wundarzt (
in älteren lexikalischen zeugnissen auch wundenarzt),
m., wer sich auf die (
manuelle oder operative)
behandlung äuszerer krankheiten (
bes. wunden)
versteht. in urkundlichen quellen (meister Herman der wundartzat [1313]
Zürcher urkb. 9, 109; wontarzte [
Frankf. 1360]
in: PBB 4, 14)
und im liter. schrifttum (
belege s. u.)
seit dem 14.
jh. nachweisbar; auch lexikalisch in das 14.
jh. zurückreichend als glossierung für mlat. aliptes (
grch. ἀλείπτης '
salber der athleten',
klass.-lat. aliptes '
salber der badenden') '
plagarius id est plagas curans' Diefenbach
gl. 23
a,
nov. gl. 15
b;
daneben vorwiegend für chirurgus
gl. 123
c,
nov. gl. 93
b und in(s)cisor
gl. 292
a, 300
b;
nur vereinzelt für archigenes
gl. 46
a.
als berufsbezeichnung entspricht wundarzt (
mnd. wundenarste;
mnl. wond[en]meester, wondarste)
begrifflich und terminologisch dem lat. chirurgus (
grch. χειρουργός),
doch ist es seiner bildung nach von der grch.-lat. zuss. unabhängig (
vgl. die lehnübertragung durch handarzt: in disem zweifel ... hond sich die wund oder handt ertzt (
lat. vorlage: chirurgici] diser kranckeiht vnderstanden Murner
bei Hutten
opera 5, 407
Böcking; s. handarzt,
handarznei teil 4, 2,
sp. 364).
das klass.-lat. vulnerarius,
das wie medicus vulnerarius
in den humanistischen wbb. des 16.
jhs. mehrfach als lemma für wundarzt
begegnet (Alberus
nov. dict. genus [1540] Q 3
b; Cholinus-Frisius
dict. [1541] 915
b),
kommt als vorlage nicht in betracht. bereits in frühen zeugnissen steht wundarzt (chirurgus,
arzt für äuszere krankheiten mit handwerklicher ausbildung)
neben oder im gegensatz zu (leib-)arzt (medicus,
arzt für innere krankheiten mit akademischer ausbildung; vgl. leibarzt teil 6,
sp. 590)
sowie neben bezeichnungen für angehörige der niederen gewerbe (scherer, barbierer, bader),
die einen teil der wundärztlichen aufgaben mit wahrzunehmen hatten (
zur begrifflichen abgrenzung der einzelnen bezeichnungen vgl. etwa Heynatz
synon. wb. [1795] 1, 381).
die handwerkliche ausbildung (
in z. t. brutalen und altertümlichen heilpraktiken)
und die verknüpfung des standes mit dem badergewerbe führen dem wort weithin einen geringschätzigen nebensinn zu. mit dem stand verschwindet im 19.
jh. auch das wort aus dem lebendigen sprachgebrauch (
abgelöst durch chirurg
zur bezeichnung eines '
facharztes'
mit akademischer ausbildung),
doch reichen spuren der ärztlichen berufsbezeichnung noch in die gegenwart hinein: diu luftroer ist ain grôziu âder und haizt ze latein trachea, und haizent si die wundertzt die lungroer Konrad v. Megenberg
buch d. natur 18
Pfeiffer; lausz die red von arzeten stan. macht enkain wundarzat han?
des teufels netz 10 105
lit. ver.; alle artzote und artzotinne, wundeartzot, scherer und bader (1461)
Straszb. zunftordn. 80
Brucker; die (
ärzte) muessenn alle tage zweier ihm spittal zu rieng umbgehenn vonn einem zu dem andern undt besehenn, wo dann notturfftig ist, zwene leibartztte undt zwene wundtartzte (1491)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 185; Henrich bartscherer und wondeartzet (1501)
Frankf. berufswb. 27
a Bücher; es sollte ain ieder sein beichtvatter in guten eren haben, dessgleichen auch den arzeten, den scherern oder wundarzten und dann den apoteker
Zimmer. chron. 24, 185
Barack; die haben ... gleich nach dem medico und eim wundarzet geschickt
ebda 3, 595; vnnd wurden wundartzet vnnd scherer berufft, jhre wunden zuuerbinden
Amadis 1, 423
lit. ver.; ein fürnember chirurgus oder wundartz Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 603; Andreasz Josua Ulsheimer jetziger zeitt balbierer und wundartzt zuo Tübingen Ulsheimer
rayszbuoch (1622) 91; herr Johannes Fabricius von Hilden der stadt Bern bestellter wundartz vnd medicus Schill
teutscher sprache ehrenkranz (1644) 124; die gemeine statt- und wundärtzte oder balbierer Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 12; dasz hochgemeldter herr eines wundartztes, oder wie wir insgemein zu sagen pflegen, eines barbirers tochter, in die augen faszte Hoffmannswaldau
heldenbr. (1696) 122; die wundärtzte und chirurgi bilden ihnen so viel ein als die medici Stranitzky
ollapatrida 32
ndr.; ein wundartzt musz offt bey einem patienten das faule fleisch mit dem eisen heraus schneiden Qvirsfeld
geistl. myrrhengarten (1717) 435; bey den alten war artzt und wundartzt in einer person beysammen Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1756) 1, 284; ein jurist ... unterscheidet sich vom moralisten, so wie ein wundarzt von einem mediciner Hippel
über d. ehe (1774) 38; bader, die sich für wundärzte ausgeben Lichtenberg
verm. schr. (1800) 2, 269; leibärzte braucht man nur selten, wundärzte jeden augenblick Göthe I 24, 105
W.; herr Laurent ist ein plumper kerl, ... eigentlich nur wundarzt Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 3, 119; er wurde barbier und wundarzt, wählte also zu seiner berufsthätigkeit ein mittelding zwischen wissenschaft, handwerk und kunst Chrysander
Händel (1858) 1, 4; die früher ertheilten besonderen diplome für wundärzte sind durch ... gesetzgebung beseitigt worden
hdwb. d. staatswiss. (1898) 2, 18.
bildlich: der soldat ... ist des staats wundarzt; der civilist sein medicus Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 446; (
die eitelkeit) ist der wundarzt in der welt des menschen Tieck
schr. (1828) 7, 245.
vereinzelt moviert: allein ... ist denn die standhaftigkeit zu nichts besserm gemacht als zu einer wundärztin und magd? Jean Paul
w. 15/18, 298
Hempel. —