weinlese ,
f. mhd. wînlese Lexer 3, 909,
älter und verbreiteter als einfaches lese
f. (
th. 6, 772),
das erst als kürzung aus weinlese
erscheint; häufiger auch als ähren-, aus-, blumen-, holz-, nach-, traubenlese
u. s. f. 11)
verbreitung. zuerst in Wien 1453: die furlewt die hie und in andern unsern steten und merkten in den weinlesen umb lanfarnt
diplomat. habsb. 42,
noch lange auf den obd. osten beschränkt: summert. d. heil.-leben (
Augsb. 1472) 208
d; S. Franck
chron. d. Türkei (1530) C 4
b,
dem übrigen weinland umgangssprachlich fremd und nirgends in den mundarten, dafür weithin herbst:
th. 4 ii 1067; Kretschmer
wortgeogr. 235. 606,
sowie wimmet
u. s. formen: th. 14 ii 225; H. Fischer 6, 623.
so dankt weinlese
seine ganze entwicklung der schriftsprache, in die es Luther 1530
einführt: der verstorer ist yn deine erndte vnd weinlesen gefallen
Jer. 48, 32.
fortan allerorten: so balde die w. geschehen
brandenburg. weinmeisterordn. (1578)
bei Coler
hausb. 2, 12; dasz kein regen zu fürchten den zeitigen traubeln oder weinlesen Nigrinus
zäub. (1592) 235; nach vollendeter w. Albertinus
hirnschl. (1664) 330.
lex. seit 1598: Güntzel 851. Göthe
verbessert 1765
seine schwester: herbst / setze lieber weinlese IV 1, 23
W., seine mutter kehrt noch 1778
zu dem gewohnten herbst
zurück: gestern war w. hir ... mir aber fiel der herbst von 1772 ein
schr. d. Götheges. 1, 8,
er bleibt bei w.: I 49, 104. IV 20, 100. 28, 256. 41, 231
W., wie auch Herder 9, 81. 12, 286
S. und (
gegen seine mundart) Wieland
Lucian 1 (1788) 177.
im 19.
jahrh. allgemein, auch beim Schweizer G. Keller 2, 35. 5, 151. 6, 217. 7, 169
und bei Eichendorff 3 (1864) 305. 22)
belege für schwache sing.- und für pluralformen sind schon im vorigen enthalten. noch 1793
musz H. Braun
orth. wb. 257
b den nom. sg. weinlesen
bekämpfen. kürzung nur im zwang des rhythmus: willkommen, weinles, unsre freude! Uz
werke 54
lit.-denkm. (1749),
gleich daneben in der überschrift weinlese.
der plur. bleibt selten: Rode
Vitruvs baukunst 2 (1796) 112; Jean Paul 3, 212
Hempel, günstig ist ihm der blick in die zukunft: es ist eine schöne erfindung unserer zeit, den gelddurst der gegenwart mit den weinlesen der zukunft zu stillen Börne 6 (1834) 153. 33)
die bedeutung bestimmt Adelung
als: einsammelung der reifen weintrauben, Campe
fügt zu dieser grundbed. die jüngere: dann auch zeit dieser lese. 3@aa)
die grundbed. wird festgehalten in wendungen wie: dem herrn des gesegneten weinbergs ... über dessen gedanken der tag der w. lächelt Zachariä
tagesz. (1757) 57; die zeit der w. ist ein beständiges freudenfest G. Forster 2, 450; zur zeit der fröhlichen w. Bode
Yoricks reise 2 (1768) 134.
das hier stets benachbarte bed.-element des festlichen wandert in die wortbed., so wird w.
zum '
fest des traubensammelns': wo zu dieser zeit alles fleisch pfeifend, geigend und tanzend nach der w. rennt Bode
Tr. Schandi 8 (1774) 3; eine landhaushaltung hat besonders viel fröhliche tage! aussaat, erntefest, weinlese Iffland 2, 151 (
jäger 4, 10); man erblickt als lebendes bild eine w. mit trinkenden, jauchzenden jünglingen und mädchen Immermann 19, 118
Hempel. gäste und geselliger frohsinn werden zur hauptsache: wo gewesen, schöne frau? auf der w. bey herrn Rigaud Kotzebue 24, 126; sind ihre töchter in der stadt irgendwo zum besuch? ... in einen herbst hat man sie geladen, eine w. bei einem ... freunde Heyse
nov. 1, 53; herr und frau Hühnchen geben sich die ehre, sie ... zur w. einzuladen Seidel
Hühnchen (1899) 67.
wie die namen zu festen zeiten jährlich widerkehrender feste kann dieses w.
als zeitbestimmung verstanden werden: es war vor dem jahre in der w., als wir ... Thümmel
reise 5, 90. 3@bb)
nach vorbildern wie diesem kann w.
von vornherein als '
zeit des traubensammelns'
gemeint sein: sie (
drosseln) kommen in der w. ein Amaranthes
frauenz.-lex. 427.
begriffsbestimmungen gehen geradezu vom zeitbegriff aus: w. wird die zeit genennet, da die reiffen trauben von dem stock abgenommen ... werden
comp. haush.-lex. (1728) 1022;
entspr. Jacobsson 4 (1784) 625
a.
dieses w.
eignet sich zur fristbestimmung: kurz vor der w. Heilmann
Thuk. (1760) 564; nach der w. Kürnberger
nov. (1861) 267; bis zur w. Hoffmann v. Fallersl. 8, 34. 3@cc)
aus der arbeit des traubensammelns wird ihr ertrag und der gesamtertrag der jahresarbeit im weinberg: wir bekommen hier keine gute ernte und gar keine w. G. Forster 8, 85; da giebt es eine w., wie seit 20 jahren keine Kotzebue 28, 117; mithin kömmt dem manne von dieser w. ein zwölftel zu J. Fr. L. Göschen
grundr. zu pand.-vorl. (1831) 340; dagegen fällt die w. sehr sparsam aus Görres
br. 3, 584.
diese entwicklung, der von ernte
vergleichbar, ist früh fest in der formel eine gute weinlese: Steinbach 1 (1734) 1043;
allg. dt. bibl. 83 (1788) 496. vollkommene w. G. Forster 6, 374
ist geradezu '
vollherbst'. 44)
gebrauch. 4@aa)
die weinlese
löst sich verhältnismäszig spät aus dem gesamtbegriff der ernte und des herbstes: oft findet sich w.
als synonym oder ergänzung neben ernte: Zimmermann
einsamk. 2, 350; Raumer
gesch. d. Hohenst. 5, 189; Nitzsch
dt. stud. (1879) 193, getreideernte: Schwappach
handb. d. forstgesch. 1 (1886) 248,
landschaftlich auch neben herbst: Laukhard
leben 3, 506.
die w.
fordert eine menge schwerer arbeit: nun musz man die wein-gefäsze zur w. untersuchen, wie auch die presse besichtigen
allg. haush.-lex. 1 (1749) e 2
b; in der w. kriechen sie unter das lattenwerk G. Forster 1 (1843) 44,
sie treibt alle arbeitskräfte in den rebberg: da gerade die zeit der w. eingetreten war, so fielen diese beeinträchtigungen den Neapolitanern doppelt beschwerlich Platen 3, 37
Redlich; entspr. Holtei 39, 259,
ja sie zwingt zur einstellung besonderer arbeiter: die wein- und olivenlese wurde in Italien ... einem sklavenbesitzer in accord gegeben Mommsen
röm. gesch. 2 (1861) 77.
wirklichkeitstreue betrachtung bleibt ganz vereinzelt: dichter haben die w. besungen, maler sie als ein fröhliches, sonniges fest ... geschildert. in wirklichkeit ist sie ein ernstes, mühevolles geschäft H. v. Zobeltitz
d. wein (1901) 12
b. 4@bb)
die neigung zu idealisieren ergreift die nüchternsten darsteller. ihr antheil gilt der w.
als wirtschaftlichem höhepunkt des jahrs: w. ... die allerletzte und beste rebarbeit, welche alle das gantze jahr über gehabte mühe ... reichlich ersetzet
Chomel ök. lex. 8, 2299;
entspr. Heinse 2, 85
Sch. zudem war die w.
leicht zum fest zu gestalten: Wimmer
gesch. d. dt. bodens 66,
dessen mythol. aufputz mit Bacchus, Silen, Skira u. s. w. auch in deutsche werke übergreift: Abbt 6, 1, 6; C. A. Böttiger
kl. schr. 1 (1837) 176; Ed. Gerhard
ak. abh. 1 (1866) 250.
echt deutsch ist die lust an der frischen arbeit: es liegt etwas lebendiges und heiteres in allem, wobei sich der mensch geradezu seiner eignen glieder bedient, und die fröhliche w. gewinnt an lust, wenn der traubensaft unter den füszen der winzer in die luft sprüzt J. Grimm
kl. schr. 5, 411.
nicht minder echt ist, dasz sich die freude lärmend austobt: es war eben w., und raketen und schüsse leuchteten rings umher aus der abenddämmerung hervor Moltke 5, 6.
die attribute von w.
sind stets lustbetont: frölich Hohberg
georg. cur. 3, 262
b, gut Dusch
verm. schr. (1758) 255; festlich Fr. Schlegel 3, 30; jubelhell Holtei 20, 3; froh G. Freytag 18, 122. 4@cc)
leicht läszt sich die w.
zum fest gestalten. gäste werden geladen: Archenholz
Engl. 2 (1785) 317; Kotzebue 1 (1827) 276,
die nicht so sehr die arbeit, als das fest sehen: die w. geht noch fort, und das ist ein gar herrliches schauspiel für uns Knigge
rom. 4 (1781) 216.
diese feste sind gegenstand bildlicher darstellung: A. W. Schlegel
Athen. 2, 107; Ritter
erdk. 1 (1822) 720,
sie werden durch gesang verherrlicht: K. Fr. Becker
weltgesch. 2, 258,
und früh literarisch: maszen in den wald- und schäfergedichten üblich ... des herbstes w. und anderes dergleichen angenemes landwesen mit den ersinnlichsten worten auszumahlen Harsdörfer
frauenz.-gespr. 4, 90,
in klass. schilderung bei Göthe 1811: nach mancherlei früchten des sommers und herbstes war aber doch zuletzt die w. das lustigste und am meisten erwünschte; ja es ist keine frage, dasz ... diese tage der w., indem sie den sommer schlieszen und zugleich den winter eröffnen, eine unglaubliche heiterkeit verbreiten I 26, 247
W. 4@dd)
bildlich kann w.
gebraucht werden wie ernte: ein langer process ist des advocats w. Duez
vray guidon (1646) 422.
so eignet sich das wort zur gedichtüberschrift Neumark
n. t. palmb. (1668) 454.
das bild kann auch davon ausgehen, dasz die w.
die trauben nie erschöpfend sammelt: jenen gleich ... die nach der w. trauben ... sammeln
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 257.
fortlaufender bildlicher gebrauch setzt erst 1785
ein: die langen abende der lieben adventszeit sind mir immer erndte und w. gewesen Haman 7, 295
Roth, ein bild, das noch bei Justi
Winckelmann 1 (1866) 74
fortwirkt. allseitig beherrscht Jean Paul
den bildlichen gebrauch von w.: der hauptmann ... zog ... den unschuldigen jüngling in ... seine immerwährende w.
s. w. 23 (1827) 156
R.; im august ... hat der tod seinen preszgang, seine w.
w. 11/14, 442
Hempel;
vgl. das. 1, 10;
kl. bücherschau 1 (1825) 24; dasz ich zwar in sitzungen über Fibels jetziges leben eine w., aber in sitzungen über dessen früheres nur eine ährenlese (
nachlese) halte
s. w. 44 (1828) 165
R. 55) weinlese-
ist erster worttheil in einer anzahl nominaler zus.-setzungen wie weinlesefreuden C. A. Böttiger
kl. schr. 2 (1837) 366;