wortverstand,
m. ,
seit dem späten 16.
jh. belegbar (
s. u. 5 a),
lexikalisch seit Kramer. im
laufe des 19.
jhs. mehr und mehr durch das gleichbedeutende wortsinn (
s. d.)
verdrängt; über die mittleren jahrzehnte des 19.
jhs. hinaus äuszerst selten, vgl. etwa noch Ad. Deiszmann
unter 5 b. 11) '
der einer bestimmten aussage, einem text u. dgl. innewohnende sinn und inhalt': beides ist aber undeutlich, und zur ausdruckung desz rechten wort-verstandes nicht gnug Francisci
d. eröffn. lusthaus (1676) 808; es litte sowol der wortverstand,
d. i. der sinn des textes, als auch die rechte führung einer angenehmen melodie Mattheson
vollk. capellmeister (1739) 75.
in der einschränkung auf den sachlich-rationalen gehalt gegenüber anderen ausdruckswerten: studiren (
die griechische literatur) heiszt freilich zuerst den wortverstand erforschen ... man suche aber auch mit dem auge der philosophie in ihren geist zu blicken; mit dem auge der ästhetik die feinen schönheiten zu zergliedern Herder 1, 286
S.; dasz er (
der verfasser eines homerischen wörterbuches) einzig sinn für den wortverstand besasz und dasz ihm das dichterische ganz verschlossen blieb Justi
Winckelmann (1866) 1, 35. 22)
älter gelegentlich auch allgemein '
sinn, inhalt, geistiger gehalt',
als welcher sich in worten äuszert: höret ihr die nachtigall in den waldgebüschen singen und ihr holdes klinggedicht ihrem gott und schöpfer bringen; so betrachtet, dasz die stimme nicht sey sonder wortverstand Harsdörffer
poet. trichter (1647) 1, 46; es ist ein solches werk, da kunst und himmelsflammen, da tiefer wortverstand verbrüdert stehn beisammen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 282. 33)
vereinzelt '
das verstehen von gesprochenem': auch die obscurität des wort-verstandes, nicht allemahl und so eben in dem redenden, sondern zuweilen und am meisten in dem vornehmen des hörenden, der entweder ... nicht kan, oder ... nicht will verstehen, was der ander saget Franckenberg
v. d. rechten kirchengehen (1667) 85. 44) '
bedeutung eines bestimmten einzelwortes',
meist im blick auf seinen ursprünglichen, wurzelhaften sinn: ey, das (
wort '
mare') bedeutet ja ein pferd, dem wortverstande nach J. Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 1, 35;
doctor dem wort-verstand nach heist es ein lehrer Sperander (1727) 212
a; recht ist fürs erste dem wortverstande nach, was gerade zu einem dinge paszt, sich dafür schickt Heinse
s. w. 3, 582
Sch. 55)
häufig erscheinen die bedeutungen 1
und 4
eingeengt auf die spezielle bedeutung '
wörtlicher, durch den wortlaut festgelegter, buchstäblicher, eigentlicher, natürlicher sinn',
in der unterscheidung zu den verschiedenen arten übertragener, uneigentlicher, figürlicher und tieferer wortauffassung. 5@aa)
in der anwendung auf eine geschlossene aussage, zusammenhängende rede. so namentlich von der natürlichen, wortgemäszen ausdeutung des bibelwortes, vgl. Chr. Ludwig
t.-engl. (1716) 2537: aus diesem wortverstande, wird nun die meinung dieses gebots klerer sein H. Roth
catech. predigten (1573) 1, 13
a; mit kurtz angehencktem wortverstand (
predigt von 1582)
bei Fischer
schwäb. 6, 963; den wortverstand derselben (
bibellesung) (und wann ers kann, auch den sensum mysticum) fein deutlich, doch kürzlich expliciren und repetiren (1673)
mon. Germ. päd. 19, 201; ihre meinungen waren hiernächst über den verstand des gesezzes und der ganzen heiligen schrift getheilt. die pharisäer nahmen einen gedoppelten an, den vor augen liegenden wortverstand und den verborgenen sachverstand. die sadducäer gaben nur den ersteren zu v. Einem
Mosheims vollst. kirchengesch. 1 (1769) 68; ganz so, wie man in der exegese von der einfachen aufklärung des wortverstandes in Luthers und Melanchthons art zu den feingesponnenen mystischen, allegorischen und moralischen auslegungen nach art der kaum erschütterten scholastik überging Gervinus
gesch. d. dt. dichtg. (1853) 3, 327.
und sonst: wie sich nun etliche reden finden, die ihren eigentlichen wort-verstand haben, und doch (sensu analogico) auf eine gleichheit gezogen werden Butschky
Pathmos (1677) 392; die worte (
des paktes) sind ja ganz deutlich. darf man denn den wortverstand nicht annehmen, nicht annehmen, dasz diese worte einen natürlichen sinn haben?
allg. dt. bibl. (1765) 103, 560; doch ward man zuletzt veranlaszt, den buchstaben dieser (
platonischen u. aristotelischen) werke näher zu untersuchen ... dem geistreichen manne muszten bei dieser gelegenheit emendationen in die hand fallen und der reine wortverstand immer bedeutender werden Göthe II 3, 172
W. in weiterer einengung auf das blosze sprachliche verständnis der worte eines textes: er bedauerts aber, dasz ... die schulregenten, den kern davon (
von den werken römischer schriftsteller) liegen lassen. ihre natur, saget er, ist mit der schale, oder dem wortverstande zufrieden Gottsched
d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 8, 856; die stelle ist nicht blosz dem wortverstand nach schwierig, sondern auch in ihren beziehungen dunkel W. Grimm
dt. heldensage (1867) 17. 5@bb)
auf die bedeutung eines bestimmten einzelwortes bezogen, meist durch ein epitheton im sinne des noch nicht erweiterten, des eigentlichen verdeutlicht. namentlich: was spiel und spielen für einen eigentlichen wortverstand habe, ist niemand, als ich vermeine, vnwissend: zu vnterscheid aber deren vielheit sagt man kartenspiel, kegelspiel, brettspiel und dergleichen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, 2
b; die wildesten trotz- und starrköpfe darf der barbier im eigentlichsten wortverstande ungestraft an der nase zupfen Gaudy
s. w. (1844) 24, 97; dasz aber die wiederherstellungen, welche man an dem altare gemacht hat, im strengen wortverstande nicht wiederherstellungen gewesen seien Stifter
s. w. (1904) 7, 256; solche zeit möchte ich im reinsten wortverstand die parodistische nennen Göthe I 7, 236
W.; er (
der sklave) ist freigelassener des herrn (
Christus), selbst wenn er im äuszerlichen wortverstand sklave eines menschlichen herrn ist A. Deiszmann
licht vom osten (1923) 277.
in prägnantem gebrauch: eine ... fertigkeit im reimen, dasz sie diesen ... band von gedichten hingeschrieben, dem wortverstande nach hingeschrieben hat
briefe, d. neueste litt. betr. 17 (1764) 124; ich ... ward ... von einem zauber umsponnen, dasz mir im wortverstande hören und sehen verging Bog. Goltz
ein jugendleben (1852) 1, 341.