würger,
m. ,
spätmhd. würger.
täterbezeichnung zu würgen. 11)
lateingebundene lexikalische zeugnisse der frühnhd. zeit weisen auf einen gebrauch, der sich an würgen I A 2 '
erdrosseln, durch zuschnüren der kehle töten'
anschlieszen würde, aus den literarischen quellen jedoch nicht zu bestätigen ist: iugulator worger, wurger, wirger (
daneben droszler,
aber auch die allgemeinere glossierung dOeter) Diefenbach
gl. 311
c;
mlat.-hd.-böhm. wb. 162;
iugulator ein wurger, keelstecher (
zu würgen I B 1?)
gemma gemm. (
Straszburg 1508) o 1
b (eyn worger off keelstecher
vocabulorum gemma [
Köln 1495] M 1
b);
strangulator worger (15.
jh. md.) Diefenbach
gl. 555
a;
suffocator wurger (
variloquus, ende 15.
jhs.) 565
a; würger
der einem die gurgel zuhelt ..., strangolatore Hulsius-Ravellus
t.-frz.-ital. (1616) 422; Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 1039.
seit Stieler
stammb. (1691) 2515 (würger
interfector, homicida, percussor)
setzt sich daneben in den wbb. die buchung der auch durch literarische zeugnisse zu erhärtenden verwendung im sinne '
töter, mörder, vertilger'
fest, die Adelung 5 (1786) 309
mit recht auf die '
höhere und dichterische schreibart'
beschränkt. 1@aa)
wie würgengel 5
bezeichnung eines (
brutal)
tötenden, mordenden menschen: vnd bracht sein regel auff die ban, das keiner sol nichts eigens han vnd auch besitzen gar kein lehen ... heut sein sie würger vnd vertilger, die all jr gelt vnd hab vnd gut bekomen durch fewr, glut vnd blut Fischart
von s. Dominici artl. leben v. 2764
Kurz; jetzt da der würger Mars es (
Holland) bisz auffs hertz verzehret, wo bleibet nun jhr (
der musen) glantz? Morhof
unterr. v. d. dt. sprache (1682) 2, 236; und (
er) flehet noch für seine würger! schau den gottessohn an seinem kreuz, wie auf dem thron der majestät! (1776) Herder 28, 86
S.; zähren? zähren in des würgers (
scharfrichters) bliken? schnell die binde um mein angesicht! henker kannst du keine lilje kniken? bleicher henker zittre nicht! (1782) Schiller 1, 230; 1, 43; 2, 200
G.; die unerträgliche gluth zwang endlich selbst diese würger (
Tillys soldaten), sich in das lager zu flüchten Schiller 8, 175
G. namentlich der gewaltherrscher, despot: ein landbezwinger ist ein allgemeiner würger, der nachbarn straf und furcht, doch weit mehr seiner bürger Haller
ged. 189
Hirzel; deutlich sehe ich, dasz die groszen ... die ganze masse wie den einzelnen drücken und keine ahndung mehr davon haben, was der miszbrauchte und niedergetretne wohl seyn und werden könnte, wenn er sich seines natürlichen werths und rechts erinnerte. nie soll dein Raphael zu diesen würgern gezählt werden Klinger
w. 4 (1815) 77; frühling sei es keinem würger, der sein volk zum staube zieht; frühling jedem bis zum tod, frühling nie für den despot! Herwegh
ged. eines lebendigen (1841) 60.
auch in nicht abwertender auffassung: die müden würger (
des Leonidas schar) ruhn am fels im thale. der herold wecket sie um mitternacht zum letzten feierlichen todtenmahle Seume
in: Göttinger musenalmanach (1790) 195; du kömmst, o schlacht, schon woogen die jünglinge hinab von ihren hügeln, hinab ins thal wo kek herauf die würger dringen, sicher der kunst und des arms Hölderlin
s. w. 3, 13
Hell.; dem Martellus, dem würger aller Frankenfeinde, ihm dem blitze gottes möcht ich gerne folgen (1799) Tieck
schr. (1828) 2, 19; naht schon des wurmes würger? ist's schon, der Fafner fällt? R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 6 (1898) 123.
mit abstraktem objektsgenitiv (
vgl. die zss. gesetzwürger Luther 45, 43
W.): welcher arglistige, eingeschlichne würger menschlichen lebens ... tausent leiber vnd edelste seelen in das ... verderben gebracht Guarinonius
grewel (1610)
dedicatio a 6
b; mit einer stimme voll wuth und schmerz rief er dem finstern geiste entgegen: 'würger meines glücks! geist der verzweiflung!' Klinger
w. 7 (1816) 224; der geheimrat ... wurde der würger deutscher erhebung W. Schäfer
d. 13
bücher d. dt. seele (1925) 417. 1@bb)
der tod als würger (
vgl.würger, lebensrauber
als dichterische benennung des todes bei Harsdörffer
poet. trichter 3 [1653] 451): denn wo das blut Christi durch eigenen glauben inn vnser hertz gesprenget wird, da kan der teufel vnd würger nichts auszrichten, vnnd der tod musz vns vngebissen, die helle vnuerschlungen lassen Mathesius
hist. Jesu Christi (1568) 2, 4
a; derhalben auch der würger kam vnd mich von meinen gütern nam Ringwaldt
christl. warnung (1588) F 3
a; was lebt, musz für dem würger stehen, sein spiesz sticht alles hin, wer ist den der allein wil sicher für dem tod und ungetödtet sein? Rist
neuer teütscher Parnasz (1652) 18; wir aber müssen dir ein lied zum grabe singen, da dir des würgers hand den lauten mund verschleusst
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 214
Weichmann; mein bittres klaglied über diesen ersten raub des grossen würgers in meinem hause liegt in meinem tagebuch Bräker
s. schr. (1789) 1, 201; aber der würger kam wir weinten, flehten, doch der würger schnellte den pfeil; und es sank die stüze (
der vater) Hölderlin
s. w. 1, 76
Hell.; nur gegen das auge (
Sigmund Freuds) vermochte der finstere würger nichts Stefan Zweig
welt v. gestern (1947) 479. 1@cc)
als bezeichnung des würgengels (
s.würgengel 1): des (
Christi) blutt zeichnet vnser thur, das helt der glawb dem todt fur, der wurger kan vns nicht ruren Luther
in: dt. kirchenlied 3, 12
Wackernagel; der Juden osterlamb war fleisch und blutt von thieren: und dennoch konte sie der würger nicht berühren Angelus Silesius
cherubin. wandersmann 68
ndr.; ich will dein (
Jesu) theures blut an hausz und hertze streichen, damit des würgers schwerd umsonst vorübergeht Schmolck
sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 305; wenn ... wir innen sitzen mit zagen und vom lamme essen, dessen blut die pfosten färbt, weil der würger vorübergeht Th. Mann
Joseph 1 (1954) 100. 1@dd)
von (
raub-)
tieren (
s. unten 3): das beispiel des habichts, des hechts und andrer königlichen würger (1787) Herder 15, 559
S.; um den fremden, seit drei monden unsrer zelte stillen bürger, der nach pflanzen ging und käfern, streiten die gescheckten würger (
tiger u. leopard) Freiligrath
ges. dicht. (1870) 1, 155; (
ich versuchte,) die kleinen würger (
d. ameisen) von der in todesangst sich windenden raupe wegzuschieben Rosegger
schr. (1895) II 15, 277. 1@ee)
übertragen auf naturgewalten, denen der mensch unterworfen ist: wer denn heiszt dich (
winter) würger nur? Grillparzer
s. w. 1, 158
Sauer; aber mag sein glühend eisen seltnes opfer nur erreichen: schon beginnt ein andrer würger (
der durst) droben durch die schaar zu schleichen Geibel
ges. w. (1883) 2, 164; einst nannte man die diphtherie den 'würger der kinder'
süddt. zeitung 227 (1956) 3 (
vgl. dazu würgengel 2
und unten 6). 22)
wucherer, rücksichtslos vorgehender geschäftsmann; zu würgen I A 1 d '
gewaltsam nötigen'
; vgl. auch: würgen (den schuldner)
vnbarmhertziglich mit einem vmbgehen Hulsius
t.-frz.-ital. (1616) 422: bürger (
bürgen), würger, wuocherer machent armer liute biutel ler Hugo v. Trimberg
der renner 4709
Ehrismann; von einem wucherer mag ich sagen: du bist nicht ein bürger, sondern ein würger (1543) Luther 53, 497
W. (
s. dazu Fischer
schwäb. 6, 989);
schelte für einen rücksichtslos auf seinen vorteil bedachten kaufmann, auch für wucherer (
wie abwürger) Schirmer
kaufmannsspr. (1911) 212.
für einen hartherzigen menschen: der bauer, wo ich früher war, der war aus stein, und die leute nannten ihn den würger Ernst Wiechert
die kl. passion (1929) 15;
vgl.worger
geizhals Crecelius
Oberhessen 922; wurgs
habsüchtiger mensch Blumer
Nordwestböhmen 94. 33)
als vogelname vornehmlich bezeichnung der gattung lanius und ihrer arten lanius minor, excubitor, senator, collurio L.: name des neuntöters Popowitsch
versuch (1780) 415; aschfärbiger würger
lanius excubitor L. Höfer
Österr. 3 (1815) 156;
lanius collurio L. rotrückiger würger Hellmayr-Laubmann
nomencl. d. vögel Bayerns (1916) 9; Fischer
schwäb. 6, 3444; vęrjər
neuntöter, so genannt, weil er junge vogelbrut würgt Teuchert
neumärk. 249;
als gattungsbezeichnung seit Illiger
mammalia et aves (1811) 218
nachweisbar. s. a. würgengel 6, würgvogel 2
und Suolahti
dt. vogelnamen (1909) 146
ff., ferner würgen I A 2 b
am ende. literarische belege: wie ein mensch, dessen ganzes leben blos über lauter schlachtfelder gegangen wäre, mehr vom vogel, dem würger, als von einem würgengel haben würde Jean Paul
w. 35, 50
Hempel; auch felstauben ..., würger ..., steinraben ... bemerkte Pallas dort (
in Daurien) Ritter
erdkde (1822) 3, 289; der würger, wie er bienen an den spitzen dorn spiesst D. Fr. Strauss
ges. w. (1876) 2, 23; winterwald, wie still und einsam! nur des würgers schrille klagen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 203; im weiszdorn sasz ein würger und lockte das weibchen Ernst Wiechert
die kl. passion (1929) 231.
vereinzelt als bezeichnung einer falkenart, falco lanarius L. Nemnich
dt. wb. d. naturgesch. 657; Naumann
vögel (1822) 1, 279 (
jetzt falco cherrug Gray würgfalke). 44)
name einer schlangenart: coluber constrictor L. Nemnich
dt. wb. d. naturgesch. 657.
zu würgen I A 2. 55)
als bezeichnung für pflanzliche schmarotzer: Koelsch würger im pflanzenreich (1912)
titel; ein schrecken des landwirts aber ist ein würger unter der pflanzenwelt: das als cuscuta epithymum 'auf' dem thymian ... schmarotzende windengewächs teufelszwirne ... diese würger schlingen stränge um die wirtspflanzen, über welche hinkriechend sie die zurückgelassenen pflanzenteile zum absterben bringen Friedli
Bärndütsch (Aarwangen) 6 (1925) 261.
insbesondere bezeichnung der pflanzengattung orobanche (
sommerwurz),
s. Marzell
wb. d. dt. pflanzennamen s. v. orobanche 3. —
auch bestandteil von namen für giftige pflanzen, z. b. hundswürger,
s. Marzell
a. a. o. 5, 236; Grassmann
pflanzennamen 159
f. und würgling, würgerling. 66)
mundartlich noch in einzelnen sonderbedeutungen geläufig: wörger '
werkzeug zum zusammenpressen von binsen' Schumann
Lübeck 38 (
s.würgen I A 1 e). — wjerger '
obstmühle, die das obst gewaltsam zerreiszt' Fischer
schwäb. 6, 989. — wirger '
schwarzseidene halsbinde' (
Etsch) Schatz
Tirol 714 (
vgl. dazu würgerli, worgerli,
n., '
schmales halsband der männer' [
Bünden, Basel] Stalder
Schweiz 2, 460; 457; würggerli, worggerli Seiler
Basel 320; 318;
ferner obersächs. works, wurks '
enges halstuch' Müller-Fraureuth 2, 683
und mansfeld. wärjel '
unordentlich zusammengefaltetes tuch' Jecht 121,
das jedoch eher zu wärgel '
rundliches, gerolltes'
teil 13,
sp. 2017
gehören wird). —
als krankheitsbezeichnung (
personifiziert): er het de
n wurjər (
schwindsucht) am hals Martin-Lienhart
elsäss. 2, 851. 77)
jemand der angestrengt arbeiten musz, um seinen lebensunterhalt zu verdienen; zu würgen II G;
frühnhd. in der fügung armer würger (
s.armer schlucker
teil 9,
sp. 804
f.): dessen haben wir sonderlich ein fein exempel an dem ertzvatter Jacob, da er ... jmmerdar bei seiner grossen arbeit, sorge unnd fleisz ein armer würger unnd hirt war A. Lang in:
theatr. diabol. 2, 349
b; das ... er solches (
das kind) als ein armer würger nicht zu erhaltten wüste (
egerländisch um 1620)
in: dt. mundarten 1 (1895
bis 1901) 168.
so noch mundartlich: wirger
gewaltsam arbeitender Schatz
Tirol 714; würger
einer, der sich abarbeitet Schmeller-Fr.
bayer. 2, 999; worger
wer seine familie nur kümmerlich ernähren kann Fischer
schwäb. 6, 958; 3445; worger, worjer, worjiler
unermüdlicher arbeiter (geworg
ruheloses arbeiten) Crecelius
Oberhessen 922; wörger
tüchtiger arbeiter Mensing
schlesw.-holst. 5, 693. 88)
liter. gelegenheitsverwendung zu würgen II F 1: du preisest ihn (
den wein), winter, und tobst, dasz nicht aus giftigen reben der herbst uns grimmige würger erzeugt J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 1, 38 (
vgl. dazu würgler 1 '
birne von herbem geschmack'
und Marzell
wb. d. dt. pflanzennamen s. v. pirus comm. ssp. piraster 2).