vortun,
verb. ,
s.fürthun teil 4, 1, 1,
sp. 905;
mhd. vortuon
mhd. wb. 3, 141
b; Lexer 3, 460; vorthun, fürträffen,
antecedere alios Maaler 477
a;
obdere, opponere vorthun, vorschieben Faber
thesaurus (1587) 254
b; vorthun, vor oder für etwas thun Hulsius-Ravellus (1616) 390
b; vorgethan,
anteactus Reyher
thesaurus o 2
d; fürtuhn
sive vortuhn,
praevalere agendo Stieler 2357; vor-
ò fürthun
mettere, ponere dinanzi Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1084
a;
noch Steinbach
führt fürthun
an: für-
et vorgethan, ich thue vor 2, 786;
sonst aber gilt vorthun Rädlein (1711) 1018
a; Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 338
b; Ludwig
t.-engl. lex. (1716) 2350; Sperander (1727) 242
b; Frisch 2, 374
b;
beachtenswert sind seine bemerkungen über die schreibungen thun
und tuhn (373
b),
die er beide ablehnt; vorthun Adelung ('
welches nur im gemeinen leben üblich ist'); Campe,
als '
niedrig, aber deswegen noch nicht verwerflich'.
vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1687. 11)
etwas nach vorn, aus etwas herausschaffen und vor jemanden bringen, so gelegentlich in der umgangssprache; nd.: moi fördôn (
lockend vorlegen) deid dür ferkôpen ten Doornkaat-Koolman 1, 539
a;
vgl. auch unter 5. 22)
häufig dagegen ist '
etwas vor einen andern gegenstand thun' Krünitz
öcon. encycl. 231, 482;
besonders sich selbst etwas vorhalten, an sich befestigen u. ä., auch um etwas zu verdecken: schürze vortuhn, eine larfe vortuhn Stieler 2357; die hand vor-
ò darvorthun; die fürhänge, den schirm, die spanische wand vorthun Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1084
a; der deutsche Helikon hat schwarzen flor und binden vorgetan Fleming
dt. ged. 1, 251
L.; ich stehe frey vor deinen augen, keine deck ist vorgethan
H. v. Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. (1697) 2, 338; der hat eine maske vorgethan Göthe 3, 155
W. 'vorthun
für vorbinden, vorschieben, vorstecken
etc. ist platt' Heynatz
antibarb. (1796) 2, 604. —
prägnant: wer diesen weg braucht, der sol oben und unten fürtuhn (
bremse u. radschuh anlegen)
quelle v. 1616
bei Fischer
schwäb. wb. 2, 1687. 33)
sperrend, verschlieszend: den riegel inwendig vor der thür vorthun Frisch 2, 374
b; die knechte schlossen das thor, thaten den eichenbalken vor Stifter (1904) 5, 1, 368. 44)
mit dem zeitlichen sinne von vor
kann das verb. einfach ein früheres tun bezeichnen. dann aber erhält es besondere bedeutungen: etwas früher als ein anderer tun, ihm zuvorkommen; dies frühere tun des andern kann auch beispielgebend, vorbildlich sein. bei dieser anwendung kann aber vor
auch räumlichen sinn haben, wenn das frühere tun vor dem geschieht, der es nachmachen soll. ferner kann eine verfrühte handlung gemeint sein, der eine andere hätte vorausgehen sollen. abgesehen von dem unten angeführten sprichwort gehören diese anwendungen mehr der älteren sprache an. 4@aa)
einfach auf frühere handlung zurückweisend, vor
ist eigentlich selbständiges adv., wenn es auch mit dem verb. zusammengeschrieben wird: (
der könig von Polen zog) viel tieffer unde weitter in die heidenschafft, denne konig Sigemund vorgetan hatte Cammermeister
chron. (1896) 70. —
in entsprechendem sinn das part. prät.: ob ain gerechter fellt in poszhait, alsdenn wirt aller seiner vorgethanen gueten werch vergessen Bert. v. Chiemsee
t. theologey 551
R.; die äferten vorgetane bitt, mochten aber kein zusag von mir erlangen
bei Franz
d. dt. bauernkrieg, aktenbd. (1935) 211; (
dasz ihr solcher) reden, die nit uf min frag vorgethon dienend, nit gebruchtind Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 132; vorgetahne sachen tuhn,
actum agere Stieler 2357. 4@bb)
eher als ein anderer tun, ihm zuvorkommen: wir thun selten was, das uns andere nicht vorgethan
ò vorhergethan haben (
che altri non habbiano fatto prima) Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1084
b; und wann ich hinkomm, hat es mir ein andrer vorgethan Rückert (1867) 11, 152. 4@cc)
sehr häufig von beispielgebendem tun, s. die bemerkung vor a: der ein ding vorthuot oder malt, ist dannoch ein gröszer kunstler, dann ders im nachthuot Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 108
a; folge nur dem herren Jesu und tritt gern auf seine bahn, der hat oftmals müssen weichen und dir solches vorgethan Neumark
fortgepfl. musikal.-poet. lustw. (1657) 2, 18; was kann ich denn dafür, dasz ich nicht wagen kann, was tausend unter euch mir glücklich vorgethan Schwabe
belust. (1741) 1, 69; laszt uns lieben und leben, wie uns dieser es vorgethan Rückert (1867) 1, 470.
von unmittelbarer einwirkung: vorthun,
fare ch'un altro veda e faccia il simile; einem etwas vorthun, dasz ers nachthue Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1084
b;
nd. du must mî dat êrst fördôn ten Doornkaat-Koolman 1, 539
a; reht als herre Abimelech sine gesellen hiesz tuon nach im swaz er vor tete Grieshaber
pred. 2, 105; kum her und thuo mir die leckerei auch nach, als ich dir vor wil thuon
Eulenspiegel (1515) 36
ndr. —
ohne dat.: gedenck auch, dasz ein ding tadlen leicht ist, aber vorthun nit also leicht Seb. Franck
chron. Germ. (1538)
vorr. 17; so der fürer vorgeht und vorthut, so geht der hauff hinach
sprüchw. (1545) 1, 20
a. 4@dd)
von einer handlung, die besser einer anderen hätte folgen, statt ihr vorausgehen sollen; diese bedeutung erscheint besonders in einem noch heute gebrauchten sprichwort: vor gedaen und na bedacht, heft manchen in not und sorge bracht! Daniel v. Soest 120
Jostes; vorgethan, hernach bedacht hat mich zu spot und schanden gemacht H. Sachs 21, 259
K.-G.; dann vorgethan und nach bedacht hat manchen in grosz unglück bracht Eyering
proverb. copia (1601) 1, 416; denn vorgethan und nachbedacht, wie wir zu oft vergessen, hat manchen in grosz leid gebracht Gökingk
ged. (1780) 3, 155; vorgethan und nachbedacht hat in die welt viel unheil bracht Musäus
volksmärchen d. Deutschen 4, 55
H.; vorgethan und nachbedacht, hat manchen schon ins pech gebracht Gaudy (1844) 2, 130;
angeführt auch bei Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1077
b; Dentzler
clavis ling. lat. 1716
a; Gottsched
sprachk. (1762) 556
b; Campe;
vgl. Wander dt. sprichw.-lex. 4, 1706. —
verfrühtes handeln überhaupt: etwas vor-
ò vorherthun und es hernach bereuen Kramer
a. a. o. 1084
a. 55)
von der unter 1
angegebenen bedeutung aus kann vortun
auch in übertragenem sinne gebraucht werden, etwas vorbringen, vormachen, zeigen, vortragen u. ä.: ich wil iu aine rede vore tuon
Wiener genes. 2; den tuot her sulche zeichen vor, daz her sie betruget da mite Heinrich v. Hesler
apokal. 18800; beweisen vor dem richter, da man es zu recht vorthun soll
cod. dipl. ad hist. Balticam (1848) 3, 36 (
von 1332); ich ein christ, und soll mir nieman den glouben vorthuon Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 283. —
in besonderer wendung, mit persönlichem objekt: wie wolt ir itzt anders einen Deudschen vorthuen den ebrietate Luther
tischreden 3, 344
W. 66) sich vortun,
sich in den vordergrund bringen; er tuht sich ziemlich vor,
satis vel nimium se ostentat et pompam agit Stieler 2357;
in der folgenden stelle etwa in dem sinne von sich hervorwagen: doch mögen sie dennoch sich nicht zu weit vorthun Prätorius
bericht vom Katzenveite (1665) j 2
b;
aber ganz farblos: man hört aus Indien von vielen wunderfällen, die sich verwichen hin in menge vorgethan Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 521. —
näher der eigentlichen bedeutung mit unpersönlichem subjekt: welcher schmertze quält mein hertze! welche flamme, welche glut sich vorthut und kränket meinen muht Helwig
Ormund (1666) 38.
freier: wenn die verbesserung dazu kommt, sich vorthut und täglich zunimmet Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 2, 166. —
gewöhnlich übertragen, sich vor andern auszeichnen, sich vorthun, '
wofür doch hervorthun
üblicher ist' Adelung: hat sich durch ihre vortreffliche wissenschaft in der philosophie sehr vorgethan Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1309; nachdem er sich bei Fontenai vor den augen des königs vorgetan hatte Lessing 8, 69
Petersen; tat er sich als ein geschickter weltweiser und rechtsgelehrter vor 12, 175; er fing nun an, sich als kriegsmann vorzuthun Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 3, 376;
nd.: hê hed sük dr regt bî fördân ten Doornkaat-Koolman 1, 538
a. 77)
auszerordentlich häufig ist in älterer sprache es jemandem vortun,
ihn übertreffen: antecedere, per metaphoram, einem ein ding vorthuon, einen überträffen, berümpter werden Frisius
dict. (1556) 100
b; er tuht es allen weit vor,
longo intervallo post se reliquit omnes Stieler 2357. 7@aa)
ohne nähere bestimmungen: sie würdens disen zweyen Preuszen gar weit vorthuon Wickram 2, 106
B.; (
ein kaiser) hat fünfftzig feldschlachten volbracht, hats dem Marcello allein vor gethon Eppendorff
Plinius (1543) 18; die berühmbte bibliotheck, deren es meines erachtens kein andere vorthut, oder auch gleich ist Braun
beschr. u. kontrafactur d. vornembsten stät d. welt (1576) 4, 49; die Teutschen haben allen nationen und völckern es vorgethan, über sie geherrscht Schill
t. sprach ehrenkranz (1644) 7; manche dienstmagd einer reichen und stattlichen tochter es vorthut Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 96; (
wir wollen) es einander vorzuthun beemsigt seyn Lohenstein
Armin. (1689) 2, 819
b; ich aber bin ein glerter mann, und wer wolt es mir doch vorthon? Ayrer 4, 2365
K.; (
jede) brüst sich, wenn sies einer vorgethan Stephanie
d. j.
singspiele (1792) 137.
ungewöhnlich: das that er den andern alles vor
Fortunatus 98
ndr. 7@bb) es einem in etwas vor-
ò bevorthun Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 1084
b; ders in der bosheit auch seinem meister hat vorgethon Hedio
chron. Germ. (1530) d 2
a; euch soll kein schrecken noch zittern bringen, das sie es uns in anzal vorthuon Schlusser
beschr. des protest. kriegs (1573) 69; dasz sie (
die Phönizier) es in schiffen allen andern völckern vorgethan Lohenstein
Sophonisbe (1680) 137
anm.; weil er mirs in geschicklichkeit vorthat Klinger
theater (1786) 3, 276; in schalckheit thats im keiner vor Fischart 2, 33
Hauffen; (
Gottsched) hats dem Hallmann noch hierinnen vorgethan Rost
verm. ged. (1769) 7. 7@cc)
mit an
verbunden: (
ohne es
des objekts:) also dasz es (
Deutschland) heutiges tages an gelehrten leuten, allerlei künsten, fruchtbarkeit ... vielen lendern bei weiten vorthut Frölich
offenbarung d. natur (1591) )( 2
a; es sey kein nation auff erden, welche es den Teutschen an mannhafftigkeit ... vorthue Zinkgref
apophthegm. (1628) 1, 401; (
und doch) hat es meine tochter heut manchem fräulln an uneigennützigkeit ... vorgethan Stephanie
d. j.
lustspiele (1771) 207; (
hast du) eine, die es ihr an freundlichkeiten vorgethan, ersehen? Neumark
fortgepfl. musikal.-poet. lustw. (1657) 2, 78. 7@dd) es einem vorthun mit etwas,
sehr häufig in älterer sprache: es müst ain fast grundgescheider sein, der dirs mit listen gedächte vorzuothuon (
ὅς σε παρέλθοι ἐν πάντεσσι δόλοισι Od. 13, 291) Schaidenreisser
Odyssea (1537) 56
b; er hat es mit friede alle seinn vorfaren vorgethan Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 25
b; es sols mir keiner bald vorthun mit hüner und gänsz stelen Fischart
Garg. 362
ndr.; mit dern schnellschiffen haben sie es ihren feinden weit vorgethon Xylander
Polybius (1574) 41; und ye ein statt wolt es der anderen vorthuon mit ehrenbieten Stumpf
Schweizerchron. (1606) 103
b; wenn gar niemand bey den Catten perlen trüge, würde kein weib darmit es der andern vorzuthun sich anmaszen Lohenstein
Armin. (1689) 2, 409
b; gleichwol meinten sie es alle mit der stimme den syrenen vorzuthuen Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 266; ein erdensohn, der sich auch aus dem koht empor geschwungen, tuht es gleich mit strengheit allen vor Grob
epigramme 172
lit. ver. 88)
etwas für einen andern tun: einem knechte, der krank ist, seine arbeit vorthun Kramer-Moerbeek (1768) 402
a;
nd.: ek mot ēr alle ārbeit fordaun, un sei fūlenzt Damköhler
Nordharzer wb. 213
a; und das sol ein ieklich dem nechsten vor tuon, des es nüt als wol enkan Tauler
pred. 177
Vetter; diesen menschen soll der liebe gott die arbeit vorthun, damit sie in bequemlichkeit die früchte genieszen können
briefw. zw. J. u. W. Grimm,
Dahlmann u. Gervinus 1, 200. 99) Stieler,
der vortuhn
schreibt, bildet dazu: vortuhung, die, anticipatio, praeventio, praestantia 2357.