vorrecht,
n. ,
vgl.fürrecht (
ohne beleg)
th. 4, 1, 1,
sp. 788; Lexer 3, 478; vorrecht,
avantaggio, prerogativa, privileggio Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 279
a; vorrecht,
praerogativa, protopraxia Steinbach 2, 289; Adelung; Campe;
schwacher plur.: schöne vorrechten Happel
akad. roman (1690) 842;
vgl. den ersten beleg unter 1. 11)
recht, das vor einem andern rechte oder einem anspruch geltend gemacht werden kann, z. b. der jagd in einem jagdbezirk, im kauf (vorkaufsrecht),
in älterer sprache besonders vom rechte der vorklage Haltaus 554; Fischer
schwäb. wb. 2, 1668 (16.
jh.);
mnld. vorerecht Verwijs-Verdam 9, 1059: (
dasz) dem kleger im vorrechten sein urtheil am ersten und dem beklagten auff sein klag im widerrechten als bald darnach geöffnet und ausgesprochen werden
gerichtsordnung (1534) 41
a; vorreht ist ein jurist. ausdruck und heiszt überall nichts anders als vorklage
briefw. zw. J. u. W. Grimm,
Dahlmann u. Gervinus 1, 4. — vorrechte des wechselrechtes Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 77; (
ich gestehe zu) das vorrecht vor andern buchhändlern bey gleichen bedingungen Göthe IV 25, 103
W.; machen ihre vorrechte (
auf eine diamantenmine) in Berlin und London geltend Hans Grimm
volk ohne raum (1928) 2, 215; und meines alten vorrechts (
zuerst abzustimmen) mich bedienend geb ich als primas ihm die erste stimme Schiller 15, 2, 449
G. in älterer sprache lohn, auf den man vor andern anspruch hat Lexer 3, 478 (15.
jh.): auch sonsten im taglohn und vorrecht
ordnunge, wie sich handtwercker und handtierer verhalten sollen (1579) b 1
a. 22)
dann rechtliche bevorzugung innerhalb der staatlichen ordnung und der gesellschaft, mit stand, amt und würde verbunden: es ist bei ihnen auch kein vor- noch obrigkeitsrecht, dadurch einer dem andren unterworffen wäre Krämer
leben und tapffere thaten (1681) 38; der gröszte feind des rechtes ist das vorrecht
M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 1, 41; den vorzug giebt natur, das vorrecht tyrannei Tiedge (1823) 4, 189. 33)
mit näherer bestimmung: die vorrechte des adels Adelung; durch was für list die potentaten den bürgern ... ihre freiheiten und alte vorrechte so subtil mindern, das sie es nicht mercken Butschky
Pathmos (1677) 491; des kaysers allerhöchste vorrechte Hahn
einleit. zu d. t. staats-, reichs- u. kayserhistorie (1721) 1,
vorr. 2; dasz so manche glieder der höheren stände ihre angebornen groszen vorrechte ... vernachlässigen Göthe 40, 271
W.; er führte alle vorrechte seines postens an Schiller 4, 172
G.; so oft ein fürst eine kirche für eine corporation erklärte mit eigenen vorrechten ... war das verderben dieser kirche unwiderruflich beschlossen Schleiermacher
reden über d. religion (1879) 203; geltendmachung ihrer vorrechte als lehnsfrau Holtei
erz. schr. (1861) 5, 77; die päbstlichen vorrechte aufrecht zu erhalten Ranke (1867) 2, 95; die vorrechte der obersten beschränkte er (
d. grosze kurfürst) v. Alten
hdb. f. heer u. flotte (1909) 4, 819;
asylrecht der kirche: so verhüte gott, dasz wir das theure vorrecht (
privilege) kränken sollten der heilgen zuflucht
Shakespeare Richard III. 3, 1. 44)
sippen- und erbrechtliche bevorzugung: fürsorg, in der ich sogar deinen bruder Tiberius, welchem das alter sonst das vorrecht zueignet, dir nachgesetzet Lohenstein
Armin. (1689) 1, 396
b; du bist leider der jüngste, und da muszt du uns (
brüdern) einige vorrechte lassen Tieck (1828) 5, 176; auf das vorrecht der älteren linie gestützt Ranke (1867) 1, 11. 55)
ebenso von städten, staaten und völkern: die Athenienser verloren sogar ihr kleines ... vorrecht, münzen ohne bildnisz des kaisers schlagen zu dürfen Winckelmann (1825) 6, 235; so gab es in Deutschland nur drey städte, die dieses vorrecht hatten
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 2, 302; die Ungarn unter Kossuth standen ... fest auf den staatlichen vorrechten der magyarischen nation Freytag (1886) 15, 174; der handel über land mit Polen und den nachbarländern war Preuszens vorrecht Treitschke
histor. u. polit. aufsätze (1886) 2, 42; die väter im Hussitenkrieg erstritten sich dieses schöne vorrecht übern pabst Schiller
Piccolomini 4, 5. 66)
aus besonderem anlasz verliehene vergünstigung vor andern: der seine kupfernen gefäsze und schalen so schön und kostbar arbeitete, dasz der kaiser ihm das vorrecht verlieh, sie zu vergolden, was sonst keiner durfte G. Keller (1889) 2, 180. 77)
überleitend zum freien gebrauch und über das eigentliche rechtliche gebiet hinaus führend von allem, was durch sitte und herkommen als bevorzugung bestimmt wird und auch unter umständen rechtliche geltung erlangen kann: zwar ist es das vorrecht des königlichen antlitzes, dasz es jeden schuldigen begnadigen musz, der es erblickt Lessing 10, 69
M.; (
fürst:) ich bin stolz auf das vorrecht, der erste freund eines jeden meiner unterthanen zu seyn Iffland
theatr. w. (1827) 10, 142; das ist des fürsten vorrecht, dasz er alles treu in seinem hause, wiederkehrend, finde Göthe
Faust 8556.
und so in mannigfaltiger anwendung in engerem und weiterem sinne: die akademische freiheit, welche man leider ... für das erste vorrecht eines studenten ausgiebt Nicolai
reise (1783) 1, 144; die frauen haben in jenem lande das auffallende vorrecht, beim anblick eines mannes, der ihnen gefällt, sich augenblicklich von ihrem mann loszusagen Gutzkow (1872) 6, 252; mit jener kindlichen unschuld, die von jeher das vorrecht unserer kleinstaatlichen diplomaten war Treitschke
dt. gesch. (1879) 1, 695. —
mit bitterer ironie: schlechter gieng von seinem vater kein matrosenknabe. das ist das vorrecht eines königssohnes Schiller
dom Karlos 2, 3. 88)
auszerordentlich oft in freiester anwendung von eigenschaften, fähigkeiten, freiheiten, die einen vorzug begründen, und leicht in den sinn von vorzug
oder vortheil
übergehend, dagegen wieder der eigentlichen bedeutung sich nähernd, wenn das vorrecht
als zugestanden, eingeräumt erscheint: schulden sind ein vorrecht der groszen
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 4, 866; das vorrecht des Ulysses in der riesenhöhle ..., zuletzt verschlungen zu werden Becker
d. weltgesch. (1801) 9, 622; ihr mann hat nur das vorrecht, ihr den shawl über die schultern zu legen Castelli (1844) 10, 329; wir hatten eine ältliche magd, die ... eine art vorrecht genosz, bei familienangelegenheiten ... mitzureden Stifter (1904) 5, 1, 181; Malte hatte nun mal das vorrecht grob zu sein W. v. Polenz
Grabenhäger (1897) 2, 199; auch unter der erde beehrte sie (
Kastor und Polydeikes) Zeus mit dem vorrecht (
τι μὴν πρὸς Ζηνὸς ἔχοντες), dasz sie beid abwechselnd den einen tag um den andern leben und wieder sterben Voss
Od. 11, 302
Bernays; mich nie zu sehn, diesz vorrecht schenk ich dir
Shakespeare sommernachtstraum 3, 2; in dir und mir hat mann und weib für alle ewigkeit den letzten kampf ums vorrecht ausgekämpft Hebbel 4, 99
W. 99)
in diesem sinne erscheint vorrecht
besonders oft in allgemeinen, sentenziösen sätzen: (
des menschen) so hoch gespanntes vorrecht, die vernunft Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 205; aus der freiheit, dem gröszten vorrecht der menschheit Sturz (1779) 1, 42; die wohlthätigkeit ist eine edle tugend, aber sie ist nur das vorrecht starcker seelen Göthe 39, 18
W.; betrachtungen und nachdenken sind mehr ein vorrecht als eine verpflichtung des menschen W. v. Humboldt (1903) 2, 8; die allgenügsamkeit ..., das vorrecht reiner geister Hölderlin 2, 13
Litzmann; die stimme ist ein hohes vorrecht des thiers Hegel (1832) 7, 1, 554; nur wir männer können sonst esel sein, dies ist unser vorrecht G. Keller (1889) 4, 60; der lust verwechselung gibt uns ja wol mit recht ein vorrecht über sie (
die thiere) Brockes
ird. vergnügen (1721) 2, 447; geflickten und gestickten kitteln ist sorg als vorrecht zugethan Voss
ged. (1802) 5, 197; (
stärke des geistes,) die sonst nur das vorrecht des alters zu seyn pflegt Lessing 3, 349
M.; es ist das alte vorrecht der jugend, das leben ... freudiger in die schanzen zu schlagen Mommsen
reden u. aufsätze (1905) 27. 1010)
auf unpersönliches bezogen: Saffo, welche der rose eben dasselbe vorrecht zueignet Zesen
Helikon. rosentahl (1669) 22; wer hat dem tripel das vorrecht gegeben, dasz er allein lustige ... dinge leiden solle? Heinichen
generalbasz (1728) 292; dergleichen zufälle hervorzubringen und zu erzeugen ist ein vorrecht des ungefährs Bode
Montaigne (1791) 6, 135; (
das) giebt ihm (
dem basalt) aber kein ausschlieszliches vorrecht Göthe II 9, 186
W.; das grosze vorrecht der dramatischen manier, die seele gleichsam bey ihren verstohlensten operationen zu ertappen Schiller 2, 4
G.; Göz ... steht im vorrecht unserer liebe Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 1, 316; das wort 'constitutionell' ist eines der stichwörter, die in neuester zeit das vorrecht haben, an stelle jeden grundes sich einzustellen Bismarck
polit. reden 1, 121
Kohl; der schotter begann sein vorrecht in der hochzone geltend zu machen H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 237; nachdem er von ihm lange das versprechen schon gehabt, des ringes vorrecht einmal zu genieszen Lessing
Nathan 3, 7; die liebe wirft des freyen gefühls göttliches vorrecht hinweg Schiller 11, 81
G. 1111)
als erstes glied in zusammensetzungen: