widerbellen,
vb. ,
mhd. widerbellen;
ahd. widarbellan;
mnd. wedderbellen.
das wie bellen (
s. teil 1,
sp. 1451)
ursprünglich stark flektierte verb wird im nhd. im allg. schwach gebraucht, doch finden sich starke formen noch bis ins 16.
jh.: der ist eyn narr der widerbillt vnd sich mit eynem truncknen schillt S. Brant
narrenschiff 68
Zarncke; (
dasz er) noch nit widerbollen oder ungedultig ist gewesen (1556) Frey
gartenges. 62, 14
Bolte; als man ihm (
Christus) fluchet vnd vbel redte, hat er nicht widerbollen (
ende 16.
jh.)
in: Alemannia 10, 214.
lexikal. ist widerbellen
vom 15.—18.
jh. reichlich bezeugt. es wird von Adelung 5 (1786) 200
als verächtlich und hart für widersprechen,
von Campe 5 (1811) 700
a als nicht hochsprachl. verzeichnet: rebellisare widerbellen
vel widertriben (
voc. ex quo 1482
Nürnberg) Diefenbach
gl. 486
a; oblatrare widderpellen (
hd. 15.
jh.), widerbillen (1414
md.), wedder belen (15.
jh. md.)
ebda 387
b;
oblatrare wider bellen
ders., ml.-hd.-böhm. wb. 189;
rebellisare widertriben, widerbellen, widerclaffen
voc. predic. (1486) Y 6
a;
oblatrare wider bellen
gemma gemm. (
Straszb. 1508) r 4
a;
rebellisare i. repugnare vel contradicere widerbellen
ebda x 3
a;
oblatro, ... rebello, inclamo, murmuro, obmurmuro, occino, responso ich widerbell, murr Alberus
dict. (1540) x 4
b;
gannitio, gannitus der galb der hund, des (!) widerbelln
ebda; oblatro widerbällen, anbällen Frisius
dict. (1556) 892
a; wiederbellen
responsitare, responsare Stieler
stammb. (1691) 132; widerbellen, widerbäftzen, entgegenbellen
latrare, abbaiare incontro Kramer
t.-ital. 1 (1700) 79
a; ich wiederbelle
obstrepo, contumax sum Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 149.
ahd. ist widerbellen
nur in glossen seit dem 10.
jh. bezeugt: (
ab intentione ...)
resilimus uuidarpellem (10.
jh.)
ahd. gl. 2, 271, 7
ff.; resultant uvidarpullun (11.
jh.)
ebda 2, 666, 65;
repulsum uvidarpollanas (11.
jh.)
ebda 2, 650, 38;
relisa [
fronte] vuidarpolla (11.
jh.)
ebda 2, 446, 42; (
aura)
ludificata perit uuiderbillit (11.
jh.)
ebda 2, 43, 13;
inoffensum [
mare] unuvidarpollanar (11.
jh.)
ebda 2, 666, 59;
inoffenso [
aere] unuuidirpollinero (11.
jh.)
ebda 2, 549, 19.
die lat. verba sind hier nicht in dem für den textzusammenhang erforderlichen sinn von '
zurückspringen, abstehen, abprallen'
gefaszt, sondern im sinne von '
contradicere',
der mlat. für resultare öfter bezeugt ist: du Cange 7, 156;
corp. gl. lat. 4, 163, 28; 562, 20; 5, 143, 15.
resilire im sinne von '
widersprechen'
findet sich noch bei Diefenbach
gl. 494
b:
resilire wederbeln (15.
jh. md.)
und Dasypodius
dict. (1536) Ff 3
b:
resilio ich springe widerumb oder hindersich, ich widerbelle,
resulto idem. —
mhd. und nhd. wird widerbellen
meist absolut gebraucht, andernfalls mit dem dat. verbunden. vereinzelt begegnet es mit (da)gegen
oder wider: (
sie) widerbellen wider dise kunst Paracelsus
opera 1, 233
A Huser; (
wenn) er dagegen wider bellet und da wider leben wolt (1537) Luther 45, 719
W.; das alter hat mit blasser schrift auf meinem haupt geschrieben das weinverbot, dagegen nun der trieb nicht widerbelle Rückert
ges. poet. w. (1867) 11, 372; ein schwächling, der widerbellt gegen die nothwendigkeit
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 7 (1901) 36.
selten steht transitiver gebrauch: der mensch soll ... sein ampt vollbringen, darumb jhn gott beschaffen hatt vnd das nicht widerbellen oder verachten Paracelsus
opera 2, 353
Huser. 11)
von hunden '
anbellen, dagegen bellen'
; auch im vergleich: also hüte dich bey deiner seel, das du nicht ain hundt werdest, daz du nicht widerbeisst oder widerbellest Tauler
sermones (1508) 80
b; (
der) hundt (
Cerberus) grausam widerbal, das inn eym gantzen land erschal Wickram
w. 7, 325
lit. ver.; aber die Römer, die allezeit dem christlichen glauben, wie die hunde, widerbellet haben, hetten jhn gern ausgereutet Megiser
annales Carinthiae (1612) 349.
bildlich: wer hat euch hunden (
menschen) das hertz gegeben mir zu wiederbellen? Rist
d. friede jauchz. Teutschland (1653) 13; (
die hunde der indianer sind) schwach, blöd und harmlos, wie die wilden selbst, die auch nicht widerbellen und nicht beiszen Rückert
ges. poet. w. (1867) 10, 548.
nur vereinzelt von anderen tieren: dasz diser esel under dem schweren last ... noch nit widerbollen oder ungedultig ist gewesen (1556) J. Frey
gartenges. 62
Bolte. 22)
von menschen. sich mit worten widersetzen, auflehnen; widersprechen; eifern, keifen. 2@aa)
absolut: wand er algerichte sit vollecliche widerbal und hub manigen starken schal gegen die irrende diet, die sich von deme gelouben schiet
passional 354, 21
K.; die erste tugend ist die gehorsam, die ander ist gedultikait, die dritte diemüttikait. die rechten hant des münchs sol der nagel der gehorsam zu dem chreucz hefften, on wider pellen oder kallen Hartlieb
dial. miraculorum 118, 14
Drescher; der ist eyn narr, der widerbillt vnd sich mit eynem truncknen schillt S. Brant
narrenschiff 68, 3
Zarncke; williger gehorsam, demütickeit, undertenickeit aller gewalt ... an alles widderpellen, clagen und murmulen (1520) Luther 7, 213
W.; wen dw züernest, so solt ich schweigen vnd nicht widerpellent rumorn (1554) Hans Sachs
fastnachtspiele 63, 340
ndr.; du aber widerbällest zum dritten Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 88; gebeut ihm freundlich, sonst lernet es (
das gesinde) widerbellen Chr. Weise
drey klügsten leute (1675) 361; er hat ein liebes weib, das ... nicht pöbelhaftig denkt, nicht mürrisch wiederbellet Triller
poet. betracht. (1750) 2, 281; schreiend, widergellend, keifend eifert sie (
die frau) und widerbellt Brentano
ges. schr. (1852) 3, 156; ich bin persönlich das widerbellen durch viele jahre gewohnt worden, und spreche aus erfahrung (1826) Göthe IV 40, 249
W.; vielleicht war es das stille gefühl hiervon, dasz die hochgebornen herren zu dem lautesten und mit dem gehaltenen auftreten Caesars übel contrastirenden widerbellen trieb Mommsen
röm. gesch. (
41866) 3, 200; alsbald bekam ich beistand von der gesellschaft, ein erster, zweiter, dritter stimmte ein, und als das subjekt widerbellte, erklärte man ihm, dasz es länger nicht im wagen geduldet werde Vischer
auch einer (1879) 1, 5. 2@bb)
mit dativ. 2@b@aα)
einer person widersprechen: sie dem, der jhnen das geben hat, das die gantze welt nit gemocht hat, widerbellen vnd vernichten Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 331
Huser; wenn jr in (
den ehemännern) unterthan weret, jn nicht widerbellet (1535) Luther 41, 321
W.; man soll den bischoffen vnnd fürsten, den pfarrherrn vnnd ratsherrn gehorchen vnnd jhnen nicht widerbellen J. Nas
antipap. eins u. hundert (1567) 3, 143
b; jhr jungen leutlein solt nicht ewern alten frawen vnnd müttern widerpellen Mathesius
Jesus Syrach (1586) 3, 50
a; der könig von Algier, der unvermuhtet siehet, wie so ein doppler schimpff vnd unrecht jhm geschiehet, von seinem herrn, dem er nicht widerbellen mag Dietrich v.
d. Werder
hist. v. ras. Roland (1636) 213; Zevs dort thut, was ihm gefället: bös ist, der ihm widerbellet A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 1040; die verbrecher, die widerbellen dem gott Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 2, 451; ich will es, und drum soll es sein. hört ihr? ihr widerbellt mir nicht O. Ludwig
ges. schr. (1891) 3, 588;
anders: was kommt dich an, mir das schöne bäumlein da umzukarren? von dem fresse ich doch keine äpfel mehr! widerbellte er mir Burte
Wiltfeber (1912) 248. 2@b@bβ)
einer äuszerung, einer ansicht, der wahrheit usw. widersprechen: sie wellent, daz man vürder schabe die tumben, die ir worten wider bellent
minnesinger 2, 153b
v. d. Hagen; die da widerbellen, widermurren dem guten und felschen die geschrift (1524/25)
satiren u. pasquille 3, 113
Schade; (
das weib soll) seinen (
des mannes) weisen und vernünfftigen raht- und anschlägen nicht freventlich widerbällen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 188; man läst ... ... die bösen ungestraft der warheit widerbellen Joh. Chr. Günther
s. w. 2, 281
lit. ver. 33)
in übertragener und bildlicher verwendung: swenne eigen wille widerbillet und irdisch guot der muot gestillet Hugo v. Trimberg
d. renner 3775
Ehrismann; dargegen finden die gerechten ein vnwillen vnd widerpellen desz fleischs vnd eüssern menschens in ihnen S. Franck
paradoxa (1558) 312
b; trachte die vernunft zu stillen, die dem glauben widerbellt Chr. Wegleiter
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 5, 132; lass dieses uns denn doch ein lehrend beyspiel sein, die wiederbellende vernunft zu überführen Brockes
ird. vergnügen (1744) 4, 434; ewigbellende und widerbellende vernunft Herder 22, 336
S.; noch widerbellt der überzeugung meines lesers ein einwurf, dessen ausrottung vielleicht zu einer kleinen ausschweifung gerathen wird Jean Paul
w. 40/41, 145
Hempel; so musz der feurige geist gottes ... euch einstweilen ein schmachtriemen sein mit dem ihr euren widerbellenden magen gegen die höhere natur zur ordnung bringt Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 194.
vereinzelt: man weisz, dasz kein so starcker mag ein starcken baum felln auff ein schlag; in hartem felsz des meeres wellen nichts schaffen mit ihrm widerbellen Kirchhof
wendunmuth 2, 503
lit. ver. das part. präs. bezeichnet gelegentlich ein gegensätzliches verhältnis im sinne von '
einander widersprechend, nicht übereinstimmend': der mensch, gottes bild, das geschöpf höherer ordnung fiel,
d. i. es handelte nach gesetzen einer niederen ordnung, ward thier, und da er das auch nicht ganz seyn konnte, mit zwei widerbellenden kräften, teufel Herder 9, 539
S.; der stoff mag für deine natur etwas widerbellend sein, doch hast du ihn recht wohl bezwungen (1812) Görres in:
neue Heidelb. jahrb. 10, 165. —