weltbürger,
m. ,
lehnübersetzung von griech. κοσμοπολίτης,
die bereits im 17.
jh. vereinzelt erscheint, jedoch erst im 18.
jh. —
vom vorbild des frz. cosmopolite
beflügelt (
s. Dornseiff
d. griech. wörter im dt. [1950] 82) —
als schlagwort der aufklärungzeit geläufig geworden ist (
s. Ladendorf
hist. schlagwb. [1906] 336
f.; Bach
gesch. d. dt. spr. [
41949] 218);
sie hat ihre parallele in ndl. wereldburger,
fries. wrâldboarger,
dän. verdensborger
und schwed. världsborgare
gefunden (
s. Falk-Torp 1368,
ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1213
u. Hellquist [
31948] 1397). —
neben den sprachüblich gewordenen ableitungen weltbürgerlich
und weltbürgertum (
s. dort)
erscheinen gelegentlich weltbürgerin (Jean Paul
w. 11 -14, 258
Hempel; W. Raabe
s. w. I 2, 7
Klemm; Schäfer
erz. schr. [1918] 3, 145), weltbürgerei (Schiller
br. 1, 328
Jonas; O. Ludwig
ges. schr. [1891] 6, 434), weltbürgerisch (Schiller
br. 2, 201
Jonas; Schleiermacher
s. w. III 3 [1835] 11)
und weltbürgerschaft (Wieland
Agathon [1766-7] 2, 288; Gervinus
dt. dicht. [1853] 4, 401);
weiteres s. zeitschr. f. dt. wortforschg. 6 (1904-5) 349
f. 11)
kosmopolit (
vgl. weltling 2 b
und weltmann 1). 1@aa)
ein mensch von weltweiter gesinnung, der sich nicht nur als bürger einer stadt, eines landes oder staates, sondern als bürger der ganzen welt und mitbürger der gesamten menschheit fühlt (
vgl. den ausspruch des Erasmus,
als ihm Zwingli das Zürcher bürgerrecht in aussicht stellte: me velle civis esce totius mundi non civis oppidi!
in: neuphil. mitt. 27 [1926] 13): in dem er (
Sokrates), auf die frage, von wannen er bürtig wäre? (
cujatem se ferret?) sich von der welt oder einen weltbürger (
κοσμοπολίτην sive mundanum) genennet. ist eben das, was Seneca ... geschrieben: ich bin nit einigem winkel der welt gebohren; die ganze welt ist mein vatterland S. v. Birken
hoch-fürstl. brandenburg. Vlysses (1669)
zuschr. 1;
so besonders getragen durch die bewegung der aufklärung und des neuhumanismus der Göthezeit: weltbürger
titel einer zeitschr., die 1741-42 Jak. Friedr. Lamprecht
in Berlin herausgab; sie kommen mir als eine art von weltbrgern vor, die die ganze welt fr ihr vaterland halten Joh. El. Schlegel
w. (1761) 5, 12; den freyen, gegen alle gleich wohlgesinnten weltbürger, dessen herz ... von eifer für die rechte der menschheit, von verlangen, ihrem elend abgeholfen zu wissen, glühte Wieland
s. w. 28 (1797) 110; obgleich das lob eines eifrigen patrioten, nach meiner denkungsart, das allerletzte ist, wonach ich geitzen würde, des patrioten nehmlich, der mich vergeszen lehrt, dasz ich ein weltbürger seyn sollte Lessing 17, 156
L.-M.; wir ... haben zwar kein vaterland, keine unsern, für die wir leben; aber sind menschenfreunde und weltbürger Herder 5, 551
S.; kein schriftsteller, so sehr er auch an gesinnung weltbürger seyn mag, wird in der vorstellungsart seinem vaterland entfliehen (28. 11. 1791) Schiller
br. 3, 169
Jonas; bis in die gegenwart ein unverlorenes schlagwort: weltbürger (kosmopolit). der mensch wird in beschränkten verhältnissen geboren ... wer aber diese engenden schranken nicht beachtet und seines volkes wohl nicht ausschlieszend im auge hält, sondern in seinem wirken und handeln das wohl und die interessen der ganzen menschheit zu befördern sucht, ist ein kosmopolit. nur die vernunft und die tugend vermögen weltbürger zu schaffen
neues rhein. conv.-lex. (1830) 12, 192; wie sie (
Lessing, Göthe, Schiller) sich als weltbürger, nicht als deutsche reichsbürger, geschweige denn als Sachsen oder Schwaben, fühlten, so war es ihnen auch zu wenig, nur im sinne eines volkes zu denken und zu dichten D. Fr. Strausz
ges. schr. 6 (1877) 175; es war lind, hier (
in Wien) zu leben, in dieser atmosphäre geistiger konzilianz, und unbewuszt wurde jeder bürger dieser stadt zum übernationalen, zum kosmopolitischen, zum weltbürger erzogen St. Zweig
welt v. gestern (1947) 29. 1@bb)
ein freizügiger ohne festen heimatsitz und staatsbürgerliche bindungen an ein bestimmtes vaterland: da sie (
die sophisten) selbst zu keinem besondern staatskOerper gehOeren, so geniessen sie die vorrechte eines weltbrgers, und indem sie den gesezen und der religion eines jeden volkes, bey dem sie sich befinden, eine Aeusserliche achtung bezeugen ..., so erkennen und befolgen sie doch in der that kein anders als jenes allgemeine gesez der natur, welches dem menschen sein eignes bestes zur einzigen richtschnur giebt Wieland
Agathon (1766) 1, 118; ich schreibe als weltbürger, der keinem fürsten dient. frühe verlor ich mein vaterland, um es gegen die grosse welt auszutauschen Schiller 3, 528
G.; in diesem rechte, auf dem erdboden frei herumzugehen, und sich (
irgendeinem staate) zu einer rechtlichen verbindung anzutragen, besteht das recht des blossen weltbürgers Fichte
s. w. (1845) 3, 384; ich mied ... die städte und trieb mich als ein peregrinirender weltbürger auf dem lande herum Musäus
volksmärchen 2 (1826) 103;
aus neuerem sprachgebrauch selten bezeugt: wir Juden sind doch die wahren kosmopoliten, die weltbürger von gottesgnaden W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 210; der 31 jährige (
Garry Davis), der seine amerikanische staatsbürgerschaft aufgab, um 'weltbürger' zu werden, ... wurde im hof des (
Buckingham -)palastes von polizeibeamten festgenommen
Berliner zeitungen a. d. j. 1953;
vereinzelt für einen weitgereisten und daher welterfahrenen, weltgewandten: auf reisen erwirbt man eine edle dreistigkeit — man wird ein weltbürger Kotzebue
s. dram. w. 23 (1828) 74. 1@cc)
für allerorts heimische wesen verschiedener art; auf der erde: Cain vnd Cains art sind welt-burger, Abel vnd Abels art sind hier frembd Dannhawer
catech. (1657) 4, 6; die mäuse sind weltbürger, aber leider nicht im guten sinne. alle erdtheile weisen mitglieder aus dieser familie auf Brehm
tierl. 22 (1877) 343;
im weltraum: immerhin mOegen sich unzAehlige welt-kOerper in hyperbeln bewegen; aber solche sind keine brger unsers staats, sie sind allgemeine welt-brger, die alle sonnen-systeme der milch-strasse durchlaufen Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 4, 141;
wie in abstrakten bereichen: gegen den doktor hab' ich nichts; er sei immer ein weltbürger in der liebe Jean Paul
w. 1, 192
Hempel. 22)
erdenbürger. 2@aa)
allgemein für den menschen als bewohner dieser erde: der weltbrger musz so beschaffen seyn, dasz er die kOerper, mit welchen er ... umgeben ist, gebrauchen kann Schwabe
belust. (1741) 4, 498; ich entsetzte mich über die dorheit der meisten weltbürger, welche ihr höchstes gut ... in lächerlichen ... dingen zu finden vermeynen Drollinger
ged. (1743) 53; es gehen jetzt soviel weltbürger zu grunde, dasz man den neu eintretenden wohl ihre ankunft facilitiren kann (3. 7. 1793) Göthe IV 10, 85
W.; klima, vaterland, sitten, wie unauslöschlich ist ihr eindruck, ja wie sind sie es nur, die des weltbürgers äuszere und innere gestaltung bewirken! E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 19
Gr.; und ausdrücklich auf diesen als vernunftwesen beschränkt: ihr seid nicht zu einem thierischen leben, nein, zur tugend und erkenntnisz seid ihr, als weltbürger, gebohren L. Bachenschwanz
Dante (1767) 189; der mensch vermag in jedem augenblicke ein übersinnliches wesen zu sein. ohne dies wäre er nicht weltbürger, er wäre ein tier Novalis
schr. 2, 115
Minor; an anderer stelle faszt Novalis
mit weltbürger
den idealen universaltypus des menschen: es gibt drei hauptmenschenmassen: wilde, zivilisierte barbaren, Europäer. der Europäer ist so hoch über dem Deutschen, als dieser über dem Sachsen ... über ihm ist der weltbürger. alles nationale, temporelle, lokale, individuelle läszt sich universalisieren und so kanonisieren und allgemein machen; Christus ist ein so veredelter landsmann
ebda. 3, 64. 2@bb)
mit den beiwörtern jung, klein, neu
u. dgl. als scherzhafte bezeichnung für den neugeborenen, in die welt eintretenden: meine frau ... verspricht mir in 3, 4 wochen einen neuen weltbürger (6. 6. 1796) Schiller
br. 4, 455
Jonas; im märz kömmt meine schwägerin wieder in wochen — mit dem elften kinde ... ich freue mich auf den kleinen weltbürger (23. 1. 1843) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 127
Sch.-K.; unter dem klange der orgel war der taufzug in das kirchlein getreten, und der junge weltbürger sang lustig im chor der gemeinde von Rulingen mit W. Raabe
s. w. II 2, 227
Klemm; gelegentlich auch für den noch ungeborenen: dieser druck (
im gehirn der schwangeren) kömmt nicht von dem zarten keimenden weltbürger ... her Gutzkow
Blasedow (1838) 1, 455;
und für kleinkinder überhaupt: ich sehe mich schon im geist an der seite der kleinen frau ... durch die felder wandern, ... während vor uns her zwei junge weltbürger watscheln Spielhagen
s. w. (1877) 1, 463.
metaphorisch: erfreuen mich euer majestAet mit der huldreichen aufnahme dieses neuen weltbrgers und lassen mir zugleich bemerken, ob ich meine patriotische schriften und staatsschriften noch ferner dero scharfsichtigen beurteilung vorlegen darf Fr. v.
d. Trenck
lebensgesch. 2 (1787) 240; so müsse denn seine religion als vollkommner weltbürger in ihm ans licht treten Bettine
Günderode (1840) 2, 46.