gewäge,
n. gewicht. wesentlich in der älteren sprache belegt, reicht das wort, das noch in einem nomenclator des 17.
jahrh. verzeichnet wird, nur mit verwendungen, die der bairischen mundart angehören (
in schweizerischen mundarten gwägt, gwagt,
s. d.),
in die neuere sprache. zur bildung vgl. ahd. wâgi,
pondus Graff 1, 665, wegan,
wägen ebendort 655, giwâgi, gewâgi
ebendort 665;
mhd. gewæge, gewege, gewage
mhd. wb. 3, 647
a. Lexer 1, 971.
nachtrag 207;
nhd. gewäge, gewege, gewige, gewage, geweg, gewag
ebendort. Schmeller 2
2, 869. 872. 11)
die ältesten belege knüpfen an termini der lateinischen bibel an, die unserm worte gleich die engste und fortgeschrittenste bedeutung aufprägen, zu der es von der breiten grundlage des wortstammes aus gelangen kann. talentum, stater haben sich innerhalb der älteren formen des geldverkehrs aus einer gewichtsbestimmung zur geldmünze entwickelt; in beiden bedeutungen werden sie von einzelnen bibelstellen dargeboten, in beiden bedeutungen mit gewâgi
glossiert, während für das lat. pondus widirwagi
eingesetzt wird, vgl. Steinmeyer-Sievers 1, 534.
die ältere bibelübersetzung führt in allen diesen fällen gewicht (
s. d.)
ein, das in Beheims evangelienbuch und später bei Luther
wiederum durch das lehnwort pfund (
vgl. theil 7, 1810
ff.)
verdrängt wird. 1@aa)
talenta giwagi
glossen zu Vergil (
Aeneis 10, 526:
talenta caelati argenti; von gemeiszeltem silber manches vergrabne talent. Voss). Steinmeyer-Sievers 2, 667. 1@bb)
stater kiwaki (
St. Galler handschrift), kiwagi (
Reichenauer handschrift),
Keronische glossen, Steinmeyer-Sievers 1, 253;
stateres, giwagi
glossen zu Jeremias (und wug im das geld dar,
[] sieben sekel und zehen silberlinge. Luther 32, 9; gib im daz silber sibner gewicht. Eggestein; siben lot. Koburger). Steinmeyer-Sievers 1, 632;
talenta gewagi scaz
vel funt,
glossen zu Matth. (der war jm zehen tausent pfund schuldig. Luther
Matth. 18, 24). 22)
umfassender werden die verwendungen in der mittelhochdeutschen periode und im übergang zur neuhochdeutschen zeit. das wort gehört hier dem geschäftsstil der sprache an und ist in rechtssatzungen und urkunden viel gebraucht. 2@aa)
der grundbedeutung am nächsten steht die verwendung, die sich im jüngsten belege darbietet: hypomochlium, widersatz, geweg.
nomenclator von 1629 Schmeller 2
2, 872,
vgl. ahd. widirwagi,
vgl.angewege
theil 1, 352; gewege, allerlei instrumente etwas zu heben, und von der stelle zu bringen, das schwer ist (
nach Mathesius
Sarepta). Frisch 2, 415
a.
vergl.e gwägt macha, eine vorrichtung machen, um eine last durch hebebalken in die höhe zu bringen. Tobler
Appenzell. sprachschatz 247. 2@bb)
die bedeutung von gewicht im allgemeinen sinne. 2@b@aα)
absoluter gebrauch: alle die masse damitte man veile dinc misset und alliu diu gewege da mitte man silber oder golt wiget und andere veile dinc wiget daruber sol der schultheisse und der rat zwene biderbe burger setzen.
Kolmarer stadtrecht (1293), Schöpflin
Alsat. diplom. 2, 57; daz nieman hie mit kainem gewäge wegen sol es sî denn vor gevächtet (
vergleiche fechten, fächten = eichen
theil 3,
sp. 1390) und gezaichent und wîn ald dehain sölich ding bî kainem geschiere geben sol es sî ovch denn vor gevächt und gezaichenet als hienach geschriben ist.
stadtbuch von Schaffhausen (
Alemannia 5, 222) 14.
jahrhundert; daz nieman ze Schafhûsen mit dekainer hand gewicht es sîe gros oder klain nû hinnanhin sol wegen us alder in ze enphahenne ald ze gebenne es siien kramer metzger weber sailer ald wie sî genant sint die wâgan und gewAege ie brîechent es siien man alder frôwan dü gewAege siien den vor von den die darüber von unser statte ie gesetzet sint gevächtet und gezaichent.
ebendort; man sol ovch kein ungelt in dem tal han, noch kein geweg minren noch meren, ane des gotzhus urlop. (
dingrotel von s. Trusbert im Breisgau)
zeitschr. für gesch. des Oberrheins 21, 463 (
anfang des 15.
jahrh.),
vgl. auch anzeiger f. kunde der d. vorzeit 7, 4 (die käse wurden nach 'gewage' gemessen). 2@b@bβ)
verbindungen mit possessivbestimmungen: es sol ovch menglich die ze Schafhûsen ie denne sint sîn gewAege vächten zwürent in dem jaure.
stadtbuch von Schaffhausen (
Alemannia 5, 229)
aus 1385. 2@b@gγ)
viel verwendet ist die verbindung rechteʒ gewæge: do dise rede und andriu wort der riche keiser erhort du mit got dise maget in ir gebete hate gesaget und in ir libes plage diu uf dez todis wage dez rehtes gewegis lot zuo dem grimmen tode bot. ... H. v. Langenstein
Martina 265
Keller; du solt rehte gewage han. du solt in dinem huse rehte mazze han. habe rehte mazze, habe rehte wage: so wirt dir got wegende mit der rechten wage.
Schwabenspiegel § 201
Laszberg (
varianten rehte wage,
vgl. Gengler
cap. 173 § 23); so ist etwa sit, daz man burcgraven hat. der sol rihten über unrehte metzen und über unrehte maze, da man trinken mit git, und über elliu mez und über unreht gewege.
Schwabenspiegel cap. 4, 1
Gengler; man soll rechts gewäge haben in der stat.
rechtsbuch Rupr. von Freising, vgl. Schmeller 2
2, 869. 2@cc)
die engere bedeutung eines bestimmten gewichtsmaszes. den maszstab bieten die gewohnheiten bestimmter marktstädte, daher sind hier stets städtenamen mit dem substantiv verbunden: darumbe so sollen wir in geben .. sehs marg unde ahzig marg silbers, luters unde lötiges des geweges von Strasburg.
urk. von 1284
Alsatia diplom. nov. 743
Schöpflin; so gebe wir und hant gegeben ze kouffende ... unser reht daz wir hant und haben sulent an der münzen zuo Strazburg .. umbe zweinzig und hundert marc silbers luters und lötiges des geweges von Strazburg.
urkunde von 1296,
d. städtechroniken 9, 991; so hant Arnolt von Hottingen unde Lütolt der Gnürser sich willekliche gesezzet und unverscheidenliche ze rechten gêlten umbe vierzich march silbers Lucergewêges für die gevangenen.
urkunde von 1297 (
archiv österreich. gesch. 6, 159);
[] zu aller menglicher wissen gemeinlich und besunderlich wellen wir zu kommende und kunt sin dasz wir in namen und an stat ... geben hant zwei tusent marck silbers luters und löttigs des geweges zu Basel.
urk. kaiser Rudolphs I. (
a. 1291),
Alsatia diplomat. Schöpflin nr. 772; wir ... tnt kunt ... daz wir unser teil der burg ze Valkenstein ... hant verkoufet ... umbe zweinzig und hundert marche silbers luters und genemes Baseler gewegs.
urkunde von 1309 (
archiv österr. gesch. 6, 180); so geben wir unserm lieben fürsten abbet Willehelm von sant Gallen, Chostentzer bistumbs, fünfhundert march lotiges silbers Chostentzer gewages, um sinen dienst.
urk. könig Adolfs (1297) Zellweger 1, 1, 84; 50 mark löthigen und guten silbers Constanzer gewäges.
Feldkircher urkunde von 1312, Mohr 2, 231; vierthalbhundert mark lötiges gesilbers guotes und gäbes (
vergl. oben sp. 1117) Chostentzer gewiges.
Reichenauer urkunde von 1347,
zeitschr. gesch. Oberrheins 25, 295; es ist ouch geret und gedingot, swenne wir oder unser nahkomen daz vorgenant halbtail der burg, hoves, rutinan (
vgl. riutine Lexer 2, 472), lut und guot und daz phant und gultan, win und phenning widerlösen welln, so son wir demselben Wernhern von Tettingen ald sinen erben, ob er enwAer, weron ze Kostentz der vorgenanten vierdhalbhundert mark silbers lötiges und guotes Kostentzer gewäges. 25, 296 (
Reichenau 1347).
frühzeitig tritt das wort aus diesen verbindungen zurück. theils wird es durch gewicht
verdrängt: fünfzig march silbers, Costentzer gewicht (
St. Galler urkunde von 1325, Zellweger 1, 1, 126),
theils wird es durch wandlungen im münzverkehr entbehrlich gemacht. vergl. zwainzig phunt phenning geltes, Costentzer münz (1325, Zellweger 1, 1, 126); 500 pfund guter und gerechter pfenning, landtzwerung (1459,
ebendort 2, 1, 54); sechzig pfunt gueter pfening Sant Galler wehrung (1460,
ebendort 2, 1, 77); 15 pfund gäber Costenzer pfening (1320,
ebendort 1, 1, 120
u. a.); sechtzig guter rinischer gulden (1461,
ebendort 2, 1, 102
u. a.). 2@dd)
verbindung mit dem genetiv einer münzsorte: sich lôste mit gewæge drîer pfenninge Wernher
Marienleben 161; den du natere gehekke, der neme zvai phenninge gewage agrimonium sous (
sucus, saft?) u. zvai cophelin winis u. trincke diu samint. ez tribit daz aiter uz dem libe.
altd. rezept in der handschrift der Züricher wasserkirchbibliothek, vgl. Pfeiffer
sitzungsber. Wiener academie 42, 126; nim den cumin unde des ateches sou ein unciam, ingiber unciam 1, cariofeles unciam 1, piper eine unciam, reoponticum V pheninge gewâge, costes VIII pheninge gewâge, galgan V pheninge.
ebenda 124; zwai .. geweg (
einer spezies).
Münchner handschrift, vgl. Schmeller 2
2, 869. 2@ee)
der begriff eines bestimmten geldwerthes wird nur in der theologischen litteratur und hier in anlehnung an das biblische talentum weiter geführt: alder welhiu frowe hât zehen pfenninge alder zehen gewêge.
altdeutsche predigten 1, 50
Grieshaber; frôwent iuch mit mir, wan ich han minen phenninch alder min gewêge funden de ich da hat ferlorn.
ebendort. 33)
aus der heutigen bairischen mundart führt Schmeller 2
2, 869
noch eine redensart an, die an der ältesten und allgemeinsten bedeutung festhält: es hats gwag hinüber,
es neigt sich auf die andere seite.