gewährlich,
adjectiv und adverb. auch hier sind mehrere ableitungen und bildungen aus einander zu halten. die hauptmasse der belege führt auf eine adjectivableitung zu wara (
aufmerksamkeit)
zurück: giwaralih
eine concurrenzform zu giwar (
s. sp. 4766),
der eine adverbialbildung in der form giwaralihhen
zuwächst. dem gegenüber weist ein adverbium giwârlihho,
das mit sicherheit erst in der mittelhochdeutschen periode belegt ist, auf wârlihho,
wahrlich (Graff 1, 921).
der bedeutung nach scheint in einigen beispielen auch anlehnung an weren, gewähren, (
erfüllen)
gesucht werden zu müssen, während andere beispiele durch den bedeutungsgehalt auf wehr, gewehr
weisen (gewehrlich =
wehrhaft).
die entscheidung entbehrt oft sicherer anhaltspunkte, weil die formen sich durchkreuzen und weil auch die bedeutungsentwicklung von der einen zur anderen bildung führt. so tritt uns vielfach die bedeutung '
tauglich'
entgegen, die sich ebensogut von '
aufmerksam'
ableiten läszt, als von gewerlich =
durabilis s. u. auch die grenzlinie zwischen giwârlich =
verus und giwaralich
kann nicht immer aus dem jeweiligen zusammenhang allein bestimmt werden, oft ergiebt sich, wie im folgenden beispiel, die bedeutung verus
erst aus parallelstellen: ther fon imo saget waz:ther suachit io thaz sinaz, wilit thes gigahen,thaz sinaz io gihohen; ther avur thara iz wentit,suachit thes, nan sentit: ther ferit iogilichoin thiu giwaralicho. Otfrid 3, 16, 22 (
vgl. Joh. 7, 18
qui autem quaerit (
gloriam)
ejus, qui misit eum, hic verax est).
andererseits sind eben in jener verbindung mit faran
die bedeutungen '
vorsichtig'
und '
wehrhaft'
nicht immer auseinander zu halten: ich rât iu an den triuwen,welt ir iuch wol bewarn, sô sult ir zuo den Hiunenvil gewerliche varn
Nibelungen 225, 1
Zarncke (
in A: werlîchen); daʒ ir iuch wâfent, helde.ir sult iuch wol bewarn: wir haben hie starke vînde;daʒ wir gewerlîchen varn. 1528, 4.
in anderen beispielen, wo die bedeutung '
wehrhaft'
gegen allen zweifel gesichert ist, strebt die schreibung einzelner handschriften gerade anlehnung an unsere bildungen an: nu lôn iu got von himele,vil edel Volkêr. ob si mit mir strîten,wes bedarf ich danne mêr? sîd ir mir helfen wellet,als ich hân vernomen, sô suln dise reckenvil gewerlîchen komen.
Nibelungen 1717, 4 (B. C. gewärlichen); Ezel was der küene,er vaʒte sînen schilt. 'nu vart gewerlîche',sprach vrou Kriemhilt, 'und bietet ir den reckendaʒ golt über rant: wan erreicht iuch Hagene,ir habet den tôt an der hant'. (C. gewährliche) 1958, 2. Bodmer,
dem das auf gewaralih
zurückführende adjectiv gewærlich,
behutsam, geläufig war, setzte in seinem glossar zum Nibelungenlied dieses an die stelle von gewehrlich =
wehrhaft ein (
vgl. Crueger
s. 31). 11)
gewährlich als ableitung zu wara,
vgl. mhd. wb. 3, 505
b. 506
a. Lexer 1, 987. 1@aa)
das adjectiv nimmt den kleineren theil der belege in anspruch. die ältesten führen in das 9.
jahrh., vereinzelte verwendungen sind noch heute in Schweizer mundarten lebendig. umfassender scheint die adjectivische verwendung von ungewährlich
in der älteren sprache zu sein, vgl. Schmeller 2
2, 970. 1@a@aα)
subjective ausprägungen des begriffes. 1@a@a@11))
die grundbedeutung '
aufmerksam': 'biginnet' quadun, 'scowongiwaralichen ougon; ist thiz kind iuer,ther blinter ward giboraner'? Otfrid 3, 20, 81. 1@a@a@22))
vorsichtig, behutsam: si sprach zuo mir: 'ir sült ab gân und sült für wâr des niht enlân, ir komt her fruo aber ze eʒʒenzît. sehet, daʒ ir hînt gewärlîch sît'. U. v. Lichtenstein 1162, 5
Bechstein. 1@a@bβ)
objective ausprägung, die bedeutung sicher: wiewol auch die artznei vom holtzbrand auch hülfflich ist: iedoch aber dem gewerlicheren nach zu handlen ist das sicherst. Paracelsus
chirurgische schriften (1618) 51
c; bischoff Salomon onthielt sich am meisten im closter zu Santgallen: daselbst ward er einsmals gewarnet, sich an gewärlichere ort zu fü
gen. Stumpf 319
a; es ist gewährlicher, uf der sita z' goh,
es ist sicherer auf dieser seite zu gehen. Tobler
Appenzeller sprachschatz 247
b;
vgl. dazu ungewährlich =
gefährlich mhd. wb. 3, 522
b. 1@a@gγ)
in übertragener verwendung stellt sich die bedeutung '
tauglich'
entgegen, die auf den adjectivgebrauch beschränkt ist. sie läszt sich von der grundbedeutung unseres adjectivs ableiten, legt aber in einzelnen beispielen die anlehnung an gewerlich =
durabilis näher. 1@a@g@11)) demnach solle menigklich wissen, das ... jeder seinem ambt nach ainem oder andern was zu verrichten ansagen und bevelchen, dasselbe nit begerter massen mit tauglichen gwerlichen perschonen schiken ... solle.
österr. weisth. 6, 493 (
banntaiding von Millstat 1608).
hiervon zweigt vielleicht der eigenname Gewärlich
ab, vgl. Ulrich Gewärlich
in einer Ulmer urkunde von 10.
mai 1281
in zs. f. gesch. d. Oberrheins 13, 464.
kräftiger dringt die bedeutung in negierten bildungen durch, vgl. trîbet sie von iu, wan ir âtem ist halt gar ungesunt und ungewerlich, der ir halt ûzer dem halse gêt. Berthold v. Regensburg 1, 403,
vgl. ungewährlich
bei Schmeller 2
2, 970. 1@a@g@22)) damit die reif ... von starken ja guten frischen banden gewehrlichen gebunden werden, damit aber bemelte band desto gewehrlicher und zeitiger sein mögen, ist gebräuchiger und notwendig ... selbige vor Ruperti im herbst nicht geschnitten werden.
bair. instruction für den schaffner in Hallein 1614.
vgl. Lori bergrecht 395
b;
vgl. 393
a, 394
a; und ein gutes gewerlichs salz daraus gesotten werden möge 390
a; jeder underthon, nachbarschaft und rothen sollen ihre weeg und stög gewehrlich und guet machen und also ainhalten, damit disfahls niemand beschwert werde.
österr. weisth. 1, 329 (
ordnung und satzungen der herrschaft Langberg. 18.
jahrh.). 1@bb)
das adverb ist fast ganz auf die aus der subjectiven prägung des begriffs flieszende bedeutung sorgsam, achtsam beschränkt. die objective prägung ist selten. 1@b@aα)
die bedeutung sorgsam, achtsam ist schon in den glossen viel belegt (
vgl. Graff 1, 911),
sie zieht sich sodann durch die althochdeutsche, mittelhochdeutsche periode bis in die ältere zeit der neuhochdeutschen periode herein, wo sie namentlich im rechts- und geschäftsverkehr zur geltung kommt. gelegentlich finden auch hier berührungen mit gewerlich =
durabilis statt. 1@b@a@11))
diligenter giwaraliho.
glossen zu Daniel (7, 9) Steinmeyer-Sievers 1, 663
a;
diligenter giwariliho, giwaraliho.
glossen zum liber comitis ebd. 1, 806
b (
vgl. Matth. 2, 7 und erlernet mit vleis von inen);
vigilanter giwaraliho.
glossen zu Gregors cura pastoralis ebd. 2, 176
a;
dazu vgl. die negierte form: inproviso ungawaralihemo. 2, 227
a; bisah si iz iogilichothrato liublicho, giwaralicho in thratithaz seltsana giwati: thaz thar wiht ni rometi,so er sih iz analegiti, biquami zioro ana wankthaz selba frono gifank. Otfrid 4, 29, 36; wir sculun uns zi guatenu keren thaz zi muate, mit wiu ther diufal so frambisweih then eristen man; wir sculun drahton bi thaz,thaz wir giwarten uns thiu baz, joh wir iz giwarilichobimiden iogilicho. 2, 5, 4; ioh allero goto gesâʒe (
handschrift gesâhe) gewarlicho scrodondo irfaren,
ac deorum omnium sedes curiose indaginis perscrutatione transire. Notker
Marc. Capella 291
a; Joseph hiez daz chorn dreschen unde luzzil machen ze den eschen. gewarlichen hiez erz handelen, die ez da solten wandelen, den armen half er genote, den richen erz verschouffote.
genesis 88, 17
Diemer; iz sulit gewerlîche gân; wilder mînis râdes volgen, ir vermîdet den unholden unde lâzit ene mit gemache werven sîne sache.
könig Rother 1163
Bahder; Rôther gienc in dê stat. Berker sînin hêrren bat, daz her wurbe gewerlîche. 6836; wie er dâmit dem lande sîniu reht behielt, der man phlac und wielt bî dem herzog Friederich, und diu er sô gewaerlich den hern swuor staet ze haben, dô si im daʒ lant gaben. Ottokar
reimchronik 137 40 (
variante gewaltigleich); alsô lange er daʒ treip unz man im den schilt zerstach unde mit slegen zerbrach daʒ er ime nichte tohte als er gewerlîchest mohte, so staphete er ûʒ von in. schilt und ors gap er hin.
Erec 2593. 1@b@a@22)) da soll der vogt erberre liute vier man oder fümfe hin senden, ob er selbe dar niht chomen mak, die sinen ait in dem siechbete nemen, wan ain itweder man gerner gewærlich beret in dem sichbet, dan ob er gesunt wære.
Augsburger stadtbuch artikel 28 § 5
Meyer s. 83; er sol auch behüten, swa er uber brugge tribet, daz er also beschaidenlichen tribe, unde als gewærlichen das iemen kain schade dovon geschache. swa er daz verwarloset .. ez si daz ein rint daz ander erriege oder daz ez sich ze tode erviele oder daz ez ertrunche, daz sol er gelten.
s. 35; schol er den ait ze recht laisten oder nicht? wir sprechen daz er sein vor got, ledich sei ... wil er auer gar gewaerlich varen so sol er zu seinen pfarrer, oder zu seinen pischof chömen un sol des rat haben: der löset in wol ane sünde da von. Ruprechts
rechtsbuch. lehensrechte § 37
Westenrieder 7, 154; und da er wider zum korb kam, da merckt er gewärlich und sorgveltiklich und ain schlang was dar inne.
Gregors dialoge (
Augsburg 1473) 3, 14; sich zuo sun ausz der fläschen die du verporgen hast trinck ieczunt nit, sunder ker si gewärlich umb so wirst du finden was dar inn ist. 2, 18; und ist ouch nämlichen mit in beredt worden, das si gewärlichen davor sien, das si als darüber nichtes werben noch werben lauszen sollen umb kainerlai gnad noch frihait von unserm herrn dem künig noch sunst von iement anderm ze erwerben oder uszebringen in dehain wise.
d. städtechr. 5, 377 (
Augsburg); aim kuefer zu Überlingen, so in ain grossen weinfass lag und die weinstein abher schapte ... schlueg (ein voller) paur die zwai kletzle, die under dem fass lagen ... hinweg, do kunt der kuefer das fass nit mehr erhalten, das kuglet und rumlet mit im die gassen hinab ... ein ander mal wurt er vil gewerlicher gehandelt haben, wann er in die weinfesser schlupfen und den wein hat wellen abschaben.
Zimmersche chron. 3, 80; welche gründ und güeter bei dem wasser ligent haben, sollen dieselben dermassen vleissig und gewerlich verwerchen, damit si selbs und sonst meniclich ohne schaden gehalten werden.
land- und ehehafttaiding in der Rauris 1624,
österr. weisth. 1, 223
anm. 4; und sol der richter den fronpoten auch darzue geben, und die feuerstött, öfen und kemich aigentlich zu beschauen und betracht werden, damit das feuer gewerlich unter uns besorgt seie.
tirol. weisth. 1, 284 (
öffnung von Steinach 17.
jahrh.). 1@b@a@33))
berührung mit gewerlich =
durabilis: vierzehenden sollen obbemelte kuffer, an jeder kuffen die brustreif, damit solche nicht plocket, sondern gleim und geschmeidig werden, wohl antreiben ... und hat obanschaffer insonderheit auf disz gute achtung zu geben, damit die reif forder, und mehrist die obern brust und engen bodenreif von starken, ja guten frischen banden gewehrlichen gebunden werden.
bair. instruction für den schaffner in Hallein 1614, Lori
bergrecht 395
b. 1@b@bβ)
objective fassung: wir sulen mit im der werlde spot. uberwinden unt ir itweiʒ. daʒ ir allen iuren vleiʒ. dar an getriulichen leget. mit swelher rede ir in ouʒ erwegen. daʒ setzet zephande dar. daʒ er gewerlichen var.
urstende 118, 3
Hahn; nû sich, wie gar gewerlîche dû dich des nahtes danne nider legest in tœtlîchen sünden unde weist niht ob dû unze morgen gelebest, halt biz mitte naht. Berthold v. Regensburg 1, 547; der herre sol den mannen einen tac gen an die stadt. da si ir libes und ir eren und ir guotes ane angest und gewaerlichen hin komen mugen.
Schwabenspiegel, lehnrecht § 112
Laszberg. 22) gewährlich, gewehrlich,
adject. mit bedeutungsanlehnung an gewähren =
leisten, erfüllen; vgl. gewährig
sp. 4865: darumb wolt uns armen, betrübten mit einer gwerlichen antwort erfreuen. J. Ayrer (
könig Edwart) 393
b; bittende ... die herren und ihr wollen auch mit gewehrlicher antwort uns ... begegnen.
verhandlungen der schles. fürsten und stände (1618)
s. 66; gewehrlich,
adjectiv. Schottel 367
a (sind darüber gewehrlicher folge erwartend). 33) gewährlich,
adverb, verstärkte form zu althochd. wârlihho,
vgl. mhd. wb. 3, 522
b. Lexer 1, 978;
vgl. gewarlike. Schiller-Lübben 2, 98.
im mittelniederländischen finden wir neben dem adverb (gewaerlike Verwijs
und Verdam 2, 1849)
auch ein adjectiv: gewaerlic. Verwijs
und Verdam 2, 1849; ghewarlec, ghewaerlic. Oudemans 2, 646. 3@aa)
form. der stammvocal, der für die mittelniederdeutschen belege die abstammung deutlich kennzeichnet, weist in der oberdeutschen schreibung wenig anhaltspunkte für die trennung von gewaralih, gewerlich
auf. neben der gewöhnlichen adverbialform (gewærliche)
ist die dativbildung gewærlichen
nur vereinzelt. 3@bb)
die bedeutung ist eng begrenzt; das adverb steht meist in verbindung mit verbis dicendi oder sentiendi. 3@b@aα)
neben verbis dicendi: nu vernement .. mâre der die Glîcheʒâre iu kunde gît vil gewârlîh, der ist geheiʒen Heinrîh. er hât daʒ buoh gedihtôt umbe Îsingrînes nôt. H. v. Glichezaere
Isegrimm 1787,
s. Piper 1, 311; er sprah 'bruoder Reinhart, war sol eʒ gelobet sîn?' 'daʒ sag ich dir gewârlîche hie ʒe himelrîche soltu mînen stuol hân'. 947,
ebenda 1, 302; daʒ du gewærlîche hâst geseit.
Barlaam und Josophat 402, 2
Pfeiffer; auch so seit Josue der diet furbaz gottes lere ane gewan und gewerlichen.
historienbibel des 14/15.
jahrh. Merzdorf 788; Jhesus sprach zu in: gewerliche gewerlich sag ichz euch, Moyses gab euch nit daz brot von dem himel.
cod. Tepl. Joh. 6, 32 (warlich, warlich ich sage euch. Luther); gewerlich sag ichz euch, waz ding ir pindet auf der erd, die werdent auch gepunden in den himeln.
Matth. 18, 18 (werlich
Augsburger bibel von 1487; warlich ich sage euch. Luther)
u. a. 3@b@bβ)
neben verbis sentiendi; die von Zitiâs füerent dich ze dem vrone himelrîche, daʒ wiʒʒe gewærlîche.
Reinhart Fuchs 708
Grimm; und Peter kert wider zu im selber, und sprach: nu waizz ich gewerlich, daz der herr hat gesant seinen engel, und hat mich derlost von der hant Herodis.
cod. Tepl. apostelgeschichte 12, 11 (
ebenso Eggestein; nu weis ich warhafftig. Luther); ich weisz gewerlich, daz es ist also, daz der mensch nit wird gerechthafigt gelichet
got. Eggestein
Hiob 9, 1 (ja ich weis fast wol das also ist. Luther). 3@b@gγ)
verbindung mit schreiben: eʒ hât uns ein man geseit der eʒ alsus geschrieben las daʒ eʒ gar behalten was mit der schrift gewærlîche. R. v. Ems
der gute Gerhard 6829
Haupt; dô hieʒ er gewærliche sante Jôsaphâtes leben schrîben.
Barlaam und Josaphat 402, 2
Pfeiffer. 3@b@dδ)
in lockerer verbindung mit anderen verbis: ich bin alsô bewîset her daʒ du gar sunder valschen ruon eʒ maht gewærlîchen tuon.
der gute Gerhard 1102
Haupt; daz er in dem kelche ist als gewêrlich als in der hostien der selbe gewêre got und mensche.
mystiker 294, 25
Pfeiffer; (
es) ist doch got gewerliche ietweder site gantz ungeteilet.
sogenannter Nic. v. Basel 148
Schmidt; dat kint van dogeden rike brachte uns uf ertrike vrede gewarlike.
lied. a. d. Münsterl. 12, 5. 3@cc)
nur vereinzelt ist der übergang in andere functionen, so in die des prädicats: das ist gewarlich, wann man schreiet, so schreien die kinder lenger dan ander leut. Geiler v. Keisersberg
evangelia (1517) 43
a.