ÄBICH adj. (1)
herkunft und form. ahd. abuh,
mhd. ebech, ebich,
as. aƀuh,
ae. *afoc
in engl. awkward ‘
ungeschickt; widrig’,
mnl. aves,
an. o̜fugr;
im vokal abweichend got. ibuks
rückwärts gewandt. idg. am nächsten steht ksl. opako, opaky, opǎce
zurück, verkehrt, ai. ápāka-
abseits liegend, entfernt; zweifelhaft ist, ob unter vernachlässigung der got. form idg. *apu-ko-s (
zu *apo-
ab, weg)
oder, im ablautsverhältnis zum got., idg. *opu-ko-s (
zu *epi,
*opi,
vgl. gr. ὄπιϑεν
von hinten, lat. opacus
schattig, eigentlich ‘der sonne abgekehrt’)
vorauszusetzen ist, vgl. Walde/P.
et. wb. 1,50, Pokorny
et. wb. 1,54, Falk/T.
norw.-dän. et. wb. 1(
1910)
37. –
das der neueren hd. schriftsprache fremde, auch mhd. bereits schwach bezeugte wort ist mdal. im obd. (nicht els.) und md., nur vereinzelt noch als reliktwort (
vgl. Frings
Germania romana 21,196 f.)
im wnd. (westf. und ns.) gebräuchlich. es zeigt als reines dialektwort großen formenreichtum, vgl. bayer.-öst. wb. I 1,45, ferner rhein. wb. 1,27 u. a. –
zu anlautendem h-
im ahd. (ahd. wb. 1,21) s. Schatz ahd. gramm. (
1927)
§ 247 (
heute nur noch vereinzelt im rhein. [he̜b̌s]);
zu obd. landschaftlich auftretendem g-
anlaut (
aus präfix ge-)
und ebenfalls landschaftlich obd.-omd. bezeugtem n-(m-)
anlaut (
aus der fügung in [im] äbichen)
vgl. bayer.-öst. wb. I 1,45b.
neben formen mit -b-
(vorherrschend im süden) stehen im übrigen obd. und im md. vielfach solche mit intervokalischem -w-.
die nordfränk formen mit -f- (
z. b. afk)
könnten unter einfluß des folgenden stimmlosen konsonanten ebenfalls stimmlos geworden oder an affe
angelehnt sein (Lessiak
konsonantismus [
1933]
235, Kranzmayer
lautgeogr. [
1956]
§ 30 b 1).
die bereits ahd. vielfach zu -oh, -ah, -eh
abgeschwächte ableitungssilbe (ahd. wb. 1,21) erscheint daneben schon früh mit i-
vokal( 10.jh. habihemo
ahd. gl. 2,206,6 S./S. 12.jh. abihemo
ebd. 2,209,38)
; mdal. auch auf -ig, -isch, -icht, -ach(t)
u. ä. auslautend wohl durch die aus der lautähnlichkeit (-ich/-ig)
sich ergebende analogie zu den adjektiven auf -ig
gefördert, tritt seit dem mhd. verbreitet umlaut auf (mdal. im äußersten süden nur vereinzelt, nach norden zunehmend). (2)
bedeutung und gebrauch. im ahd. steht neben der räumlichen bedeutung ‘
umgekehrt, umgewendet, verkehrt’
(dazu in abuh in die verkehrte richtung) vielfach übertragener gebrauch auf sittlich verkehrtes (oft für lat. pravus, nequam, perversus, sinister ahd. wb. 1,21 f.).
in den mdaa. überwiegen anwendungen auf die verkehrte (linke) seite von kleidungsstücken u. a. gegenständen (landschaftlich [wmd.] auch ‘der sonne abgekehrt’) und auf menschliches verhalten (
ungeschickt, linkisch),
in der rechtssprache auf den schlag mit umgekehrter hand. –
ursprünglich nicht zu äbich
gehören verwendungen wie äbsche
(entzündliche) haut,
z. b. im hess., die auf vermischung mit wmd./südwestnd. äbbig
(u. ä.) ‘
entzündlich, eitrig’
(bair. äflig wund, eitrig, afel entzündung) beruhen; dazu Frings
a. a. o. 1
räumlich, ‘umgewendet, rückwärtig, verkehrt’,
bes. auch von der linken seite von kleidungsstücken und geweben: 9.jh.
(2. reg. 2,23: percussit .. eum Abner) aversa apahemo
(hasta) ahd. gl. 2,170,66 S./S. 10./11.jh. apahero
diverso (..
itinere)
ebd. 2,270,3. M14.jh. ob sî
(kleider) ebich sint gekart Nicolaus v. Jeroschin
kronike 4149 S. hs.u1430 einen schlag mit ebicher hant
Lancelot 1,162 DTM. ⟨u1460⟩ do wendet sich dasselbe pild und chert sich umb .. an die aͤbichen seitten Hartlieb
dialogus 174 DTM. 1557/9 seinen belz thet er ewich an Widmann
hist. Peter Lewen 1204 Sch. hs.16.jh. wann ainer den andern mit äbichter hand schlecht
öst. weist. 6,431. 1581
(ein grundstück) zuer ebichen
(der sonne abgekehrten) seiten
in: pfälz. wb. 1,73. 16./17.jh. streich jhm das saͤlblein mit beeden gaͤbichen henden auf
in: Schmeller/
F. bayer. wb. 1,863. 1615 schlug in ein mal mit flacher hand .. zum andren mall .. mit eppescher hand
in: siebenb.-sächs. wb. 2,221a. 1640
(bildlich:) das stets die newlige
(neuen adligen) der förder-adel
(alte adel) zweckte./ das man sie ebicht vmb vff alle seiten nähm’,/ alß wenn jetzt ein pennal zur hohen schulen käm’ Scherffer
grobianer 83. 1669 Grun fand sich .. mit einem gesangbuch, daran er das oberst unten wendete ... Beyfuß .. sagte .. jhr halt das buch verkehrt oder ebicht Wolgemuth
haupt-pillen 22. 1714 das tischtuch ist äbicht aufgedeckt Köhler
schles. kern-chr. (1710)2,719. 1750 die fäden auf der lincken oder äbichten seite
(des tuches),
Chomel, lex. 1,211. ⟨1774⟩ so hört man oft in Sachsen: geh, oder ich will dir mit der äbichten
(hand) eins geben Lessing
16,87 L./M. 1884 abicht einer mauer ..
back of a wall Eger
technolog. wb. 2,8b. ⟨1886⟩
(der teufel) kehrt mer d’abige seiten zu und fahrt ab Anzengruber
34,61 B. —
adverbial, in präp. fügung, vgl. ahd. in abuh
(ahd. wb. 1,22) 14.jh. so aine der andern ir milich wil nemen, .. so nymbt sy drey chroten auf ain melmülter ain (= am
?) abichen, vnd traitz der chue für
in: J. Grimm
mythologie (1835)XLVIII. 15.jh. legt er die pfayten
(rock) am ewichen an am morgen, so sol er den selbigen tag kein gelücke haben
in: Schmeller /
F. bayer. wb. 1,11. ebd. 1,863. 2
übertragen, verkehrt, böse, unpassend: ⟨790/802⟩ mvnd sinan fona vbileru edo abaheru
(malo uel prauo) sprahhu haltan
benediktinerregel 32 S. ⟨u830⟩hs.9.jh. men farlaten,/ auoh obarhugdi, odmodi niman
Heliand (M) 4254 S. ⟨u1300⟩ wer sölte niht über die tumpheit schrîen,/ ob einer vür sperwer rœtelwîen/ koufte ..?/ der kêrte dem rehten ûz daz ebich/ und wêr noch tummer denne ein gouch! Hugo v. Trimberg
renner 5468 LV; vgl. Freidank
221,22 G. ⟨n1400⟩ alle ding haben sich verkert: das hinder herfur, das voder hinhinder, .. das ebich an das recht Johann v. Saaz
ackermann 32,7 H./J. 1567 sind der zeit des verfluchten eppigen interims (da die gelerten dem widerchrist begonten zu hofieren .. Milichius
schrap teufel e 3a. 1647 es schicket sich .. nit .. vnd ist gebisch; wann ein gelehrter mann sich auff die leibsvbung begibt Balde
Agathyrs 167. ⟨1660⟩ D.: pfuy weg mit dem stanck! .. A.: .. seed ock nich a su eppisch! e mensch ist das
(des) andern wahrt Gryphius
lustsp. 290 LV. ⟨1780⟩ wenn fremde leute in der kirche sind, und ihr .. alleweil gabisch antwortet, muß sich ja unser einer selbst schämen Bucher
s. w. 6,438 K. —
subst., gedichtform, die nach versgrenzen statt nach satzgrenzen gelesen werden kann, wobei durch veränderten bezug der negationen gegenteiliger sinn entsteht (vexiergedicht) hs.15.jh. daz ist ein ebich oder loyca in dysem ton
meisterlieder kolmarer hs. 51 LV. abgedruckt in: museum f. altdt. lit. u. kunst 2(1811)222 ff. H.Richter