wehtag,
m.,
geläufiger wehtage,
plur. schmerz, krankheit, unglück. mhd. wêtage, wêtac
mhd. wb. 3, 8
a; Lexer 3, 804.
nachtr. 402,
mnd. wêdage Schiller-Lübben 5, 621
b; Lübben-Walther 560
b,
nl. weedagh(e) Schueren (1477) 489
b Verdam; Kilian (1777) 792
a.
verbreitung. das wort tritt seit der 2.
hälfte des 13.
jahrh. in obd. (
zumal bayr.)
und ostmd. quellen auf, seit etwa 1400
auch nd. die classischen dichter des mittelalters haben keinen theil daran, umsomehr die mystiker. das 15.
jahrh. bringt reiche verwendung namentlich in gebeten, segen, arzneibüchern und glossaren, dem 16.
und 17.
jahrh. gehört die masse der belege in allen gattungen an. seit Schupp
schriften (1729) 689, Besser
schriften (1732) 2, 431, Bodmer
abh. v. wunderbaren (1740) 416
zieht sich dann das wort, wie die andern bildungen auf -tage,
in das mundartlich gefärbte schriftthum zurück, so dasz es auch den classikern des 18.
und 19.
jahrh. fehlt und nur in (
halb)
mundartlichem gebrauch bei Voss
idylle (1776) 7, 8, Göthe IV 29, 197
Weim., Zschokke
ausg. schriften 27, 365, Immermann
Münchhausen2 4, 33, Auerbach
dorfgesch. 1, 278, Goltz
jugendleben 1, 32. 322, Handel - Mazzetti
Jesse und Maria 1, 227
gelegentlich auftritt. Adelung 5 (1786) 121
bezeichnet wehtage
als ein nur im nd. übliches wort, 1801
unterdrückt er diese bemerkung. bei Campe 5 (1811) 630
b bekommt wehtage '
tag an welchem man schmerzen empfindet'
das kreuz der landschaftlichen wörter, weihdage '
schmerzen'
gar das doppelkreuz der verwerflichen, für die büchersprache untauglichen wörter. Hupel
id. d. d. sprache Livlands (1795) 261
nennt wehtage
pöbelhaft. —
auch mundartlich ist wehtag
vielfach untergegangen, wo es einst galt, so in Baden, Hessen, der Pfalz, Schlesien, provinz Sachsen, am Niederrhein, in den Ostseeprovinzen. lebendig ist betag
in den Sette comuni: Schmeller
cimbr. 171, weatɐ (beatɐ)
in Lusern: Bacher 225, weata (weatig)
in Tirol: Schöpf 805; Frommanns
d. mundarten 3, 334; Heyl
volkssagen 795, weatak
in Kärnten: Lexer 252, wêding (wêdəng, wêdung)
in Bayern: Schmeller
2 1, 595. 2, 825, waidag (wēadāga)
in Schwaben und Allgäu: Buck
mediz. volksglauben 14. 18;
Alemannia 8, 124;
Bayerns mundarten 1, 49, wêtig
im Vorarlberg: Frommanns
d. mundarten 4, 2, wétâk (wietâ, wétâjə, wétæj)
im Elsasz: Martin-Lienhart 2, 667
a, wäiding, wèidung
g in Westböhmen: Bayerns mundarten 1, 435. 2, 297, waitig
im mähr. judendeutsch: Höfler 788
a, wäiting (wäiding)
in Nordböhmen: Neubauer
Egerland 106
b, wîding (wiəding)
im Erzgebirge: Müller - Fraureuth
sächs. volkswörter 110; Philipp
Zwickauer ma. 20; Gerbet
Vogtl. 66, wèdən (wèding)
in Thüringen: Hertel 255; wêdaog
in der Altmark: Danneil 245; wêdâgə
im Westhavelland: zs. f. volkskunde 7, 291
und Neuruppin das. 8, 56, weidage
in Braunschweig: Frommanns
d. mundarten 5, 53, weidāg
in Waldeck: Bauer-Collitz 112
b, wêdagə
in Westfalen: Woeste 318
a, wêdag
in Holstein: Müllenhoff
sagen und märchen 515
und Dithmarschen: mündliche angabe aus Heide, weidag
in Mecklenburg: Sibeth
meckl. 106
a;
zs. f. volkskunde 7, 61, weidg
in Ostpreuszen: Frischbier 2, 460.
form. die bildung geht vom subst. weh
und von ahd. -tago
swm. aus. schwache form des compositums steht neben starkem simplex auch in got. augadaúrô '
fenster'
neben daúr
n. '
thor',
ahd. gehen voraus ant-, endi-, fîra-, giburti-, tuldi-, suonotago
als subst. composita, nacchot-, siohtago
als abstractbildungen zu adj., anord. sind vergleichbar bardage '
kampf'
und skildage '
übereinkommen'.
mhd. sind noch schwach nacke-, sterbe-, sûmtage,
doppelformig lam-, lebe-, rîch-, siech-, veictag(e),
stark irre-, riuwe-, schelmetac,
s. Kluge nom. stammbild.2 § 163, Wilmanns
wortbild.2 516 § 389. 11)
die späterem sprachgefühl widerstrebende schwache flexion von wehtag
neben dem geläufigen starken masc. tag
führt einen hartnäckigen kampf der beiden flexionsarten um das wort herauf, der sogleich mit seinem auftreten im 13.
jahrh. beginnt und noch jetzt nicht mit dem endgültigen sieg der starken formen geendet hat. im 15., 16.
jahrh. stehen beiderlei formen durch schreiberwillkür wahllos beisammen: darumb sol dich nicht wundern vast umb den wetagen, den du hast. wann wär dein wetag nicht, so wärst du nicht in gottes pflicht Vintler
blume d. tugend 3145
f.; oft nu jenigh wedage sy, de myner (
Christi) wedage lykene moghe
brem. betbuch 142
bei Schiller-Lübben; da ist wehtagen des heupts ... wetage der zene ... wehtage des leibes Luther 17 i 24
Weim. (
druck von 1525,
nicht von Luther
selbst besorgt); es ist mir am nechsten mitwochen ein solcher wehetage in das rechte knie komen, das ich weder tag noch nacht ruhe gehabt. gott hab lob, der wehetag ist nu zum teil linder worden kurfürst Friedrich von Sachsen (1525)
bei Luther 2, 515
a Jen. 1@aa)
entschiedenen antheil an der vermischung hat der häufige dat. plur., in dem die beiden flexionsarten nicht zu scheiden sind: wêtagen David v. Augsburg 316, 6
Pfeiffer; Enikel
weltchron. 25420
Strauch; passional 87, 60. 96, 41
Köpke; Konrad v. Megenberg 21, 21;
d. predigten des 14.
jahrh. 39, 9
Leyser, weetagen Luther (1522) 10 iii 77
Weim.; Stumpf
Schwytzer chron. 181
a, wehtagen Sachs
werke 4, 388, 18
Keller; Abr. a S. Clara
Judas 2 (1689) 192; Bodmer
und Zschokke (
s. o.), wehetagen Abr. a S. Clara
etwas für alle (1699) 126. 1@bb)
an zahl treten die schwachen formen zurück: unter 207
erkennbaren formen sind 82
schwache, 125
starke. schwache flexion überwiegt in alter zeit und im hd., sie gilt bei Abr. a S. Clara, Agricola, Aventin, Bock, Brant, Dryander, Fischart, Fronsberg, Gersdorf, Keisersberg, Konrad v. Megenberg, Manuel, Mynsinger, Nachtigal, Seuter, Stumpf, Vintler, Wirsung, Zwingli
und wird vorausgesetzt durch die formen der mundart Bayerns, Nordböhmens, des Erzgebirgs, Vogtlands und Thüringens. starke flexion gilt in allen nd. mundarten, die das wort kennen, in den zeugnissen aus diesem gebiet ausnahmlos seit ende des 15.
jahrh., gelegentlich schon vorher: du hest en gehulpen ut der wedage Schiller - Lübben
aus klausner Johannes
paradisgärtl. (
Oldenburger hs. von 1410) 96
b, 20;
gutturosus vul weydaghe Diefenbach
nov. gloss. 199
b aus e. lat.-nd. wb. von 1417; bedenck, wat wedage unde smarte he (
Christus) hadde Schiller-Lübben
aus dem Oldenburger gebetbuch (1473) 92; groote pijne of weedaghe die men yemande anduet off die men lijdet Schueren
teuthonista (
Cleve 1477) 489
b.
starke form gilt bei Luther
in eigenhändiger niederschrift, ferner bei Ayrer, Besser, Eberlin, Eyering, Folz, Göthe, Goltz, Immermann, Kirchhof, Lindener, Montanus, Pape, Sebiz, Spee, Stosch, Voss, Weise,
dagegen schwanken Berthold v. Regensburg, David v. Augsburg, Gesner, Paracelsus, Sachs, Thurneyszer, Wickram.
auszerhalb des nd. sind die ältesten starken formen, abgesehen vom nom. sing., wo in wehtag
nicht jedesmal die starke form vorliegen musz: wan unser hêrre uns manicvaltigen lôn geben wil, sô wil er, daʒ wir in mit manicvalter gedult verdienen: wêtages, mangels und unwirde David v. Augsburg 328, 13
Pfeiffers; erlîde als vil wêwetages als der guote Job Berthold v. Regensburg 1, 52, 17; lebete ein mensche iemer er begeret wetage doch nymmer Freidank
var. der Wolfenb. hs. E
zu 22, 23
Grimm; als nu die liebe yetz des craft verzert hatt und durch die weetage sins siechtums wenig macht überbelyben was Niklas v. Wyle
transl. 76, 11
Keller. späte zeugnisse für schwache flexion sind: grosze kälten und wehetagen empfinden Hohberg
land- und feldleben (1682) 1, 240
a er ward ... also unbarmhertzig abgeschlagen, dasz er den kopf und leib voller wunden und wehetagen bekahm Olearius
pers. rosenthal (1696) 3, 27
s. 56
a; alle schmerzen und wehtagen insgemein Chr. Lehmann
hist. schauplatz deren naturl. merkw. im ober-ertzgeb. (1699) 231; es ist kein freund da, welcher mit schmeichelreden sich unterstehe, die wehetagen des schmertzens zu mindern Schupp
schriften (1729) 689; d' buem voll schraman und mail und von schlögen voll haimliga wehdagn Stelzhamer
ausg. dicht. 3, 35
Rosegger. 1@cc)
einzelne casus zeigen besonderheiten: 1@c@aα)
in den schwachen nom. sing. ist, früher und häufiger als bei siechtag 10, 853,
die form der obliquen casus eingedrungen: die wunden wurden ny rot, noch tod, noch slueg ny chayn ungeluch dar zuo, und cham ny chayn wetagen dar zuo
Zwettler wassersegen (
bair., 14.
jahrh.)
Haupts zs. 32, 142; drey ding der natur seer schaden: stanck zorn und wetagen (
fetor et ira dolor) Joh. Faber de Werdea
proverbia metr. A 5
a; mocht ich mich so tieff nit niderlassen, damit ich die handt het mügen khüssen, umb das mir zuvor ain grosser weetagen in die lenndt khumen was Sigmund v. Herberstein
z. j. 1541
fontes rerum austr. 1 i 335; daran im ... groszer schmerzen und weetagen begegnet
Zimm. chron.2 2, 151, 19; kein pein, noch wehetagen im haupt noch blasen Fischart
binenkorb (1579) S 5
a;
sulatum ... eine kranckheit, oder wehtagen der augen, so die kinder ankompt von wegen des vielen weinen Thurneyszer
onomast. (1583) 180.
die ostmd. und bair. dialektformen wîding, wêdəng
u. s. w. setzen die gleiche vermischung voraus. 1@c@bβ)
der gen. sing. zeigt obd. in ähnlichem umfang wie bei siechtag
ausgang auf -ens: so ain grosse crafft des weetagens, als ain aiter, viler burger gemueter durchschloffen hete (
tanta vis morbi ... animos invaserat) D. v. Pleningen
Sallust (1514) E 3
a; auff den kunfftigen sontag nam er sich eines grossen wehtagens an, legt sich zu bett, gehub sich fast übel Wickram
werke (1555) 3, 110
Bolte. 1@c@gγ)
die schwachen acc. sing. und plur. sind, wo sie ohne artikel und flectiertes attribut stehen, nicht von einander zu unterscheiden: wære Âdâm âne sünde gestanden, alse er denne âne bœse gelüste hête kint gewürket, alse wæren sie ouch âne wêtagen geborn David von Augsburg
Haupts zs. 9, 18; ward der arzet hoch als göttlich geachtet, das er der krancken weetagen sowol vermerken kunte Brant
bei Steinhöwel (1487) 118; ach, hört, der krank lest pitten ser, ob irn ein arzet hinnen wer, der im sein wetagen möcht lindern
fastnachtsp. des 15. jahrh. 1059, 2; on smertzen und wetagen sein selbs und der muoter ist er (
Christus) in die welt geboren Keisersberg
passion (1506) 8
b; er befindet weder wehtagen noch schaden Agricola 750
sprichw. (1534) E 3
b; Basilgen ... löschet alle hitz und wehtagen der augen Bock
kräuterbuch (1539) 12; wiewol er leit so grosz wehtagen, kundt er doch niemandt davon sagen Wickram
werke (1545) 7, 377
Bolte. 22)
diese unsicherheit war geeignet, die grenze zwischen sing. und plur. zu verwischen. dazu konnte der schwache nom. sing. für einen starken plur. gehalten werden, und damit bot sich ein zweiter weg, die dem sprachgefühl anstöszige schwache flexion zu umgehen: der gebrauch als pluraletantum. ihn stellen von grammatikern ausdrücklich fest: Adelung 5 (1786) 121; 4 (1801) 1440; Campe 5 (1811) 630
b; Hoffmann v. Fallersleben
in Frommanns
d. mundarten 5 (1856) 53; Woeste
westf. (1882) 318
a; Frischbier
preusz. 2 (1882) 460; Hertel
thür. (1895) 255; Bauer-Collitz
wald. (1902) 112
b.
sie folgen damit dem allgemeinen md. nd. sprachgefühl. 33)
plur. form bei sing. bedeutung zog weiterhin eine verwirrung der genera nach sich: der unmotivierte plur. wurde als sing. fem. gefaszt. so könnte schon gemeint sein: desse wedaghe licht jn an der luchteren siden
Rostocker arzneibuch um 1400
nd. jb. 15, 113.
sicher liegt fem. vor beim klausner Johannes (1410): an geistlicher wedage
paradisgärtl., Oldenburger hs. 47, 36; lozet my van der duvele plaghe unde van aller helleschen wedage 58, 8,
und bei dem Oberhessen Wig. Gerstenberg: da schrey die tochter ... von groszer wetage, unde zuhant entsliff sie
chronik (1493) 326
Diemar. ausdrücklich als fem. bucht nd. weedage Dähnert (1781) 543
a.
jetzt wird in Dithmarschen nach mündlicher angabe wêdag
als neutr. gefühlt. fem. wird aus lebender mundart des westl. Erzgebirgs für das dortige wîding
angegeben. 44)
umlaut des zweiten bestandtheils im plural zeigen mundarten, die auch das simplex tag
in die i-
declination überführen (
th. 11, 27): die schmertzen und wehetägen nehmen also zu, dasz er völlig den verstand verliehrt Abr. a S. Clara
weinkeller (1710) 121;
plur. betege Schmeller
cimbr. 171, wétæj Martin-Lienhart 2, 667
a aus Kochersberg und Zornthal. 55)
unbetontes -agen
ist bair. ostmd. zu -əng, -ing, -ung
zusammengezogen. aus lebender mundart sind oben angeführt: wêding, wêdəng, wêdung
aus Baiern, wäiding, wèidung
g aus Westböhmen, wäiting, wäiding
aus Nordböhmen, wîding, wiəding
vom Erzgebirge, wèding
aus Thüringen. die erscheinung hat gleiche ausdehnung wie die contraction der adjectivendung -igen
zu -ing,
auch zeitlich; sie veranlaszt im 15.
bis 17.
jahrh. die schreibung wetung: wie solche krancheit von allen ärzten verlassen were ... und dem künige auf seiner prüste ein ewiger wetung beliben was genant fistola Arigo
dec. 226, 8
Keller; umb wetung halben 375, 21;
weiteres Drescher
Arigo 182;
nictator mensch der die augen vor wetunge immer uff und zu thut Diefenbach
gloss. 379
c aus e. oberbair. vocabular vor 1515; es musz ein grosser ernst und tieff weethung da sein, sol der alt mensch ausztzogen werden Luther 7, 365
Weim. (
eigenhändig);
aqua vitae wendet den siechtung ... mer wendet es den wehtung der zeen Schmeller
2 1, 595
aus cod. germ. Monac. 4570
fol. 49; hab gemeint, ich wolt lengst auffstehn und heut mit zu der gastung gehn. so thuts der wehtung mir vertreibn Ayrer 4, 2511
Keller. jüngere, fehlgehende umdeutung daraus ist wehthuung,
so die Jenaer ausg. in jener Lutherstelle und im citat daraus Hnr. Müller
erquickstunden (1686) 11.
das verhältnis dieser formen zu wehtag
hat Schmeller
erkannt und lautlich begründet (
bair. wb.2 1, 595.
mundarten Baierns § 579),
das von ihm weiter beigezogene bair. wêdəm
s. jedoch unter wehthum.
das in gleichem umfang auftretende siechtung
aus siechtagen
ist th. 10, 856
unerklärt gelassen und irrig unter siechthum
behandelt, dem th. 4 ii 2179
verkannten alem. irrtung
liegt vielmehr starkes irretac (
s. o.)
voraus, das zu irtig
geschwächt und daraus falsch verhochdeutscht ist, s. schweiz. id. 1, 411
gegen flugschr. a. d. ersten jahren der ref. 1, 252. 66)
die wandlungen des tonvocals sind oben aus den mundarten zusammengestellt: ea
gilt in Luzern, Kärnten, Tirol und Mittelschwaben, ie
im elsäss. Münsterthal und in Zwickau, î
im Erzgebirge, ai, äi
in Schwaben, Westböhmen, Mähren und im Egerland, ei
in Waldeck, Braunschweig, Mecklenburg und Ostpreuszen. dazu treten ergänzend ältere belege für Schlesien (
zum neueren schles. s. wehthat): auch, ab der gewytagte, von wem der wytag nu sey geschen, durch hochfart nicht claget yn dem nehesten dynge
urk.-slg. zur gesch. des ursprungs der städte Schlesiens 377
Tzschoppe (
Leobschütz, wohl 14.
jahrh.); tranck vor den fallenden bigtatgen (
d. i. wytagen?)
Meffersdorfer recepte von 1526
hg. v. Hiltmann im neuen laus. magazin 72, 317,
für Niederdeutschland vom anfang des 15.
jahrh.: erros ... morbus amoris ... weytage oder (
lies: der) liebe Diefenbach
gloss. 209
a;
illasis, de weydaghe van deme stene
nov. gloss. 203
b. 77)
in den mundarten hat demnach eine der schreibung wehetag
entsprechende dreisilbige aussprache keinen boden. sie folgt vielmehr als spelling pronunciation der schreibung, und diese bezeichnet umständlich nach alter vorwiegend md. weise (Luther 6, 73
b Jen.; Lindener
katzipori 176; Ayrer
proz. 41
b; Weise
kl. leute 132; Schupp
und Göthe
s. o.)
die länge, während die andere schreibung zum gleichen zweck, weetag,
wesentlich obd., zumal schweizerisch ist (Keisersberg
bilger 70
c; Gersdorf
wundarznei 14, 2; Wirsung
Calixtus F 5
a; Nachtigal
psalter 40; Eberlin 3, 263
neudr.; S. Franck
chron. 148
b;
Zimm. chron. 2, 200, 31 — Manuel
weinspiel 2540; Gesner
thierbuch 19
b; Paracelsus 9 (1590) 413; Stumpf
Schwytzerchron. 506
b),
und eine dritte, whetag,
selten und ohne folgen bleibt: man mus nicht essig und rauch zum ougen whetagen gebrauchen, neyn nym yhn zu andern kranckheyten Luther (1528
hs. des Myconius) 27, 430, 10
Weim.; mein Kargas, du mich recht versthe! dein whetag ist so grosz da innen, das du sein selbs nicht thust entpfinnen Sachs
fastn. (1544)
nr. 16
v. 139
neudr. bedeutung. für -tag
ist von der bedeutung '
dies'
auszugehen, so dasz eine grundbedeutung '
tag an dem man schmerz leidet'
anzusetzen ist. erkennbar ist sie nur selten und unter besonderen umständen: vrouwe daʒ hân ich iu noch nie erlost (
gehört), daʒ kein kristen sterbe ûf erden, eʒ müeʒe sîn rehter veictac werden
Münchener Oswald v. 2778
Baesecke, wo hs. S (
Schaffhausen 1472) wetag
statt veictac
liest; Hiob ... hatte seine wohltage genossen, und, wenn auch verloren, doch nach den wehtagen wieder empfangen Zschokke
sämtl. ausg. schriften 27, 365; das menschliche elend ist so vielfach, dasz man früher nicht mit unrecht 386 wehtage annahm, also mehr als das jahr tage zählt Höfler
krankheitsn. 726
b.
dasz das etymologische bewusztsein noch vorhanden war, kann auch die mnd. umsetzung der bestandtheile in dagewe
zeigen: su, he telede unrechtverdicheit unde entfenk daghewe (
concepit dolorem)
Lübecker bibel von 1494
ps. 7, 15.
dagegen beweisen nichts für das leben der ausgangsbedeutung die etymologien später theoretiker wie Stosch 1 (1770) 348; Adelung 5 (1786) 121; 4 (1801) 1440; Campe 5 (1811) 630
b; Heinsius 4 (1822) 1556
a; Kaltschmidt (1851) 1056
b.
vielmehr hat -tag
seit langem und ganz allgemein seine eigentliche bedeutung eingebüszt wie -heit, -schaft, -tum
oder von den bedeutungsverwandten -mal
und -zeit.
der übergang vom ablauf eines zustands in der zeit auf den zustand selbst ist noch vielfach vollzogen, z. b. arme tage '
armut' Pauli
schimpf und ernst nr. 328. 522; freudentag '
jubel' Spee
trutzn. 102; mühetag '
mühsal' O. Ludwig
ges. schriften 3, 637, übelzyt '
ungemach' Zwingli
corpus reform. 89, 88.
im flusz ist die entwicklung in einer stelle von Shakespeares
Hamlet 1, 3,
die den übergang dem modernen sprachgefühl am ehesten nahe bringen kann: he hath very oft of late given private time to you,
bei Schlegel: ich höre, dasz er euch seit kurzem oft vertraute zeit geschenkt.
das ergebnis ist, dasz -tag
als suffix einen zustand übler art bezeichnet, ganz ähnlich wie ahd. -ado, -ido,
s. Grimm gramm. 2, 490, Weinhold
mhd. gramm. § 272, Wilmanns
wortbild.2 393 § 296, Paul
d. wb.2 643
a. II. wehtag
bezeichnet körperlichen schmerz jeder art, stärke und dauer, den tödlichen wie den harmlosen, den den ganzen leib packenden wie den örtlich begrenzten, den in seinen ursachen erkennbaren und den räthselhaften, den der menschen wie der thiere. versuche engerer eingrenzung sind den älteren synonymikern miszlungen, z. b. gegen Stoschs
definition: wehtage drücket ein solches leiden aus, welches gemeiniglich nicht gefährlich ist, und nur einige tage anhält
wendet, freilich ebenso unhaltbar, sein kritiker in der allg. t. bibliothek 17 (1771) 375
ein: wehtage scheint uns nicht sowol in absicht auf die kürze des leidens, als auf die anhaltende dauer desselben gesagt zu werden. I@AA.
die allgemeinheit des ausdrucks äuszert sich vielfach. sie macht ihn geeignet, einzelne leiden zusammenzufassen: glych wie das wort kranckheit under im begriffen hat alle besundren wee, suchten, fieber, bülen, perlis, tropff, darmwinden und all ander wetagen, die glych als est sind der kranckheit: also heiszt sünd den prästen, darus die unterscheidnen sünd als est wachsend Zwingli
corpus reform. (1523) 89, 44.
deshalb auch steht das wort seit alters gern in negativer fügung: mit dem und er diʒ wort gesprach, do starb er ane wetagen
passional 212, 47
Köpke; sag, ob dir auch pewisset sey die arzeney vur den zanwe! kanstus und das mir der verge on allen wetagen und schmercz? Sachs
fabeln (1558) 192, 19
neudr.; dasz, wenn jemand an den bezeichneten ort sie mit einer spitzigen stachel ... durchsticht, sie nicht das geringste fühlen, noch wehtage davon haben Ettner
unwürd. doctor 315.
wie vorhin bei Zwingli,
so steht wehtag
seit dem 16.
jahrh. noch mehrfach neben krankheit, sucht, wunde, flusz
und mit diesen gleichbedeutend: so dich eyn weetag oder kranckheyt beschwert, dencke wie gringe das sey gegen der dornen kronen und negeln Christi Luther 2, 141
Weim.; der herr wird yhn erquicken auff dem bett seynes wehthags
ps. 41, 4 (1522—1528),
wo in Luthers
niederschrift zuerst auff dem bett der kranckheyt, 1545 auff seinem siechbette
steht; von da Weim. 23, 358, 8. 362, 1; zu dem so sind die wasser gar scharpff, haben etwas beiszender corrosiven in sich, und würde mehr einer roszartzney, dann einer kombligkeit und milterung menschliches cörpers wehtagen und süchten vorgleicht werden Thurneiszer
von kalten usw. wassern (1612) 9; heilig ist der tag, da wunden und wehtag schach Kuhn
u. Schwartz
nordd. sagen (1848
a. Swinemünde) 438; flusz un wêdag de verschwand A. Kuhn
sagen, gebräuche u. märchen (1859
a. Dreetz) 204.
am ältesten und häufigsten doch neben dem allgemeinsten ausdruck, schmerz: nû habt ir alle wol vernomen, swenn daʒ houbet siechet, daʒ ouch danne ist komen wêtage unt smerz mit krancheit sînem lîbe
Lohengrin str. 581
Rückert; lîf unde gût kan ik vor em (
dem tode) nicht beholden. he lecht mi an wedage unde smerte
Lübecker totentanz (1489) 801
Baethcke; mit unaussprechlichen wehetagen und schmerzen diese dörner das zarte haubt gottes durchtrungen
leben der ägypt. einsiedler, tirol. hs. von 1447
bei Schöpf 805; darumb hett er (
Christus) nit wetage gehabt noch entphunnen om leib keinen schmerzen Folz
meisterl. 103, 335
Mayer; das er gar grosse weetag hett und groszen schmertzen laid Tauler
sermones (1508) 220
a; dann wein stercket menschliches hertz, vertreibt all armut, wehtag, schmertz Wickram (1555) 4, 115
Bolte; thet sie in einer seiten schmertzen ein wehtag und darnach im hertzen. aber in solcher wehtag schmertzen versuchten wir der artzte rath Sachs
werke (1560) 11, 463
Keller; darmit wann sie sich ... hauen oder brennen, sie dester minder schmertzen und wehetagen befinden Rauwolf
raisz (1582) 126; des tags weis er nicht für wehtage und schmertzen zubleiben Pape
bettel- u. gartteufel Bb 8
b; sind aber ohn schmertzen und wehtagen, das ist, sie paroxysmieren nit Paracelsus (1616) 1, 301
b Huser; entspr. 2, 300
a; der apotheker stihlet die gesundheit mit der artzney, der medicus stihlet das leben mit dem todt ... der wundartzt den wehetag durch schmertzen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 32. I@BB.
die bedeutung von wehtag
kann auf zweierlei weise näher bestimmt sein. I@B@11)
für das vorwalten der umfassenden grundbedeutung spricht, dasz das meist durch ausdrückliche zusätze geschieht. I@B@1@aa)
der einschränkende zusatz ist ein genetiv. I@B@1@a@aα)
selten und nur in alter sprache ist das ein gen. epexegeticus: auch was der grosz wetag noch der platteren, was(en) bei 100 menschen in dem platerhaus
städtechron. 23, 99
anm. 1 (
Augsburg 1502);
entspr. 23, 434, 10; ist eyne edele artzenei wider die wehtage des podagrams Sebiz
feldbau (1579) 220. I@B@1@a@bβ)
um so häufiger tritt der schmerzende körpertheil im gen. zu wehtag,
so dasz durch den zusatz der schmerz localisiert wird. so wandert er durch den ganzen leib: für den wetagen der gelider
bair. aderlaszbuch v. 1477
bei Schmeller
2 2, 825; sus mustestu stan in dem cruce mit wedage al dyner ledemathe
Bremer liber precum 49
b;
cronio langer seuchen oder wetag des leybs Diefenbach
gloss. 159
a aus voc. theut. (
Nürnberg 1482);
illiasis weetag der seyten vom stain
das. 277
b;
linosis wetag des miltz
das. 332
a; hitzige kranckheitt und weetage des magens
schriften des vereins f. gesch. d. Neumark (1531) 11, 103; grote bytter killinghe unde wedaghe der oghen
herbarius (1483) 21
bei Schiller-Lübben 5, 621; als er nun auff dem weg nach Rom was, begriff jn ein weetag der augen Franck
chron. Germ. (1538) 37
b.
besonders alt und oft vom kopf- und zahnschmerz: guet für den wetagen des haupts
bair. aderlaszbuch v. 1477
bei Schmeller
2 2, 825;
sintonia zufal im fieber als wetag des haupts oder flusz der nasen Diefenbach
gloss. 537
b aus voc. theut. (
Nürnberg 1482); van des hovedes wedaghe wert dat gantze lyff ghekrenket
leben des hl. Hieronymus (
Lübeck 1482) 1
c. 77; die ader mitten an der stirnen ist guot zulassen widder die geschwer der augen, und wider alle weetagen des haupts Dryander
arzenei gemeiner inhalt (1542) 55
a; das wir behüett werden vor allem wêtagen der zend
Grazer brevier des 15.
jahrh. 221
a bei Lexer 3
nachtr. 402; der weetag der zend kompt understunden von kalten sachen Ortolf v. Bayrland (1477) 22
b; solcher ... safft ... und den bösen zan damit gewäschen, stellt den groszen wehtag derselben Sebiz
feldbau 183.
der körpertheil gehört dem träger des schmerzes, so selbstverständlich, dasz ein anderes verhältnis als witz wirkt: die hasen klagen über die wehtage der zähne, wann sie von den hunden gehalten werden Treuer
d. Dädalus (1675) 1, 816.
als vertreter des gen. kann das pronomen stehen: geyszkäsz ... auff die augen gelegt, oder houpt oder füsz, gestillet jre weetagen Gesner
thierbuch (1563) 60
a Herold. I@B@1@bb)
seltener bleibt bestimmung durch attr. adj., die mit einem allgemein steigernden gebrauch einsetzt: sich, dâ twanc in der tôt: der bitter wêwetage der twinget im den zaher âne sînen danc ûʒ den ougen Berthold v. Regensburg 1, 382, 5
Pfeiffer, seitdem aber mehr zur sachlichen specialisierung entwickelt ist: auch all fäuht wetagen merent sich, als diu waʒʒersühte und sämtlich siechtum Konrad v. Megenberg 65, 32; aber für das stechent wee. ist es, das der habich ain stechenden wetagen hat, so sol man nemen seübörst Mynsinger
von falken, pferden u. hunden (
Augsburg 1473) 41;
oxia eyn scharpff wetag Diefenbach
gloss. 404
a aus voc. theut. (
Nürnberg 1482); die hirtzen sind des kalten weetags, feber genannt, frey und ledig Gesner
thierbuch (1563) 80
a Herold; lentegar (
lebendiger) betag
fistola, piaga incancrenata ... dar strenge betag,
gotta, zipperlein Schmeller
cimbr. 171. I@B@1@cc)
das gegebene syntaktische mittel zur localisierung des wehtags
ist die präpositionalfügung. sie ist vom 15.
jahrh. bis heute beliebt. der körpertheil, in den man die schmerzempfindung verlegt, wird meist mit in
angeknüpft: davon kompt im weetag in der rechten seytten Ortolf v. Bayrlant (1477) 9
a; (
ein hund hat gift gefressen) zuhand jhm grosz wehtag in dem leib wuchs, in alle glieder gieng
buch der liebe (1587) 131
b; hat einer ein schlechten wehetag im rucken, da schlagt man die ader am schienbein Guarinonius
grewel der verwüstung (1610) 1053; gurgelwasser für alle wehetagen im hals Hohberg (1682) 1, 244
a; ein recept, wann die hunde wehe-tagen in ohren haben Fleming
vollk. t. jäger (1719) 192; fliegende hitzen, die viel dusels, groszes wehtages und sausen im haupt bewegen Thurneiszer
prob. d. harnen (1571) 38; die grosze flüsse und wehetagen im haupt haben Hohberg 1, 240
a; ein jurist hatte grosse wehetagen im haupte Faszmann
gel. narr (1729) 76; añ èrgún weatak im kopfe
etc. hàbún Lexer
kärnt. 252.
selten an
und zwischen: ein baur hett wehtag an eim aug Kirchhof
wendunm. 1, 147
Österley; (
die heranwachsenden kinder) erleiden bald am kopfe die hefftigsten schmertzen und wehtagen, alles zu dem ende, dasz sie aus der nase bluten sollen Zedler 52 (1747) 307; wetage zwischen hut und fleysch
intercus voc. inc. teut. ante lat. (
Straszburg 1515) Miij
a. I@B@22)
einen schritt weiter zur specialisierung hin bedeutet es, wenn sich die nähere bestimmung rein aus dem zusammenhang des satzes ergibt, ohne eigenen sprachlichen ausdruck. I@B@2@aa)
durch den satzzusammenhang wird die art des schmerzes bestimmt I@B@2@a@aα)
als eine infections-, haut- oder stoffwechselkrankheit: do chom ain wetag, den hieʒʒ man den börtzel
städtechron. 4, 79 (
Augsburg 1406);
lupus wolff ein wetag (
pena in coxa) Diefenbach
gloss. 340
a aus voc. theut. (
Nürnberg 1482);
noli me tangere syrin ein wetag so eins ein mausz im antlitz besaicht oder bepruntzt
das. 382
b; (
die lues) kam darnach in alle welt ... und was ain solliche grosze straff und mercklicher wetag, den man nit erlessen noch erschreiben kann
städtechron. 23, 422 (
Augsburg); war zu ist den das gelb mel guet? zum zipperlein mans prauchen thuet, es zeucht den grosen wetag aus Sachs
fastn. (1558)
nr. 79
v. 233
neudr.; so mans wil wider das zipperle gebrauchen, sol es geschehen, wenn der weetag nicht fürhanden Heyden
Plinius (1565) 154. I@B@2@a@bβ)
als verwundung bei mensch und thier: bedenck, welk wundergelike wedage dat was, do unsem heren de dornen krone in dat hovet gedrucket wart
Oldenburger gebetbuch (1473) 96
b; da hieb er im den arm gantz ab und durch das haubt, das er in dem weetag und grimen herab lief die stiegen und viel nider und starb von stundan on alle gotzreht
städtechron. 11, 665 (
Nürnberg z. j. 1503); hat das pulfer die stiegentür aufgerissen, den buchsenmaister so hart troffen, das er ligen bliben, hat in groszem wehetagen geschrien: o we, untreu! Wilwolt v. Schaumburg 71
Keller; künig Brenner, so auch hart wunt was und den wêtagen nit mêr leiden mocht, erstach sich selbs Aventin
bair. chron. 1, 395
Lexer; ein löw mit einem krancken pranken oder fusz, voll schmertzen und wehtagen der wunden seufftzend Fronsperger
kriegsb. (1573) 145
b. I@B@2@a@gγ)
wohl nach dem vorbild von wehen (
sp. 38)
ist wehtag
auf den einzigen physiologischen schmerz beschränkt worden, den die natur kennt: es ist zugangen on allen sthonen und weetagen Luther (1528) 27, 490
Weim.; disz stund nit seer lang, die guot Patrix gewan grossen wehtagen (dann die zeit irer geberung sich nehet) und gebar einen gar schönen knaben Wickram 2, 8 (1554)
Bolte; es ist mein weib, die hat starcke wehe-tage im leibe
med. maulaffe (1719) 416. I@B@2@bb)
durch den satzzusammenhang wird der ort des schmerzes bestimmt: wen man eine handt oder fues verletzet, so gehet der weetage durch den gantzen leib Luther 33, 233
Weim.; ob vielleicht auch euer schenkel auf einen stein getreten hätte der von der sonnen glanz erhitzet, euch solche wehtagen zugeschickt
briefe 4, 667
de Wette; hab ich von keinem wehetagen gewiszt. wiewol ich mer dann acht tag in sollichem hauptweh gelegen Wickram 4, 125
Bolte; ich hab einen diener, der hat ein bösen zan ... was gebt ir mir für ein rath, das er des wehtags abkämme? Lindener
katzipori (1558) 94;
von da Hertzog
schiltwache F iiij; so taugt sonderlich nach essen die quitten latwergen, damit die magendämpff nicht ins haupt auffriechen und mehr wehtag erwecken Tabernaemontanus
kräuterbuch (1597) 46
a; (
das rosz) beist sich selbst in die seiten, allda befindet es den wehtagen Seuter
roszarznei (
Augsburg 1599) 187; schneide die haare umb den ort, da der wehtag ist, ab Fleming
vollk. t. jäger (1719) 194.
von da ist es nicht weit zu der bedeutung '
schmerzende stelle',
die sich occasionell einmal eingestellt hat: wolt ihr aber gerne die zähne behalten, so habe ich ein sonderbahres öl wieder die schmertzen. wenn man nur ein biszgen baumwolle darein tuncket und es auff die wehtagen leget, so verschwinden sie den augenblick Kuhnau
mus. quacksalber 18, 13
Benndorf. I@B@2@cc)
euphemismus ist im spiel in der entwicklung zu '
fallsucht'.
hier liegt sant Valentins wehtag
voraus: uff das du underscheid diser ding habest, soltu wiszen das dreierlei dieser krankheit (
der epilepsie) ist: die erst
epilentia genant zu tütsch sant Valentinus weetag Lor. Fries
spiegel der arznei (
Straszburg 1519
und 1532) 97
b.
dafür verhüllend dar pööse betag
mal caduco Schmeller
cimbr. 171,
und, als auch diese hülle zu durchsichtig wurde, schlechthin wehtag Höfler
krankheitsn. 726
b; Jahn
opfergebräuche 11.
so zuerst 1603: von dem wehtagen oder hinfallenden seuche Uffenbach
n. roszbuch 2, 45. IIII. wehtag
konnte leicht auf seelischen schmerz übertragen werden von den zahlreichen fällen her, in denen die beziehung auf körperliches nicht eindeutig hervortrat: Bennoni, dat is een sone myner wedaghe
Lübecker bibel (1494)
1. Mos. 35, 18; nun ist unser leben nichs dan ein vordammung, elende, ungehorsam, fasten, jamer, szunde, vorsuchung, bosz, wee, unglucke, schmertzen, weetagk, hertzleyt: darinne stedt unser thun Luther (1518) 9, 158
Weim.; gehn alle gebett dahin, daʒ gott von disen zweyen (
neuvermählten) allen weetagen nemmen wöll Frank
weltb. (1542) 152
b; plag und straffen, wetag und kranckheiten Spee
güld. tugendbuch (1649) 555.
eindeutige beziehung auf seelisches ist vom 15.
bis 20.
jahrh. vorhanden, dabei sind gram und betrübnis jeder art, geistlicher schmerz, liebeskummer, trauer um verlorenes und mitleid gleichmäszig vertreten: an geistliker wedage klausner Johannes
paradisgärtl. (1410)
Oldenburger hs. 47, 36;
erros ... morbus amoris ... weytage oder (
lies: der) liebe Diefenbach
gloss. 209
a a. d. voc. bonus; der böse geyst ist ein geist der schwermuttigkeyt, der mag nit verjagt werden mit wetag und clagen und sich engsten Luther (1521) 7, 784
Weim.; van der wedage des herten
Halberstädter bibel (1522)
1. Mos. 6, 6; ouch bringt der nyd in üwerem härtzen eüch vyl wetag und grossen schmärtzen Gengenbach
novella (1523) 717
Gödeke s. 281; solcher hohn, schmach und wehetag thet jhnen wehe und zorn Hennenberger
erclerung d. preusz. landtafel (1595) 135; weren schmertzliche wehetagen desz gemüts Guarinonius
grewel d. verw. 293; ich für mein part konnt die nacht weder ruhen noch rasten, trug sorge, ich möcht zu viel geschwazt haben, welches den liebenden wehetage verursachen könnte Musäus
physiogn. reisen (1788) 4, 139; wisset ihr noch, wie's einem da um's herz gewesen ist, wenn man morgens aufgestanden ist, und hat dem vieh nur viertelssatt zu fressen geben können, und hat zusehen können wie ihm das fleisch abgefallen ist? ich hätt' oft vor waitag verlaufen mögen Auerbach
Schwarzw. dorfgesch. (1846) 1, 278; fuhr ünz nöt in tentation, ma liberier ünz von'n weata. amen
vaterunser a. Folgreit in Tirol d. mundarten 3 (1856) 334; Schinnagel geht vor wehetag (
um den tod einer kuh) in die wälder, Marie weint sich die augen aus Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 227.
hierher endlich die nd. stabreimenden formeln waddicke (
molken) un wedage
th. 13, 239
und, etwas älter, welgen (
gersten- oder habermus als krankenkost) un wedage Richey (1743) 333. 337. IIIIII.
zusammensetzungen mit -wehtag,
hervorgegangen aus den beiden oben behandelten arten von genetivfügungen, sind namentlich in nd. mundarten häufig. die in früheren bänden übergangenen sind gesperrt: augen-, bauch-, blattern-, brust-, eingeweide-, gelenk-, gicht-, glieder-, haupt-,
herz-, kehlen-, kopf-, kriegs-,
leib-, liebe-, magen-, milz-, mutter-, nieren-,
ohren-, rücken-, scham-, schenkel-, seiten-, stein-,
Valentins-, viertentags-, zahnwehtag.