zureichen,
v. , Bas. Faber
thes. (1587) 506
a,
mhd. noch nicht belegt, auch dem nd. fremd. 11)
für den vorgang des reichens in der richtung auf eine person oder sache. 1@aa)
die hände, arme einem zureichen: doch reichete er ihm .. beide arme zu und zoge ihn also zu sich in
die kammer A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 360; ist denn ein abgrund zwischen uns eingesunken, dass sich die länder nicht mehr ihre arme, die landstraszen, zureichen? H. v. Kleist 5, 132
E. Schmidt. ähnlich: da reyche die oren zu und lass dyrs eyngehen, wie gott durch den menschen redet Luther 15, 488
W. ohne obj. wie zulangen: zureichen in die schüssel Kramer 2, 307
c.
nicht mehr übl. 1@bb)
einem gegenstände zureichen: so sollen die auf der anderen parthei ... die hawen zureichen Xylander
Polybius 428; worauff die schild- und lantzenträger ihren helden die waffen zureichten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 507
a; mit selbstgefälligkeit reichte er den strausz seiner herrin zu Göthe 24, 105
W. freier: ich konnte dem grafen noch verschiedene auskünfte zu diesen erzählungen zureichen Hippel
lebensläufe 1, 136; so dasz der, dem ich meine gedanken einzeln zuzählen, meine empfindungen einzeln zureichen will, immer schon lange vorher wissen könnte, wo es mit mir hinaus wollte? Göthe 20, 46
W. allgemein von der hilfe bei einer arbeit: einem dachdecker, mäurer
etc. ziegel, steine, mörtel
etc. zureichen Kramer 2, 307
c; als ich bei ihr (
der pflegemutter) stand und ihr wäsche zureichte Holtei
erz. schr. 1, 67; in doppelter reihe wurden die eimer (
zum löschen) zugereicht Fontane I 1, 491.
auch vom zureichen der speisen: sie (
die jünger) reichten zu, nach allem fug ihr keiner ward vergessen Barth. Ringwaldt
evangelia M 5
a. 22)
wie ausreichen, hinreichen,
s. reichen 3 c,
th. 8, 587,
auch langen
und zulangen.
auf diese anwendung wird es sich beziehen, wenn Campe zureichen
für edler als zulangen
erklärt. meist in negativen oder bedingten wendungen: 2@aa)
mit deutlicher räumlicher anschauung des reichens: wo die löwenhaut nicht zureichen will, da musz man einen streifen vom fuchsbalg dran nähen
Mich. Montaignes ged. u. meinungen 1, 42; doch freylich reicht ein kurzer faden nicht zu, um sich aus diesen labyrinthen herauszuwickeln Göthe IV 17, 212
W.; der
mantel der christlichen kirche ... reicht nicht mehr zu, ihren unflat zu bedecken Bettine
die Günderode 2, 46 (
vgl.mantel 3 a,
th. 6, 1609). 2@bb)
von irgendwie mesz- und zählbarem: also dass selbige zu vermehren weder zeit noch wille zureichet G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. (1699)
vorr. 14; geschäfte, welche auszulernen kaum das leben zureicht A. G. Meiszner
Alcibiades 1, 157; wie ... sollte die zeit zureichen, die ich in hunderterlei thätigkeiten zersplitterte Göthe 27, 311
W.; es sind ihrer (
der beamten) so viele, dasz die hälfte davon zureichen würde, aber alle tage werden sie vermehrt Ranke
s. w. 8, 87.
von einer menge, einem vorrat für einen bestimmten zweck, bes. von lebensmitteln: so, dasz die im übrigen gesunden theil der lungen enthaltene lufft nicht zugereicht habe, die lungen in der höhe zu behalten C.
F. Paullini
philosophischer feierabend (1700) 741; ihre unzehlbaren baumfrüchte reichten zu, die gantze welt zu speisen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 303
a; biszweilen entstehet im lager eine theurung, und der proviant will nicht zureichen v. Fleming
vollk. t. soldat 165; wenn ich sage ..., dasz ein schinken für sechs mann nur so eben zureichte Immermann 3, 54
H. bes. von geldmitteln: dass ein kreiskaste dem andern, der kundlich und offentlich nicht zureichen kann, von der ubermass soll zu hulfe kommen
polit. korrespondenz Moritz v. Sachsen 1, 353 (1542); mein geld reicht zu bezahlung der schulden nicht zu Stieler 1509; wer grade so viel hat als für seine bedürfnisse zureicht, hat der genug oder nicht? ... und er leidet mangel, wenn er ... mit dem, was er hat, nicht ausreicht Wieland
Lucian 3, 149; sein vermögen reichte für seinen hofhalt nicht zu Ranke
s. w. 4, 99. 2@cc)
allgemeiner von dem, was als mittel, kraft oder möglichkeit für eine leistung genügt: kommts zum hohen alter, so dasz die kräfte nicht mehr zureichen wollen, so ist er vollends übel dran
der wohlgeplagte priester (1695) 88; in solchen fällen ..., wo .. die natur zureichet, der verlangten absicht ein gnügen zu thun Chr. v. Wolff
vernünft. ged. von gott (1720) 566; in London, wo die gesetze für alle bedürfnisse nicht zureichen Just. Möser 5, 88; unsre sprache reicht nicht zu, alles zu umfassen maler Müller 2, 121; einen der entwürfe des Michel Angelo ..., wo einige meiszelhiebe dem künstler zureichten, um seinen ganzen gedanken auszudrücken Göthe 41, 2, 186
W. 2@dd)
weiterhin von den mitteln des deutlichmachens und beweisens: wie weit dieser schlusz zureiche, ist droben angeführet Morhof
unterr. v. d. dtschen spr. (1682) 1, 398; weil die andern widerlegungen nicht wolten zureichen G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. (1699) 371
b; dasz sie (
die kategorien) allein noch nicht zur erkenntnis der dinge an sich selbst zureichen Kant 3, 230
ak. ausg.; die zahl muss aushelfen, wo die anschauung nicht mehr zureicht Schiller 10, 195
G. 2@ee)
dieselbe bedeutung mit persönlichem subj.: sie konnten mit allem geld ... nicht helfen und zureichen Brentano 4, 387; da ich mit meinem zuschusz von oben nicht immer zureiche Holtei
erz. schr. 19, 246. 33)
das part. zureichend als adj., auch attributiv und adverbial, gelegentlich als comparativ: doch die kost war von diesem tage an wesentlich zureichender Roseggfr
wildlinge 200.
wie 2 a: schmale, ... für fuszgänger und einzelne bergrosse zureichende wege A. v. Haller
Fabius u. Cato (1774) 13; mein häuschen ist .. nur eben für seinen bewohner zureichend Wieland
Lucian 4, 232.
wie 2 b: zu jener (
dankbarkeit) wird meine ganze lebenszeit ... kaum zureichend seyn Gottschedin
br. 2, 5
R.; eine zureichende pfarrstelle
polit. maulaffe (1679) 121; ein zureichendes vermögen (
zum heiraten) Chr.
F. Weisze
lustsp. 2, 230; im, ganzen ... schien (
die pflanzung) nicht zureichend, die einwohner das ganze jahr über zu ernähren J. G. Forster
s. schr. 2, 299; zureichende nahrung, verpflegung
u. ä. wie 2 c: mit zureichendem eyffer Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653), 418; mit zureichenden kenntnissen der sache versehen
allg. dtsche bibl. anh. zu 37/52, 43; jetzt bin ich ruhig ... durch den glauben an die zureichende kraft meines wesens Schiller
br. 1, 411
Jonas; da alles in zureichendem stande war, entliesz er die fremden arbeiter Stifter
s. w. 3, 103. Heynatz
tadelt als eine '
buchhändlerredensart',
in der hinreichend
stehen müszte: der name des verfassers allein ist zureichend, diesem buch leser zu verschaffen
antibarb. 2, 679.
wie 2 d: zureichender bericht Schottel
t. haubtspr. (1663) 42; die zahl der sylben .. macht keinen solchen eindruck bey unsern Deutschen, dasz man sie für ein zureichendes merkmal der verse halten sollte Gottsched
dtsche sprachk. (1748) 513; zureichende begriffe von obrigkeit, regierung und gesetz A. Cramer
nord. aufseher 1, 430; ohne zureichenden beweis Raumer
gesch. d. Hohenstaufen 4, 120.
gelegentl. als begriff der ökonomie für die sog. autarkie: da .. wenige staaten sich selbst zureichend sind Iselin
verm. schr. (1770) 157.
als adv.: der deutsche übersetzer hat diesen vorwurf .. zureichend beantwortet
allg. dtsche bibl. anh. zu 19/24, 1318; der übergang von einem zum andern ist sanft und zureichend motiviret Schiller 6, 231
G. dafür jetzt ausreichend. 44)
fest eingeführt und lebendig geblieben ist der von der aufklärungsphilosophie geprägte zureichende grund, s. die belege aus Chr. Wolff
hierunter: ich wuszte, dasz nichts ohne ursache geschieht, und dasz also auch ein zureichender grund vorhanden seyn müszte Liscow
sat. u. ernsth. schr. (1739) 64; (
das poetisch wahre) hat für die phantasie und die sinne seinen zureichenden grund Bodmer
v. d. wunderbaren (1740) 47; dieser vertrag garantirt sich selbst: er hat in sich selbst den zureichenden grund Fichte
s. w. 3, 207; alles hat seinen zureichenden grund Hegel
w. 6, 243.
formelhaft mit präp.: aus zureichenden gründen Nicolai
Sebaldus Nothanker (1713) 1, 43; mit zureichendem grunde Rabener
s. w. 1, 206; doch aber ohne zureichenden grund keine änderung geschehen kann Chr. Wolff
ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 54.
geblieben ist auch der satz vom zureichenden grunde: da nun .. unmöglich ist, dasz aus nichts etwas werden kann, so musz alles, was ist, seinen zureichenden grund haben, warum es ist. diesen satz wollen wir den satz des zureichenden grundes nennen Chr. Wolff
vernünft. ged. v. gott (1720) 13; also ist der satz vom zureichenden grunde der grund möglicher erfahrung nämlich der objectiven erkenntnisz der erscheinungen in ansehung des verhältnisses derselben in reihenfolge der zeit Kant 3, 174
ak.; über die vierfache wurzel des satzes vom zureichenden grunde Schopenhauer 1, 11
Griseb.; hiernach bedeutet der satz des zureichenden grundes die behauptung von einem lückenlosen, logischen zusammenhang, der jede thatsache und entsprechend jeden satz in sich faszt Dilthey
einl. in die geisteswiss. (1883) 1, 496.
selten und ungenau für einen von auszen kommenden beweggrund: der zureichende grund ihn bös zu machen, ist blos allein dieser, wenn man von jemand gutes spricht v. Loen
ges. kl. schr. (1749) 1, 31; wenn es nicht wichtigere gründe giebt, mich zur auswanderung von hier zu nöthigen, so halte ich den von Prokeschs ernennung nicht für einen zureichenden Bismarck
an gen. v. Gerlach 57 (1893).
ungewöhnlich ist auch die verbindung mit ursache: war er (
gott) nicht die zureichende ursache der menschlichen natur, so wie diese den grund alles bösen in sich enthielt? Jung-Stilling
s. schr. 4, 374. —