weltvergessen,
adj. ,
wie weltvergessenheit
seit der 2.
hälfte des 18.
jhs. nachweisbar. 11)
die welt vergessen habend. 1@aa)
im sinne religiöser oder philosophischer versunkenheit in andere sphären: wo ist der heilige, sein eigener tyrann, der, wenn er sich selbst haszt, die brüder lieben kan? ... könt auch der reine mund des weltvergessnem (!) alten nichts, als gebet und flehn, die hände nichts, als falten Dusch
verm. w. (1754) 318; das in dieser kasteiung sich bildende, weltvergessene ... stimmungsleben (
Hiawathas) B. Auerbach
schr. (1892) 6, 42; die gärende zeit (
Friedrich Wilhelms III. war) ... bald mit unerhörter energie auf herrschaft und macht aus, bald weltvergessen in den anblick der reinen, ewigen formen des seins versunken Meinecke
Boyen (1896) 1, 207;
bzw. weltabgewandter ichbezogenheit: (
die liebe für sich selbst) flammt das feuer an, womit die helden brennen, und führt im steilen pfad, wo tugend dornen streut, den welt-vergessnen sinn nach der vollkommenheit Haller
ged. (1882) 129.
auch metaphorisch: es stehen regungslos die cypressen, wie himmelträumend, wie weltvergessen Heine
s. w. 1, 367
E. 1@bb)
weltabgeschieden, ohne bewusztsein der groszen welt und des weltgetriebes: (
Holtesminnethun, Holzminden, bedeutet) ein eckchen gemacht für ein glückliches weltvergessenes dasein! W. Raabe
s. w. I 3, 15
Klemm; zurückgekehrt aus fernen landen, umspinnt mich neu der jugendtraum; mich grüszt des heimathmeeres branden ... und weltvergessen schreit' ich wieder am altgeliebten inselstrand ... E. Scherenberg
ged. (
41892) 11; wir können nicht mehr weltvergessen wie Raabe oder Keller uns abschlieszen vom fluthenden leben und wir wollen es auch nicht mehr
qu. a. d. j. 1932. 1@cc)
oft zur charakterisierung einer den menschen ganz ausfüllenden stimmung, die die umwelt für ihn versinken läszt: als wir weltvergessen hier hand in hand am kirchlein ruhten Geibel
ges. w. (1883) 4, 119; goldnes land, du land der väter! sing' ich weltvergessen leise Pichler
neue marksteine (1890) 232; weltvergessen ... drehte sich das glückliche menschenpaar auf beschwingten füszen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 2, 182; in seliger angst ... ging ich umher, unselig-selig, weltvergessen Weigand
renaissance (1904) 1, 58; der knabe blieb auf einmal lächelnd und weltvergessen stehen Grimm
nov. (1921) 224; auf sie (
das liebespaar) den zauber der hölle! Astartezauber! andrängend umgieszt und umbrandet die weltvergesznen sein seeleverwirrendes wesen — sie aber fühlen seine nähe nicht! Eb. König
Thedel v. Wallmoden (1931) 343. 22)
von der welt vergessen. 2@aa)
von den lebenden vergessen: welche stimme tönet in das grab, in die dunkle, weltvergeszne tiefe meiner abgestorbenheit herab. stille wachte bei der kleinen pforte meiner zell' am finstern ulmenhain: plötzlich, freundin, drangen deine worte, wie ein auferstehungsruf, herein Tiedge
w. 2 (1827) 122; doch ach! sie brausten ferne vom ird'schen leben ab, wie ausgebrannte sterne ins weltvergeszne grab B. Weber
lieder aus Tirol (1842) 5; dort, am hang, zum nord gerichtet, fern den straszen und den steigen, lag verloren eine höhle in der wildnis ödem schweigen ... schaurig war die kluft ... wo die greise drude hauste, weltvergessen wie die toten ... Fr. W. Weber
ges. dicht. 3 (1922) 87. 2@bb)
aus dem bewusztsein der öffentlichkeit ausgelöscht, gänzlich vergessen, unbekannt: die reformation verdrängte die geistlichen volksschauspiele, und was in katholischen gegenden vereinzelt davon übrig blieb, das lag weltvergessen, weltweit ab von dem ganzen neuen kunstgetriebe, bis wir in allerjüngster zeit diese reliquien wieder aufspürten, sie zum objekte allgemeiner neugierde machten und dadurch des volkstümlichen charakters mehr und mehr entkleideten. denn das bekannteste dieser volksspiele, das passionsspiel von Oberammergau, war nur so lange echt und ganz volkstümlich, als kein publikum vor der bühne sasz, sondern scharen von bäuerlichen wallfahrern, die im schauen und hören ein frommes werk zu üben glaubten W. H. Riehl
musik. charakterk. (1899) 2, 332. 2@cc)
hieran anschlieszend dann oft im sinne von '
weit ab vom getriebe der welt gelegen',
in bezug auf entlegene örtlichkeiten, gebäude u. dgl.: um diese zeit nämlich war das verderbenschwangere meteor des Napoleonischen ruhmes so hoch über dem deutschen himmel aufgestiegen, dasz seine strahlen selbst in den versteckten winkel jenes weltvergessenen ländchens drangen P. Heyse
rom. u. nov. II 3 (1904) 292; drang zu meiner weltvergessnen siedelei im wasserschlosse das gewieher und gebrause Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 359; rechts vom wege hat das wasser eine kleine, stille bucht eingewühlt, in der ein paar weltvergessene häuser liegen I. Kurz
wandertage in Hellas (1913) 103; aber das gleiche blut, das Venedig seine dogen gab, mag noch in den adern manches armen fischers in dem armseligen, weltvergessenen städtchen rollen, das heute Grado ist J. Schlosser
präludien (1927) 97.