Wossidia
Brammwin m. Branntwein, aus Korn, späterhin auch aus Kartoffeln durch Destillation hergestelltes, geistiges Getränk: 'Brandewin' Chytr. 452; 'Branwien' (Ro 1742) Kohf. Hg. 28, 2;
Brammwin Mi 11
a. 1. über die starke Verbreitung des Branntweins seit der Mitte des 17. Jahrh.
vgl. Bier (
Sp. 849); weitere Zeugnisse: dat Brammwindrinken wir dull Mod' hier früher LuLudwigslust@ConowCon; de Brammwin späälte Herr früher spielte eine große Rolle GüGüstrow@GülzowGülz; Brunbier un Brammwin würd' drunken, de Lüd' hadden meist 'n Viertel in 'n Hus' LuLudwigslust@DömitzDöm; die Bauern kauften gemeinsam ein Oxhöft Branntwein, der dann beim Schulten verteilt wurde RoRostock@BuchholzBuchh; die einzelnen Bauern hatten meist ein zehn Pott (20 Liter) fassendes Fäßchen (Anker), von den Knechten de Hund genannt, als Zapfen wurde ein Wusthuurn in das Spundloch gesteckt Bentw; MaMalchin@DevenDev; die Knechte verwahrten ne Fifkannsbuttel mit Branntwein (
ca. neun Liter) in ihrem Kuffert Bas; er wurde in einer Blechkruke, die im Steigbügel up 't Bein haakt würd', mit aufs Feld genommen WaWaren@BlücherhofBlüch; morgens vor dem Dreschen bildeten ein Stück trockenes Brot und 'n düchtigen Sluck den ersten Imbiß, auf den das eigentliche Morgenbrot erst folgte, nachdem einige Lagen ausgedroschen waren allgem.;
Eng. Landw. 2, 57; Verstöße gegen die herrschenden Sitten wurden mit einer Abgabe von Branntwein geahndet: ein Erntearbeiter, der sich während des Essens auf den Lechel setzte oder auf die Erde legte, müsst 'n Pägel Brammwin utgäben Wo. Ernt. 21; ebenso derjenige, der seine Kiepe zumachte, ehe der Vorarbeiter dies getan hatte Ro; wer beim Mähen näher als drei Schritt an den Vordermann herankam, müsst 'n Pott Brammwin betahlen Wo. Ernt. 21; der Neuhinzugezogene, der zum ersten Mal für den Hof Erntearbeit leistete, mußte sich mit einer Flasche Branntwein inhänseln ebda; der jährliche Branntweinverbrauch eines Tagelöhners wurde mit 48 Pott berechnet Land. Ann. 1848, 2, S. 74; der Grund für diesen reichlichen Branntweingenuß lag in der Wohlfeilheit dieses Getränks: früher künn man jo 'n ganzen Stäwelschacht vull Brammwin för föftig Penning' köpen, dat wir anner Wirkent MaMalchin@DargunDarg; der Pott kostete 3—4 Schilling (1839) Land. Drucks. 1, 10; Land. Ann. 1848, 2, S. 74; um dieses oft recht minderwertige Getränk würziger zu machen, wurde fein verriebener
Wörmt (artemisia absynthium) in die Flasche getan Wo. Sa; E. Krüg. 16; zuweilen wurde auch ein Beutel mit Pfeffer in das Fäßchen gehängt Ma Malchin@NeukalenNKal. Die Gerechtigkeit, Branntwein zu brennen, war ursprünglich auf die Städte beschränkt: 'soll das Kornbranntweinbrennen allenthalben auf dem Lande gänzlich abgeschaffet ... sein' (1702) Bär. Ges. 4, 2, 73; 1755 wird jedoch verfügt: 'anlangend das Branntweinbrennen auf dem Lande wird hiedurch festgesetzet, daß Unserer Kammer, der Ritterschaft und den Landbegüterten und ihren Pensionarien, Behuf ihres Viehes und der Landnahrung, solch Brennen des Brandweins und desselben Versilberung auf dem platten Lande, außerhalb Unsrer Städte, in Ankern und Oxhöften, ferner nach Belieben zustehen, und insonderheit denen von der Ritterschaft und Landbegüterten unverwehret seyn solle, ihre Krüge damit zu versehen' Bär. Gr.-Ges. 910; Ferb. Landg. 41; (1846) Land. Drucks. 3, 131; die Zahl der Brennereien im Lande betrug damals 386 ebda 8; davon 128 auf dem platten Lande Gem. Arch. 1851, S. 400; die Bewohner des Domaniums mußten ihren Branntwein aus den herrschaftlichen Krügen beziehen Masch Ges. 59 ff.; unter den Städten stand LuLudwigslust@GrabowGrab mit 40 Brennereien an der Spitze Langerm. 140; 142; über Branntweinbereitung
s. Eng. Landw. 2, 14 ff.; Nützl. Beitr. 1801, S. 225 ff.; von 1 Rostocker Scheffel Roggen wurden 12½ Pott, von der gleichen Menge Weizen 16 Pott, von 1 Scheffel Gerste 10½ Pott Branntwein gewonnen Taxe von 1825; seit Anfang des 19. Jahrh. auch aus Kartoffeln hergestellt Nützl. Beitr. 1803, S. 369; Land. Drucks. 1, 4; ebenso aus Runkelrüben Ann. Landw.-Ges., 1809, S. 152. 2. der Volksmund preist den Branntwein in launigen Rdaa.: von alle Melkspisen is de Brammwin de best allgem.; wat bruken wi Alkohol, wenn wi man Brannwin hebben Ro; Brammwin is 'n schönen Sluck un hunnert Daler is 'n schönen Taschenschilling WaWaren@RogeezRog; Brammwin is 'n schönen Sluck, un Musik is lustig, un hunnert Daler is 'n schönen Schilling Wa; Brammwin un Toback möt sin, Seep un Solt, wenn 't sin kann Sta Stargard@MirowMir; arbeiten mag 'ck giern, Brammwin is min Brut HaHagenow@RedefinRed; leiwer 'n Happen Brot an de Ierd' as 'n Druppen Brammwin Wa; Brammwin möt 'n mit nah Hus nähmen, süs warden de Häuhner blind HaHagenow@RedefinRed; ick möt Hülp hebben, säd' de Buer, Jung', hal mi ne Plank Brammwin Wo. Sa.; will'n man ierst den Brammwin präuwen, ob dee ok suer worden is eine Arbeitspause machen Wa; vor zu reichlichem Zuspruch warnt: wenn de Brammwin in 'n Minschen is, is de Verstand in de Buddel RoRostock@DierhagenDierh; de Brammwin is 'n Racker, smitt mi in 'n Dreck un haalt mi nich wedder rut GüGüstrow@BützowBütz; wat de Brammwin deit, deit he glik
d. h. er berauscht leicht WiWismar@OertzenhofOertz; vom Säufer: denn' drifft de Brammwin all ut de Ogen SchwSchwerin@DümmerhütteDümmerh; hei kann keinen Brammwin stahn seihn Ro; ähnl.: ick kann keinen Brammwin rüken, dorüm sup ick em StaStargard@StrelitzStrel; dee bröllt nah Brammwin
as de Koh nah 'n Bull StaStargard@DolgenDolg; bei seinem Tode heißt es: nu ward de Brammwin billiger öft.; de Brammwin, denn' dee utsapen hett, hadd' in 'n Kummerower See keinen Platz Ma; dem Branntweintrunkenen ruft man zu: Brammwin stah, oder wi fallen beid' Wa; Brammwin stah,
Bier hett kein Schuld RoRostock@KörkwitzKörkw; Wa; rührselige Bezechtheit kennzeichnet: dor kamen Brammwin un Barmhartigkeit tausamen RoRostock@DoberanDob; Reut. 3, 324; Bramwin un Rührsamkeit ... in einen Pott Camm. Ast. 111;
s. auch
Barmhartigkeit; ein Mensch von ungesunder, gelblicher Gesichtsfarbe süht ut as Brammwin un Brunbier Wo. Sa.; den Alleswisser fragt man spöttisch: kannst ut Kes' ok Brannwin brugen? StaStargard@GrammertinGramm; wenn jem. fragt, ob man seine Ausführungen verstanden habe, heißt es: ja, ick weit woll, wat du meinst, du meinst Brammwin MaMalchin@GnoienGnoi; Tanzreim: Wenn hier 'n Pott mit Bohnen stünn Un da 'n Pott mit Bri, Un hier 'n Buddel Brandewin Un da 'ne Diern dabi: Ick let dei Bohnen sien Un ok den Pott mit Bri, Ick nehm dei Buddel Brandewin Un ok dei Diern dabi Raabe Allg. Volksb. 175; beim Sneren während der Ernte: 'Wir wollen den Herren schneren, Das Geld wollen wir verzehren, Der Herr möchte so gütig sein Und schenken uns was für Brantewein, Nicht allein für Brantewein, Es möcht dem Herrn sein guter Wille sein' Wo.
V. 4, 824. 3. Brauch: wenn die Brautleute zur Kirche fahren, wird Branntwein mitgenommen, den die Brautjungfern jedem Begegnenden entweder in einem Glas, meist aber aus einer Flasche verabreichen Bartsch 2, 62; kehrt der Brautzug aus der Kirche zurück, so wird an der Feldscheide gehalten und ein aus einem großen Kringel, Bier und Branntwein bestehendes Mahl eingenommen; das Getränk wird aus einer Brause (Gießkanne) getrunken, und jeder gibt vor und nach dem Trinken dem, der die Brause herumreicht, die Hand 83; in LuLudwigslust@StresendorfStres wurde einem neugeborenen Knaben ein Tropfen Branntwein eingeflößt; um einem Trinker das Branntweintrinken zu verleiden, gießt man einem Toten den Mund voll Branntwein, gießt denselben nach 24 Stunden wieder heraus und gibt ihn dem Branntweintrinker ein Bartsch 2, 355; einem Hund, der klein bleiben soll, muß man Branntwein eingeben LuLudwigslust@BrenzBrenz; ebenfalls dem Bullen vor der Begattung Tech; unruhige Kinder werden mit Branntwein gewaschen RoRostock@BramowBram; wenn es nicht buttern will, wird ein Glas Branntwein in das Butterfaß gegossen mehrf. 4. volkstümliche Beinamen des Branntweins: Adam Kneller, Finkeljochen, Herrgottsfäger, -brauder, Pumpfaut, Stöt mi üm, Dau mi nicks, Husoren-, Magentrost, blagen Twiern, Dull-, Koppheister-, Kraftwater, Krüs' de Münd, Krabbel an de Wand, 'n Hieb von den Blanken. Brammwin häufig als Bestimmungswort in Zss., die sich auf die Herstellung oder die Gelegenheit, bei welcher er genossen wird, beziehen: Gräffnis-, Hänsel-, Hus-, Kartüffel-, Kuurn-, Pingst-, Wörmtbrammwin. FN.: Brammwiensbarg, -bäuk, -block, -graben, -horst, -kamer, -stig, -werder. — Mnd. brandewîn
m. — Bl. 54
b; Br. Wb. 1, 80; Da. 24
a; Me. 1, 506; Schu. 12.