Wossidia
Feewer selten Feiwer, auch Feewers, Pl. Feewers
n. Fieber: febris 'dat Febers' Chytr. 337, woraus die Herkunft des -s aus dem Medizinerlatein ersichtlich ist; Fever, Fevers Niem. Idiot. 7;
Fewer Mi 21
b; Jac. 1, 115;
Feewers SchöSchönberg@WarnowWarn. I. Name, Art und Ursprung: hauptsächlich wird unter Fieber das Wechselfieber verstanden, dessen verschiedenartiges Auftreten, welches vom Klima, von der Jahreszeit, vom Alter und von der körperlichen Beschaffenheit des Kranken abhängt, zahlreiche Arten des Fiebers vermuten läßt. Eine häufige Bezeichnung dieser mit Frostschauern verbundenen Krankheit ist dat koll Feewer; andere Namen sind dat Freisent oder Hitt un Küll. Die Unmöglichkeit, in die Fülle der Beobachtungen von Fieberformen ein System zu bringen, spricht aus der volksüblichen Auffassung, daß es 7, 9, 77, ja sogar 99 Fieber gebe, die in Heilsprüchen angeredet und vertrieben werden. Diese Zahlen entstammen nicht etwa der Erfahrung, sondern sie sind durch den mystischen Sinn, den das Volk ihnen beilegt, bedingt. Aus dieser Mannigfaltigkeit der Erscheinungen erklärt sich wohl auch der häufige Gebrauch des Pl. im Nd., der dem Hd. fremd ist. Am meisten wird das Eindaagsfeewer gefürchtet, von dem man annimmt, daß es unbedingt zum Tode führe, ebenso gilt das Dreidaagsfeewer als sehr gefährlich Staak Krankh. 98; Col. Oec. 2, 189 ff.; letzteres auch mit dat ümsläägsch Feewer bezeichnet RoRostock@BartelshagenBart; umfangreich ist die Fieberliste bei Chytr.: febris quotidiana 'dagelike Febers', febris tertiana 'dredagige Febers, dat umme den andern Dach wedder kümpt', febris quartana, saturnifilia 'veerdagige feber, dat umme den drdden Dach wedder kmpt', febris continua, continuata 'stedige Febers ane uphOeren'
u. a. 338; die in der Mda. geläufigen Zss. bezeichnen Sitz, Herkunft und Merkmal: Gallen-, Klima-, Melk-, Nettel-, Placken-, Tehrfeewer; die Jahreszeit des Auftretens: Arwten-, Brak-, Stoppelfeewer; übertr. von sinnlicher Erregung, unruhiger Haltung; unmäßigem Essens- und Ruhebedürfnis und ähnl. mißlichen Eigenschaften: Bücksen-, Frät-, Ful-, Hosen-, Ossen-, Plack-, Stangel-, Wunnerfeewer. Als Ursache des sog. kalten Fiebers nimmt man die Arbeit in frischer, feuchter Erde an, auch sollen Menschen, die zu diesem Übel neigen, keine Wasserläufe überqueren und sich nicht am Wasser aufhalten Nützl. Beitr. 1808, S. 233 ff.; 1804, S. 81; 105; ebenso ist der Genuß von Aalen und Stockfischen nicht ratsam Col. Oec. 2, 189
a; auf die Herbeiführung des Fiebers durch Zauber und Hexerei weist die Vorschrift, Wasser, in dem Eier gekocht sind, dorthin zu gießen, wohin weder Sonne noch Mond scheint, da man sonst Fieber bekomme Bartsch 2, 137; abergläubische Vorstellungen, die im Fieber ein unheimliches Wesen sehen, das den Menschen anfällt, schüttelt, plagt und schließlich wieder verläßt, spiegeln sich in einigen Bräuchen und Sprüchen, indem man die Krankheit anredet, fortträgt oder angibt, nicht zu Hause zu sein, um ihrem Besuch zu entgehen
s. unt. II und III; sie hat ihren Wohnsitz in Bäumen und wird dorthin zurückgewiesen mit den Worten: 'Geh weg, Fieber, geh weg, mein Schmerz, geh weg in den Baum, woher du gekommen bist. Dahin geh du Fieber' Staak Krankh. 96; einen Schwank, in dem ein Jäger die nägenunnägentigerlei Oort Feewer belauscht
s. bei Wo. Reut. 91
f. II. Heilung und Abwehr des Fiebers: der Fülle der Fieberarten entspricht die große Zahl der Heilversuche, von denen nur ein Teil gegeben werden kann; die Heilung erfolgt 1. durch Einnehmen oder Auflegen pflanzlicher oder tierischer Stoffe; a. vorbeugende Mittel: Schutz gegen Fieber gewährt das Verzehren der ersten drei oder sieben Blüten des Schwarzdorns, der Anemone, des Veilchens sowie der Genuß von drei oder sieben fünfblättrigen Fliederblüten oder ebensovieler vierblättriger Kleeblätter
Arch. Landesk. 14, 525; Bartsch 2, 197; 261; 263; wer am Ostermorgen nüchtern einen Apfel, mehrere Eier oder drei Veilchen zu sich nimmt, bleibt das ganze Jahr über frei von kaltem Fieber 261; die gleiche Wirkung hat das Trinken von Osterwasser 260; wenn man an der Stelle, wo man im Frühling die erste Schwalbe sieht, nachgräbt, soll man eine Kohle finden, welche gegen das Fieber schützt 172;
s. Bifaut (1, 860). b. Fiebermittel pflanzlicher Art, die teils selbst bereitet, teils aus den Apotheken beschafft wurden, sind: der aus den Blättern des sog. Fieberklees, menyanthes trifoliata, gewonnene Extrakt E. Boll Flora 122;
s. Bitterklee;
Dreiblatt; Post, ledum palustre ebda; ferner Getränke von Holunder, Hagebutten, Kamillen, Lindenblüten sowie Aufgüsse von Schafgarbe und Wegerich, des Morgens nüchtern getrunken Col. Oec. 2, 184; als weitere Fiebertränke werden empfohlen Tausendguldenkraut, Feldkümmel und Krauseminze, zu gleichen Teilen in gutem Bier gesotten 190
b; Aronswörtel, arum maculatum, zerstoßen und mit Warmbier vermischt 185
b; Schafgarbe, mit Gänsekot in Wein oder Bier gekocht 184
a; wenn einen ein Schauer ankommt, wird eine Mischung von einem Quentlein Tormentillenwurzel, tormentilla erecta, zu Pulver gestoßen, und einem Quentlein Theriak (
s. Driakel) mit Wasser empfohlen 184
b; ebenso soll der Saft von drei Stielen des Donnernessels, urtica urens, die man in einen Leinenlappen hüllt, einige Minuten in Branntwein ziehen läßt und dann auspreßt, beim Herannahen des Fiebers verabfolgt, eine niederschlagende Wirkung ausüben Bartsch 2, 107; ebenso Düwelsbitt, Peterskrut, succisa pratensis (scabiosa succisa), in Bier morgens und abends Col. Oec. 2, 187
b; eine Mischung von Weinessig, Eiweiß, Alaun, gesäuertem Brot, Spinnweben, Salz, Rahm (Ruß) vom Kachelofen, zu gleichen Teilen zusammengerührt und in ein Tuch getan, bindet man dem Kranken bei Fiebergefahr auf die Pulse 187
a; gegen schleichendes Fieber soll der Kranke Fünffingerkraut, potentilla, in die Schuhe legen und diese neun Tage lang anbehalten 192
a. c. In den Bereich der magischen Krankheitsbehandlung gehören ferner die aus tierischen Stoffen gewonnenen Fiebermittel, so das Eingeben der pulverisierten Hirnschale eines Verstorbenen Col. Oec. 2, 188
a; das Verschlucken einer zu Pulver gebrannten Qualdux Bartsch 2, 183; oder einer in den Zwölften geschossenen und zu Pulver gebrannten Elster 106; auch zu Pulver gestoßene oder gebrannte Muschelschalen und abgeschabte Teile vom Donnerkeil werden als Heilmittel gegen das Fieber verabfolgt ebda; ebenso Spinnweben, die man zu diesem Zweck aufs Butterbrot legt ebda; auch das Häutlein, das sich unter der Eierschale befindet, vertreibt das Fieber, wenn man es dem Erkrankten um den kleinen Finger der linken Hand windet und es dort 24 Stunden liegen läßt 107. 2. durch magische Bräuche und symbolische Handlungen, in denen das Fieber meist auf andere Geschöpfe oder Dinge übertragen wird und die zum Teil schweigend, zum Teil unter Begleitung eines Spruches ausgeübt werden; die Übertragung erfolgt auf Tiere
z. B. Hunde, Spinnen, Krebse, und Bäume, in welch letztere die Krankheit verbohrt, verkeilt, geknotet oder gebunden wird, indem Teile des Körpers des Erkrankten wie Haare, Nägel, Urin, Blut, ja selbst Hauch und Schweiß oder Teile seiner Kleidung als Krankheitsträger dienen können. Am häufigsten wird das Fieber im Laufe der magischen Handlung in ein fließendes Wasser geworfen, dem es ja nach der Volksmeinung auch entspringt, sonst auf eine Grabenbuurd oder einen Kreuzweg gebannt oder einfach fortgeschickt. Bei dem vielfach geübten Abschreiben des Fiebers läßt man den Kranken gewöhnlich ein Stück Papier, das mit gewissen Namen, geheimnisvollen Zeichen oder Sprüchen beschrieben und mit einem Band versehen ist, eine Zeitlang vor der Herzgrube tragen, um es dann in fließendes Wasser zu werfen oder an einen Ort zu bringen, wohin weder Sonne noch Mond scheint. Die Krankheit, die von den wunderkräftigen Schriftzügen aufgefangen worden ist, vergeht nun allmählich in dem Papier, weshalb man sich hüten soll, herumliegende Papierstückchen aufzunehmen, da man sonst leicht die ihnen anhaftende Krankheit mit aufnimmt. Weiteres an Beschreibungen und Heilsegen im Wortlaut
s. Arch. Landesk. 14, 506; 524
f.; Bartsch 2, 105
f.; 319
f.; 392 ff.; 489; Staak Krankh. 96
f.; Wo.
V. 1, S. 291
f. 3. Beispiele von Heilsegen mit Übertragung des Fiebers auf Bäume: Fleeder, Fleeder, Fleeder, Hier bring' ick di min Feewer, Ick heff dat bunnen in Linn', Nu ward dat
woll verswinn' Staak Krankh. 96; Holder, Holder, Holder, Hier bring' ick min Feewer, dat Koller, Dat hett mi plaagt Dag un Nacht, Du sast dat drägen bet an 'n jüngsten Dag ebda; an die Weide: Go'n Morgen, Olde, Ick gäw di de Kolde, Go'n Morgen, Olde Arch. Landesk. 14, 524; mit einer Klage an den Baum: Fleederbom, ick klag' di, Dat Feewer plaagt mi, Ick klag' di 't an Un gah dorvan Bartsch 2, 395; Appelbom, ick klag' di, Hitt un Küll plaagt mi, Dei ierste Vagel, dei hier œwerflüggt, benimmt di 't Staak Krankh. 96; mit Übertragung auf fließendes Wasser und gleichzeitiger Klage: Fleiten Water, ick klag' di, Dat Feewer dat plaagt mi, Nimm dat Feewer van mi Arch. Landesk. 14, 524. In älteren Zeiten rief man als Helfer gegen das Fieber Albanus und Petronella an: 'Albanus unde Petronella dreven dat Feber van den Lden' Gry. Paw. F 3
a. III. Redewendungen schließen sich meist an die oben behandelten Bräuche an: einen dat Feewer afschriben jem. ausschelten Nd. Kbl. 9, 75; Wi; GüGüstrow@BützowBütz; RoRostock@RibnitzRibn; Bri. 3, 65; jem. schlagen HaHagenow@RedefinRed; Wa; Wo.
V. 3, 985; denn' hebben wi dei Feewers œwer afschräben das Geld beim Kartenspiel abgenommen PaParchim@DobbertinDobb; dat Feewer krigen in Schulden geraten Schö Schönberg@SchlagsdorfSchlagsd; heftiger Schreck über zu große Ausgaben wird umschrieben: as ick int Portemonnaie kek, ick dacht, ick kreg' dat Feewer Wa; im Tanzreim: Mi friert so, mi friert so, ick glöw, ick krig' dat Feewer, Späl mi mal 'n annern up, ick glöw, denn geiht 't vör œwer RoRostock@RibnitzRibn. — Mnd. fêbers, fêver
n. — Kü. 1, 444; Me. 2, 64; Schu. 10.