weltgetriebe,
n. 11) '
getriebe dieser welt, des irdischen lebens'
u. dgl.; zunächst noch in unfester komposition: betrogne sterbliche, kommt lernt bey dieser leichen, wie glck und menschen-witz der obern schickung weichen, wie nur des himmels hand der welt-
getriebe rhrt, und uns offt wunderlich und dennoch wohl regiert Pietsch
geb. schr. (1740) 225; dem himmlischen (
hier mit besonderem bezug auf das überirdisch-geistige) erbaun wir keine schranken, es folgt uns nach ins laute weltgetriebe Herwegh
ged. 1 (1841) 179; und als ich kam vors himmelstor, hört' ich sankt Petrum fluchen. er sasz und flickte seine schuh' und sah dem weltgetriebe zu — ein mägdlein sasz daneben Weigand
renaissance 2 (1903) 45.
vereinzelt findet sich daneben die sinn- und stammverwandte form weltgetreibe (
s. teil 4, 1, 2, 4451
f. s. v. getreibe [2 b
δ]): o stOer mich nimmer, weltgetreib', ihr zweifelswogen ruht; ich asz ja Jesu Christi leib, trank Jesu Christi blut Schubart
s. ged. (1825) 1, 159; o herr! ich glaub', es wär' das beste, du lieszest mich in dieser welt ... genieren wird das weltgetreibe mich nie, denn selten geh' ich aus; in schlafrock und pantoffeln bleibe ich gern bei meiner frau zu haus Heine
s. w. 2, 98
E. 22) '
getriebe des daseins' (
s. getriebe
teil 4, 1, 3, 4536). 2@aa)
des weltlebens schlechthin: auf erden ist alles entwickelung, ein urgesetzliches wesen. bezuglos ist nichts, der allwechsel ist immerdar im weltgetriebe
F. L. Jahn
w. 2, 251
Euler; gebildete menschen können sich oft nicht darüber beruhigen, dasz verstand und vernunft im weltgetriebe so wenig ausrichten. sie vergessen, ... dasz in der sittlichen welt, wie in der physischen, alles in organismen gebunden ist, die auf desperat erscheinenden, obgleich ohne zweifel durchaus gesetzlichen mischungs-verhältnissen beruhen (26. 4. 1860) Hebbel
tageb. 4, 167
Werner; in der tat traten nun an stelle des weltplanes die 'naturgesetze', ... die gesetzmäszigen beziehungen zwischen den objekten ... das wirkliche weltgetriebe von objekt zu objekt lief rein kausal ab (
nach ansicht der klassischen physik); kein subjekt ... konnte je die eherne kette von ursachen und wirkungen durchbrechen J. v. Uexküll
d. unsterbl. geist i. d. natur (1938) 39. 2@bb)
insonderheit für das leben und treiben im bereich der menschenwelt: (
Shakespeare,) der das ganze bunte weltgetriebe mit so tiefen augen überblickt, dasz man bei ihm von 'Holbeinscher kühle' reden durfte J. Schlosser
präludien (1927) 308.
vor allem das geschäftige getriebe des modernen lebens, in der groszstadt, in der groszen politisch bewegten welt u. dgl.: wenn der ritter Campolani das weltgetriebe von seiner glänzendsten, buntesten seite gemalt hatte, von allen ehren und freuden, die da drauszen, hinter den bergen, in der blauen, unbekannten ferne zu gewinnen waren, gesprochen hatte, dann heftete sich das auge Faustas fragend auf den jungen deutschen grafen (
von Pyrmont): '... drauszen ringen sie um alles, was die erde köstliches bietet, und du willst dich vergraben in diesen armseligen mauern ...' W. Raabe
s. w. I 3, 282
Klemm; ja die beschäftigung ... war darauf berechnet, ihrem leben eine gewisse nüchternheit und einfachheit fern von dem weltgetriebe zu bewahren Nitzsch
deutsche studien (1879) 7; die reiche phantasie, welche die natur ihnen (
den zurückgezogen lebenden freiherren) geschenkt, entwickelte sich in dem stillen (
österreichischen landsitz) Wlastowitz viel üppiger, als dies im wirbel des weltgetriebes hätte geschehen können
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 13; es ist zu hoffen oder zu fürchten, dasz dieser berggang (
gang zur alm), ehe wir uns umsehen, ins grosze weltgetriebe (
hier mit bezug auf den touristenverkehr) wird hineingerissen sein Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 10; wenn ein volk, das rings durch hemmende naturgrenzen, gebirge, sümpfe oder meer geschützt ist, vor dem alle ecken der eigentümlichkeit abrundenden weltgetriebe seine alte weise bewahrt, so ist das eine erscheinung, der wir überall begegnen können; aber das beispiel der Altländer, eines volkes, das so nahe den grenzen der civilisation und cultur wohnt, täglich so in die unmittelbarste berührung mit dem weltgewühl kommt ... dürfte ein sehr seltenes sein Allmers
marschenbuch (
31900) 386; die dem weltgetriebe entrückten fjorde Norwegens A. v. Mackensen
br. u. aufzeichn. (1938) 27. 2@cc)
gelegentlich auch '
getriebe des welthistorischen geschehens': wenigstens in guten kupferstichen sollten die köpfe der herrscher, feldherren, erfinder, entdecker und aller sehrmänner in kunst und wissenschaft, wie auch aller derjenigen, die in das grosze rad des weltgetriebes irgend jemals mit eingegriffen haben, immer um ihn her aufgestellt und gesammelt seyn (
hier geradezu im bild eines technischen triebwerks, s. auch unter 3) E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 3, 348; die politischen verhältnisse (
im roman '
die Böhminger'
von H. Laube) werden dargestellt, wie man wohl zu jener zeit in liberalen kreisen sich das weltgetriebe dachte: Deutschland von einem netze der verschiedenartigsten intriguen übersponnen Scherer
kl. schr. (1893) 2, 261. 33)
einzelanwendungen verschiedener art; z. t. von der vorstellung eines triebwerks bestimmt (
s. getriebe
teil 4, 1, 3, 4532 [III, 2]): das weltgetriebe
das weltgebAeude mit einem knstlichem getriebe oder triebwerke verglichen Campe 5 (1811) 672 (
als dichterische neubildung unter hinweis auf Tiedge
angeführt); wirken wir fort bis wir ... in den äther zurückkehren! möge dann der ewig lebendige uns neue thätigkeiten ... nicht versagen! fügt er sodann erinnerung und nachgefühl des rechten und guten ... väterlich hinzu, so würden wir gewisz nur desto rascher in die kämme des weltgetriebes eingreifen (19. 3. 1827) Göthe IV 42, 95
W.; vereinzelt auch für die dunklen schicksalsmächte als triebwerk dieser welt: ho, du wunderlich finstres weltgetriebe dort über uns, wozu denn warfst du uns all' an das licht? Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 685;
als metaphorische anwendung in anschlusz an 2
findet sich: die welten drehn sich all' um liebe, lieb' ist ihr leben, lieb' ihr tod; und in mir wogt ein weltgetriebe von liebeslust und liebesnoth Rückert
ges. poet. w. 1 (1882) 378
u. ö.