43, 2
Diemer; einen meister gwan er abir sint, Alexander daz edele kint, der lârtin mit gewêfene varen, wi er sih mit einem schilde solde bewarn unde wier sîn sper solde tragen zô deme, dem er wolde schaden. Lamprecht
Alexander 229; si begunden alle gâhen, die alten zuo den jungen. ze dem tor si ûz drungen mit gewæffen aller hande. zem êrsten die sarjande, die bestuonden in mit scharn. Ulrich v. Zatzikhoven
Lanzelet 1403; des enwundert mich niet, dat hen sîn vader wale beriet met gewâpen end met gewande. H. v. Veldeke
Eneide 6293
Behaghel; dô rihte man ûf einen wagen, einen mast mit stahel wol beslagen dâ was sîn vane gebunden
an. den zugen vor dem her dan zwêne starke merohsen grôz, die man vil vaste beslôz mit gewæfen und mit wenden. daz sie niemen kunde erwenden, sin zügen den wagen für sich. Stricker
Karl 9637
Bartsch; sine viant ubirwant er mit sinir chuonheît. mit wîclichime gewaffine. got ubirwant er mit siner diemuote. un mit andirn geistlichin werchin.
speculum ecclesiae 71
Kelle; der rehte strazroup ... an pfaffen, ob si pfefflichen varen an ir hare, daz si beschoren sint als pfaffen, und pfeflichiu kleider an füerent, und ân gewæfen und âne waffen varent.
Schwabenspiegel cap. 30, 2
Gengler. 1@b@a@1@cc)) niht gewæfens man in tragen liez wan sîn swert und einen huot und einen niwen schilt guot, der nâch sîme was gemaht. U. v. Zatzikhoven
Lanzelet 1912; nû hæte schiere sich getragen diu zît alsô, des bin ich wer, daʒ er geriten quam dort her, gewæfens îtel unde bar. K. v. Würzburg
Otte 555; dô sprach der herre Nîtgêr zuo der juncvrouwen hêr 'wie stêt eʒ dem gevangen?' 'herre, er hât sorge grôʒ: erst des gewæfens alze blôʒ.
Virginal 810, 5. 1@b@a@22))
im plural: quam inti mit imo mihil menigi mit liohtfazzon inti mit faccalon inti mit giwafanin inti mit swerton inti mit stangen,
cum lanternis et facibus et armis. Tatian 183, 1; giwiton im mid irôgiwâpnion tharod te them graBe gangen,thâr sia skoldun thes godes barnes hrêwes huodian.
Heliand 5764
Cottonianus; ter taz here lôsendo. hina gab tien hostibus,
arma unde impedimenta. daz chît kewâfene unde fûoter. Notker
Boethius 57
b Hattemer 3; ci jungis niwart daz niht virmidin, her niwurde mit gewêfinin ûze dir burg virtribin, als Absalôn wîlin virtreib vater sînin, den vili guotin Dâvî
d. Annolied 666
Rödiger; duo briefeten si da ze stunt, sehs hundert tuosent. die alle waren. inerhalp vier jaren. si waren elter denne zwæinzech jar. daz ist alzoges war. die altir unde junger waren. diu gewafen si verbaren.
bücher Mosis 43, 9
Diemer. 1@b@bβ)
das sammelwort, eingeengt durch nähere bestimmungen. 1@b@b@11))
das possessivpronomen. 1@b@b@1@aa))
im singular: diz rîche alliz bikêrte sîn gewêfine in sîn eigin inêdire.
Annolied 687
Rödiger; anʒ tor begunde bôzender unkunde man, daʒ was wol behüetet:dô vant er innerthalben stân einen ungefüegender der burc phlac, bî dem zallen zitensîn gewæfen lac.
Nibelungen 456, 2
Lachmann. ebenso 220, 1; Môrolt fuor wâfenen sich. mit des gewæfene wil ich noch mît siner sterke mînes herzen merke noch mînes sinnes spitze sehe mit nâhe merkender spehe niht stumpfen noch lesten. Gottfried
Tristan 6506
Bechstein; wirt dekein kampf ze Colmar für sich gande, so sol der kemphen jedwederre einen halsberch anhaben und zwei swerdt, und swederre da sigelos wirt, der sol deme rihtter alles sîn geweffene geben oder für jeglich geweffene sunderlich driu phunt.
Kolmarer stadtrecht von 1293, Schöpflin
Alsatia diplom. 2, 58. 1@b@b@1@bb))
im plural: daz sich sinero fidelium (holdon) neheîner ze sînen gewâfenen nefersiehet nube ze Gotis scerme. Notker
auslegung von psalm 45, 10,
Hattemer 2, 164
a. 1@b@b@22))
das demonstrativpronomen. zur verallgemeinernden und umfassenden function desselben vergleiche oben die beispiele aus Virginal 810, 5.
bücher Mosis 43, 9. 1@b@b@2@aa))
im singular: doe dat gewâpen was gereit, dâ grôt list end arbeit toe wâren gedân, do sand et der hêre Vulcân Vêneri der frouwen end hiet sî't beskouwen. H. v. Veldeke
Eneide 5825
Behaghel;
zu dem hier beschriebenen gewâpen
gehören der halsberch (
v. 5670), twô hosen (5688), helm (5697), schwert (5762), skilt von golde (5752
ff.)
und ein vane (5800),
vgl. auch 5844. 5875. 1@b@b@2@bb))
im plural: rehten glouben sol ich haben unde dî wâren riuwe unde die guoten triuwe, den stêtigen gedingen unde die cristenlîche minne, dult unde dêmuot: diu gewêffene wæren vil guot.
Vorauer sündenklage 768
Waag. 1@b@gγ)
bedeutungsverengerung. das sammelwort umfaszt sowol angriffs- als vertheidigungsobjecte, waffen und rüstung. seltener dasz die ersteren in engerem sinne zum ausdruck kommen; häufiger, dasz helm, schild, panzerhemd
in den vordergrund treten. da diesen letzteren bestimmte embleme zum schmuck gereichen, so verbindet sich der vorstellungsinhalt unseres wortes auch mit diesen, gewaffen
berührt sich mit wappen,
der isolierten nebenform zu waffe. 1@b@g@11)) man soll auch wizzen, daz diu rehte notwer also ist: swaer den andern anlaufet mit erzogem gewaefen, daz si swaert oder mezzer oder ander gewaefen, swelher hande dez ist, da er in sins libes mit benoetet, daz heizzet notwer.
stadtbuch von Augsburg 113
Meyer. 1@b@g@22)) 1@b@g@2@aa)) Nînus lêirti sîni man aribeiti lîdan, in gewêfinin rîtin, daz si vreisin gidorstin irbîtin, schiezin unti schirmin.
Annolied 141
Rödiger; vor got, sage mir des ih dih frâge, weder dir lieber wære an dîne triwe: ob dih ain scôniu frowe wolte minnen alle dise naht, ode du morgen den tac in dînem gewæfen soltest gân, vehten mit ainem alsô kuonem man sô dû wænest daʒ dû sîst.
kaiserchr. 4591
Schröder; dar kam der herzog Esoras von Aggaron gestrichen, der brâhte werdeclichen vier tûsent werder liute, die fuorten an ir hiute gewæfen lûter und glanz. K. v. Würzburg
der troj. krieg 24927; mit ellentrîcher magencraft gienc er dâ tœtlich jâmer an er schriet gewæfen unde man ze stücken bî den stunden. 12602; die kempfen ebene mâʒeten, daʒ si durch daʒ gewæfen ein ander beide træfen und sich versêrten under in. 3907; dô kêrte er mornunt in den tan. dô sach der wunderküene man ein wunder zuo im gâhen: daʒ was halp ros und halbeʒ man. eʒ truoc hürnîn gewæfen
an. Ecken liet 52, 5
Zupitza. 1@b@g@2@bb)) doch sol man dar an mâʒe hân: eʒ diuhte mich niht wol getân, swer die mermeründen vüeren solde, ob er dar umbe mâlen wolde ûf sîn gewæfen diu merwunder und di vische gar besunder. swer den eber vüeren sol an sîme gewæfen, hüete wol daʒ er nin vüere ein swînherte gar, wan daʒ stüend übel. daʒ ist wâr. Thomasin
welscher gast 10455; sicherlîchen sæhe ich verre in dem lande ein gewæfn daʒ ich erkande, ich wânde unde spræche sâ daʒ der rîter wære dâ ze dem ich diu wâfen hiet gesehen, und möht sîn doch anders geschehen. 13968; an sinem schilde was ein guldin tavel runde geworht daʒ niemen kunde ein gewæfen dem geliche vinden, also riche. Wirnt v. Gravenberg
Wigal. 5615. 1@b@dδ)
die individualisierung knüpft an bestimmte entwicklungsstufen der bedeutungsverengerung an, vgl. oben welscher gast 13968.
Wigalois 5615. 22)
an die neuhochdeutsche periode reichen die alten formen noch in der vorlutherischen bibel hin, wo sie jedoch schon bei Koburger
durch das simplex ersetzt werden: wann die geweffen unser ritterschafft die seint nit fleischlich. Eggestein 2
Cor. 10, 4 (waffen Koburger. Luther).
zu den letzten belegen gehört die stelle einer Münchner handschrift des 16.
jahrh.: da wir die hailigen mess suln hœren und sehen, so suln wir vor der tür lan alles unser gewaffen. Schmeller 2
2, 863.
erst den mittelalterlichen neigungen der neueren litteratur verdankt das wort sein wiederaufleben. hier tritt im gegensatze zu der älteren sprache die allgemeine bedeutung zurück, die engere bedeutung allein wurde neu entwickelt, jedoch fast nur in der beziehung auf die angriffswaffen, die beziehung auf die rüstung steht ganz vereinzelt, auch die berührung mit wappen
ist nicht mehr aufgefrischt worden. der plural scheint neuerdings nur selten mehr gebildet zu werden: da gab's noch gewaffen aus Dardanos zeit, holzkeulen, unförmlich, kaum brauchbar zum streit. Leuthold
Penthesileia 8.
gesang. 2@aa) über Tulifäntchens gramhaupt hing sein ritterlich gewaffen; an der binse schwankem ästlein hing der starke silberlingsschild, hing das blanke federklingschwert, müszig, angegelbt vom roste. Immermann
Tulifäntchen II, 5 (
werke 12, 68). 2@bb) 2@b@aα)
mit bewahrung des collectivcharakters: wie wollte ich diesen panzer und diesz gewäffen nach Masenderan hingetragen. Görres
heldenb. von Iran 1, 171; der erzengel Michael! riefs in der christlichen heerschaar und sie faszten zu neuer kraft sich zusammen; die sonne leuchtete auf des fremden reitersmannes gewaffen wie verheiszung des siegs — itzt waren die zwei im getümmel, als wollte der goldgerüstete einen gegner suchen. Scheffel
Ekkehard 216; feucht und schneidig kam es aus der beeisten wildnisz wider uns geweht, dasz rüstung und gewaffen thauig anlief: hei des kühlenden ganges nach narrenhitze und narrenstreit.
Juniperus 54; ein jeder trug sein denkzeichen von sarazenischem gewaffen oder brandgeschosz griechischen feuers am körper. 2; legt das gewaffen ab, und hüllt beim matten schein der dämm'rung furchtsam sich in seine kissen ein. Freiligrath 2, 25 (
fragment); leicht ist eingang zu gewinnen, kein gewaffen sperrt den pfad und kein hornstosz von den zinnen meldet, dasz ein wandrer naht. Scheffel
gaudeamus 149; in währender klausnerzeit hatte er sich einen starken bogen geschnitzt, köcher und pfeile waren noch aus Gottschalks nachlasz droben, die nahm er jetzt als gut gewaffen zur hand.
Ekkehard 434. 2@b@bβ)
mit beziehung auf ein einzelnes object: der koffer erregte seine aufmerksamkeit; er schlug sacht den deckel zurück und hätte beinahe seine freude durch einen schrei verrathen, als er das rostige gewaffen darin liegen sah. Immermann (
oberhof) 3, 15,
ebenso 1, 213; ich nehme dein gewaffen, freund, da meins dir nicht gefiel, sieh hier den stock vom eichenpflock, am masze fehlt nicht viel. A. Grün 5, 263 (
Rolin Hood und der gerber); da trat der könig ein und sein gefolg; und eh er auszog seines schwerts gewaffen, zückt' er auf's bett hin eines blickes dolch: Rückert 3, 187 (
Flor und Blanchflor).